Elite

Es sind nicht die Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen, die besondere Aufmerksamkeit finden, sondern die Gegensätze und Widersprüche. Es ist nicht die Gleichförmigkeit, sondern das Unterschiedliche, was einer offenen Gesellschaft Farbe und Kontur verleiht. In einer Demokratie ist es nicht die Masse der Bürger, sondern der Citoyen, der politisch denkende und handelnde Bürger, der ihr Profil bestimmt. Verkürzt ließe sich formulieren: Nicht die Masse, sondern die Elite weist der Gesellschaft den Weg in die Zukunft.

Die Demokratie lebt nicht von der Übereinstimmung der Meinungen, sondern davon, dass unterschiedliche Auffassungen und Gegensätze produktiv gemacht werden können. Eine Gesellschaft ohne Unterschiede, eine homogene Gesellschaft, gibt es nicht. Dort, wo sie postuliert wird, sind in der Regel Ideologien am Werk und Diktaturen auf dem Vormarsch oder schon da. Demokratische Gesellschaften gehen stets davon aus, dass zwischen den Menschen Unterschiede existieren. Diese Unterschiede zu achten, aber auch zu zivilisieren und zu kultivieren, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Demokratie.

Eliten als Ingrediens der Demokratie

Diktaturen gehen von einer egalitären Gesellschaftsform aus, Demokratien von einer pluralistischen. Dennoch kommt man an der Tatsache nicht vorbei, dass in beiden Gesellschaftsformen Menschen an der Spitze stehen, die die Zukunft eines Landes, sei es in der Regierung, in der Wirtschaft, in den Medien oder in anderen zentralen Bereichen des öffentlichen Lebens, gestalten. Der fundamentale Unterschied besteht darin, dass die Eliten in der Diktatur ihre Macht nicht legitimieren müssen und nur durch politische Umstürze verlieren können. In Demokratien wird den Eliten Macht nur auf Zeit verliehen. Sie kann ihnen im Rahmen eines demokratischen Prozesses aus politischen oder anderen für die Gesellschaft wichtigen Fragen entzogen werden.

Gleichgültig auf welchem Wege Eliten an die Macht gekommen sind und wie sie ihrer Aufgabe gerecht werden, es lohnt sich in jedem Fall, über sie zu sprechen, entweder, um selbsternannte Eliten, wie sie in Diktaturen herrschen, zu verhindern, oder gewählte Eliten zu kontrollieren und ggf. abzuwählen, wenn sie das in sie gesetzte Vertrauen missbrauchen. Auch wenn totalitäre Gesellschaftsordnungen von sich behaupten, dass zwischen ihren Eliten und dem von ihnen beherrschten Volk völlige Übereinstimmung herrsche, bestehen nicht zwischen Demokratie und Elite - wie zu lesen ist - die tatsächlichen Gegensätze, sondern zwischen der Diktatur und der Elite, denn in einem Fall will sie die Widersprüche in der Gesellschaft egalisieren, im anderen produktiv machen.

Begabung und Bildung

Mit dem Begriff der Elite aufs Engste verbunden ist der Begriff der ‚Begabung’. Während bei der Elite Sprachtraditionen wie Auserlesenheit, das Beste und Vornehmste mitschwingen, geht es bei der Begabung vor allem darum, sie nicht als etwas Erworbenes sondern als etwas Empfangenes zu betrachten. Zweifellos kann der Mensch seine Begabungen weiterentwickeln und zur Exzellenz führen. Dies ändert aber nichts daran, dass er diese besonderen Fähigkeiten zunächst einmal ohne eigenes Zutun vorgefunden und erfahren hat. Auch wenn dies häufig in Vergessenheit gerät und der Einzelne sich mit seinen besonderen Fähigkeiten gerne öffentlich inszeniert, so leitet sich dennoch aus dem der Elite zugrunde liegenden Begabungsbegriff zu allererst eine öffentliche Verpflichtung ab.

Anders als in Frankreich, Großbritannien, den USA oder Japan hat in Deutschland im 20. Jahrhundert weder vor noch nach dem Zweiten Weltkrieg eine systematische und nachhaltige Elitebildung von der Schule über die Universität bis in die Spitzenposition der Politik, der Wirtschaft, der Medien und staatlichen Institutionen hinein stattgefunden. Eine gewisse Ausnahme bildete in diesem Zusammenhang der diplomatische und militärische Dienst. Er begünstigte Karrieren aus adligen und großbürgerlichen Familien, ohne dass sie anderen sozialen Gruppen von vornherein völlig verschlossen blieben. Diese aus dem wilhelminischen Kaiserreich herrührende Tradition hat sich jedoch in der Bundesrepublik Deutschland und dem wiedervereinigten Deutschland überlebt.

