Juden in der DDR 1949–1990

Die „Staatsbürger jüdischen Glaubens“ waren in der DDR eine Minderheit von hoher politischer Bedeutung – dazu eine unbequeme. Sie waren in ein Netz von politischen Erwartungen und Verbindlichkeiten eingebunden, das wenig Spielraum beließ, aber auch ihren Fortbestand sicherstellte. Der größte Freiraum bestand da, wo ihn die isolierte Minderheit am wenigsten ausfüllen konnte: im Religiösen. Alle anderen Ambitionen wurden beargwöhnt oder unterbunden. Vierzig Jahre jüdischer Geschichte in der DDR lassen auf bedrückende und eindrückliche Weise zugleich zentrale Momente der DDR-Geschichte und einige ihrer inneren Widersprüche erkennbar werden.

Vom Neuanfang 1945 bis zur Gründung der DDR

In Berlin lebte die Mehrheit der Juden anfangs im sowjetischen Sektor. Das alte Zentrum mit der teilzerstörten Synagoge Oranienburger Straße, dem Friedhof Weißensee und anderen Einrichtungen war der natürliche Anlaufplatz für Überlebende und Rückkehrer, die sich um den überlebenden Rabbiner Martin Riesenburger sammelten. Hinzu kamen Prominente wie Anna Seghers, aber auch weniger bekannte Rückkehrer, die sich in der Hoffnung auf eine reformierte Gesellschaftsordnung im Osten niederließen. Die Zahl der Juden im Gebiet der SBZ einschließlich Ost-Berlin sank aber von 1946 2.400 Juden auf nur noch 1.150 bei Gründung der DDR 1949; 1952 fiel sie auf unter 1.000. Größere Gemeinden mit zwei- bis dreihundert Mitgliedern gab es außerdem in Leipzig, Dresden und Magdeburg; die jüdischen Gemeinden in Halle, Erfurt oder Chemnitz hatten kaum 100 Mitglieder, noch kleinere wie in Zittau, Zwickau und Plauen lösten sich bald auf. In den Gemeinden der Westzonen war die Lage zwar kurz nach 1945 eigentlich kaum anders. Die restriktive Politik gegenüber „displaced persons“ in der SBZ und politische Pressionen der Jahre seit 1948 unterbanden aber jeden weiteren Zuzug. 1948 gelang in Berlin die Einigung zu einer die gesamte Stadt umfassenden Gemeinde, die Situation blieb aber prekär. Die Juden standen mitten in der Konfliktlinie des Kalten Krieges; daher wurde Hilfe aus dem Westen mit Argwohn betrachtet. Weithin galten die Juden als „bourgeoise Elemente“ mit zweifelhafter politischer Einstellung. Im Januar 1948, noch vor Gründung der DDR, beschloss das ZK der SED immerhin, dass als Verfolgter gelte, wer aus „demokratischen Gründen“ oder „wegen … religiöse[r] Einstellung oder aufgrund der nazistischen Rassengesetze“ verfolgt worden sei. Das schloss NS-Opfer nichtdeutscher Herkunft ein, aber alle im Ausland Lebenden aus.

1952/53: Krise und gelenkte Konsolidierung

Die Bedingungen waren für die Gemeinden von Anfang an schwierig, und für ihre Vorstände wurden sie sogar bald gefährlich. Der Auschwitz-Überlebende und Berliner Vorsitzende Erich Nehlhans wurde 1948 wegen angeblicher Spionage verurteilt; er starb 1950 in sowjetischer Lagerhaft. 1950/52, im Umfeld der antisemitisch konnotierten Schauprozesse in Ungarn, Bulgarien und der ČSSR, spitzte sich die Situation zu. In der Folge wurden Juden, auch wenn sie nicht Gemeindemitglied waren, aus Positionen in Partei (Alexander Abusch), Staat (Leo Zuckermann) und Medien (Adolf „Lex“ Ende, Leo Bauer, Bruno Goldhammer) entfernt. Paul Merker, der im ZK der SED als Sachwalter von Juden und anderen Überlebenden gewirkt hatte, wurde 1950 gestürzt. Im Winter 1952/53 erreichten die sog. Säuberungen auch die Gemeinden. Vorsteher wie Julius Meyer (Berlin), Salo Looser (Erfurt), Leo Löwenkopf (Leipzig) und Günter Singer (Dresden) flüchteten in den Westen, und mit ihnen etwa 500 weitere Mitglieder ihrer Gemeinden. Damit hätte die Geschichte der Juden in der DDR zu Ende sein können. In dieser Situation ist es die staatliche Seite gewesen, die teilweise dadurch, dass sie jüdische Parteimitglieder wie Heinz Schenk (Berlin) als Gemeindevorstände einsetzte, die orthodox ausgerichteten Gemeinden innerhalb des sozialistischen Staates hielt. Sie sollten, staatlich alimentiert und gegängelt, dem Anspruch der DDR dienen, das bessere Deutschland zu sein, und die seit 1967 immer markantere antizionistische Ausrichtung der Politik der Staatsführung legitimieren.

Loyalitäten und Eigenwilligkeiten

Bei allen Zugeständnissen, erzwungenen wie freiwilligen, haben viele Juden in der DDR sich zwischen den divergierenden Interessen von Partei, Staatssekretariat für Kirchenfragen und Staatssicherheit Freiräume verschafft und einige, wie der Historiker Helmut Eschwege, auch subtil-offene Opposition geleistet. Nur selten waren die Staatsorgane zufrieden mit den Juden, meist war das Gegenteil der Fall, zumal wenn es darauf ankam. So versagten selbst „verlässliche“ Parteimitglieder wiederholt staatlichen Kampagnen ihre Unterstützung, etwa indem sie die Unterschrift unter eine vorab schon im „Neuen Deutschland“ publizierte „Erklärung jüdischer Bürger“ zum Sechstagekrieg 1967 verweigerten. Dissens bestand ferner in der Entschädigungsfrage. Wohl haben führende Gemeindevertreter die offizielle Formel von der natürlichen Aufhebung aller Ansprüche in der DDR als der kollektiven Überwindung des Faschismus öffentlich rezitiert. 1973 verweigerten sich die Gemeinden aber einer Erklärung, die derartige Ansprüche als rechtlich unbegründet verurteilen sollte. Als die Gemeinden mit zunehmender Überalterung und Mitgliederschwund zu kämpfen hatten, wollte die Staatsführung sich des jüdisches Erbes vollends bemächtigen und hoffte, mit dem Wiederaufbau von Teilen der Synagoge in der Oranienburger Straße, aber auch der Bestallung eines amerikanischen Rabbiners und der Förderung der orthodoxen Separatgemeinde Adass Jisroel neue Sympathien und Ressourcen für das marode System zu erschließen. Rabbiner Neumann kehrte jedoch bald in die USA zurück, und das „Centrum Judaicum“ wurde erst nach der Wiedervereinigung fertiggestellt.

Online-Literaturempfehlung

Neue Synagoge in der Oranienburger Straße im Zentrum Ost-Berlins dpa