2017

Gewinner des Deutschen Lokaljournalistenpreises

Die Jury des von der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgeschriebenen Deutschen Lokaljournalistenpreises unter dem Vorsitz von Heike Groll, leitende Redakteurin in der Chefredaktion der Volksstimme, hat unter den insgesamt 396 Einsendungen des Preisjahrgangs 2017 ihre Entscheidung getroffen:

1. Preis: Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten für die Investigativrecherche über einen Bandenkrieg zwischen türkischen und kurdischen Rockerclubs

Seit 2016 tobt in Stuttgart und Ludwigsburg ein blutiger Kampf zwischen türkischen und kurdischen Rockerclubs. Es ist ein Bandenkrieg buchstäblich vor der Haustür, mit bundesweiten und internationalen Verflechtungen. Rafael Binkowski aus der Lokalredaktion Ludwigsburg deckt, gemeinsam mit Kollegen, auf, wie der Kampf um die Vorherrschaft im Drogen- und Türstehermilieu, um Gebietshoheit und Fragen der „Ehre“ von innenpolitischen Konflikten in der Türkei motiviert wird. Der Journalist dringt in eine kriminelle, hochpolitisierte und ideologisch unterfütterte Szene ein, die für Außenstehende kaum zugänglich ist. Mehrere Monate recherchiert er im Untergrund, spricht mit Informanten und Ermittlern, verfolgt Gerichtsprozesse. Auch massive Drohungen für Leib und Leben bringen ihn nicht zum Schweigen. Stück für Stück legt er Strukturen offen und nennt Akteure beim Namen. Eine mutige, überragende journalistische Leistung und ein beeindruckendes Beispiel für den Wert der Pressefreiheit.

2. Preis: Pforzheimer Zeitung für die Serie „Verschwiegene Verbrechen“

Wie sicher fühlen wir uns in unserem Alltag, und wie sicher leben wir tatsächlich? Was und wie Medien berichten, beeinflusst in hohem Maße, wie Menschen die Wirklichkeit wahrnehmen. Verantwortung dafür trägt – neben den Medien selbst - auch die wichtigste Quelle für Informationen über Kriminalität, die Polizei. Sie entscheidet mit der Themenauswahl für ihre Pressemitteilungen, von welchen Delikten und Tatverdächtigen die Öffentlichkeit erfährt und von welchen nicht. Die Journalisten Julia Falk und Simon Walter haben 4000 Pressemitteilungen aus dem für die Region zuständigen Polizeipräsidium und 70000 Straftaten analysiert. Sie stellen die – für viele Leser überraschende - Diskrepanz zwischen veröffentlichter und realer Kriminalität dar und machen die Kriterien deutlich, nach denen Informationen in die Öffentlichkeit gelangen. Nicht Polizei-Bashing ist ihr Anliegen, sondern journalistische Selbstreflexion durch Transparenz über grundlegende Mechanismen medialer Vermittlung. Ein gelungenes Beispiel für lokalen Datenjournalismus und ein wichtiger Beitrag zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Informationen.

Kategorie Kommunalpolitik - Tölzer Kurier für die Berichterstattung über die Kläranlage Benediktbeuern-Bichl

In der Kläranlage Benediktbeuern-Bichl wird das Abwasser von 7000 Bürgern aus drei Gemeinden gereinigt; verwaltet wird die Anlage von der Kämmerei in Benediktbeuern. Die Kosten steigen kontinuierlich. Es geht um öffentliche Gelder, also recherchiert Christiane Mühlbauer. Sie entdeckt, was ganz und gar nicht sauber gelaufen ist: Unkontrollierte Einleitungen von Fäkalien, Auftragsvergabe ohne Ausschreibung und Beschluss, ein womöglich überdimensionierter Neubau. Seit anderthalb Jahren bringt sie immer neue Ungereimtheiten ans Tageslicht. Rathaus- und Verwaltungsspitze gefällt das gar nicht. Die Redakteurin macht unbeirrt weiter, sachlich und unaufgeregt erfüllt sie ihren journalistischen Auftrag. Aufgrund der Berichterstattung nimmt die Staatsanwaltschaft erneut Ermittlungen auf, die staatlichen Rechnungsprüfer schalten sich ein. Lokaler Investigativjournalismus mit spürbaren Folgen auch für die Bürger: Mittlerweile läuft die Anlage im verkleinerten Betrieb, die Gebühren in einer Gemeinde sind gesunken.