In Deutschland galten der Begriff der Elite und das Bekenntnis zur Elitenbildung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges politisch weder als erwünscht noch als korrekt. Vor dem Hintergrund des Versagens der Eliten im Wilhelminischen Reich, in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus galt die Elite als entehrt. Elite und Elitenbildung wurden deshalb im öffentlichen Diskurs vermieden. In den 1960er und 1970er Jahren war es geradezu verpönt, darüber zu sprechen.

Wissensförderung

Erst Mitte der 1990er Jahre kam es zu einer Renaissance des Elitebewusstseins und der Elitenbildung. Ausgelöst wurde sie durch die digitale Revolution und die Erkenntnis, dass sich mit der Globalisierung der internationale Wettbewerb weiter verschärfte. Gerade die Bundesrepublik Deutschland als rohstoffarmes Land mit einer auf technologische Innovation und Export ausgerichteten Wirtschaft sah sich dadurch vor der Herausforderung, seine führende Stellung in der Welt als Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort zu sichern. So kam es zum Aufbau neuer, vom Staat geförderter Exzellenzzentren und Graduiertenkollegs an den Hochschulen sowie zur Auswahl von 9 Eliteuniversitäten, die durch ihre wissenschaftlichen Leistungen und institutionellen Ausstattungen besonders zu überzeugen wussten. Diese Exzellenzförderung des Bundes wurde durch eine verstärkte Biographieförderung unter dem akademischen Nachwuchs ergänzt. Sie eröffnete einem Prozent des akademischen Jahrgangs die Möglichkeit einer besonderen Förderung durch eines der 11 Begabtenförderungswerke, die mit zusätzlichen Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ausgestattet worden sind. Der Staat reagierte damit gezielt auf die internationalen Herausforderungen.

Bereits 1925 hatte er mit der Gründung der Studienstiftung des deutschen Volkes eine öffentlich-rechtliche eigene Eliteförderung eingerichtet. Sie wurde nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Pervertierung des Elitenbegriffs durch den Nationalsozialismus nach dem Zweiten Weltkrieg durch eine vom Staat geförderte, aber von verschiedenen gesellschaftlichen Kräften in Deutschland betriebene Begabtenförderung als zweite Säule ergänzt. Ganz bewusst wurde der zur weltanschaulichen Neutralität verpflichteten „staatlichen“ Begabtenförderung ein wertgebundenes Konzept zur Seite gestellt. Es spiegelt das pluralistische Spektrum der in Deutschland vorhandenen weltanschaulichen, politischen, wirtschafts- oder gesellschaftsorientierten und konfessionellen Kräfte wider.

Das System der Begabtenförderung in Deutschland versucht nicht Funktionseliten herauszubilden, die sich aus den Notenbesten zusammensetzen. Elitebildung sollte stets auch Werte- und Verantwortungsbildung einschließen. Leistungseliten, die sich als Funktionseliten definieren, gefährden das Gemeinwohl, weil es nicht im Mittelpunkt ihres Denkens und Handels steht. Ihnen geht es vor allem darum, erfolgreich zu sein. Inwieweit der persönliche Erfolg auch von allgemeinem Nutzen sein kann, gerät bei einer solchen Betrachtung allzu schnell aus dem Blickfeld. Um dies zu verhindern, sollte sich Elitebildung stets auch zur Gemeinschafts- und Charakterbildung bekennen. Denn es sind gerade diese beiden Merkmale, die darüber entscheiden, ob die Elite sich durch die Ausprägung eines elitären Bewusstseins als kleine soziale Gruppe eine Sonderstellung in der Gesellschaft verschafft, oder ob es ihr primäres Anliegen ist, der Gesellschaft, die sie ausgebildet und gefördert hat, zu dienen.

Günther Rüther

Weiterführende Literatur

  • Bürklin, Wilhelm: Die Potsdamer Elitestudie von 1995: Problemstellungen und wissenschaftliches Programm, in: Bürklin, Wilhelm/Rebenstorf, Hilke u.a.: Eliten in Deutschland. Rekrutierung und Integration, Opladen 1997.
  • Dreitzel, Hans P.: Elitebegriff und Sozialstruktur. Eine soziologische Begriffsanalyse, Stuttgart 1962.
  • Gabriel, Oscar W./Neuss, Beate /Rüther, Günther (Hg.): Eliten in Deutschland. Bedeutung - Macht – Verantwortung. Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Band 506, Bonn 2006.
  • Gushurst, Klaus-Peter/Vogelsang, Gregor: Die neue Elite. Deutschlands Weg zurück an die Spitze, Weinheim 2006.
  • Kaina, Viktoria: Elitenvertrauen und Demokratie. Zur Akzeptanz gesellschaftlicher Führungskräfte im vereinten Deutschland, Wiesbaden 2002.

Teilen