Die Politische Meinung

Dienen und Dazwischengehen

von Ulrich Lilie

Facetten des "Diakonie-Spirits"

Diakonie verbindet Nächstenliebe, Professionalität und politisches Handeln – alles im Interesse der Schwächsten in der Gesellschaft. Dahinter steht eine lange Tradition. Denn das altgriechische Wort, das auf seiner Reise durch die Jahrhunderte in Deutschland zum Namensgeber für die Soziale Arbeit der evangelischen Kirche wurde, bezieht sich auf das im Neuen Testament zitierte diakonein („dienen“, „fürsorglich helfen“). Was hat das mit dem Dienst an der deutschen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zu tun?

In Deutschland ist die Diakonie als ältester der sechs Wohlfahrtsverbände seit Langem institutionalisiert – mit gesellschaftlichen Rechten und Pflichten, als großer sozialer „Player“. Das ist in einem Land mit einer jahrhundertealten christlichen und protestantischen Tradition nicht anders zu erwarten. Etwa die Hälfte der Bevölkerung gehört einer der christlichen Kirchen an, selbst wenn es Regionen gibt – in weiten Gebieten Ostdeutschlands oder in großen Städten –, in denen Christen inzwischen eine Minderheit bilden. Dennoch: Zur Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gehören rund 21,5 Millionen Menschen. Und eine evangelische Kirche ohne eine Form der institutionalisierten Nächstenliebe lässt sich in Deutschland nicht mehr denken. Bereits Martin Luther machte die organisierte Armenfürsorge zu einem protestantischen Thema.

Heute ist die Diakonie ein Markenzeichen zivilisierter und zivilgesellschaftlich engagierter Religion. In der Selbstdarstellung der Diakonie Deutschland heißt es: „Diakonie ist der soziale Dienst der evangelischen Kirchen. Wir verstehen unseren Auftrag als gelebte Nächstenliebe und setzen uns für Menschen ein, die am Rande der Gesellschaft stehen, die auf Hilfe angewiesen oder benachteiligt sind. Neben dieser Hilfe verstehen wir uns als Anwältin der Schwachen und benennen öffentlich die Ursachen von sozialer Not gegenüber Politik und Gesellschaft.“

Hinter diesen Sätzen verbergen sich in Zahlen 31.500 stationäre und ambulante Dienste der Diakonie: stationäre Altenpflegeeinrichtungen und Krankenhäuser, verschiedenste Beratungsstellen und Sozialstationen, gut 169.000 Plätze in der Behinderten- und 183.000 Plätze in der Altenhilfe. Darüber hinaus ist Diakonie ein großer Arbeitgeber mit gut 525.000 Hauptamtlichen, die unser Ethos mittragen, auch wenn sie längst nicht mehr alle der evangelischen Kirche angehören. Mit dem sogenannten „Dritten Weg“ haben wir eine hohe Flächentarifbindung und bieten eine Entlohnung, die durchschnittlich deutlich über der des Wettbewerbs liegt. Außerdem schafft die Diakonie einen organisatorischen Rahmen für etwa 2.700 Selbsthilfegruppen und die Arbeit von gut 700.000 freiwillig Engagierten.

 

Lobby für die Schwachen

 

Wie die Arbeit der Diakonie finanziert wird, hängt von der einzelnen Aufgabe ab und ist sehr unterschiedlich: Medizinisch-pflegerische Aufgaben werden in der Regel von den Kranken- und Pflegekassen finanziert. Nach dem Subsidiaritätsprinzip vergibt der Staat die Finanzierung sozialer Aufgaben zum Beispiel auf der Basis des Bundessozialhilfegesetzes an freie Träger.

Allerdings werden selten die gesamten Kosten übernommen. Kaum ein Angebot der Diakonie kommt heute ohne Eigenmittel aus, etwa in Form von Kirchensteuern oder Spenden, die auch für Investitionen oder viele Projekte benötigt werden. So ausgestattet, übernimmt Diakonie Verantwortung für die Wohlfahrtspflege der Allgemeinheit. Dass sie das tun kann und sich nicht nur um bedürftige Evangelische kümmert, verdankt sich der subsidiären Struktur unserer Gesellschaft, in der auch die Kirchen dem Gemeinwesen dienen. Zugleich gehört dies zur ureigenen Identität christlicher Gemeinschaft: Für jede Kirche gilt, dass sie nur dann Kirche Jesu Christi ist, wenn sie diakonisch handelt.

In Deutschland kann die evangelische Kirche mit der institutionalisierten Diakonie effektiv und weit vernetzt im Interesse und als Lobby armer, alter, kranker und behinderter Menschen arbeiten, in den Kirchen anderer Länder, deren diakonisches Handeln anders organisiert ist, werden weit weniger Menschen erreicht. Auch wenn sich die Strukturen unterscheiden, bleibt Diakonie als Dienst an den Nächsten und den Schwachen ein Wesensmerkmal der Kirche.

 

„Diak“ heißt „darauf losgehen“

 

Diakonia beschrieb ursprünglich den sehr konkreten Tischdienst beim gemeinsamen Essen. Jahrhundertelang ist Diakonie deswegen vor allem mit dem Wort „Dienst“ übersetzt worden. Doch das alte Wort „Diakonie“ bedeutet mehr als nur „dienen“. Der australische Theologe John N. Collins konnte bereits in den 1990er-Jahren überzeugend zeigen, dass es sogar zutreffender sein kann, Diakonie mit „Verbindung“ oder „Vermittlung“ zu übersetzen. Die altgriechische Wortwurzel „Diak“ habe mit dem Verb „darauf losgehen“ zu tun. Und das heißt, dass Menschen, die sich der Diakonie verpflichten, nicht nur wohltätige Diener sind. Sie sind auch Kuriere, Verbinder, Abgeordnete, Begegnungen Ermöglichende und Brückenbauer. Ihre Verortung liegt im Dazwischen.

