Die Politische Meinung

Bärte zählen

von Andreas Jacobs
Anmerkungen zur Zahl der Salafisten in Deutschland

Nach einer Meldung des Berliner Tagesspiegel Anfang April unter Berufung auf die Landesbehörden für Verfassungsschutz sollen 11.000 Personen dem Spektrum des Salafismus zuzurechnen sein. Damit habe sich die Zahl der Salafisten seit 2013 verdoppelt. Die neue Zahl ist besorgniserregend – und sie ist mit ziemlicher Sicherheit falsch.

Obwohl der Salafismus auch hierzulande längst zu den wissenschaftlichen Modethemen zählt, gibt es keine einheitliche Vorstellung darüber, welchen Personenkreis er genau umfasst, welche Bedrohungen von ihm ausgehen und wie er sich von Islamismus und Dschihadismus abgrenzt. Der Wiener Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker spricht in seinem kürzlich erschienenen Buch Die Salafisten. Der Aufstand der Frommen, Saudi-Arabien und der Islam deshalb von einem „irritierenden Phänomen“. Er weist darauf hin, wie breit das salafistische Spektrum im islamischen Raum ist und dass er in der islamischen Geschichte durchgängig präsent war. Die oft zu hörende Marginalisierung des Salafismus als extremistische Randerscheinung ohne Bezüge zum theologischen Mainstream ist vor diesem Hintergrund fraglich. Tatsächlich griffen und greifen salafistische Vordenker und Ideengeber immer wieder auf islamische Traditionslinien zurück und setzen sich konstruktiv und destruktiv mit ihnen auseinander. Auf der Grundlage dieser Auseinandersetzungen entwickelte sich in der Neuzeit eine populäre Protestkultur, die mit Charakterisierungen wie „radikal-islamistisch“ oder „ultra-orthodox“ kaum zu fassen ist.

Antischiismus, Antisufismus und Antisemitismus

In den meisten islamischen Ländern ist der Salafismus in der einen oder anderen Ausprägung längst Teil des politischen, religiösen und gesellschaftlichen Alltags. In Saudi-Arabien wurde eine seiner Spiel arten Staatsideologie. Von Mauretanien bis Indonesien betreibt er Fernsehkanäle, Unternehmen, Schulen und Universitäten. In Ägypten erreichte er mit einer neu gegründeten Partei bei den ersten freien Wahlen nach dem Sturz Husni Mubaraks aus dem Stand fast dreißig Prozent. Und in Syrien und Irak betrieb er unter dem Namen „Islamischer Staat“ zwischen 2014 und 2017 ein terroristisches Staatswesen. Kurz, der Salafismus ist in der Region alles andere als ein Randphänomen.

Dass er oft nicht als ideologisch weitgehend einheitliches Gebäude gesehen wird, liegt an seinen sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Ausformungen. Einige Salafisten predigen und praktizieren im Namen des Dschihad Terror und Gewalt. Andere konzentrieren sich auf die gewaltfreie Mission. Schließlich gibt es aber auch sogenannte quietistische Strömungen, die sich vom politischen Islam distanzieren oder komplett aus der Politik heraushalten. Jedoch selbst diese, auf innere Frömmigkeit ausgerichtete Ausprägung der Salafiyya-Bewegung ist keineswegs unpolitisch und erst recht nicht demokratisch. Auch sie teilt mit den übrigen Gruppen das gemeinsame ideologische Fundament.

Dieses Fundament beruht auf der extremen Betonung der Einheit und Einzigkeit Gottes, auf dem ausschließlichen Bezug auf den Koran und die Prophetentradition sowie auf der Ablehnung aller sonstigen Einflüsse und Innovationen. Kennzeichnend sind außerdem ein ausgeprägter Antischiismus, Antisufismus und Antisemitismus sowie Verschwörungsdenken und die Ablehnung des Westens. Für alle Salafisten befinden sich die europäischen Staaten und Gesellschaften in einer tiefgreifenden sozialen, kulturellen und politischen Krise, aus der sie nur der (salafistische) Islam herausführen könne. Die Forderung einer vollständigen Umsetzung und Anwendung der Scharia, die Überwindung demokratischer Verfassungsordnungen und die Ablehnung anderer Islam-Interpretationen und Lebensweisen sind für sie selbstverständlich. In der alltäglichen Praxis etablieren salafistische Strömungen oft eine eigenständige Symbolik und Lebensführung, die von Kleidervorstellungen und Hygieneregeln über soziale Etikette bis hin zu sprachlichen Formeln reichen.

Fehlende Kriterien für die Erfassung des Salafismus

Was heißt das für die Zahl und Bedeutung der Salafisten in Deutschland? Allein der Gang durch die Fußgängerzone einer größeren deutschen Stadt kann den Eindruck vermitteln, dass mittlerweile deutlich mehr Anhänger und Sympathisanten unterschiedlicher salafistischer Bewegungen in Deutschland leben, als die Zahl 11.000 nahelegt. Zwei Überlegungen stützen diesen Eindruck. Zum einen beobachten Verfassungsschutzbehörden vor allem dschihadistische und politische Salafisten, die als Rekrutierungspool von Terroristen eine besondere Rolle spielen. Die Gruppe quietistischer Salafisten und die optisch nicht als Salafisten erkennbaren Sympathisantenkreise werden hier kaum erfasst. Zum anderen ist weiterhin unklar, wie viele Salafisten im Zuge der Flüchtlingskrise nach Deutschland kamen. Dass unter den mindestens eine Million in jüngerer Zeit zugewanderten Muslimen nur wenige Tausend Salafisten gewesen sein sollen, wäre angesichts der Verbreitung und der Popularität des Salafismus in den Herkunftsländern der Geflüchteten ein frommer Wunsch.

Die Sicherheitsbehörden erfassen zu Recht nur Personen, von denen aktuell oder potenziell verfassungsfeindliche Bestrebungen ausgehen. Das ist ihre Aufgabe. Für die notwendige Debatte über die politische Bedeutung und gesellschaftliche Wirkung des Salafismus in Deutschland müssen jedoch andere Kriterien herangezogen werden. Solche Kriterien gibt es bislang nicht. Das Zählen ungestutzter Bärte, gekürzter Hosenbeine und schwarzer Gesichtsschleier bietet allenfalls äußerliche und daher schwache Anhaltspunkte. Ähnliches trifft auf die Spendenaufrufe an Imbissbuden und die Klickzahlen bestimmter Predigervideos zu.

Sinnvoller wäre es, den Blick stärker auf die salafistische Ideologie in ihrer gesamten Bandbreite zu richten und Maßstäbe für die Identifizierung von salafistischen Netzwerken und Moscheen zu entwickeln. Wer in solchen Moscheen das Freitagsgebet besucht, muss zumindest zur salafistischen Sympathisantenszene gezählt werden. Wirklich belastbar ist das alles aber bisher nicht. Die Zahl 11.000 suggeriert daher eine Gewissheit, die es nicht gibt. Bis auf Weiteres gilt daher auch für die Zahl der Salafisten in Deutschland das, was mittelalterliche Korankommentatoren gerne über ihre Werke schrieben: Allahu Alam – Gott weiß es besser.

-----

Andreas Jacobs, geboren 1969 in Kleve, Koordinator Islam und Politik, Hauptabteilung Politik und Beratung, Konrad-Adenauer-Stiftung.