Familie, Freundeskreise und Nachbarschaftshilfe

Die traditionelle Familie stellte die einzige staatlich legitimierte Form des Zusammenlebens dar. Sie war „unmoderner“ als die flexibleren Partnerschaften in westlichen Industriestaaten und zugleich „moderner“ durch stärkere Familienförderung und ein bequemes Scheidungsrecht. Doch Familie, Freundeskreise und Nachbarschaftshilfe erfüllten zugleich eine Nischenfunktion.

Ehepaare mit Kindern erhielten seit den 1970er Jahren eine besondere staatliche Förderung. Hauptanreize, sich für Kinder zu entscheiden, waren die bevorzugte Zuteilung einer Wohnung und ein zinsloser „Ehekredit“ in Höhe von 5.000 Mark. Nach der Geburt des ersten und zweiten Kindes wurde die Rückzahlung den Eheleuten anteilig und mit dem dritten Kind vollständig erlassen.

Im Jahr 1988 standen für 79,9 Prozent der Kleinstkinder der Altersgruppe von drei Monaten bis drei Jahren Krippenplätze zur Verfügung (1950: 9,1 Prozent). In der Altersgruppe von drei bis sechs Jahren kam mit 94 Prozent fast jedes Kind in einen Kindergarten (1950: 20,5 Prozent). Die Geburtenrate lag zwar höher als in der Bundesrepublik, doch eine Geburtenrate, die die Sterberate mindestens ausglich, wurde in der DDR letztmalig 1971 erreicht (2,1 Kinder je Frau). Trotz „sozialpolitischer Maßnahmen“ stagnierte die Geburtenzahl 1988 bei 1,7 Kindern je Frau (bundesdeutscher Durchschnitt 2007: 1,3).

Die in der Verfassung der DDR (Art. 7) bereits 1949 verankerte Gleichberechtigung der Frau – einschließlich beruflicher Grundqualifikation und Erwerbsarbeit – führte zusammen mit einem überaus liberalen Scheidungsrecht zu materieller Unabhängigkeit, aber auch zu einer außerordentlich hohen Scheidungsrate. Sie lag 1989 bei 50.000 gegenüber 137.000 Eheschließungen.

Als sozialistisches Frauenideal wurde die junge, werktätige Mutter propagiert.

In der DDR war es üblich, jung zu heiraten, meist vor dem 22. Lebensjahr, und bald sein erstes Kind zu bekommen. Nur so hatte man Anspruch auf eine eigene Wohnung.

Die allgemeine Mangelsituation verstärkte freundschaftliche Beziehungen und nachbarschaftliche Unterstützung. Es war der Mangel, der „gelernte DDRler“ zu einem Volk von Tüftlern und Bastlern werden ließ und der sie in einer Art Solidargemeinschaft verband. Egoismus und Neid waren weit weniger ausgeprägt als in wohlhabenderen Gesellschaften.

Man war nicht nur stolz auf seinen kleinen, mühsam erworbenen Luxus wie den ersten Fernseher und später den ersten Farbfernseher (Haushalte mit Farbfernsehgeräten 1970: 0,2 Prozent, 1989: 57,2 Prozent), man teilte seine Freude ebenso wie die Probleme mit Nachbarn und Freunden.

Weil es ausgesprochen Glückssache war, ob man einen Möbelwagen und professionelle Möbelpacker bekam, halfen Nachbarn und Kollegen sich selbstverständlich bei anstehenden Umzügen. Ebenso half man sich beim Renovieren, nicht selten mit feucht-fröhlichem Ausgang. Irgendwie hatte der Wohnungsinhaber fast immer auch ein paar Flaschen Pilsner Urquell oder Rosenthaler Kadarka organisiert. Und irgendwer hatte immer Tapetenkleister oder Raufasertapete vorrätig, wenn es in den Fachgeschäften mal wieder hieß: „Ham wa nich. Krieg´n wa auch nich gleich wieder rein.“

Man half sich mit Zement und Brettern, mit Werkzeugen oder handwerklichen Fertigkeiten beim Datschenbau. Ein rarer Trabantauspuff, Tomatenketchup oder Kabarettkarten wurden in der privaten Tauschwirtschaft im Kurs nur noch von der kostbaren D-Mark übertroffen. Westgeld, geräucherter Aal oder ungarische Salami wurden zu Schlüsseln für verschiedenste Handwerkerleistungen. Wer ohne „Vitamin B“ (Beziehungen) auskommen musste, dem blieb freilich das Nachsehen.

Quellennachweis:

  • Dorothea Höck / Jürgen Reifarth, Die DDR – Geschichte, Politik, Kultur, Alltag. Ein Projektbuch, Mülheim an der Ruhr 2004, S. 78;
  • Klaus Schroeder, Der SED-Staat, München 1998, S. 510, S. 517;
  • Werner Weidenfeld / Karl-Rudolf Korte (Hrsg.), Handbuch zur deutschen Einheit 1949–1989, Bonn 1999, S. 528.
DDR-Wohnzimmer 1985 dpa