Solidarisierung mit dem „Prager Frühling“

Die Jahre 1967/68 waren eine bedeutende Zäsur in der internationalen Entwicklung der Nachkriegszeit. In Amerika und in Europa fand ein Generationenwechsel statt, der mit einer Vielzahl von Tabubrüchen beispielsweise im Bereich der Mode und Musik, aber auch der Politik einherging. Auch die sog. sexuelle Revolution veränderte die Jugendkultur weltweit nachhaltig. Allen damaligen antiautoritären Strömungen gemeinsam war der Glaube an die Veränderbarkeit der Welt. Die Schreckensbilder des Vietnam-Kriegs, die Ermordung des amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King, die Studentenrevolten in Westeuropa und viele andere Ereignisse beförderten eine nie da gewesene weltweite Politisierung der Jugend.

Auch die Länder des Ostblocks blieben von diesem „wind of change“ nicht verschont. In Polen fanden im März 1968 Studentendemonstrationen für mehr politische Freiheit statt, die von der Regierung mit einer antisemitischen Hetzkampagne beantwortet wurden und viele Juden zum endgültigen Verlassen ihrer Heimat zwangen. In der ebenfalls zum sowjetischen Machtbereich gehörenden ČSSR führten wirtschaftliche Schwierigkeiten zum Beginn eines alle gesellschaftlichen Bereiche erfassenden und schnell eine Eigendynamik entfaltenden Reformprozesses.

Dieser sog. Prager Frühling war im Unterschied zum Aufbegehren bestimmter Kreise in der DDR oder anderen sozialistischen Staaten eine auch von oben, d. h. durch die Führung der kommunistischen Partei, in Gang gesetzte Reform, für die der Name des im Januar 1968 zum Ersten Sekretär gewählten Alexander Dubček symbolisch steht. Das propagierte Ziel war die Schaffung eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, was zu einer enormen Freisetzung schlummernder schöpferischer Kreativität führte. Die Hoffnung auf wirtschaftliche Reformen und auf Meinungs- und Reisefreiheit ließen das Volk und bestimmte fortschrittliche Teile der kommunistischen Partei für kurze Zeit eng zusammenrücken. Diese Entwicklung wurde von den Hardlinern in der KPČ und den Parteioberen der sozialistischen Bruderländer mit großer Sorge beobachtet. Während die Mehrzahl der Bevölkerung in den Ostblockstaaten der Entwicklung in der ČSSR mit großer Sympathie und Hoffnung auf entsprechende Veränderungen in ihrem eigenen Land begleitete, schmiedeten die Parteichefs des Warschauer Pakts Pläne zur Beendigung des Reformprozesses.

Am 21. August 1968 marschierten dann Truppen des Warschauer Pakts in die ČSSR ein und besetzten strategisch wichtige Punkte des Landes. Damit wurde, angeblich auf Bitte der ČSSR-Führung, nach dem 17. Juni 1953 und dem Ungarnaufstand 1956 der dritte und bis 1989 letzte Versuch der freiheitlich-demokratischen Reformierung eines Ostblockstaates mit Waffengewalt niedergeschlagen. Der landesweit nur kurz aufflammende, aber letztlich erfolglose Widerstand forderte knapp 100 Tote und Hunderte Verletzte. Dieser Ausgang der Ereignisse führte zu einem sehr ausgeprägten Misstrauen der Bevölkerung gegen den Staat und die ihn regierende kommunistische Partei, das bis zum Untergang des kommunistischen Systems fortbestand. Einzelne Verzweiflungstaten wie die am 19. Januar 1969 erfolgte Selbstverbrennung des Studenten Jan Palach auf dem Prager Wenzelsplatz und die einen Monat später erfolgte Nachahmung dieser Tat durch Jan Zajíc manifestierten besonders deutlich die tiefe seelische Verwundung der im friedlichen Reformprozess schon weit vorangeschrittenen Tschechen. Nachdem ca. einer halben Million KPČ-Mitgliedern im Zuge einer groß angelegten Säuberung der Partei das Parteibuch entzogen worden war und mehr als 150.000 Bürger der ČSSR ihrem Land den Rücken gekehrt hatten, herrschte dort eine politische Atmosphäre, die oft als „Friedhofsruhe“ beschrieben wird. Erst im Jahr 1977 artikulierte sich die nächste, bis zum Ende des Staatssozialismus aktive Widerstandsorganisation in der ČSSR, die „Charta 77“.

In der DDR machte sich im Anschluss an die Invasion eine lang angestaute Frustration Luft. Nach den sog. Beatunruhen des Jahres 1965 brachen Tausende junge Menschen und vor allem auch Künstler nun ihr Schweigen und protestierten gegen die Niederwerfung der Demokratiebewegung im Nachbarland. „In Prag ist Pariser Kommune. Sie lebt noch!“, sang beispielsweise Wolf Biermann 1968. Allein für den Zeitraum vom 21. August bis zum 4. September 1968 registrierte das Innenministerium der DDR 1.075 protestierende „Täter“, von denen 468 verhaftet und abgeurteilt wurden. Diese Solidarisierung mit den Idealen der Reformbewegung in der ČSSR blieb in der DDR bis 1989 lebendig und war eine der wesentlichen Quellen der zu Beginn der 1980er Jahre in der DDR entstandenen unabhängigen Friedens- und Demokratiebewegung. Deren Zielvorstellungen orientierten sich weniger an der Tradition des 17. Juni 1953 als vielmehr am Prager Frühling, der darauf fußenden Charta 77 und der polnischen Solidarność-Bewegung. Das waren politische Oppositionsbewegungen, die der jugendlichen Majorität in den ostdeutschen Basisgruppen näher lagen als der bis dahin in der DDR vollständig tabuisierte und propagandistisch verzerrte Juniaufstand.