Die Politische Meinung

Die neue Aufklärung

von Bernhard Pörksen

Über das Ende des Belehrens

In einer Zeit, in der ein amerikanischer Präsident als Dauerproduzent von Fake News auffällt und sich diffuse Gerüchte blitzschnell in gefühlte Gewissheiten verwandeln, wird deutlich, dass es eine brisante Gefährdung der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Debatte gibt. Man könnte diese Diskursbedrohung mit dem Schriftsteller Heinrich Mann das Ententeich-Problem nennen. Denn es war Heinrich Mann, der 1938 darüber nachdachte, ob er sich mit dem Kommunisten Walter Ulbricht gegen die gemeinsam verabscheuten Nationalsozialisten verbünden wolle. Mann meinte, dies sei leider unmöglich. „Sehen Sie“, so lautet sein Bonmot, „ich kann mich nicht mit einem Mann an einen Tisch setzen, der plötzlich behauptet, der Tisch, an dem wir sitzen, sei kein Tisch, sondern ein Ententeich, und der mich zwingen will, dem zuzustimmen.“

Heute ist das Ententeich-Problem für jeden, der im Internet auch nur eine halbe Stunde zwischen Donald Trumps Twitter-Account, den Seiten der sogenannten Klimaskeptiker und hysterischen oder frei erfundenen Facebook-Postings hin und her surft, zur Alltagserfahrung geworden. Aber was bedeutet es, wenn Konflikte in einer Gesellschaft nicht mehr aus schlichten Meinungsverschiedenheiten bestehen, sondern darauf basieren, dass man nicht einmal mehr die grundlegenden Standards der Wahrheitsfindung und Argumentation teilt, also eine Art Polarisierung zweiter Ordnung beherrschend wird? Heinrich Mann hat dieses Problem erkannt und sich entschieden, nicht weiter mit Walter Ulbricht zu sprechen. So verständlich es individuell und im Konkreten sein mag, das Gespräch abzubrechen oder zu verweigern, so muss man doch sagen: Gesellschaftlich wäre das keine empfehlenswerte Lösung.

Aber was wäre eine? Worin könnte sie bestehen? Ich denke, dass am Beginn einer echten Lösungssuche ein doppeltes Eingeständnis stehen müsste. Zum einen ist die Zeit der einfachen Ursache-Wirkung-Beschreibungen vorbei, wenn es sie denn jemals gab. Die gegenwärtige Wahrheits- und Diskurskrise ist systemisch bedingt. Sie ergibt sich aus einem Zusammenspiel unterschiedlichster Entwicklungen, aus einem explosiven Gemisch von Globalisierungsfurcht und Abstiegsangst. Sie wird befeuert durch die perfekt orchestrierte Propaganda von Demagogen und Populisten. Diese haben begriffen, wie sie Misstrauen schüren, einen ohnehin vorhandenen Vertrauensverlust verstärken und die Experten und Stichwortgeber der verhassten Eliten attackieren.

Zum anderen werden, darin bestünde das zweite Eingeständnis, die momentan so drängend erscheinenden Wahrheits- und Wissenskrisen nicht mehr verschwinden. Sie sind, neben aktuellen Anlässen und dem sehr realen Empfinden von Ungerechtigkeit, Ausdruck und Folge einer neuartigen Infrastruktur von Information, ein Tiefeneffekt digitaler Vernetzung. Die Grenzen des Sagbaren und Konsensfähigen sind dabei, sich rasant zu verschieben. Der Grund ist auch, dass sich die allgemein menschliche Isolationsfurcht bei der Äußerung extremer Ansichten im Schutz einer virtuellen Gruppe abstreifen und die Sehnsucht nach Bestätigung barrierefrei einlösen lässt. Heute spricht jeder, alle können sich öffentlich äußern und sich zu einer bloß gefühlten oder aber politisch wirkungsvollen Macht verbünden.

Pulverisierte Wahrheitsmonopole

Neutral formuliert, lässt sich vor diesem Hintergrund konstatieren, dass die Unterscheidung von orthodoxem und heterodoxem Wissen und die Differenz von Diskurszentrum und Diskursperipherie labil geworden ist oder eher porös. Weniger neutral gestimmt, muss man feststellen, dass längst jede Menge maximal abseitiger Ansichten öffentlich werden. Ein Begriff des Politikwissenschaftlers Joseph P. Overton erlaubt es, die Befunde weiter zu präzisieren. Auf ihn geht die Idee des sogenannten Overton window zurück. Es handelt sich um eine Art Meinungs- und Äußerungskorridor, der die Grenze des sanktionsfrei Sagbaren und des öffentlich Akzeptablen markiert. Wird das Gesagte als vernünftig, als überlegt und klug beschrieben? Oder etikettiert man eine Äußerung als zu radikal, als undenkbar, menschenverachtend?

In der Mediendemokratie der vordigitalen Zeit wurde dieses Maß für das Erlaubte primär von Journalistinnen und Journalisten und den Protagonisten einer gesellschaftlichen und politischen Elite definiert, deren Äußerungsformen implizit stets eine metakommunikative Zusatzbotschaft enthielten: „So (und nur so) kann man öffentlich sprechen!“ Auf diese Weise legte man hintergründig fest, welche Positionen noch vertretbar schienen und welche als komplett unvernünftig, ideologisch und allzu radikal gelten mussten. Das war, so lässt sich sagen, eine öffentlich zelebrierte Stilkunde, eine leise paternalistische Unterrichtung, die von den Spielregeln des großen öffentlichen Gesprächs selbst handelte, illustriert am konkreten Fall. Wer gegen den allgemeinen Konsens des Sagbaren verstieß, der wurde nicht toleriert, er wurde angegriffen, kritisiert. Es gab vergleichsweise mächtige Zentralinstanzen der Debatte (zum Beispiel in Gestalt von Zeitungen), die Themen setzen, durch große, zentrierende Gesten einen Fokus bilden, aber eben auch über die Einhaltung von Tabus wachen konnten.

