Erinnerungskultur

Der Erinnerungskultur wird in Deutschland eine außerordentliche Bedeutung zugemessen. Nach dem Erleben zweier Weltkriege, zweier Diktaturen und der deutschen Teilung ist dies nicht verwunderlich. Im Ausland mag es gelegentlich als übertrieben wahrgenommen werden, doch Erinnern gehört geradezu zu den „Gründungsmythen“ Nachkriegsdeutschlands.

In kaum einem anderen europäischen Land hat die Erinnerungskultur so starke interdisziplinäre Synergien und so große Medienwirkungen wie in der Bundesrepublik. Dadurch gewinnt die deutsche Erinnerungskultur in der Kulturwissenschaft und in der Politik Vorbildcharakter für Europa. Eine maßgebliche Rolle spielt der Erinnerungsboom in der deutschen Architektur (Museen, Gedenkstätten), der deutschsprachigen Literatur (Familien- und Generationenromane, Autobiographien, Dokufiktionen) und im deutschen Film (über das „Dritte Reich“, den NS-Widerstand, die DDR). Dem korrespondiert das große Interesse ausländischer Regisseure (Steven Spielberg) und Schriftsteller (Jonathan Littell) an deutschen Erinnerungsthemen.

Definition

Die Erinnerungskultur ist ein kollektiv geteiltes Wissen „über die Vergangenheit, auf das eine Gruppe ihr Bewusstsein von Einheit und Eigenart stützt“; sie liefert den „jeder Gesellschaft und jeder Epoche eigentümlichen Bestand an Wiedergebrauchs-Texten, -Bildern und -Riten , in deren ,Pflege’ sich ihr Selbstbild stabilisiert.“ (J. Assmann) Sie ist „Geschichte im Gedächtnis“ der Gegenwart (A. Assmann).

Was wird erinnert?

Das kollektive Wissensarchiv des 20. Jahrhunderts umfasst die Erinnerung an Weltkrieg und Holocaust, an Flucht und Vertreibung, an die deutschen und europäischen Diktaturen in Europa, an die jüngsten Kriege auf dem Balkan und im Kosovo. Besonders große Aufmerksamkeit erfahren die Wiederentdeckung der Luftkriegs-Literatur (W.G. Sebald), die Holocaust-Erinnerungen (Ruth Klüger), die Stasi-Debatte (im Film Das Leben der anderen, 2006) und die deutschsprachige Migrantenliteratur (Marica Bodrožić, Terézia Mora). Die italienische Resistenza findet dagegen bisher kaum Aufmerksamkeit. Mit der Aufarbeitung der gemeinsamen Kriegsvergangenheit beschäftigt sich aber seit Anfang 2009 eine deutsch-italienische Historikerkommission. Erinnert werden jedoch nicht nur Verbrechen, die von Deutschen begangen wurden, sondern auch Momente der Freude, wie etwa die Wiedervereinigung des Landes.

Der einschneidende Wandel des kulturellen Gedächtnisses zeigt sich darin, dass das normative und zensurbestimmte Konzept der „Bewältigung“ und „Aufarbeitung der Vergangenheit“ (Theodor W. Adorno) abgelöst wird von einer kritischen Reflexion und pluralistischen Weitererzählung der deutschen Geschichte, auch mit den Mitteln der Fiktion. Neu justiert werden dabei die Funktion von Täter- und Opfergedächtnis, das Verhältnis von privater und öffentlicher Erinnerung, die Differenz zwischen Erklären und Verstehen, die Relation von Verschweigen und „kumulativer Heroisierung“ (vgl. Harald Welzers Studie Opa war kein Nazi), die Bedeutung von Familien- und Generationsnarrativen.

Wer erinnert sich?

Zur Dynamisierung der deutschen Erinnerungskultur gehört die Gleichzeitigkeit von primären und sekundären Zeitzeugnissen. Während Zeitzeugen der Kriegsgeneration im Abstand von 50 und mehr Jahren ihre Erinnerungen aufschreiben (Günter Grass, Victor Klemperer, Martin Walser), begeben sich die nach 1940 Geborenen auf die Spurensuche nach eigenen Familiengeschichten (Julia Franck, Christoph Hein, Uwe Timm). Ihnen geht es nicht darum zu verstehen, wie es eigentlich gewesen ist, sondern darum, aus der Erinnerung – der eigenen und der fremden – zu lernen. Die nach 1970 geborenen Autoren und Regisseure gehen relativ frei mit Erinnerungen um, ersetzen fehlende Fakten durch Fiktionen, verschlüsseln historische Figuren und konstruieren dadurch neue Geschichtskontexte. Es ist bislang kein historiographisches Werk, sondern ein Werk der Fiktion, Uwe Tellkamps mehrfach ausgezeichneter Dresden-Roman Der Turm (2008), der ein hochdifferenziertes Bild vom Ende der DDR entworfen hat.

Wie und wann wird erinnert?

Der symbolische Wandel der deutschen Erinnerungskultur zeigt sich in der Einstellung der Bevölkerung zu ihrer Geschichte. Einer Forsa-Umfrage zufolge sah noch im Jahr 2007 jeder vierte Deutsche gute Seiten in der NS-Geschichte (1947 war es mehr als jeder zweite). Eine Emnid-Umfrage (2009) hat ergeben, dass jeder zweite Ostdeutsche überwiegend gute Erinnerungen an die DDR hat (während im Westen 78% die schlechten Seiten der DDR sehen). Dieses Phänomen der „Ostalgie“, der Sehnsucht nach einer DDR, wie sie hätte sein können, aber niemals war, schlägt sich teilweise auch in Literatur und Film nieder (z.B. in Thomas Brussigs Roman „Helden wie wir“, 1995, und Leander Haußmanns Film „Good Bye, Lenin!“, 2003).

