Das Bildungswesen in Italien beruht auf der Grundlage der Verfassung, die allgemeine Regeln zum Bildungs- bzw. Ausbildungsrecht und zu den entsprechenden Pflichten vorschreibt. Dementsprechend fördert die Republik die lebenslange Bildung und gewährt allen gleiche Chancen zur Erreichung der höheren Bildungsstufen und zur Entwicklung ihrer persönlichen Fähigkeiten.

Das Bildungs- bzw. Ausbildungsmodell ist gegenwärtig darauf ausgerichtet, mit den europäischen Richtlinien in Übereinstimmung zu gelangen, die auch andere Bildungssysteme der Mitgliedstaaten der EU kennzeichnen: die Aneignung von wesentlichen Fähigkeiten für das weiterbildende Lernen gemäß der Europäischen Empfehlung von 2006 (mutter- und fremdsprachliche Kommunikation, Fähigkeiten in Bereichen der Mathematik, der Forschung und Technologie, digitale Kompetenz, Lernfähigkeit, interpersonelle und intrastrukturelle soziale Fähigkeiten, Bürgersinn, Unternehmergeist, kulturelle Ausdrucksfähigkeiten). Eine dem europäischen Standard entsprechende Ausbildung besteht in einem Wissensgrad, der die Nutzung aller bestehenden Chancen des Zugangs zum aktiven Leben und zur Arbeit gestattet.

Wahlmöglichkeiten

Schulpflicht besteht nach dem freien Besuch des Kindergartens (vom dritten bis zum fünften Lebensjahr) für den Besuch der Grundschule (Dauer: fünf Jahre) und der Unterstufe der Sekundarschule (Dauer: drei Jahre). Danach bezieht sich die Wahl auf ein weitgefächertes Angebot: Gymnasium (humanistisches, Real-, musisches, humanwissenschaftliches Gymnasium), Realschulen (mit unterschiedlicher Ausrichtung) und Berufsfachsschulen. Realschulen und Berufsfachsschulen stehen in engerer Verbindung zur wirtschaftlichen und produktiven Welt des Landes.

Der Kindergartenbesuch ist nicht verpflichtend, doch wird auf Antrag den Familien eine entsprechende Möglichkeit angeboten. Aufgrund eines Gesetzes vom September 2008 (Nr. 137) können Kinder im Alter von sechs Jahren zum Grundschulbesuch zugelassen werden. Der Einzellehrer ist inzwischen wieder an die Stelle des früheren Lehrerkollegiums getreten. Der weitere Schulbesuch an der Unterstufe der Sekundarschule kann sich als Ganztagsschule gestalten.

Die Bildungsmöglichkeit wird auch Schülern gewährt, die Problemfälle darstellen oder behindert sind. Multikulturelle Klassen werden zudem immer häufiger. Die Politik der gegenwärtigen Regierung ist auf eine Verringerung des übermäßigen Spezialisierungsangebots an Gymnasien, Real- und Fachschulen ausgerichtet. Unter der Maßgabe des lebenslangen Lernens wird die Erwachsenenbildung begünstigt. Wer seinen Bildungsweg ohne Hochschulbesuch fortzusetzen gedenkt, dem stehen Weiterbildungskurse oder höhere Fachausbildungskurse offen.

Die Regierung ist zudem darum bemüht, eine engere Verbindung zwischen Bildung und wirtschaftlicher bzw. gesellschaftlicher Wirklichkeit in jenen Gebieten herzustellen, in denen Hochschulen angesiedelt sind. Wie in Deutschland hat dies in gewissen Fällen eine Abhängigkeit der Schulen von den Erfordernissen des Arbeitsmarkts zur Folge.

Selbstverwaltung und Dezentralisierung

Aufgrund der verfassungsmäßigen Bestimmungen und der vom Parlament verabschiedeten Gesetze fand ein Übergang von Zuständigkeiten von der zentralen Regierung auf die Regionen und auch auf die einzelnen Bildungseinrichtungen statt. Die Regionen sind nunmehr für die Berufsausbildung, die Studienunterstützung und das Recht auf Bildung zuständig sowie in Sachen der Einrichtung, Öffnung und Schließung von Schuleinrichtungen. Diesen wurde eine Selbstverwaltung zugestanden, die sich auf die Finanzierung, die schulinterne Regelung und die Lehre erstreckt, und zwar unter Berücksichtigung der allgemeinen, von der zentralen Regierung erlassenen, bildungspolitischen Richtlinien. Die Organisation und Leitung der schulischen Einrichtung untersteht dem Schulleiter. Seine Zuständigkeiten müssen sich an den Gutachten oder Entscheidungen der Beiräte (Lehrerbeirat, Elternbeirat) richten.

