Die Politische Meinung

Editorial, Ausgabe 553

von Bernd Löhmann

Sind die „Schlafwandler“ (Christopher Clark) wieder unterwegs? Hundert Jahre nach dem Waffenstillstand, der den Ersten Weltkrieg beendete, kamen in Paris Politiker aus mehr als sechzig, einst kriegsbeteiligten Staaten zusammen, um eines Konflikts zu gedenken, dessen Lehren beunruhigend aktuell erscheinen. Emmanuel Macron warnte vor den „alten Dämonen“ wie „nationalem Egoismus“ und der „Faszination für Abschottung, Gewalt und eine beherrschende Stellung“. Offenbar schwindet die Überzeugung, alles tun zu müssen, um eine friedlichere und humanere Ordnung auf der Welt zu verwirklichen – unter den Regierenden wie den Regierten.

Während die Gemeinsamkeiten im Friedensprojekt der Europäischen Union bröckeln, werden weltweit 222 Konflikte gewaltsam ausgetragen. Besonders die humanitäre Katastrophe in Syrien zeigt, wie ungläubig, apathisch oder hilflos die Reaktionen auf diese kriegerischen Entwicklungen bleiben. Selbst 85 Einsätze von Chemiewaffen und von zahllosen Fassbomben gegen die Zivilbevölkerung rufen kaum Empörung hervor – vor allem in Deutschland nicht, das die fraglos notwendige Flüchtlingsdebatte seit Jahren monothematisch führt und dabei ihre internationale Dimension zunehmend aus den Augen verliert. Es schreit zum Himmel, was in Syrien, aber auch im Jemen geschieht.

Aber längst nicht allein moralische, sondern eisenharte real- und sicherheitspolitische Gründe zwingen dazu, dem Scheuklappendenken zu entsagen. Der innerstaatliche Syrienkrieg ist bereits zu einem regionalen und internationalen Konflikt mit einer unüberschaubaren Zahl von Akteuren und widerstreitenden Interessen eskaliert. Jederzeit könnten sich die Feindseligkeiten zu einem Flächenbrand ausweiten.

Die europäischen Länder schlafwandelten nicht zuletzt aus Fatalismus gegenüber der Komplexität damaliger Krisen in den Ersten Weltkrieg. Im heutigen Europa ist eine ähnliche Erschöpfung spürbar, die die neu-autoritären Führer dieser Welt noch dazu mit gezielter Provokation und Eskalation genussvoll für sich ausschlachten: „Baut das von uns zerbombte Syrien mit dem Schlächter Assad wieder auf, sonst kommt es zu neuen Flüchtlingswellen!“, lautet eine besonders schamlose Drohung.

Europa und der Westen sind nicht davor gefeit, ihre Gemeinsamkeit weiter zu schwächen, obwohl letztlich die Glaubwürdigkeit der Vereinten Nationen und aller Mechanismen zur Verhinderung und Beilegung internationaler Konflikte weiterhin von ihr abhängen. Die neue Welt-Unordnung beginnt bei uns und nicht in Syrien, aber Syrien könnte den Ausgangspunkt eines erneuten Totalversagens markieren: „Urkatastrophe“ des 21. Jahrhunderts?