Mythos: „Die DDR war eine Wirtschaftsmacht“

Als der Generaldirektor des Kombinates Carl Zeiss Jena, Wolfgang Biermann, am 12. September 1988 auf der Leipziger Herbstmesse medienwirksam das erste Muster eines Ein-Megabit-Speichers an Erich Honecker überreichte, sollte die Welt glauben, dass die DDR auch in den 1980er Jahren den ihr zugeschriebenen Platz unter den zehn ersten Industrienationen behauptet hatte. Deshalb wies Honecker bei der Übergabe ausdrücklich darauf hin, dass der Arbeiter- und Bauernstaat neben den USA, Japan und der Sowjetunion zu den wenigen Ländern gehörte, die die materiell-technischen Voraussetzungen für die Entwicklung der Mikroelektronik im eigenen Land geschaffen hätten. In Wirklichkeit gelang es trotz Milliardeninvestitionen nicht, den Rückstand der DDR auf dem Feld der Mikroelektronik aufzuholen.

Auf keinem anderen Gebiet wurde in der SED-Diktatur so viel hochgestapelt wie auf dem der Erfüllung wirtschaftlicher Planziele. Hier blieben die Grenzen von Betrug und Selbstbetrug stets fließend. Dabei dienten die Wirtschaftsberichte der DDR immer der Propaganda, also der Desinformation auch der eigenen Bevölkerung. Desinformiert werden sollte aber auch das nicht-sozialistische Ausland. Heute müssen wir feststellen, dass dies mit beträchtlichem Erfolg erreicht wurde. Fehlurteile krassester Art über die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der DDR lassen sich nicht nur in der veröffentlichten Meinung, auch der des Westens, bis in die Zeit nach dem Umbruch feststellen, sie prägten vielmehr auch weite Teile der wissenschaftlichen Analyse. Täuschen ließ sich von dem Blendwerk aus dem SED-Apparat auch der altersstarrsinnig gewordene Honecker. Er blieb bis zu seinem Tod dabei, dass der Untergang der DDR auf den Verrat Gorbatschows und nicht auf ökonomische Ursachen zurückzuführen sei.