Veranstaltungsberichte

„Migration ist eigentlich eher Normal- als Ausnahmefall“

von Elisabeth Bauer, Milena Vanini

Eröffnung der Wanderausstellung „Estland im Zeitalter der Migration“ im Deutschen Gymnasium Tallinn

Wie ganz Europa diskutiert auch Estland seit 2015 verstärkt über die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen und Migranten. Nach einer aktuellen Eurobarometer-Umfrage der Europäischen Kommission sieht die Hälfte aller Esten die Bewältigung der Migrationsprobleme aktuell als die größte Herausforderung der Europäischen Union. Dass Zu- und Abwanderung von Menschen das Land in Wirklichkeit aber schon seit Jahrhunderten prägen, zeigt eine neue Wanderausstellung des Estnischen Instituts für Menschenrechte, welche am 7. Februar in Tallinn eröffnet wurde.

Die Ausstellung befasst sich zunächst mit den grundlegenden Daten zum Thema Migration (aktuellen weltweiten Zahlen, Migrationsursachen und –mustern, sowie den rechtlichen Besonderheiten des Flüchtlingsbegriffs), danach aber insbesondere mit den großen Migrationswellen in Estland und Europa seit dem 19. Jahrhundert. Zur Ausstellungseröffnung in der Aula des Deutschen Gymnasiums in Tallinn, wo die Ausstellung in den nächsten vier Wochen zu sehen sein wird, erschienen ca. 100 Oberstufenschüler und –schülerinnen, die an der Schule zusätzlich zu dem estnischen Schulabschluss das deutsche Abitur anstreben. Sie wurden begrüßt durch Kaarel Rundu, den Direktor des Gymnasiums, Elisabeth Bauer, die Leiterin des KAS-Auslandsbüros für die Baltischen Staaten und Nordischen Länder, und Reinhard Wiemer, den Ständigen Vertreter und Leiter des Wirtschaftsreferats der Deutschen Botschaft in Tallinn.

Vootele Hansen, Vorstandsvorsitzender des Instituts für Menschenrechte in Tallinn, leitete in das Thema ein und moderierte die anschließende Diskussionsrunde zum Thema „Estland und Europa im Zeitalter der Migration“ mit der estnischen Rechtskanzlerin Dr. Ülle Madise, dem Historiker Prof. Dr. Tiit Tammaru, der die Ausstellung erarbeitet hat, und Dr. Mart Nutt (IRL), Mitglied des estnischen Parlaments.

Sie diskutierten zunächst den Hintergrund aktueller Migrationsbewegungen weltweit und insbesondere die Position Europas, wo der Anstieg der Einwandererzahlen im globalen Vergleich am stärksten ist. Anschließend wurden die vergangenen großen Auswanderungswellen aus Estland thematisiert, die zur Bildung signifikanter estnischer Gemeinschaften im Ausland geführt haben. Auf die Bevölkerung eines vergleichsweise kleinen Landes wie Estland hat solche – zum Teil auch gewaltvolle – Abwanderung natürlich eine vergleichsweise starke Auswirkung. Bereits 1937 schrieb Ernest Hemingway in seinem Roman Haben und Nichthaben, in jedem Hafen der Welt könne man mindestens zwei Esten finden, und nach aktuellen Schätzungen leben heute zwischen 12 und 15 Prozent (etwa 150.000 bis 200.000 Personen) aller ethnischen Esten im Ausland, vor allem in Finnland, Russland, Schweden, und Nordamerika.

Vor dem Hintergrund der aktuellen demografischen Entwicklung des Landes wäre Estland, wie viele andere europäische Nationen auch, eigentlich sehr auf den Zuzug von Migranten in das Land und auf den Arbeitsmarkt angewiesen. Dennoch bleibt die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen und Migranten ein kontroverses Thema, wie die Diskussion zeigte. Gerade deswegen, darin waren sich die Experten und Organisatoren einig, ist es wichtig, dass sich auch junge Menschen weiterhin mit den damit verbundenen Fragen und Problemstellungen auseinandersetzen.

Bis Anfang März bleibt die Wanderausstellung nun im Deutschen Gymnasium in Tallinn. Danach kann sie von anderen estnischen Schulen gemietet und im Unterricht eingesetzt werden. Außerdem plant das Institut für Menschenrechte eine digitale Veröffentlichung der Ausstellungsbanner auf seiner Website.

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