Protestantisch und mündig in der DDR

Auf dem Gebiet der DDR lagen die mitteldeutschen Stammlande des Protestantismus. Und die Kirchen sollten auch der einzige öffentliche Freiraum bleiben, der dem weltanschaulichen Totalitätsanspruch der SED widersprach.

Trotz ihrer Marginalisierung durch den Staat bildeten die Christen die größte Gruppe unter den Andersdenkenden. So differenziert ihre politischen Einstellungen auch sein mochten, ihre angeblich unwissenschaftliche Weltanschauung machte sie unweigerlich zu unzuverlässigen Staatsbürgern zweiter Klasse. Die meisten Karrieren liefen über die Staatspartei. Wer eintreten wollte, musste in der Regel seinen notariellen Kirchenaustritt vorweisen. Bewusstes Christsein war also oft mit Bekenntnis und Verzicht verbunden. Hatte Christlichkeit früher noch zur bürgerlichen Konvention gehört, konnte sie jetzt existenziell einschneidende Konsequenzen haben. Denn blieb das Bekenntnis zur Weltanschauung der Arbeiterklasse aus – z. B. durch Nichtteilnahme am Ritual der Jugendweihe, dem agitatorischen Gegenstück zur Konfirmation bzw. Firmung – schränkte das die Entwicklungschancen innerhalb der Gesellschaft erheblich ein.

Lenin hatte Atheismus mit Klassenkampf identifiziert. Das lieferte nicht nur eine unanfechtbare Grundlage für die Propaganda, sondern rechtfertigte zugleich das Bildungsmonopol der Partei und damit das Monopol ihrer Weltanschauung im Erziehungswesen. Deshalb wurden ein christlich motivierter Bildungsanspruch oder gar die Behauptung einer Werte bildenden zivilisatorischen Rolle von Religion und Kirche unerbittlich bekämpft. Rechtlich gesichert war nur religiöse Betätigung im engen Sinne, und auch das nicht ohne administrative Kontrolle. Feindbildprojektionen machten die Kirche zum inneren Gegner und vermischten ideologische Sabotagevorwürfe mit Phrasen des Kalten Krieges. So waren die Kirchen für den ungebildeten Staats- und Parteichef Walter Ulbricht „kapitalistische Verdummungsanstalten”, wie er in der ersten kirchenfreien sozialistischen Neubaustadt Stalinstadt (später: Eisenhüttenstadt) verkündete. Solche Phasen starker Polemik und Unterdrückung wechselten dabei mit ruhigeren Zeiten.

Die biblische Neuorientierung nach der Gleichschaltung der NS-Zeit hatte in den acht evangelische Landeskirchen für unabhängige Fundamente gesorgt. Zur Gemeindearbeit gehörte auch die eigenständige Unterweisung der Kinder. Es gab eine eigene Aus- und Fortbildung kirchlicher Mitarbeiter und viele diakonische Einrichtungen, es gab die Bildungsarbeit mit der Studentenschaft, Einrichtungen der Erwachsenenbildung, eine breite musisch-kulturelle Arbeit in Kirchenmusik und Kunstdiensten und nicht zuletzt eine vielfältige Jugend-, Frauen- und Männerarbeit. Auch attraktive Großveranstaltungen wie Kirchen- und Jugendtage gehörten dazu.

1968 wurden die Rechte der Kirchen durch die neue DDR-Verfassung (.pdf)eingeschränkt. Danach gründete sich der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR. Diese äußerliche Trennung von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ging auf einen „Akt der Nötigung“ (Bischof Werner Krusche) vonseiten des Staates zurück. Die neue Zeugnis- und Dienstgemeinschaft versuchte, die DDR trotz ideologischer Unterdrückung als Bewährungsraum, Auftragsfeld und Dienstchance anzunehmen. Das Leitbild Kirche als Lerngemeinschaft machte aus der Minorisierung eine fromme Tugend. Doch der Rippichaer Dorfpfarrer Oskar Brüsewitz setzte 1976 mit seiner Selbstverbrennung ein aufrüttelndes Zeichen gegen die Gefahr der Anpassung. Zunehmend stellte sich mündiges Christsein (Dietrich Bonhoeffer) der Bevormundung und Entmündigung entgegen. Modernisierungsprozesse und sozialethische Politisierung griffen ineinander; neben Gesprächskreisen und Gemeindeseminaren bildeten sich aktive Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen. Das Ministerium für Staatssicherheit konstatierte: „Forderungen des Staates, den politischen Missbrauch der Kirchen durch feindliche oppositionelle Kräfte zu unterbinden, wurden durch kirchliche Amtsträger bisher in der Regel negiert. Diese Tatsache und die wachsende Politisierung der Tätigkeit der evangelischen Kirchen sowie das ständige Lavieren und Taktieren dieser Personen nach allen Seiten haben das Wirken von personellen Zusammenschlüssen, Gruppierungen und Gruppen unter dem Dach der Kirche wesentlich begünstigt.”

Biblische Tradition und evangelische Theologie stellten Wissensbestände, Sprachformen, Vergleichsmöglichkeiten und Symbole zur Verfügung, welche Urteilskräfte und Handlungsfähigkeiten förderten, mit Resignation umgehen lehrten und in ausweglosen Situationen zum Handeln ermutigten. Die Wirkungsmodelle aus den Reden Jesu – Licht, Salz, Sauerteig – entfalteten ihre faszinierende Kraft. Die protestantisch geprägte Minderheit wurde so zum Träger des Protestpotenzials in der DDR-Gesellschaft, und sie bildete einen erheblichen Teil der Kristallisationskerne der demokratischen Bürgerbewegungen (so zum Beispiel die Friedensdekaden oder die Berliner Umweltbibliothek) und Parteien. In der ersten Hälfte der friedlichen Revolution von 1989 übernahm sie – im weiteren Verlauf von Katholiken und Konfessionslosen unterstützt – katalytische und orientierende Funktionen.

Oskar Brüsewitz in Rippicha
DDR-Staatssekretär für Kirchenfragen, Kurt Löffler (li.) bei einem Gespräch mit Landesbischof Dr. Werner Leich