Studentischer und Jugendwiderstand

Viele junge Menschen verwehrten dem SED-Regime trotz drohender Verfolgung, Verhaftung und Zwangseinweisung in psychiatrische Einrichtungen ihre Gefolgschaft.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Deutschland und die Stadt Berlin auf Beschluss der Siegermächte in vier Besatzungszonen aufgeteilt. In der SBZ, der späteren DDR, wurde die allgemeine Verwaltung nach sowjetischem Vorbild neu aufgebaut. Bereits am 11. Juni 1945 verkündete die unter Leitung der Gruppe Ulbricht stehende KPD ein bürgerlich-demokratisches Programm.

Auch andere, demokratisch ausgerichtete Parteien wie SPD, CDU und LDPD wurden zugelassen. Der große Zulauf zur SPD veranlasste die Sowjets jedoch zum Eingreifen. Am 21. April 1946 wurden KPD und SPD in der SBZ zur SED zwangsvereinigt. In den nächsten Jahren wurden die früheren Sozialdemokraten zum großen Teil aus der Führung der unter Zwang neu entstandene Arbeiterpartei hinausgedrängt, und die Partei selbst wurde in eine stalinistische Partei neuen Typus umgewandelt. Der „Sozialdemokratismus“ blieb, nachdem auch die anderen Parteien ab 1947 als sog. Blockparteien schrittweise gleichgeschaltet worden waren, für lange Zeit der ausgemachte Feind der SED-Ideologen. Die Nivellierung der Parteienlandschaft diente der Sicherung der Macht der SED in der DDR und war nach dem Ulbricht’schen Grundsatz organisiert: „Es muss alles demokratisch aussehen, aber wir müssen es jederzeit in der Hand haben.“ Unter diesem Motto standen auch die ersten nach der am 7. Oktober 1949 erfolgten Gründung der DDR durchgeführten Volkskammerwahlen im Oktober 1950.

Gegen die Tatsache, dass bereits vor den Wahlen der Sieg der SED feststand, regte sich landesweiter Widerstand. Insbesondere viele junge Menschen, die den Zusammenbruch des Hitlerfaschismus noch als Kinder miterlebt hatten, verweigerten sich der neu entstehenden Diktatur und beriefen sich in ihren Protesten auf die gegen die Nazis tätige Widerstandsorganisation Weiße Rose. Derartige Gruppen bildeten sich Anfang der 1950er Jahre in der gesamten DDR heraus und wurden von dem am 8. Februar 1950 gegründeten Ministerium für Staatssicherheit der DDR hartnäckig verfolgt. Damit stellte sich die Stasi als selbsternanntes „Schild und Schwert der Partei“ direkt in die Tradition der SMTs, der sowjetischen Militärtribunale, die nach Kriegsende durch die tausendfache Verhängung drakonischer Strafen – darunter hohe Zuchthausstrafen, Deportation in russische Gulags und auch die Todesstrafe – jegliche Proteste gegen den sozialistischen Aufbau unterdrückt hatten.

Auch Gruppen wie die Werdauer Oberschüler, die Altenburger Gruppe Antikominform oder der Eisenberger Kreis waren wegen ihrer Proteste gegen die Scheinwahlen, die einsetzende Militarisierung der DDR, die Einparteienherrschaft der SED und die damit einhergehende Teilung Deutschlands dem Terror der Sicherheitsorgane ausgesetzt. Oft wurden die meist jungen Widerständler von der seit 1949 in Westberlin ansässigen „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ (KgU) und den Ostbüros von SPD und CDU logistisch unterstützt. Diese Tatsache war der Stasi oft willkommener Anlass für die Unterstellung nachrichtendienstlicher Tätigkeit und Vorwand für die entsprechende drakonische Bestrafung.

Auch im Bereich der universitären Bildung regte sich in der SBZ und dann in der DDR massiver Widerstand gegen deren Sowjetisierung. Bereits im Februar 1947 fanden die ersten und bis 1989 letzten freien Wahlen zu den Studentenräten statt. Die neu entstandenen Gremien wurden fast überall von Vertretern der CDU und der LDPD dominiert. Die von ihnen ausgehende Kritik an der neuen SED-Hochschulpolitik sorgte für permanente Angriffe seitens der kommunistischen Machthaber, und den Wortführern des Protests drohte auch die Verhaftung durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD.

So wurden beispielsweise die führenden Vertreter der CDU im Berliner Studentenrat, Manfred Klein und Georg Wradzilo, im März 1947 von den Sowjets verhaftet und zu je 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Ihnen wurde Spionage und die „Bildung einer faschistischen Untergrundorganisation“ vorgeworfen. An der Leipziger Universität wurde zur gleichen Zeit Wolfgang Natonek, der halbjüdische Sohn eines antifaschistischen Schriftstellers, zum Vorsitzenden des Studentenrates gewählt. Als sich im Dezember 1948 seine dritte Wiederwahl abzeichnete, wurde der seit seinem 25. Lebensjahr der LDPD angehörende Gründer der liberaldemokratischen Hochschulgruppe zusammen mit weiteren Vertretern bürgerlicher Hochschulgruppen verhaftet und ebenfalls zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Die Leipziger LDPD-Hochschulgruppe wurde verboten, und DDR-weit setzten verstärkte Repressionen und Drohungen gegen die bürgerlich orientierten Kräfte ein. So gelang es der SED mittels stalinistischer Gewaltmethoden, bei den dritten Studentenratswahlen absolute Mehrheiten zu erlangen. Als logische Folge wurden die nun ebenfalls gleichgeschalteten Studentenräte im Jahr 1952 aufgelöst, denn zu diesem Zeitpunkt hatte die SED dank ihrer Zulassungs- und Kaderpolitik die absolute Macht an den Hochschulen erreicht.

Aus Protest verließen deshalb bis zum Mauerbau am 13. August 1961 viele freiheitlich gesinnte Intellektuelle die DDR in Richtung Bundesrepublik. In den 1960er Jahren ebbte der öffentlich sichtbare „Jugend- und Studentenwiderstand“ deshalb etwas ab. Seine Höhepunkte waren die landesweiten Beatproteste und der Widerstand gegen die im Mai 1968 erfolgte Sprengung der Leipziger Universitätskirche St. Pauli. Nachdem Erich Honecker 1971 an die Spitze der SED gelangt war, schien zunächst eine Öffnung und Liberalisierung der DDR stattzufinden. Mit den X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1973 in Berlin wollte die DDR-Führung ihre angebliche Weltoffenheit demonstrieren. In Wirklichkeit hatte sie aber nur ihre fortbestehenden Unterdrückungsmechanismen verfeinert, um sie nach außen hin weniger sichtbar werden zu lassen. Gerade in Vorbereitung des Jugendfestivals wurden Tausende nichtangepasste Jugendliche verhaftet und in Heime der Jugendhilfe oder in psychiatrische Einrichtungen zwangseingewiesen bzw. mit Aufenthaltsbeschränkungen belegt.

Erst nach der am 16. November 1976 erfolgten Zwangsausbürgerung des Wolf Biermanns etabliert sich in der DDR eine neue, alle Bevölkerungsgruppen einbeziehende Protestkultur. Von hier aus laufen direkte Linien zur friedlichen Revolution im Herbst 1989 und damit zum Ende des SED-Regimes und zur Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands.