Europagedanke

„Europa war immer mehr eine Idee als ein Kontinent“, behauptet Michael Stürmer (2001: 7) und Richard Coudenhove-Kalergi pflegte nach Aussagen seiner langjährigen Privatsekretärin Hanne Dészy zu sagen: „Die Idee ist alles, der Rest Sache von Technikern“ (2001: 24).

Die Idee von Europa als einer „großen geistigen Gemeinschaft“ (Voltaire) ist, ebenso wie der auf dieser Europa-Idee gründende (und mittlerweile teilweise realisierte) Wunsch nach Europas politischer Einigung, ein Traum. Ein Traum, der Jahrhunderte alt und in allen historischen Epochen lebendig geblieben ist und von den – vornehmlich geistigen – Eliten nahezu aller europäischer Staaten geträumt wurde. Allerdings fand die Vision von einem geeinten oder vereinigten Europa zu keinem Zeitpunkt in der europäischen Geschichte und überall nur Zustimmung. „Europa“, so S. Fischer-Fabian, „dieses Wort ist zu einem Reizwort geworden, zu einem Begriff, der sofort polarisiert, der Gegner und Befürworter auf den Plan ruft. Jedenfalls ist aus dem anfänglichen Europa-Enthusiasmus eine Europa-Ernüchterung geworden“ (Fischer-Fabian 1999).

Auch die europäische Integration selbst ist in ihrer mittlerweile fast sechzigjährigen Geschichte nie, nicht einmal in den Anfangsjahren des Einigungsprozesses, ein Unterfangen gewesen, das nicht gleichzeitig hinterfragt und in Frage gestellt wurde, im Gegenteil: „Die Geschichte Europas ist zu keiner Generation bloß unter dem Gesichtspunkt des Prinzips der Einheit zu verstehen gewesen“, meint Werner Weidenfeld, „einer Einheit die in keiner Epoche wirklich bestand. Zu jeder Epoche waren auch Gegensätzlichkeiten am Werk. Die Geschichte Europas stellt sich von ihren Anfängen bis heute letztlich als ein dialektischer Konflikt zwischen zwei Grundtendenzen dar: zwischen dem Gegeneinander der Nationen, Kulturen und Weltanschauungen und ihrem europäischen Zusammenhang, zwischen der Differenzierung und der Vereinheitlichung“ (1987: 18).

Europa ist demnach immer schon ein intellektuelles Problem gewesen, das anregte Diskussionen geradezu heraufbeschworen hat. Seit dem 15. Jahrhundert, genauer gesagt seit Enea Silvio Piccolominis „Frankfurter Türkenrede“ von 1453, wird über Europa, insbesondere über die Einigung Europas, heftig und leidenschaftlich diskutiert, theoretisiert und polemisiert. Erstaunlich und erfreulich ist dabei die Tatsache, dass sich nicht nur Politiker, sondern auch und vor allem die Vertreter der scientific community sowie die Intellektuellen, allen voran Philosophen und Schriftsteller, an dieser Diskussion beteiligten. „Für die Intellektuellen ist Europa ein kultureller Raum“, behauptet Karl Schmid (1966: 37). Tatsächlich ist Europa seit über tausend Jahren ein höchst facettenreiches Ideal, das die Intellektuellen immer wieder in seinen Bann gezogen hat. Vor allem in politisch unsicheren oder turbulenten Zeiten haben sie sich an dieses für sie erstrebenswerte Ideal geklammert und es in vielen Schriften gewürdigt, ohne dass es ihnen jemals gelungen wäre, es definitorisch klar zu umreißen.

So konkretisierten sich die anfänglich spekulativen Pläne zur Einigung Europas erst in der politischen Diskussion nach dem Ersten Weltkrieg (Coudenhove-Kalergis Pan-Europa, Briand-Stresemann-Plan usw.). Die europäische Idee avancierte also erst zum politischen Programm, als Europa – bedingt durch den Ersten Weltkrieg und die „Einmischung“ der USA in die Weltpolitik – seine über viele Jahrhunderte lang gehaltene Position als geistiger, kultureller und politischer Mittelpunkt der Welt definitiv eingebüßt hatte.

Den endgültigen Durchbruch zum politischen Projekt schaffte die europäische Idee jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Damit aus einer Jahrhunderte alten Idee zu Beginn der fünfziger Jahre eine realpolitische Tatsache werden konnte, bedurfte es, nach Meinung des französischen Historikers Jean-Baptiste Duroselle, neben einer Reihe von glücklichen historischen Umständen, vor allem der Anwesenheit von Gründern bzw. Gründervätern und der Tatsache, dass die Idee zu einem integralen Bestandteil des kollektiven Bewusstseins wurde - also der zeitlichen Koinzidenz von drei Faktoren, die in der Konstellation vorher noch nicht aufgetreten waren (1965: 322).

