Die Politische Meinung

Demokratie ist kein Zuschauersport!

von Eckart von Hirschhausen
Ernste Gedanken eines Arztes und Komikers

In Zeiten, in denen viele Menschen zu uns kommen, weil sie ihre Heimat verloren haben, finde ich es wichtig, daran zu erinnern, wie viele Menschen in den vergangenen sechzig Jahren bei uns Heimat gefunden haben. Jetzt sage ich schon „bei uns“. Für meine Großeltern und meine Eltern war „Heimat“ immer woanders. Ich bin kein Flüchtlingskind, aber Flüchtlingsenkel. Genauer gesagt: Kind zweier Geflüchteter. Meine Großeltern und Eltern sind in Estland geboren, wo beide Familien über Jahrhunderte ansässig waren. Sie waren Deutsch-Balten, die nach Umsiedlung und Flucht nach Baden-Württemberg kamen, wo die Kenntnis des Hochdeutschen auch nicht immer von Vorteil war.

1945 war man froh, wenn man den Weltkrieg überlebt hatte. So, wie viele heute froh sind, dem Krieg in Syrien und anderswo lebend entkommen zu sein.

Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Und mir ist klar, dass es viele Unterschiede zu damals gibt. Aber was half meiner Familie hier, neue Wurzeln zu schlagen? Der Zugang zu Bildung! Meine Eltern durften kostenlos in die Schule. Eine Zeitlang barfuß, um die Schuhe nicht abzunutzen, und die Hefte wurden am Ende des Schuljahres ausradiert, weil kein Geld für neue da war. Solche Erinnerungen lassen sich nicht ausradieren.

So lange ist das alles gar nicht her. Das Gefühl, entwurzelt zu sein, überträgt sich auf mindestens eine Generation. Mein Vater bekam ein Stipendium von wenigen D-Mark, lernte beim Studium meine Mutter kennen, und sie bekamen vier Kinder zusammen. Wir Geschwister haben alle eine Ausbildung, eine Arbeit und zahlen Steuern. Die „Investition“ in die Bildung der Neuankömmlinge hat sich also nach einer, spätestens nach zwei Generationen für unsere Gesellschaft um ein Vielfaches gelohnt. Auch wenn ich dagegen bin, Menschen nach ökonomischem Nutzen zu beurteilen, möchte ich daran erinnern: Es tut uns gut, allen, die willens und in der Lage sind, Teil dieser offenen, demokratischen und freien Gesellschaft zu werden, diese Chance zu bieten. Auch wenn es Geduld und manche Rückschläge bedeutet.

Weniger über Rechte, mehr über Aufrechte

Ich lebe sehr gern in Deutschland. Ich bin viel gereist, habe es geliebt, mit dem Interrailticket quer durch Europa zu fahren, nachts von Lissabon bis London, nicht aus alphabetischen Gründen, sondern um das Geld für eine Übernachtung zu sparen.

Obwohl ich ziemlich viele Länder kenne, kenne ich kein Land, in dem ich lieber wäre als in Deutschland als Teil eines vereinigten Europas. Mark Twain sagte sehr treffend: „Nichts ist gefährlicher als die Weltanschauung der Menschen, die die Welt nie angeschaut haben.“

Diejenigen, die am lautesten „Heimat“ schreien und meinen, diese verteidigen zu müssen, haben oft nicht weit über den eigenen Tellerrand geschaut und auch nie erlebt, dass der eigene Teller leer ist. Es gibt Rechts- und Linksextreme in vielen Ländern Europas, auch in Deutschland, die gern laut sagen, was sie denken. Es ist Bestandteil der Demokratie, dass jeder sagen darf, was er denkt – egal, wie lange er nachgedacht hat. Als Medienmensch ärgert mich aber diese Verzerrung, dass wir über die Lauten so viel mehr berichten als über die Lauteren, über die Rechten mehr als über die Aufrechten, über die Feinde der Demokratie so viel mehr als über die gelungenen Projekte und die überwiegende Mehrheit der Menschen, die gerne in Frieden miteinander leben. Wir können froh sein, in einem Land mit so vielen Freiheiten wie praktisch nirgendwo sonst zu leben. Wo jeder an das glauben darf, was er will, und lieben darf, wen er will, und wo man nicht, wie in vielen Ländern der Erde, für einen Witz hinter Gitter kommen kann. Egal, ob er gut war oder nicht.