Kategorie WächteramtMain-Post, Redaktion Ochsenfurt, für die Berichterstattung über das Bauprojekt Öchsner-Villa in Tauberrettersheim

Im Außenbereich eines Dorfes, ehemals Landschaftsschutzgebiet, soll eine Villa gebaut werden. Die Bauherrin bekommt die erforderliche Ausnahmegenehmigung, weil sie ankündigt, auch einen Pferdestall zu planen, und der soll wegen befürchteter Emissionen Abstand zur Wohnbebauung halten. Pikant: das Grundstück gehört dem Bürgermeister. Die Bauherrin ist seine Tochter. Und der Pferdestall bleibt leer. Seit vier Jahren berichtet Thomas Fritz und fügt der Geschichte Kapitel um Kapitel hinzu. Er legt die Fakten auf den Tisch und kommentiert, lässt sich nicht einschüchtern. Nach seiner Berichterstattung nahm auch das Landratsamt den Fall genauer unter die Lupe. Leser erwarten, dass ihre Zeitung den Akteuren der Lokalpolitik kritisch auf die Finger schaut. Der Journalist nimmt sein Wächteramt vorbildlich wahr, unabhängig und beharrlich.

Kategorie RechercheKieler Nachrichten für die Langzeitrecherche in der „Rocker-Affäre“

Die Vorwürfe klingen unglaublich: Hat der ranghöchste Polizist der Landespolizei unbequeme Mitarbeiter gemobbt, gar bespitzelt? Waren wichtige Aussagen zu einem Rockerüberfall bewusst nicht in Ermittlungsakten aufgenommen worden? Und hat man im Kieler Innenministerium die Ergebnisse einer internen Untersuchung jahrelang unter den Teppich gekehrt? Offiziell will sich fast niemand dazu äußern. In mühevoller Kleinarbeit recherchieren Bastian Modrow und Christian Longardt die Hintergründe, belegen Vorwürfe mit Fakten. Sie decken auch bislang sorgsam verborgene Seilschaften mächtiger Polizeiführer auf. Trotz heftigster Anfeindungen und Widerstands aus Polizei und Politik bleiben sie auf Kurs. Ihre Arbeit führt dazu, dass ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden soll und die Hauptverantwortlichen ihre Posten verlieren. Der Rechtsstaat setzt sich am Ende durch - nicht zuletzt dank der herausragenden Leistung der Journalisten vor Ort.

Kategorie WirtschaftNordwest-Zeitung, Oldenburg, für die Print- und Multimedia-Reportage „Dangast – das gespaltene Dorf“

Dangast, ein Dorf mit 540 Einwohnern, ist das älteste Nordseebad Deutschlands, man lebt vor allem vom Tourismus. Am Projekt Nordseepark manifestiert sich ein Konflikt, wie er auch andernorts schwelt. Der Komplex mit über 50 Neubauten spaltet das Dorf, manche reden nicht einmal mehr miteinander. Die einen sagen: Wir brauchen das Projekt dringend, um den Anschluss nicht zu verlieren. Die anderen befürchten, dass Massentourismus die Tradition und das Flair des Ortes zerstört. In seiner Reportage fasst Karsten Krogmann die über die Jahre weit verzweigten Handlungsstränge zusammen und macht die Hauptdarsteller dieses großen Dramas im Kleinen sichtbar. Sein Kollege Christian Ahlers erzählt die Geschichte multimedial, mit Videos, Audiobeiträgen und interaktiven Karten. Im Dorf bekommen die Journalisten viel Lob von beiden Seiten, die Jury schließt sich an: Ein lokales Wirtschaftsdrama, ausgezeichnet recherchiert und dicht erzählt.