Diese noch weiter zu entfaltende Facette des „Diakonie-Spirits“ ist für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft, für den Dienst am Gemeinsinn von großer Bedeutung. Denn die Diakonie ist – wie skizziert – eine Organisation, die deutschlandweit in den unterschiedlichsten Strukturen aktiv ist: ein vielfältiges zivilgesellschaftliches Netzwerk sozialer Kompetenz, das viele Menschen in unserem Land verbindet und dessen Potenziale noch lange nicht ausgeschöpft sind. Hier warten große Chancen für die Gesellschaft, vorausgesetzt, wir alle lernen noch besser, gemeinsam mit anderen, auch ungewohnten Partnern zusammenzuarbeiten. Denn was ein so naheliegender Mehrwert zu sein scheint, erweist sich gegenwärtig als unpopulär: Aktuell werden wieder die Stimmen lauter, die partikulare Interessen vertreten und eher Binnenlogiken folgen, als auf Austausch und Kooperation zu setzen. Das gefährdet offene und sozial gerechte Gesellschaften im Kleinen wie im Großen: das Projekt der Europäischen Einigung genauso wie die Gestaltung der Nachbarschaften in den Kommunen. Und beides betrifft die Arbeit der Diakonie.

Aus der diakonischen Perspektive des Dienens und Dazwischengehens ist Kooperation das Zauberwort des gesellschaftspolitischen Handelns in unserem unruhigen 21. Jahrhundert. Anders wird man den Herausforderungen unserer Zeit nicht gerecht werden können, die von prominenten Fachleuten als Epochenbruch auf dem Weg zur postindustriellen Gesellschaft, ähnlich dem Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft, gedeutet wird.

Deutschland wird mit großer Geschwindigkeit ethnisch, kulturell und religiös vielfältiger, trotz Migration immer älter, sozial ungleicher und digitaler – und auch das ist nicht nur ein technisches, sondern auch ein soziales Thema von gigantischem Ausmaß.

Was bedeutet Arbeit in Zukunft? Wie finanzieren wir den Sozialstaat? Wie sorgen wir jetzt dafür, dass Menschen, die heute schon zu den Bildungsverlierern gehören, morgen nicht vollkommen den Anschluss verlieren? Wie gelingt es uns, allen Einwohnerinnen und Einwohnern eine gleichberechtigte Teilhabe am politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben zu ermöglichen? Diese Fragen skizzieren nur grob die komplexen Herausforderungen, vor denen wir in Deutschland in Theorie und Praxis stehen. Dazu kommen die globalen Veränderungen: Stichwort Klimawandel. Es liegt auf der Hand: Wer dem Gemeinsinn in der Gesellschaft nachhaltig dienen will, muss sein Engagement heutzutage vor diesem Hintergrund überprüfen. Auch die Diakonie.

 

Ausbruch aus der Binnenlogik

 

Wir alle sollten einen Weg aus den Diktaten unserer jeweiligen Binnenlogiken und den allzu gewohnten Bahnen des Denkens, der Vorbereitung und Umsetzung von Entscheidungen, von denen für sehr viele Menschen sehr viel abhängt, finden. Wir sollten und können (neu) lernen, zunächst fremd erscheinende Denkweisen zu verstehen, trotzdem gemeinsame Ziele zu identifizieren und den Mut zu finden, ungewohnte Kooperationen einzugehen – mit Kirche und Moschee, Wohlfahrtsverband, Handwerkskammer, Kommunalverwaltung und Nichtregierungsorganisation – und vielleicht auch mit dem politischen Gegner, wo sich projektbezogen Brücken bauen lassen – in immer diverser werdenden Städten und Landkreisen.

In unserer diverser werdenden Gesellschaft gilt es, neue Gemeinsamkeiten zu entdecken. Der diakonische Blick lehrt: Die Fürsorge für unsere Kinder und Alten verbindet alle, egal, woher wir kommen und was wir glauben. Gleiches gilt für die gemeinsame Aufgabe, den eigenen, konkreten Lebensraum mit den anderen Nachbarinnen und Nachbarn verantwortlich zu gestalten, um dann davon zu profitieren. Ich bin überzeugt: Gemeinsam ausgehandelte und umgesetzte Ziele stiften eine gemeinsame Identität. Gemeinsinn vor Eigennutz. Es geht darum, das Land (und die Welt), in dem (und in der) wir leben, zusammen als menschenfreundliche, lebenswerte Gesellschaft für uns und unsere Enkelkinder zu erhalten und zu verbessern. Nur gemeinsam werden wir das schaffen.

Die Diakonie hat sich auf diesen Weg gemacht. Denn wir wollen Teil dieser neuen und ungewöhnlichen Netzwerke und Allianzen sein: dienen und azwischengehen – Diakonie mit anderen. Aus Glauben.

 

Ulrich Lilie, geboren 1957 in Rhumspringe, evangelischer Theologe, seit 2014 Präsident der Diakonie Deutschland, seit 2017 Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Werks für Diakonie und Entwicklung.