Die Politische Meinung

Bundeswehreinsätze im Ausland

von Markus Schneider

Dienen ist out? Verdienen ist in? Die deutschen Einsatzkräfte im Irak agieren unter dem Mandat des Deutschen Bundestages zur nachhaltigen Bekämpfung des IS-Terrors und zur umfassenden Stabilisierung Iraks. Damit sind sie der irakische Teil des Kontingents; der andere Teil mit der Gesamtkontingentführung ist in Jordanien stationiert.

Unser Auftrag hier in Kurdistan und im Zentralirak ist die Beratung der Partner auf ministerieller Ebene, die Ausbildung von Streitkräften und die Ertüchtigung dieser Streitkräfte durch Baumaßnahmen oder Übergabe etwa von Ausbildungshilfsmitteln. Dabei sind diese Aufgaben nicht nur am jeweiligen Bedarf und der Zielsetzung der Ausbalancierung, das heißt sowohl in Kurdistan als auch im Zentralirak, sondern auch insbesondere an einer Nachhaltigkeit ausgerichtet. Schwerpunkt ist die Ausbildung, bei der wir sowohl in Erbil als auch in Taji (nordwestlich von Bagdad) innerhalb verschiedener thematischer Vorgaben (ABC-Abwehr [Reduzierung der Wirkung von ABC-Kampfmitteln auf eigene Truppen und Infrastruktur], Logistik, Pionierwesen, militärische Führerausbildung) die hiesigen Streitkräfte befähigen, ihre Ausbildungen in diesen Bereichen eigenständig durchzuführen. Die Lehrgänge dauern zwischen zwei und sechzehn Wochen, abhängig vom Thema und vom Ausbildungsort.

Im Bereich der Ertüchtigung unterstützen wir unter anderem beim Bau eines Militärkrankenhauses oder Ausbildungseinrichtungen, meist in Containerbauweise. Außerdem stellen wir Rechner, Beamer, Whiteboards und anderes zur Verfügung, um eine Ausbildung zu ermöglichen. Die Berater sind sowohl im irakischen Verteidigungsministerium als auch im kurdischen Ministerium der Peschmerga tätig – von der Beratung im Bereich Organisationsstrukturen bis hin zu Personalmanagement und Budgetfragen. Ferner werden unsere Soldaten sowohl vor Ort im deutschen als auch im multinationalen Stab der Task-Force einer internationalen Allianz gegen den Islamischen Staat (Combined Joint Task Forces der Operation Inherent Resolve, HQ CJTF OIR) eingesetzt, davon der Großteil in Bagdad, wenige in Kuwait.

Das Kontingent im Irak wird derzeit hauptsächlich durch die Kräfte des Fallschirmjägerregiments 26 aus der Luftlandebrigade 1 gestellt. Insgesamt waren zeitweilig jedoch parallel Soldatinnen und Soldaten aus vierzig verschiedenen Truppenteilen im Einsatz. Das macht die Sache interessant, aber auch herausfordernd, denn der gemeinsame Erfolg hängt nicht zuletzt vom Zusammengehörigkeitsgefühl ab. Und da jeder seine eigenen Erfahrungen und Vorstellungen einbringt, kann man viel voneinander lernen, es gibt aber auch viele unterschiedliche Ansätze, an Dinge heranzugehen, die man koordinieren und unter einen Hut bringen muss.