Die italienische Selbstverwaltung entspricht nicht ganz der in Deutschland geltenden, wo die Zuständigkeit über das Schulwesen ganz den Ländern zugeordnet ist, die ihrerseits gemeinsamen Regeln hinsichtlich der Dauer der Schulpflicht, der Bewertungsmethode, der Organisationsform der schulischen Einrichtungen usw. unterstehen.

Leistungsbewertung

Die Leistungsbewertung erfolgt im vierzehnten Lebensjahr durch eine schriftliche und mündliche Prüfung und nach dem Abschluss der Oberstufe der Sekundarschule im neunzehnten Lebensjahr. Letzterer Abschluss entspricht dem deutschen Abitur. Die entsprechende Prüfung umfasst drei schriftliche Arbeiten und eine mündliche Prüfung. Derzeit ist in Italien die Einführung einer externen Prüfungsart im Gange, für die eine nationale Stelle zuständig sein wird.

Lehrerausbildung

Auch die Ausbildung des Lehrpersonals unterliegt derzeit einer Überprüfung. Bis heute erfolgt sie an den Hochschulen, doch werden Maßnahmen diskutiert, die die Lehrbefähigung an weitere Qualitätsstandards binden sollen (u. a. auch durch ein Praktikum an Lehreinrichtungen). Grundschullehrer müssen ein fünfjähriges Studium absolvieren, Sekundarschullehrer ein sechsjähriges. Das Praktikum soll für Erzieher und Grundschullehrer während des Studiums erfolgen, für Sekundarschullehrer nach dem Hochschulabschluss teilweise an der Hochschule und teilweise an schulischen Einrichtungen mit einer als Lehrbefähigung gültigen Abschlussprüfung.

Hochschulwesen

Die Hochschulordnung entspricht mehr oder weniger der in anderen Mitgliedsländern der EU bestehenden. Das Studium gliedert sich zweistufig: der erste Abschluss der dreijährigen Stufe ist Voraussetzung für die Zulassung zur zweijährigen oberen Stufe (laurea magistrale oder specialistica). Anschließend besteht die Möglichkeit eines Doktoratstudiums.

In Italien gibt es ungefähr 100 Universitäten; davon sind zehn Prozent freie Universitäten, die jedoch vom Staat anerkannt sind und deren Titel gleichwertig sind mit dem der öffentlichen Universitäten. Das Hochschulstudium ist nicht gebührenfrei; für Studenten aus einkommensschwachen Familien gibt es jedoch Stipendien und Unterkunftsbeihilfen.

Auch für Universitäten gilt das verfassungsmäßig anerkannte Prinzip der Selbstverwaltung. Ihre Geldmittel stammen jedoch nicht nur aus Studiengebühren, sondern auch aus öffentlichen Finanzierungsmitteln, deren Ausmaß auch aufgrund der ausgewiesenen Ergebnisse bemessen wird.

Probleme

Außer der chronischen Finanznot (gegenwärtig beträgt der Aufwand für Bildung 4,6% des BIP) harren noch weitere Probleme einer endgültigen, zufriedenstellenden Lösung: die Studienorientierung bzw. -beratung, eine übermäßige Verstreuung der schulischen Einrichtungen in einigen Gebietsteilen, der unzureichende Anteil der Abschlüsse an Sekundar- und Hochschulen, die ungenügende Qualität der Bildungsinhalte, jetzt auch die Einbeziehung der zunehmenden Anzahl an ausländischen Schülern.

Antonio Augenti

Weiterführende Literatur:

  • Augenti, A. u. a.: Lo spazio europeo dell’educazione, Rom 2005.
  • Augenti, Antonio/ Amatucci, Luciano: Le organizzazioni internazionali e le politiche educative, Rom 1998.
  • Bocca, Giorgio: Istruzione, formazione e cultura. Una politica della Comunità Europea per l’educazione, Mailand 1995.
  • Bombardelli, Olga: Formazione in dimensione europea e interculturale, Brescia 1997.
  • Vanniscotte, F.: L’Europa dell’educazione, Brescia 1994.