Vom „Gatekeeping“ zum „Gatereporting“

In den offenen Diskursräumen der Empörungsdemokratie ist hingegen, wie etwa die Netzsoziologin Zeynep Tufekci diagnostiziert, das Overton window zerbrochen, weil die Macht der klassischen Gatekeeper schwindet und die Möglichkeit fehlt, die radikal abweichenden Ansichten und bisher nicht artikulierbaren Standpunkte offensiv auszugrenzen. Das ist prinzipiell eine ambivalente Nachricht – und im Konkreten manchmal beunruhigend. Aber es bedeutet in jedem Fall, dass die ohnehin archaische Idee eines Wahrheitsmonopols im digitalen Zeitalter vor aller Augen pulverisiert wird. Die alte, stärker hierarchisch strukturierte Medien- und Wissenswelt stellte, eben weil sie von vergleichsweise mächtigen Gatekeepern geprägt wurde, eine implizite Stütze klassischer Autorität und traditioneller, wissenschaftlicher Wahrheitskonzepte dar, die heute sehr viel mehr auf Akzeptanz und Konsens angewiesen sind.

Was heißt das für Wissenschaftler? Was heißt das für Journalisten, für Lehrer und für Bildungsverantwortliche gleich welcher Couleur, also für all diejenigen, die die Vermittlung von Wissen professionell betreiben? Es bedeutet, dass sie heute allesamt eine Art Zweitberuf ausüben müssen, denn es reicht nicht mehr, aufzuklären, indem man Wissen bereitstellt. Notwendig geworden ist eine Aufklärung zweiter Ordnung, die neben der Vermittlung von Inhalten systematisch auch über die Prozesse ihres Zustandekommens informiert und offensiv für die eigenen Rationalitätskriterien wirbt. Das klassische Gatekeeping muss durch das Gatereporting (Hanne Detel) ergänzt werden.

Was ist damit gemeint? Gatekeeping betreiben heißt, Information auszuwählen, sie überhaupt als relevant auszuzeichnen. Das ist die klassische, nach wie vor unverzichtbare Kernkompetenz in einer Zeit, in der Gerüchte und gefährlicher Nonsens blitzschnell zirkulieren. Gatereporting betreiben hingegen bedeutet, die eigenen Auswahlkriterien und Quellen offenzulegen und sich um die selbstreflexive, transparente, dialogisch orientierte Begründung von Relevanz, Stichhaltigkeit und Objektivitätsanspruch zu bemühen. Bildungsverantwortliche und Wissensarbeiter in Schulen und Hochschulen, in Redaktionen und in öffentlichen Debatten müssen heute nicht mehr nur verkünden, was sie selbst für richtig halten, sondern selbst zu Dolmetschern ihrer Disziplin werden und sich als kraftvolle Vermittler ihrer Profession begreifen, die Metarezepte der Wissensüberprüfung und etablierte Spielregeln der Faktenrecherche mitliefern. Sie müssen wieder und wieder erklären, wie sie arbeiten und warum sie sagen, was sie sagen. Es gilt überdies, das Prinzip des Gatereporting unerschrocken auch auf die Mächte der Gegenaufklärung anzuwenden, sie ohne falsche Scheu zu attackieren.

Wir brauchen auf dem Weg zu einer neuen Aufklärung notwendiger denn je eine angstfreie, wissenschaftlich gestützte Machtanalyse und Ideologiekritik, die fassbar werden lässt, wer auf intransparente Weise Informationsströme algorithmisch lenkt, im Netz und anderswo Propaganda betreibt, von Stimmungsmanipulation, Fake News und Social Bots ökonomisch oder politisch profitiert, Pseudo-Experten oder scheinbar neutrale Graswurzelorganisationen (Astroturfing) aufbaut. Selbstverständlich lässt sich auf diese Weise nicht jeder erreichen. Aber was wäre die Alternative? Eine „Gnosikratie“, wie ein Wissenschaftler in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor einiger Zeit schrieb? Gemeint war – und dies nicht als Glosse, sondern als ein ernst gemeinter Vorschlag – die Kopplung des allgemeinen Wahlrechts an einen offiziellen Wissens- und Kompetenztest, durchgeführt von der Bundeszentrale für politische Bildung („Wer besteht, darf wählen“).

Nein, man kann eine Demokratie nicht retten, indem man ihre Abschaffung empfiehlt, für den Aufbau von Wahrheitsministerien und die Inthronisierung von Philosophenkönigen plädiert. Das demokratische Prinzip und das Konzept von Bildung leben elementar von der Idee des mündigen Bürgers – bis zum absolut endgültigen Beweis des Gegenteils. Und eine paternalistisch regierte Wahrheitswelt kann sich bei allem Erschrecken über das gegenwärtige Kommunikationsklima niemand wünschen. Was für liberal gesinnte Geister bleibt, ist die manchmal beglückende und manchmal schreckliche Sisyphusarbeit des Diskurses, die nun überall stattfinden muss – selbst an den rutschigen Ufern eines Ententeichs, den ich selbst mit absoluter Sicherheit für einen Tisch halte.

Bernhard Pörksen, geboren 1969 in Freiburg im Breisgau, Professor für Medienwissenschaften und stellvertretender geschäfts-führender Direktor des Instituts für Medienwissenschaft der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Der Beitrag basiert auf einem Essay für die Wochenzeitung „Die Zeit“ und die aktuelle Buchveröffentlichung des Autors „Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung“ (Hanser Verlag, München 2018).

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