Planmäßige Bedarfsdeckung und Lebensstandard

Zu den dauerhaften Alltagsproblemen gehörte das Beschaffen von Waren des täglichen Gebrauchs und von Konsumgütern. Nur die Versorgung mit relativ billigen Grundnahrungsmitteln war seit Mitte der 60erJahre ausreichend gesichert.

Knapp waren besonders langlebige Konsumgüter, deren Verteilung teilweise streng geregelt war. Für die Beschaffung eines Autos mussten lange Wartezeiten in Kauf genommen werden. 1989 wurden Trabis ausgeliefert, deren Bestellung vierzehn Jahre vorher angemeldet worden war. Waren für den täglichen Gebrauch konnten plötzlich für längere Zeit aus den Geschäften verschwinden. Regelmäßige Engpässe in der Warenzuteilung traten im Sommer bei Getränken, im Winter bei Heizungsmaterial, an der Ostsee bei Badebekleidung oder auf dem Land bei Gartengeräten auf. Dazu gehörte auch Toilettenpapier, dessen Fehlen Gegenstand unendlicher Geschichten war. Daneben gab es einen Überfluss an Ladenhütern, wie unverkäufliche Kleidungsstücke schlechtester Qualität oder billige „Plaste“-Artikel im „Sozialistischen Einheits-Design – SED“. Lichtblicke im Beschaffungsalltag waren Sonderzuteilungen vor Feiertagen. Südfrüchte gab es vor dem 1. Mai und zu Weihnachten. Manchmal konnten Exportüberschüsse oder Importwaren guter Qualität ergattert werden. Der ständige Mangel führte zu einer latenten Unzufriedenheit, die oft auch offen geäußert wurde. Häufig kam es zu Protesten und spontanen Unmutsäußerungen in Geschäften. Ärger erregte ständig die Bevorteilung von Berlin in der Warenzuteilung. Die Schlangen oder auch „sozialistischen Wartegemeinschaften“ vor den Läden, die nie verschwanden, mussten in besonders knappen Zeiten von Volkspolizisten überwacht werden.

Die „gelernten“ DDR-Bürger entwickelten Beschaffungstechniken, um außerhalb und neben dem Zuteilungssystem ihre Bedürfnisse befriedigen zu können. Knappe Waren wurden über Beziehungen „organisiert“, getauscht oder durch Aufpreise „schwarz“ erworben. Um „Bückwaren“ zu bekommen, die Verkäuferinnen unter dem Ladentisch für Freunde und Bekannte bereithielten, genügten manchmal schon gute Nachbarschaft und kleine Gegenleistungen.

Daneben galt es, im offiziellen Bevorteilungs- und Privilegiensystem einen guten Platz zu besetzen. Diese Zuteilungen waren hierarchisch geordnet und von der Stellung im politischen System abhängig. Gestaffelte Sonderversorgungen gab es entsprechend den Rängen der Funktionäre oder als zusätzliche Prämien und Geldleistungen bei Auszeichnungen und Orden. Außer Geldleistungen waren Funktionären Sonderzuteilungen von knappen Waren, darunter vor allem Bananen, zugänglich, und die höher bewerteten Kadernomenklatur hatten eigene Läden. Weitgehend verdrängt wurde von Teilen der Bevölkerung die Existenz der breiten sozialen Randgruppen, die diese Beschaffungstechniken nicht entwickeln konnten. In den Städten gab es seit Mitte der 70er Jahre das Phänomen der Altersarmut und Verwahrlosung, Rentner, die mit den Mindestrenten auskommen mussten, und von immer mehr sozial Schwachen, die als „Asoziale“ auch noch kriminalisiert werden konnten. Quer zu den Zuteilungs- und Beschaffungssystemen lag der Vorteil derer, die über „Westgeld“ verfügten oder aus der Bundesrepublik von Freunden und Verwandten beschenkt wurden. Auf Grund des chronischen Devisenmangels richtete die DDR die Intershops u.ä. Einrichtungen ein und nahm es hin, dass die DM zur „zweiten ersten Währung“ wurde.

Lebensstandard

Die politischen Verantwortungsträger der DDR wussten um die zentrale Bedeutung des privaten Verbrauchs für ihre Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Schließlich zeugte sein täglich erlebtes Niveau von der erreichten wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit im realen Sozialismus.

In der Wirtschaftspolitik der SED-Führung der 50er und 60er Jahre hatten zunächst verschiedene Industrialisierungsaufgaben absoluten Vorrang, insbesondere jene, die darauf abzielten, sich von der historisch gewachsenen innerdeutschen Arbeitsteilung freizumachen und eine enge wirtschaftliche Verflechtung mit der sowjetischen Volkswirtschaft einzugehen. Dazu war der Auf- bzw. Ausbau einer eigenen Grundstoffindustrie und Energiewirtschaft sowie die Erweiterung der Produktion von Investitionsgütern (einschließlich Landmaschinen-, Fahrzeug- und Schiffbau) notwendig. Dieses Vorhaben ging zwangsläufig zu Lasten der Konsumgüterindustrie und des privaten Verbrauchs und war mit Sicherheit eine Ursache für die Fluchtbewegung aus der DDR bis zum Mauerbau.

