Mythos: „Die Kirchen waren in das System der SED-Diktatur integriert“

Die Kirchen waren die einzigen nicht gleichgeschalteten Institutionen in der DDR. Schon allein durch ihre Existenz untergruben sie das ideologische Wahrheitsmonopol der SED und des Staates, forderten die Staatsmacht heraus und wurden damit zur offenen Tür in einer geschlossenen Gesellschaft, hinter der die Macht der SED nur sehr eingeschränkt galt. Für die Entwicklung der Opposition in der DDR spielte die evangelische Kirche eine entscheidende Rolle. Nur innerhalb der Kirchen war es möglich, eine Vernetzung der Unzufriedenen, sozial Benachteiligten und Oppositionellen herzustellen. Hier hat vor allem die evangelische Kirche in den 1980er Jahren oppositionellen Gruppen, die sich mit den Problemen Frieden, Umwelt, Dritte Welt beschäftigten, ihr Dach angeboten, auch Nichtchristen. Dabei war sie stets mehr als nur ein Hort für Dissidenten. Die evangelische Kirche gab dem Widerstand vielmehr auch die geistige Grundlage. Die Verfassungen der DDR von 1949 und 1968 garantierten das Recht auf Glaubens- und Gewissensfreiheit. Gleichwohl versuchte das SED-Regime die Kirchen stark an den Rand zu drängen. Sie sollten ihren Einfluss allein auf den karitativen Bereich begrenzen. Schließlich entlasteten kirchliche Krankenhäuser und Altenpflegeheime nicht unerheblich die Staatskassen.

Ansonsten wurden die Kirchen von der SED in ein Minderheitendasein gedrängt und „geheimdienstlich“ bearbeitet. So ist die Entchristlichung Ostdeutschlands die wohl nachhaltigste Hinterlassenschaft der DDR. Seit Gründung der DDR ging die Zahl der Kirchenmitglieder stark zurück. 1989 waren noch 25 Prozent der DDR-Bürger christlich gebunden. Im Westen dagegen gehören immer noch 70 Prozent der Menschen einer christlichen Kirche an. Viele christliche Gemeinden wurden zu Keimzellen der friedlichen Revolution; im Herbst 1989 wuchs ihnen vorübergehend erhebliche politische Bedeutung zu. So gingen entscheidende Anstöße zum sich anbahnenden Umsturz von den Leipziger „Montagsdemonstrationen“ aus, die seit September 1989 wöchentlich immer im Anschluss an Andachten in der Nicolai-Kirche stattfanden und dort ihren Ausgangspunkt hatten.