Die Politische Meinung

Fern von Aleppo

von Faisal Hamdo
Wie ich als Syrer Deutschland erlebe

Seit ich in Deutschland leben darf, bin ich fasziniert von der hiesigen Diskussionskultur. Und ich versuche zu verstehen, wie diese durchexerziert wird, innerhalb der Familie, auf der Straße und im Deutschen Bundestag. Diskussionen über Flucht, Einwanderung und Integration begleiten uns Geflüchtete täglich. Ich habe in den letzten vier Jahren zahllose Gespräche mit deutschen Bekannten, Freunden und Helfern, mit Arbeitskollegen sowie Patienten geführt. Wir alle haben voneinander gelernt und profitiert. Ich weiß nicht, ob nur ich – der Geflüchtete – es so empfindet, dass manchmal sogar zu viel über diese Themen gesprochen wird. Dank des Austausches gelingt es mir aber heute besser, Deutschland und die Deutschen zu verstehen.

 

Ebenso wichtig sind mir die Gespräche über die Schwierigkeiten, mit denen man in Deutschland zu kämpfen hat, über Missverständnisse und offensichtliche kulturelle Unterschiede. Ich hatte das Glück, dass immer mit mir, nicht über mich gesprochen wurde. In allen Gesprächen spürte ich ein starkes Interesse, mehr über mich und meine Kultur zu erfahren. Oft haben Freunde, Arbeitskollegen und manchmal auch Patienten versucht, mein Verhalten und Denken nachzuvollziehen. Bei vielen Angelegenheiten lagen sie ganz falsch, bei anderen nicht. Meistens waren solche Gespräche unterhaltsam. Viele Fragen, mit denen ich konfrontiert wurde und auf die von uns Geflüchteten Antworten erwartet wurden, zeugten von großer Unkenntnis: Kann man arabischer Muslim sein und trotzdem weltoffen, gebildet und tolerant? Muss jemand, der aus einem Kriegsgebiet flieht und Traumatisches erlebt hat, nicht eine tickende Zeitbombe sein? Ist es möglich, in ärmlichen, patriarchalen Strukturen aufgewachsen zu sein und trotzdem die Werte der Demokratie zu respektieren und zu leben? Kann jemand aus einem heißen Land mit bis zu 45 Grad wirklich fleißig und leistungsorientiert arbeiten?

 

Verständnis fördern, Vertrauen aufbauen

 

All dies war für mich der Anlass, mein erstes Buch zu schreiben. Das Ziel meines Buches ist es, das gegenseitige Verständnis zu fördern und dadurch Vertrauen aufzubauen. In meinem Buch Fern von Aleppo versuche ich, Vergleiche zwischen Syrien und Deutschland zu ziehen und Missverständnisse auszuräumen.

 

Natürlich ist es nicht immer angenehm, über kontroverse Angelegenheiten zu diskutieren. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Kollegen, als in der Zeitung stand, dass ein südländisch aussehender Mann einer jungen Frau – einer Passantin – auf einer U-Bahn-Treppe in den Rücken getreten habe. „Diese Bilder haben die Öffentlichkeit schockiert und diese Tat hat das Sicherheitsgefühl der Allgemeinheit beeinträchtigt“, meinte der Kollege: „Faisal, so etwas Brutales haben wir in Europa noch nie erlebt.“ „So etwas habe ich persönlich noch nie in Syrien gesehen“, antwortete ich. Von seiner Aussage war ich schockiert und fühlte mich persönlich angegriffen. In einem Rechtsstaat sollte für die Bewertung einer Tat die Herkunft der Täter irrelevant sein. Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, dass bestimmte Deutsche wehrlose Obdachlose brutal verprügelt oder sogar zu töten versucht hatten. Ich habe ihm das nicht gesagt, um des lieben Friedens willen. Es stellte sich heraus, dass der „U-Bahn-Treppentreter“ ein in Deutschland sozialisierter Bulgare war – also ein Europäer.