Weil die Zeitzeugengeneration im 21. Jahrhundert unweigerlich ausstirbt, bedarf die Erinnerungskultur neuer Träger, Formen und Medien. Hier liegt, mit wachsendem zeitlichem Abstand zu dem Erinnerten, die Chance der Imagination. Historische Dokumente, Erzählungen der Eltern oder Großeltern, Wissensvorräte aus der Schule werden in vielen Büchern und Filmen mit Fiktion angereichert. Schüler lernen Geschichte nicht mehr nur aus historischen Zeitdokumenten, vielmehr aus literarischen und filmischen Geschichten. Deshalb haben es sich einige deutsche Institutionen zum Ziel gesetzt, Kompetenzen im Umgang mit den Erinnerungsmedien zu vermitteln, gerade auch in Lernmilieus mit starkem Migrationshintergrund. Das online-Dossier „Geschichte und Erinnerung“ der Bundeszentrale für politische Bildung stellt dazu entsprechende Informationen und Arbeitsmaterialien bereit. Die Wissensplattform „DDR – Mythos und Wirklichkeit“ auf der Homepage der Konrad-Adenauer-Stiftung untersucht die Gründungsmythen der DDR und stellt Unterrichtsmaterialien vor. So kann verhindert werden, dass – Umfragen zufolge – einige Schulkinder immer noch den früheren SED-Chef Walter Ulbricht für einen oppositionellen Liedermacher halten.

Ein Beispiel produktiver Geschichtsvermittlung ist Denis Gansels Film Die Welle, den zwei Wochen seit seinem Kinostart im Frühjahr 2008 eine Million Zuschauer sahen. Der Film aktualisiert ein realhistorisches Unterrichtsexperiment über die Entstehung des (deutschen) Faschismus im multikulturellen Milieu einer deutschen Kleinstadtschule. Mit Vorsicht zu genießen ist hingegen die Geschichtsdarstellung in Bernhard Schlinks Bestseller Der Vorleser (1995, 2008 verfilmt), der eine beliebte Schullektüre ist (allein 9 Verlage bieten Unterrichtshilfen an). Die Erzählung von der analphabetischen Täterin und ihrem unschuldigen Mitwisser ist nicht frei vom Risiko des Holocaust-Kitschs, der die Erinnerung sentimentalisiert und instrumentalisiert.

Wo wird erinnert?

Gesellschaftliche Identität und europäisches Bewusstsein stiften die Erinnerungen vor allem an Orten, an denen sie lebendig gehalten und immer wieder interpretiert werden. Vor allem in der Hauptstadt Berlin mit ihrer wechselvollen Geschichte zeigt sich, welche Bedeutung die politische Pflege der Erinnerungskultur hat. Holocaust-Denkmal, Jüdisches Museum, die Gedenkstätte Plötzensee, das Museumhaus am Checkpoint Charlie sind häufig besuchte deutsche Gedächtnisorte. Wichtige Jahres- und Gedenktage sind keinesfalls nur institutioneller Rahmen für politische Rituale, sondern Grund für inhaltliche, geschichtspolitische Positionsbestimmungen im nationalen und europäischen Selbstverständnis. Die Notwendigkeit dieser erinnerungspolitischen Selbstvergewisserung betont das Motto des fünften Kulturpolitischen Bundeskongresses in Berlin: „kultur. macht. geschichte - geschichte. macht. Kultur“ (2009).

Ein Beispiel für den Wandel im Umgang mit deutschen Erinnerungsorten ist das Berliner Stadtschloss. 1443 gegründet, 1950 abgerissen, seit 2006 im Wiederaufbau, steht es für die lange Geschichte und Identität Deutschlands, die auch die preußische Tradition mit ihrem humanistischen, nicht aber militanten Image einschließt. Zugleich überschreibt das Stadtschloss, das auf dem Platz des 1976 eingeweihten, 2006 abgerissenen „Palasts der Republik“ wiederersteht, die kurze Geschichte der DDR und ihre Erinnerungskultur. Mit Architektur, Film und Literatur tritt Deutschland in einen symbolischen Wettbewerb um das Deutungsmonopol über die Erinnerung („German Memory Contests“), deren Zukunft offen ist.

Michael Braun

Weiterführende Literatur

  • Aggazi, Elena: Erinnerte und rekonstruierte Geschichte. Drei Generationen deutscher Schriftsteller und die Fragen der Vergangenheit. Aus dem Italienischen von Gunhild Schneider und Holm Steinert, Göttingen 2005.
  • Agazzi, Elena: Fortunati, Vita (Hg.): Memoria e saperi. Percorsi transdisciplinari, Rom 2007.
  • Assmann, Aleida: Geschichte im Gedächtnis, München 2007.
  • Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis, München 1992.
  • Fischer, Torben/Lorenz, Matthias N. (Hg.): Lexikon der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus in Deutschland, Berlin 2007.
  • François, Etienne/Schulze, Hagen (Hg.): Deutsche Erinnerungsorte. 3 Bde, München 2001ff.
  • Fuchs, Anne (Hg.): German memory Contests. The Quest for Identity in Literature, Film, and Discourse since 1989, Rochester, NY 2006.
  • Grass, Günter/Milosz, Czeslaw/Szymborska, Wislawa: Die Zukunft der Erinnerung., in: Martin Wälde (Hg), Göttingen 2001.
  • Gstrein, Norbert: Wem gehört eine Geschichte?, Frankfurt a. M. 2005.
  • Lammert, Norbert: Zwischenrufe. Politische Reden über Geschichte und Kultur, Demokratie und Religion, Berlin 2008.
  • Welzer, Harald u.a.: Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Frankfurt a. M. 2002

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