Kategorie Gesellschaft - Nordkurier, Neubrandenburg, für die Analyse „Gespaltenes Deutschland – wo verläuft die neue Grenze?“

Es geht ein Riss durch Deutschland, westlich davon ist es hell, östlich düster. Das ist die landläufige Meinung. Aber stimmt das überhaupt? Carsten Korfmacher macht sich ein eigenes Bild. Er spricht mit Menschen, die in Neubrandenburg, Gelsenkirchen und Münster leben, vergleicht Zahlen zur ökonomischen und politischen Entwicklung. Auf seiner Suche nach Ursachen und Erklärungen findet er den deutschen Osten im Westen und den deutschen Westen im Osten. Dabei entdeckt er Grenzen, die weniger vom Wohnort als vom Verlust von Heimat und der Suche nach Identität markiert werden. Vergangenes Unrecht wird nicht verleugnet, doch im Mittelpunkt steht das Verbindende. Der Beitrag steht in einer Reihe von Beiträgen seit 2015, die konsequent dagegen angehen, Menschen aufgrund ihrer Ansichten in Schubladen einzusortieren. Nur ein offener Dialog, so das Credo der Redaktion, ist geeignet, auch das Vertrauen der Leser zu gewinnen. Eine kluge Analyse, die mehr für das Verständnis zwischen Ost und West leistet als ein belehrender Leitartikel.

Kategorie Datenjournalismus - Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten für das crossmediale Projekt „Feinstaubradar“

Das Neckartor in Stuttgart ist wegen der hohen Feinstaubbelastung als die „dreckigste Kreuzung Deutschlands“ bekannt. Kaum im Blick hingegen ist die Situation in den Stadtteilen und den Orten im Umland. Mit dem „Feinstaubradar“ schließt die Redaktion diese Informationslücke und liefert ihren Lesern zugleich handfesten Nutzwert für den Alltag. Eine Live-Karte visualisiert die Partikelbelastung, die Daten stammen u.a. von der Stuttgarter Ortsgruppe der Open Knowlegde Foundation (OK Lab). Zu jedem Standort gibt es täglich aktuelle, von einer Text-Software verfasste Feinstaubberichte. Was die Automatik nicht kann, leisten die Journalisten mit Bravour: In der Printzeitung und in einem aufwändigen Multimedia-Dossier stellen sie Hintergründe dar und ordnen ein. Eines der Ergebnisse: im Umland ist die Belastung teilweise deutlich höher als am Neckartor. Mit Erfolg regt die Redaktion die Leser an, sich zu beteiligen, Videoanleitung zum Selbstbau eines Messgeräts inklusive. So wird die Datenlage stetig besser. Inzwischen hat das Radar 2000 Nutzer täglich. Die Redaktion nutzt moderne Technik und datenjournalistische Mittel als Werkzeuge, um ihre journalistische Kompetenz bei einem politisch brisanten Thema auszuspielen: Big Data im Lokalen.

Kategorie Inklusion - Zeitungsverlag Waiblingen für die Serie „Was bedeutet Inklusion?“