Unabhängig von der Herkunft, dem Hintergrund und der Aufgabe wird eine markante Eigenschaft der Angehörigen des Kontingents jedoch deutlich: das Engagement, der Wille, mehr zu leisten, als man erwarten kann und das andere generell zu tun bereit sind. Und das erinnert mich an eine Aussage eines meiner früheren Kommandeure: „Dienen ist out, verdienen ist in.“ Wenn ich an meine Soldaten gegenwärtig im Einsatz denke, weiß ich, dass dies hier nicht gilt. Man kann über den Sinn und Zweck von Auslandseinsätzen denken, was man will. Hier hat jeder seine persönliche Meinung. Aber wenn einmal im Bereich der Politik die Entscheidung für einen Einsatz getroffen wurde, sind es letztlich die Soldaten, die dieser politischen Absicht ein Gesicht verleihen und Wege finden, sie pragmatisch umzusetzen. Man hört auch immer wieder Aussagen, dass bestimmte Soldaten nur wegen des Auslandsverwendungszuschlags in einen Einsatz gehen. Für mich zeigt dies aber nur, wie wenig manche Leute von unserer Motivation als Soldat grundsätzlich und bezüglich Einsätzen im Besonderen verstehen. Der Einsatz für das Allgemeinwohl, und so sehe ich einen Einsatz, ist, wie es immer so schön heißt, eben kein Dienst wie jeder andere und damit weit weg von rein monetären Gründen. Ich sehe bei den Soldaten durch die Bank ein deutliches Engagement über das Durchschnittliche hinaus. Und dieses Engagement ist eben genau das, was unsere Gesellschaft weiterbringt und auch Berufe wie unseren von vielen anderen unterscheidet. Und dies betrifft nicht nur uns. Auch die vielen anderen Berufe und Aufgaben, wie zum Beispiel bei der Freiwilligen Feuerwehr, dem Fußballverein, dem Naturschutzbund und den vielen anderen Vereinen in allen Bereichen unserer Gesellschaft, wo sich Menschen jeden Tag oder jedes Wochenende freiwillig und ohne Bezahlung engagieren, fordern nun einmal mehr, als mancher „Durchschnittsbürger“ zu geben bereit ist, und dies verlangt eben auch Anerkennung.

Sicherlich kann man vieles outsourcen beziehungsweise für Geld bereitstellen, aber wenn jeder nur darauf schaut, wo er oder sie mehr Geld verdienen kann und wo man die höchste materielle Anerkennung erhält, sind wir leider an einem Punkt angekommen, der uns nicht weiterbringt und damit langfristig den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährdet. Der Staat kann viel für uns regeln und bereitstellen, aber letztlich sind wir es, die diesen Staat mit Leben füllen, aber auch mit unseren Steuern die Leistungen finanzieren.

Und Soldaten sind genau dazu bereit: sich diesem Dienst zu stellen. Sie sind bereit, unter sehr widrigen Bedingungen (Hitze, Kälte, Staub, eingeschränkte Hygiene), weit weg von Familie, Freunden und dem gewohnten Umfeld, viele Stunden am Tag und in der Woche, in einem fremden Kulturkreis, oftmals unter ständiger Bedrohung und somit unter Einsatz ihres Lebens eine Aufgabe zu erfüllen, für die sie ausgebildet sind, was aber nicht immer durch Außenstehende honoriert wird. In einem finden Soldaten jedoch ihre Bestätigung: in der Zusammenarbeit mit den eigenen und multinationalen Kameraden hier im Einsatz. Wenn man als Team eine Aufgabe schafft, merkt, wie die Teile zusammenarbeiten, dann stellt sich Zufriedenheit weit weg vom monetären Verdienst ein. Und gerade in unserem Einsatz zeigt sich das häufig. Wenn die Ausbilder es schaffen, den irakischen Soldaten etwas zu vermitteln, dabei auch erkennen, dass dies auf einem Plan basiert, der durch einen Kameraden im Hauptquartier in Verbindung mit anderen Nationen erstellt wurde, und dies mithilfe des Bereichs Ertüchtigung durch die Bereitstellung eines Klassenraums ermöglicht wird, zeigt sich, wie Hand in Hand gearbeitet wird. Auch wenn die Kameraden aus den unterschiedlichsten Truppenteilen und Organisationsbereichen der Bundeswehr kommen: Spätestens beim Sport oder abends in unserer Betreuungseinrichtung ist jede Unterschiedlichkeit vorbei. Dann zählt nur die Gemeinsamkeit, dass man zusammen einen Auftrag erfüllt, aber auch gemeinsam die Familie und andere Dinge vermisst.

Oberst i. G. Markus Schneider, geboren 1966 in Siegen, Dezember 2018 bis Juli 2019 im Einsatz als Fhr DEU Kr Capacity Building Iraq (Einsatz Counter Daesh / Capacity Building Iraq), in Deutschland Abteilungsleiter Logistik (G4) der Division Schnelle Kräfte in Stadtallendorf.

​​​​​​​Einsatz der Bundeswehr Counter Daesh / Capacity Building Iraq