Ich liebe es, als Künstler auf die Bühne zu gehen und sagen zu können, was ich denke. Das ist alles andere als selbstverständlich. Mein „Heimat-Sender“ ist der Westdeutsche Rundfunk. Wir haben ARD, ZDF, 3sat, Arte, Deutschlandfunk, Deutschlandradio – freies öffentlich-rechtliches Fernsehen und Radio. Klar kommt da viel Krimi und Quatsch. Aber auch mehr Gutes, Kritisches und Sinnstiftendes als in jedem anderen Land, bei dem ich im Urlaub durch die Kanäle gezappt habe. Okay, die BBC ist teilweise besser, hat aber den Brexit auch nicht verhindert. Wenn populistische Parteien versprechen, als Erstes eine unabhängige Berichterstattung beschneiden zu wollen, ist das allein schon Grund genug für mich, sie auf keinen Fall zu wählen. Erst recht, wenn Meinungsführer nicht ausgeschlossen werden, die meinen, auf den Zweiten Weltkrieg stolz sein zu müssen.

Die größte Gefahr ist, Demokratie für selbstverständlich zu halten

Ich bin sehr stolz auf vieles in der Zeit nach 1945. Demokratie ist bisweilen schwer auszuhalten, aber das Beste, was uns in Europa in den vergangenen hundert Jahren passiert ist. Demokratie ist nicht die blinde Herrschaft der Mehrheit, sondern die gesetzlich geschützte Möglichkeit, nach festen Spielregeln eine Regierung gewaltfrei abzuwählen und durch eine neue zu ersetzen. Das gab es nicht immer und auch heute nur in manchen Teilen der Welt. Demokratie ist kein Zuschauersport. Die größte Gefahr für die Demokratie ist, sie für selbstverständlich zu halten. Wer sich nicht für unser Gemeinwesen einsetzt, darf sich nicht beschweren, wenn andere das übernehmen. Jede Generation braucht gute Gründe, an Deutschland und an Europa zu glauben, an Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit, freie Presse und unveräußerliche Menschenrechte.

Vielleicht sind Sie erstaunt, von einem Arzt und Komiker so ernste Gedanken zu hören. Aber mir sind auch die Beschränkungen der demokratischen politischen Prozesse bewusst. Entscheidungen werden oft langsam getroffen, und notwendige unpopuläre Maßnahmen werden aus Angst vor den nächsten Wahlen nicht angegangen. Vor Kurzem durfte ich die Schimpansenforscherin und inzwischen bekannteste Umweltaktivistin der Welt, Jane Goodall, für den Stern interviewen. Sie kam nach Deutschland, um für ihr Lebenswerk den Nachhaltigkeitspreis entgegenzunehmen. Mir bleibt ihr verzweifelter Blick in Erinnerung, als diese Dame mit über achtzig Jahren sagte: Wie kann eine Spezies, die sich für die intelligenteste auf der Erde hält, ihre eigene Lebensgrundlage so mutwillig zerstören? Ich hatte keine Antwort, ebenso wenig wie sie. Wenn die Flüchtlingskrise etwas bewirkt hat, dann das Bewusstsein dafür, dass wir erst am Anfang einer globalen Krise stehen. Millionen von Menschen werden ihre Heimat verlassen, weil weite Teile von Afrika und anderen Lebensräumen unbewohnbar werden. So ernsthaft ich bei der Bundeskanzlerin auch das Engagement für das Thema globale Erwärmung erlebt habe, müssen wir uns alle an die eigene Nase fassen: Unser CO2-Ausstoß und -Fußabdruck persönlich wie national ist in den letzten zwanzig Jahren nicht kleiner geworden, im Gegenteil. Reichen unsere politischen Entscheidungswege aus, um für die nächsten Generationen mitzudenken? Was sagen wir, wenn unsere Kinder und Enkel uns fragen, warum wir nicht mehr getan haben, wo wir doch so viel wussten?

Apropos Kinder: Rund jedes fünfte ist in dieser Gesellschaft „abgehängt“. Die ungleich verteilten Chancen gehen schon vor der Geburt los. Ungefähr 10.000 Kinder werden jedes Jahr mit Alkoholschaden geboren, die häufigste angeborene Hirnfehlbildung – die so einfach zu verhindern wäre. Warum ist es in Deutschland nicht möglich, auf jede Flasche mit alkoholischen Getränken einen Warnhinweis so zu platzieren, dass er wahrgenommen wird?

Gesundheit als Aufgabe der Politik

Gesundheit wurde privatisiert und individualisiert. Das war ein großer Fehler. Der öffentliche Gesundheitsdienst schrumpfte zur Bedeutungslosigkeit. Ich wurde noch in der Schule geimpft. Heute sterben wieder Menschen in Deutschland an Masern. Unnötig!

Vor 35 Jahren gab es praktisch kein Kind, das mit dem Auto zur Schule gebracht wurde – zur Schule ging man zu Fuß oder fuhr mit dem Fahrrad. Entsprechend weniger übergewichtige Kinder gab es. An Tankstellen gab es Benzin, und wenn man mit dem Zug fuhr, nahm man sich „Proviant“ mit.

