Das deutsche Bildungssystem und der Ruf Deutschlands als Bildungs- und Wissenschaftsnation, als „Volk der Dichter und Denker“ genießen weltweite Anerkennung. Dieser Ruf geht auf ein Bildungsverständnis und Ausbildungssystem zurück, das Bildung in erster Linie als Bildung zur Persönlichkeit verstand. Der deutsche Begriff „Bildung“ bezeichnet erstens den Bildungsprozess („sich bilden“) und den dadurch erreichten Zustand („gebildet sein“) und zweitens das Bildungssystem.

Bildung als Prozess und Zustand

In der aktuellen deutschen Diskussion überschneiden sich zwei Bildungsbegriffe. Noch immer ist jenes literarisch und philosophisch inspirierte Bildungsideal bestimmend, das im deutschen Idealismus und Neuhumanismus geprägt wurde. Der idealistische Optimismus, Bildung als Vehikel zur „Sittlichkeit“ und zur „Vervollkommnung des Menschen“ zu verstehen, war jedoch ebenso wenig einzulösen wie der neuhumanistische Glaube an ein von der Antike inspiriertes, ideales Bildungsgut. Mit diesem Bildungsverständnis verbundene Elemente wirkten indes im deutschen Bildungssystem bis in die Weimarer Zeit weiter, wurden nach 1945 wiederbelebt und werden heute angesichts der aktuellen Bildungsreformen wieder intensiv diskutiert.

Im Bildungsverständnis, das vor allem die führenden Bildungseinrichtungen Gymnasium und Universität bis nach 1945 prägte, stand die Persönlichkeitsbildung im Vordergrund. Bildung wurde verstanden als permanenter, offener und selbsttätiger Entwicklungsprozess des Menschen mit dem Ziel der ganzheitlichen Entfaltung der Persönlichkeit und ihrer geistigen Fähigkeiten und als Bedingung für innere und äußere Freiheit durch geistige Selbständigkeit und Urteilsvermögen. Ein solches Bildungsverständnis zielte darauf, generationenübergreifend ein „kulturelles Gedächtnis“ durch Lern- und Traditions- und Kommunikationsgemeinschaft („Bildungsbürgertum“) zu schaffen. Das zu erwerbende „Bildungswissen“ war klar konturiertes „kanonisches“ Wissen und primär auf einen geisteswissenschaftlichen Kulturbegriff bezogen, der sich an Antike, Bibel und Weimarer Klassik orientierte. Die lebensweltliche Entwicklung der Lernenden und Themen wie Politik, Ökonomie und Technologie standen dabei im Hintergrund.

Auf dem Weg zu einem neuen Bildungsverständnis

Der traditionelle Bildungsbegriff und das darauf aufgebaute Bildungssystem wurden erst ab Ende der 1950er Jahre durch Politik, Ökonomie und Pädagogik zunehmend infrage gestellt. Verstärkt wurde die Entwicklung durch die 68er-Bewegung, die zwar mit dem Versuch scheiterte, eine radikale Systemveränderung herbeizuführen, aber zum weiteren Abbau überkommener Bildungsvorstellungen und zu einer Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten für sozial benachteiligte Schichten der Bevölkerung beitrug. Neue Herausforderungen und Erwartungen kamen hinzu: sozialpolitische (Chancengleichheit, Chancengerechtigkeit, „soziale Gerechtigkeit“), wirtschaftspolitische (Bestehen im internationalen Wettbewerb, „Wissensgesellschaft“ und „Globalisierung“), arbeitsmarktpolitische (höhere Anforderung an Berufsfähigkeit), familienpolitische (Vereinbarkeit von Familie und Beruf), in den letzten Jahren verstärkt integrationspolitische (Migrantenintegration) und betriebswirtschaftliche (Effizienzsteigerung) Anforderungen führten zu einer erheblichen Verunsicherung im deutschen Bildungssystem und lösten vielfältige Reformen aus. Verstärkt durch die ebenfalls ökonomisch orientierten internationalen Bildungsvergleiche (PISA) ist seit den 1970er Jahren eine kontinuierliche Steigerung höherer Bildungsabschlüsse zu beobachten.

Allerdings führten die Veränderungen zu einer Absenkung der Leistungsanforderungen, sodass Experten befürchten, dass das deutsche Bildungssystem heute nicht den Vorstellungen genügt, die in einem Land erfüllt sein müssten, das global, kulturell und wirtschaftlich einen Spitzenplatz einnehmen will. Das Gymnasium, noch in den 1960er Jahren eine Eliteeinrichtung und nur auf „Studierfähigkeit“ ausgerichtet, ist heute mit etwa 33 %, in manchen Städten/Regionen mit über 50 %, die meistgewünschte Schulform; derzeit verfügen etwa 43% der Schulabgänger über eine Hochschulzugangsberechtigung. Ein anspruchsvoller Bildungsbegriff spielt, wie Umfragen zeigen, in der gesellschaftlichen Wertschätzung dagegen eine immer geringere Rolle, was zu Lasten der geisteswissenschaftlichen Disziplinen geht. An dessen Stelle tritt die möglichst rasche „Berufsfähigkeit“ („employability“): Nicht mehr der „Gebildete“ ist das Bildungsideal, sondern der mobile, flexible, rasch dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehende, möglichst junge Absolvent.