Anfang der 70er Jahre hielt die SED-Führung die Zeit für gekommen, den Konsumwünschen der Bevölkerung größere Aufmerksamkeit zu schenken. Ein besseres Konsumgüterangebot, qualitativ stärker differenziert und in ausreichender Menge, sollte bereitgestellt werden. Dazu flossen erhebliche investive Mittel des Staates – zum Teil aus Westkrediten gespeist – in die Konsumgüterindustrie (zwischen 800 Mio. Mark 1972 bis 8 Mrd. Mark 1975), um deren technische und kapazitive Maschinenausstattung zu verbessern. Andererseits wurden Beschlüsse gefasst und teilweise auch durchgesetzt, um die Einkommen vor allem der Rentner und Bezieher unterer und mittlerer Löhne und Gehälter zu erhöhen.

Doch diese Politik der Hauptaufgabe, die der VIII. SED-Parteitag 1971 einleitete, stieß schon wenige Jahre später an die Grenzen der Leistungskraft des Wirtschaftssystems. So kam es, auch wegen der weltweit auftretenden Wirtschaftsprobleme in der zweiten Hälfte der 70er Jahre (Energiekrise, Erdölpreise, verschärfter Wettbewerb), zu Abstrichen bei der inländischen Verwendung des Sozialprodukts, insbesondere beim privaten Konsum. Diese Tendenz hielt bis zum Zusammenbruch der DDR an. Insofern widerspiegelt die Geschichte des privaten Verbrauchs auch den totalitären gesellschaftspolitischen Anspruch der SED-Führung. Sie entschied, wie sich das Angebot für die Bevölkerung in den Geschäften darbot und beschnitt damit die Entscheidungsfreiheit der Konsumenten ein zweites Mal, nachdem sie über die Einführung der Binnenwährung die kaufkräftige Nachfrage ohnehin schon auf den Inlandsmarkt begrenzt hatte.

Das mangelhafte, durch das staatliche Monopol definierte Angebot an Gütern und Leistungen für den privaten Verbrauch fand seine Entsprechung im erreichten Konsumtionsstandard, wie ein Blick auf den Verbrauch an Nahrungsmitteln verdeutlicht. Auf dem Lebensmittelmarkt in der DDR überwog einheimische Ware. Das bewirkte Monotonie und überholte Ernährungsgewohnheiten. Während beispielsweise die Bevölkerung in Westdeutschland schon seit langer Zeit jährlich mehr Frischobst als Kartoffeln zu sich nahm (60 bis 80 kg), verzehrten die DDR-Deutschen im Jahre 1989 rund 150 kg Kartoffeln, aber nur knapp 32 kg Frischobst, weniger als im Jahre 1970 (34,4 kg). Schon diese wenigen Beispiele offenbaren die empfindlichen Lücken im Lebensmittelangebot nach Umfang, Struktur, Vielfalt und Qualität. Die Menschen in der DDR aßen zu viel, zu süß, zu fett und (oder) zu salzig. Zu 46 Prozent deckten Fette, überwiegend tierische, den täglichen Energiebedarf. Es hätten aber nur 30 Prozent sein sollen. Besonders vernachlässigt wurden dabei die Ernährungswünsche der Diabetiker.

Über die Ausstattung der DDR-Haushalte mit technischen Konsumgütern gibt es nur wenige authentische Informationen, die etwas aussagen zur Sozialstruktur der Verbraucher bzw. zum technischen Standard der genutzten Gebrauchsgegenstände.

Für viele Erzeugnisse, die sich in entwickelten westlichen Industrieländern zu jener Zeit schon im Gebrauch privater Haushalte befanden, wie moderne Küchenherde mit Keramikfeld, Videokameras, Videorecorder, PCs, Telespiele oder CD-Player, um nur noch einige zu erwähnen, gab es keine Angaben, weil man sie im DDR-Einzelhandel gar nicht käuflich erwerben konnte. Auf der anderen Seite waren jene Konsumgüter, die zum Verkauf standen und in die privaten Haushalte Einzug hielten, westlichen Qualitätsmaßstäben weit unterlegen.

Die Sozialstruktur der mit einem PKW ausgestatteten Haushalte (rund 54 Prozent) ergab 1989 folgendes Bild: Knapp drei Prozent von ihnen fuhr einen Zweitwagen. Haushalte von Mitgliedern der LPG besaßen zu 73 Prozent ein Privatfahrzeug, Rentnerhaushalte ohne zusätzliches Arbeitseinkommen dagegen nur zu 13 Prozent. Innerhalb der durchschnittlich ausgestatteten Arbeiter- und Angestelltenhaushalte waren jene knapp 42 Prozent aller Haushalte schlechter mit PKW versorgt, deren Haushaltsnettoeinkommen maximal 1.800 Mark betrug und damit um 150 Mark oder mehr unter dem Einkommensdurchschnitt der Arbeitnehmerhaushalte lag.

Online-Leseempfehlung

Schlange stehen