 

„Weißt Du schon, wen Du wählen willst?“

 

Angenehmer waren die Gespräche über die deutsche Politik, insbesondere kurz vor der Bundestagswahl 2017. Ich war ziemlich aufgeregt, nicht nur, weil Politik mein Steckenpferd ist. Es waren die ersten Wahlen in Deutschland, die ich miterleben und als Außenstehender beobachten durfte. „Weißt du schon, wen du wählen willst?“, nervte ich alle Bekannten, Kollegen und Freunde, die mir über den Weg liefen. Viele von ihnen sagten, sie überlegten, ob sie überhaupt hingingen. Einige sprachen sogar abfällig über die Möglichkeit freier Wahlen – es würde sich ja doch nichts ändern. „Seid froh, dass ihr in einer Demokratie lebt! Kämpft dafür, geht wählen!“ Das dachte ich, sagte es aber nicht, denn ich wollte mich nicht lächerlich machen. Wer bin ich denn, um ihnen zu sagen, was sie tun sollen?

 

Ich habe in meinem Leben noch nie an Wahlen teilgenommen. In Syrien bin ich nicht wählen gegangen, obwohl ich hätte wählen müssen. Ich kann mich an dieses Ereignis auch nicht wirklich erinnern. Ich weiß nur, dass unser Vater immer sagte: „Ihr müsst wählen gehen!“ Er wollte nicht, dass jemand erfährt, dass wir nicht gewählt hatten. Man wurde nicht gefragt: „Wen hast du gewählt?“, sondern: „Warst du wählen?“ Seit ich denken kann, konnte man sich zwischen dem Präsidentschaftskandidaten und dem Vorsitzenden der Staatspartei entscheiden. Beide waren allerdings ein und dieselbe Person.

 

Hohes Gut: Recht auf eigene Meinung

 

Ich fieberte der Bundestagswahl wirklich entgegen. Es war die erste nach dem denkwürdigen Jahr 2015. Irgendwie waren das auch meine Wahlen, auch wenn ich keinen Wahlzettel ankreuzen durfte. Und wenn ich ehrlich bin, stellte ich meine lästige Frage auch, um zu hören, wen meine deutschen Freunde hoffentlich nicht wählen würden.

 

Als ich meinen Freunden und Kollegen meine Sonntagsfrage stellte, bekam ich manchmal zur Antwort: „Weißt du eigentlich, dass du dich mit dieser Frage ganz schön unbeliebt machen kannst? Es ist eine höchst private Sache, wen ich wähle. Und es ist mein Bürgerrecht, darüber zu schweigen.“ Ich finde diese Äußerung sympathisch. Sie zeigt, dass das Recht auf eine eigene Meinung, auch in politischer Hinsicht, ein hohes Gut ist.

 

„Heimat“ sollte individuell definiert werden

 

Ich frage mich allerdings, ob die allgemeine Bereitschaft, auf Facebook oder Twitter jeden Gedanken zu teilen, immer demokratiefördernd ist. Mir erscheint es sehr bequem zu sein, politische oder gesellschaftliche Meinungen in die Welt zu setzen, ohne sein Gesicht zu zeigen oder seinen Namen zu nennen. So können leicht Unwahrheiten und Hetze verbreitet werden, ohne dass jemand die Verantwortung für den Inhalt übernimmt und ohne Chance für die Betroffenen, sich zu wehren. Wenn ich dagegen mit den Menschen persönlich über die Wahlen rede, verraten mir die meisten wenigstens, wen sie nicht wählen.

 

Eine für mich sehr befremdliche, aber lebhafte und meist relativ politisch aufgeladene Diskussion wird neuerdings über den Begriff „Heimat“ geführt. Oft löst das Wort Heimat meines Erachtens bei vielen von uns Emotionen aus und führt häufig zu politischem Streit. Bei diesen Diskussionen mangelt es häufig an Sachlichkeit und Konstruktivität. Viele Einwanderer fühlen sich hierbei ausgeschlossen. Denn ich frage mich, ob das Verwenden des Begriffes „Heimat“ nicht manchmal missbraucht und für bestimmte politische Interessen instrumentalisiert und ausgeschlachtet wird.

