Dissidenten und Bürgerrechtler

Spätestens seit dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 gab es in der DDR politische Widerstandshandlungen, die vor allem von kritischen marxistischen Intellektuellen, einzelnen Künstlern und nicht angepassten Christen ausgingen und die alle auf eine Schwächung und Beseitigung des Machtmonopols der SED abzielten.

Bestimmend unter den marxistischen Neuentwürfen der Gesellschaft waren die Anschauungen von Robert Havemann, Rudolf Bahro und Wolf Biermann. Die einflussreichste Symbolfigur war der Chemiker Havemann, zu Beginn der 50er Jahre Prorektor für Studienangelegenheiten an der Berliner Humboldt-Universität, der schon 1956 für Reformen eintrat. Sein Versuch, den administrativen Einfluss der Partei auf die Bereiche von Wirtschaft und Wissenschaft zurückzudrängen und die Entstalinisierung voranzutreiben, führte nicht zum Erfolg. Vielmehr wurde er auf der 3. Hochschulkonferenz im Februar 1958 zu zermürbender Selbstkritik gezwungen. Trotzdem behielt er seine umfangreichen Funktionen und wurde 1959 sogar noch mit dem DDR-Nationalpreis ausgezeichnet. Nachdem er von Oktober 1963 bis Januar 1964 an der Humboldt-Universität eine systemkritische Vorlesungsreihe zum Thema „Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme“ gehalten hatte, zu der über 1.000 Zuhörer aus der ganzen DDR erschienen, wurde er am 12. März 1964 aus der SED ausgeschlossen und verlor im gleichen Jahr seine Professur, sein Volkskammermandat und seine anderen Funktionen. Im Dezember 1965 traf ihn auf dem 11. Plenum des ZK der SED das Verdammungsurteil Erich Honeckers. Das hatte seine zunehmende Isolation zur Folge: zunächst im März 1966 den Ausschluss aus der Akademie der Wissenschaften und dann zwischen 1976 und 1979 einen Hausarrest in Grünheide bei Berlin.

Ausgehend von den Ereignissen des Prager Frühlings entwickelte er seine theoretischen Überlegungen und hielt dabei an der Auffassung von der prinzipiellen Überlegenheit eines „demokratischen Sozialismus“ fest sowie an der Annahme, dass der Kapitalismus sich in seiner „Endphase“ befinde. Dieser Grundauffassung blieb er bis zu seinem Tode 1982 verpflichtet, wenngleich die Utopie des Sozialismus in seinen letzten Lebensjahren hinter das Ziel einer gesamtdeutschen Friedensordnung zurücktrat.

Der neben Havemann heute wohl bekannteste Dissident war der Liedermacher Wolf Biermann, der 1953 aus Hamburg in die DDR gekommen war und in Berlin Philosophie studiert hatte. Schon nach seinen Auftritten Ende der 50er Jahre war er ins Visier der Kritik geraten, weil er auf der Suche nach einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz die alltägliche Realität mit den kommunistischen Utopien verglich. 1963 wurde er deshalb aus der SED ausgeschlossen, und auf dem berüchtigten „Kahlschlagplenum“ 1965 traf ihn ein totales Auftritts- und Publikationsverbot. Trotz der Isolation blieben seine Ideen unter den marxistischen Entwürfen oppositioneller Politik dominierend. Sie forderten fortan vor allem die „Vollendung der sozialistischen Demokratie“ und die Gewährung „politischer Menschenrechte“. Seine DDR-weite Bekanntheit und politische Bedeutung nahm mit seiner Ausbürgerung im November 1976 noch zu, und durch den unerwarteten Protest von Künstlern, Kulturschaffenden und Studenten kam es zu einer ernsthaften kulturpolitischen Krise. Als er den mit ihm befreundeten und bereits todkranken Havemann im Jahre 1982 in seinem Haus in Grünheide unter strikten Auflagen noch einmal besuchen durfte, entstand eine letzte Videobotschaft, die, von den Westmedien ausgestrahlt, ein Hoffnungsschimmer für alle Oppositionellen wurde.

Aus marxistischer Tradition stammte auch Rudolf Bahro, für den die Ereignisse des Jahres 1968 in Prag ebenfalls zum Schlüsselerlebnis seiner geistigen Emanzipation wurden. In dem 1977 im Westen erschienenen Buch „Die Alternative: Zur Kritik des real existierenden Sozialismus“ gab er seine Antwort auf den Einmarsch sowjetischer Truppen in die ČSSR. Mittels einer Analyse des politbürokratischen DDR-Sozialismus entwickelte er seine Theorie eines zivilisationskritischen Kommunismus. Die Hoffnung, dadurch den vermuteten kritischen Potenzialen in der DDR die für eine Überwindung des Systems notwendige politische Theorie zu liefern, zerschlug sich jedoch schon bald. Im August 1977 wurde er verhaftet und zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, aber bereits im Oktober 1979 in den Westen ausgewiesen. Von dort aus konnte er kaum noch direkt auf die Entwicklung in der DDR und auf die sich dort formierenden Oppositionsgruppen Einfluss nehmen. Seine Ideen wurden im Wesentlichen von kritischen Studenten rezipiert.

Havemann und Biermann dpa
Jutta Fleck Schorpp