„Was bedeutet Inklusion?“ Eine ganz einfache Frage. Nicht so guter Journalismus würde es nun möglicherweise ganz einfach bei einer zu Herzen gehenden Schicksalsreportage belassen. Sehr guter Journalismus macht es sich schwer und betrachtet ein so komplexes Thema aus vielen Perspektiven. Pia Eckstein spricht nicht über, sondern mit allen Betroffenen, dem schwerstbehinderten Schüler Dimitrios und seine Mutter, mit Mitschülern, Lehrerinnen, den vielen Fachleuten in Institutionen und Ämtern. In ihrer Serie schildert die Redakteurin, was notwendig ist, um Inklusion zu organisieren und zu finanzieren; sie führt vor Augen, was gelingt und wo guter Wille an praktischen Problemen scheitert. Mit großem Einfühlungsvermögen und klarem Blick gelingt es ihr, ein vielschichtiges Thema differenziert und anschaulich darzustellen. Die Reaktionen aus der Leserschaft sind so kontrovers, wie in Deutschland insgesamt über Inklusion diskutiert wird. Die Autorin liefert ihren Lesern die Basis, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Kategorie Gesundheit - Weser-Kurier, Bremen, für die Serie „Ein Leben“ aus dem Leben eines Schwerkranken

Ein Mann, 35 Jahre alt, drei Kinder, hat ALS. Die Ärzte gehen davon aus, dass er bald sterben wird. Christian Weth stellt in seiner Serie dar, was es für einen Menschen bedeutet, wenn seine Zeit extrem begrenzt ist. Und was dies für das Umfeld, Frau, Kinder, Freunde, Verwandte heißt. Er lässt die Betroffenen sprechen und Experten zu Wort kommen. Der Journalist ist bei Situationen der tiefen Verzweiflung und des großen Glücks dabei. Er kommt den Menschen, über die er berichtet, sehr nahe, bleibt jedoch immer als Journalist erkennbar, der sicher auf dem schmalen Grat zwischen Nähe und Distanz balanciert. Bei den Lesern findet die Serie starke Resonanz, bis hin zu konkreten Hilfsangeboten. Eine bewegende Serie über eine beeindruckende Familie.

Sonderpreis für Volontärsprojekte - Allgemeine Zeitung Mainz für die Serie „Auf der Bank“

Das Prinzip ist simpel: Ein junger und ein alter Mensch treffen sich und sprechen über brennende Fragen der Zeit. Schaffen wir es, das Flüchtlingsthema zu bewältigen? Soll man heute noch Kinder kriegen? Wie viel medizinischen Fortschritt verträgt unsere Gesellschaft? Haben sich Jugend und Politik auseinandergelebt? Intensive Gespräche legen die Basis für das Projekt; die ansprechende visuelle Umsetzung, dazu eine stilistisch eigene Handschrift sind die Bausteine, aus denen die Volontäre den Dialog der Generationen zu einer sehr besonderen Serie wachsen lassen. Videos und Multimediareportage ergänzen die Printserie. Die Volontäre meistern, was auch für erfahrene Interviewer eine Herausforderung ist. Sie lassen echte Gespräche entstehen und geben dem Leser mit scheinbar leichter Hand viel Stoff zum Nachdenken über Grundfragen der Zeit.

Sonderpreis für Volontärsprojekte - Badische Zeitung, Freiburg, für die Serie „Digital vernetzt“

Digitalisierung ist allgegenwärtig, Zukunftsdebatten bewegen sich oft zwischen Technikeuphorie und düsteren Szenarien. Hilfreicher als ein Schwelgen in Extremen ist der genaue Blick darauf, was Digitalisierung konkret bedeutet, in diesem Falle: wie sie das Leben der Menschen in Südbaden verändert. Mit ihrer Serie, im Print und als digitales Magazin umgesetzt, treffen die Volontäre den Nerv der Leser, 5000 Downloads allein der Digitalversion sprechen für sich. Die Themen reichen vom Familienleben über Job- und Partnersuche bis zum Geldverdienen im Netz oder den Einfluss sozialer Medien auf unseren Umgang mit dem Tod. Die jungen Journalisten machen Funktionsweisen in der digitalen Welt transparent, sie zeigen Chancen und Risiken einer rasanten Entwicklung auf. Die Serie legt ein ausgezeichnetes Fundament dafür, wie sich diese Entwicklung aktiv gestalten lässt.

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Susanne Kophal

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