 

Ich bin daheim, wo ich mich einbringen kann und mich wohlfühle. Ich finde, dass „Heimat“ immer wieder individuell definiert werden sollte. Wesentliche Fragen sind deshalb für mich: Was ist Heimat? Wo ist Heimat? Wem gehört die Heimat? Wer gehört dazu? Solche Debatten reflektieren zugleich den Reichtum der deutschen Sprache, denn durch solche gesellschaftlichen Debatten entstehen Wortschöpfungen wie „Heimatministerium“.

 

Bei diesem deutschen Beispiel sowie vielen anderen kann man sich fragen: Bleibt die Heimat unsere, wenn wir diese verlassen? Lässt sich eine alte Heimat in eine neue Heimat überführen oder durch eine neue ersetzen?

 

Ich habe meine Heimat verlassen müssen und habe glücklicherweise in Hamburg eine neue Heimat gefunden. Oft bekomme ich die Frage gestellt, ob ich nach Beendigung des Syrienkrieges in die Heimat zurückkehren werde. Meine Antwort lautet dann im Sinne einer Gegenfrage: „Warum soll ich auch meine neue Heimat wieder verlassen?“ Diese Antwort basiert auf meiner Prognose zu der politischen Entwicklung in Syrien. Es sieht so aus, dass das Regime den Krieg für sich entscheiden kann und das Land weiter regieren wird. Viele Menschen, die vor diesem Regime geflohen sind, können und dürfen wegen der zu erwartenden Repressionen nicht nach Syrien zurückkehren.

 

Viele Geflüchtete haben in Deutschland eine Heimat gefunden und konnten Fuß fassen, indem sie diese ihre neue Heimat mitgestalten. Warum sollen sie die neue Heimat erneut verlassen müssen? Nur weil sie keine gebürtigen Deutschen sind, können sie nicht zu diesem Land und seinen Menschen gehören? Natürlich gibt es auch syrische Geflüchtete, die gerne zurückkehren und Syrien wieder aufbauen würden. Für andere ist das keine einfache Entscheidung. Ihr Leben geht hier weiter, vielleicht heiraten sie und bekommen Kinder. Bei einer Rückkehr nach Syrien würden gerade die hier geborenen Kinder aus ihrer Heimat – Deutschland – herausgerissen.

 

Christliche und islamische Werte

 

Das Thema Geflüchtete, Migration und Abschiebung ist in allen Medien und in zahlreichen Diskussionen präsent. Auch auf der Straße wird für oder gegen Geflüchtete demonstriert: mal über deren gelungene oder misslungene Integration, mal über deren Bleiberecht oder ihre Abschiebung.

 

Oft wird gesagt – insbesondere auch in Talkshows –, dass hierzulande die christlichen Werte verteidigt werden sollen. Als ob wir Geflüchtete den deutschen Christen diese Werte wegnehmen würden oder gar könnten! Ohnehin lässt zumindest der oft nicht allzu zahlreiche Kirchenbesuch nicht auf eine sehr feste Wertebasis in der Gesellschaft schließen. Die oft genannten Werte – Gewaltlosigkeit, Barmherzigkeit und Mitgefühl, Mitmenschlichkeit und Fürsorglichkeit – sollten in jedem Fall vermittelt werden! Sie unterscheiden sich im Übrigen nicht von den islamischen Werten. Und gerade in Zeiten wie diesen brauchen doch alle diese Werte!

 

Der Beitrag gibt die persönliche Sicht des Autors wieder.

 

Faisal Hamdo, geboren 1989 in Aleppo, Autor und Physiotherapeut, floh 2014 aus seiner Heimat Syrien. Seitdem lebt er in Hamburg und arbeitet in seinem erlernten Beruf als Physiotherapeut auf einer neurochirurgischen Intensivstation des Universitätskrankenhauses Hamburg-Eppendorf.