Problematisch bleibt allerdings, dass der Vermehrung höherer Abschlüsse eine „Risikogruppe“ von etwa 20% unserer Jugendlichen gegenübersteht, die über keinen Schul- bzw. Berufsabschluss verfügt. Zudem ist das Bildungssystem chronisch unterfinanziert. Forderungen nach einer besseren Finanzausstattung des Systems sind immer wieder in der Diskussion; die Erhebung von Studiengebühren ist politisch sehr umstritten

Grundzüge und Reform des deutschen Bildungssystems

Eine Schwierigkeit bei der Reform des Bildungssystems ergibt sich daraus, dass die Länder – und nicht der Bund – für Bildung und Erziehung zuständig sind, das bedeutet, dass eine Einigung zwischen den Ländern erforderlich ist. Die Reformbestrebungen werden über die Konferenz der Länderkultusminister abgestimmt. Die Bundesregierung hat darin nach der jüngsten Föderalismusreform nur noch geringe Befugnisse, dafür sucht die EU trotz nationaler Kulturhoheit immer größeren Einfluss auszuüben.

Zugunsten bildungsferner Schichten, besserer Migrantenintegration und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf werden derzeit der Bereich der frühkindlichen Bildung und die Ganztagsbetreuung aufgewertet. Zudem werden Vorschläge diskutiert, wie man den Sekundarbereich I (Klasse 5-10) auch mit Hinblick auf die demographische Entwicklung neu strukturieren kann: Die nach 1945 fortgeführte „begabungsorientierte“ Dreigliedrigkeit des Systems nach Hauptschule, Realschule, Gymnasium wurde nach 1968 durch integrierte Formen (Gesamtschule) ergänzt; mit der Wende 1990 entstanden in den neuen Ländern wiederum neue, kombinierte mittlere Schulformen. Eine deutsche Besonderheit ist ein komplexes berufliches Bildungswesen aus dualen Formen (eine Kombination aus Berufsschulen und Betriebsausbildung) und Vollzeitschulen. Diese Einrichtungen durchlaufen aktuell etwa 60% der Schulabgänger, die sich hier auf eine breite Palette von Berufen vorbereiten können. Neben den staatlichen Bildungssektor treten im Schulbereich neben den Kirchen in steigendem Maße auch kommerzielle private Bildungsträger in Erscheinung; im Hochschulbereich ist ihr Anteil aber noch sehr gering. Zugunsten früherer Berufsfähigkeit wurde das Gymnasium von 9 auf 8 Jahre verkürzt und das Hochschulsystem (Fachhochschulen mit angewandter Forschung, Universitäten mit Promotions- und Habilitationsrecht, duale Formen) auf Bachelor (3 Jahre) und Master (2 Jahre) Studiengänge umgestellt (Bologna-Prozess).

Die Defizite dieser Entwicklung werden inzwischen deutlich: vor allem wird der Bolognaprozess zunehmend kritisch gesehen. Es gibt daher vielfältige Versuche gegenzusteuern: Exzellenzinitiativen, Verbesserung der Leitungs- und Besoldungsstruktur, Steigerung des Stellenwertes und des Ansehens des Lehrpersonals in der Gesellschaft. Doch die Dominanz ökonomischen Denkens, die all diesen Bildungsreformen zugrundeliegt, birgt die Gefahr, dass Persönlichkeits- und Charakterbildung und die Vermittlung gemeinwohlbezogener Werteinstellungen zugunsten rasch verwertbaren Wissens aus dem Blick gerät.

Jörg-Dieter Gauger

Weiterführende Literatur

  • Gauger, Jörg-Dieter (Hg.): Bildung der Persönlichkeit, Freiburg 2006.
  • Giesecke, Hermann: Pädagogik – quo vadis? Ein Essay über Bildung im Kapitalismus, Weinheim/München 2009.
  • Köcher, Renate: Gleichmut im Umgang mit einem Schicksalsthema, in: FAZ 20.08.2003.
  • Kraus, Josef: Ist die Bildung noch zu retten?, München 2009.
  • Schlüter, Andreas/Strohschneider, Peter (Hg.): Bildung? Bildung! 26 Thesen zur Bildung als Herausforderung im 21. Jahrhundert, Berlin 2009.