Heute gibt es ständig und überall hochkalorischen Müll zu kaufen, an Tankstellen, Automaten, Schnellrestaurants und Bäckereien mit fetttriefender Pizza und tellergroßen Schokokeksen. Wenn wir heute eine Epidemie des Übergewichts haben, ist das kein individuelles Problem, es ist ein gesellschaftliches! Und es wird auch nicht dadurch gelöst, indem man jedem Dicken sagt, er sei selbst schuld. Die Menschen heute sind nicht willensschwächer als vor fünfzig Jahren, und die Gene haben sich die letzten 50.000 Jahre auch nicht nennenswert verändert. Unsere Umgebung hat sich massiv verändert.

Die gesunde Entscheidung darf nicht die schwierige und teure sein. Das ist auch Aufgabe der Politik. Wenn in Kopenhagen Fahrradwege den Vorrang vor Autostraßen haben, ist das wirkungsvoller als jede Plakat-Aktion, man möge sich doch bitte mehr bewegen. Wenn in Schweden und England rund um Schulen keine zuckerhaltigen Limos verkauft werden dürfen, ist das wirksamer als jeder Appell. Warum sind wir die Letzten in Europa, die Tabakwerbung zulassen? Wenn in Deutschland der Nichtraucherschutz so vielen Menschen das Leben gerettet hat, warum lernen wir nicht für den Ernährungsbereich dazu?

Je länger ich Gesundheitspolitik beobachte, desto misstrauischer bin ich dem Dogma gegenüber, dass „der Markt“ alles regelt. Sicherheitsgurte haben Tausende von Menschenleben gerettet, aber sie haben sich nicht von allein durchgesetzt, sondern brauchten eine Vorschrift, die unsere „Freiheit“ hinter dem Steuer einschränkt. Die öffentlichen Rauchverbote haben messbar die Herzinfarkte durch das Passivrauchen gesenkt – das heißt: Durch allgemeine, sinnvolle Präventionsmaßnahmen lassen sich viele Menschenleben retten, aber keiner schreit „Hurra“, weil das unsichtbar passiert und nur die Statistiker davon etwas mitbekommen. In Australien sind Solarien verboten, weil das Land mit viel Hautkrebs zu kämpfen hat.

Auf dem freien Markt ist Zucker billig, die Folgekosten des Übergewichtes hoch. Soll man Zucker besteuern, wenn klar ist, dass die gesüßten Limonaden ganze Generationen zur Fettleibigkeit verleiten und viele Menschen offenbar damit überfordert sind, das in den Griff zu bekommen? Inzwischen denke ich: Ja!

Gesundheit folgt der Bildung

Langfristig bleibt Bildung die beste Prävention: Jeder Euro, den wir in frühkindliche Bildung investieren, fließt fünfundzwanzigfach in die Gesellschaft zurück. Aber man muss damit erst einmal anfangen! Es braucht ein Schulfach „Gesundheit“, wenn die Mehrheit nicht weiß, welche Körpertemperatur normal ist, wie Fieber entsteht, und die Notaufnahmen in den Großstädten zusammenbrechen, weil weite Teile der Bevölkerung sie als die erste Anlaufstelle nutzen.

In Dänemark lernt jedes Schulkind die Herzdruckmassage. Wenn jeder Deutsche wüsste, wie man bei Herzstillstand 100-mal auf den Brustkorb drückt, könnten wir 10.000 Leben retten.

Gesundheit folgt der Bildung, und die ist Ländersache. Die Bildungsfernen in Deutschland sind viel kränker als die Oberschicht und haben zum Teil eine um zehn Jahre verkürzte Lebenserwartung – wie in einem Entwicklungsland. All das regelt keine Pille. Keine Operation. Keine Kasse. Wenn wir 7,5 Millionen Analphabeten haben, helfen keine Globuli, da braucht es Bildung, und zwar hochdosiert.

Wenn Sie diesen Text bis hierhin gelesen haben, gehören Sie zur Bildungselite dieses Landes, die Zeit hatte, zu lesen, und die Motivation, bei so einem Thema durchzuhalten: Ich bin stolz auf Sie. Sie dürfen es auch sein. Und werden Sie zum Vorbild für andere. Geben Sie weiter, was Ihnen geholfen hat. Wissen wird nicht weniger, wenn man es teilt. Das zu wissen, verdanke ich meinen Eltern und dieser Republik. Danke!

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Eckart von Hirschhausen, geboren 1967 in Frankfurt am Main, Mediziner, Moderator, Kabarettist, Autor und Gründer der Stiftung HUMOR HILFT HEILEN.