Doch auch nachdem europäische Einigung nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem politischen Projekt avanciert war, hat es – gerade unter den Intellektuellen – auch immer wieder Kritiker gegeben, die entweder die Existenz der europäischen Idee geleugnet oder aber ihre Idealisierung als poetische Chimäre abgetan haben. So hat beispielsweise Dolf Sternberger einmal behauptet: „Nein, eine Idee, die Europa hieße, die gibt es nicht“ (1980: 237). Ähnliches hatte vor ihm schon Heinrich Mann propagiert, der das übernationale Gemeinschaftsgefühl der Europäer als eine Erfindung der Dichter abtat. In die gleiche Richtung argumentierte später auch Karl Schmid: „Die Tatsache, dass der Wirtschaftssachverständige und der ästhetisch bestimmte Intellektuelle heute in der Auffassung übereinstimmen, dass der Zusammenschluss Europas ‚auf der Hand liege‘ und ‚gegeben‘ sei, beruht in keiner Weise auf ähnlicher Interpretation eines in seiner Totalität wahrgenommen Sachverhalts, sondern ist ein barer Zufall.“ Und er fügt hinzu, „dass es eine andere Weise ästhetisch-geistigen Verständnisses von Europa gibt, für welche europäische Vereinigung etwas schlechthin Undenkbares und geradezu Wider-Europäisches darstellt“ (1966: 38f.).

Sicher wollen wir hier nicht abstreiten, dass die Idee bzw. die Idealvorstellung von Europa eine Konstruktion des menschlichen Geistes ist. Nichtsdestotrotz ist die sogenannte „Europa-Idee“ ein fester, integraler Bestandteil, um nicht zu sagen: ein konstitutives Element der geistigen Auseinandersetzung mit Europa, die – vermutlich unbeabsichtigt – von Enea Silvio Piccolomini im Herbst des Mittelalters initiiert und in den darauf folgenden Jahrhunderten hauptsächlich von den intellektuellen und politischen Eliten weitergeführt wurde; eine Auseinandersetzung, die bis heute ebenso hochaktuell wie esoterisch-elitär geblieben ist und unter der recht vagen Bezeichnung „Europa-Debatte“ firmiert. Fernand Braudel bezeichnet Europa deshalb mit Recht als „ein Jahrtausende altes und zugleich unabgeschlossenes Wagnis“ (1989: 12).

Das Nachdenken über Europa hat in Europa also eine lange Tradition - von Aristoteles bis Attali, von Herodot bis Vaclav Havel. Das Reflektieren und Nachsinnen über Europas Wesen gehört, wie Werner Weidenfeld sagt, zu den „kennzeichnenden Grundelementen des geistigen Lebens in Europa“ (1985: 9). Umso erstaunlicher ist es, dass die Entstehung und Entwicklung des Europa-Gedankens bzw. der Europa-Idee und auch die damit eng verknüpfte Genese des europäischen Bewusstseins - von wenigen Ausnahmen abgesehen - erst kurz vor bzw. erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in der historischen, ideengeschichtlichen, kultur- und politikwissenschaftlichen Forschung Beachtung gefunden haben. Bis zu diesem Zeitpunkt waren diese Themen „fast unbeachtet geblieben“ (Chabod 1963: 1ff). Der Europa-Gedanke war zwar wohl 1932 und 1942 Gegenstand zweier wissenschaftlicher Kongresse in Italien gewesen, doch gingen von ihnen keine nennenswerten Impulse für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema aus.

Es ist vornehmlich das Verdienst des italienischen Historikers Federico Chabod und seines Kollegen Carlo Morandi, dass sich die Historiographie seit Beginn der 1960er Jahre systematisch mit der Geschichte des Europa-Gedankens zu befassen begann. Ihre Untersuchungen hatten bahnbrechenden Charakter und gehören auch heute noch zu den grundlegenden Untersuchungen auf diesem Gebiet. Chabod und Morandi konnten sich bei ihrer Forschungsarbeit lediglich auf wenige Untersuchungen berufen, darunter R. Wallachs Abhandlung über Das abendländische Gemeinschaftsbewusstsein im Mittelalter (1928), W. Fritzenmeyers heute immer noch lesenswertes Traktat Christenheit und Europa (1931), A. Momiglianos Aufsatz „L‘Europa come concetto politico presso Isocrate e gli Isocratei“ (1933), Heinz Gollwitzers Europabild und Europagedanke. Beiträge zur deutschen Geistesgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts (man beachte die Unterscheidung zwischen Europabild und Europagedanke) von 1944, dem Jahr, in dem auch Gonzague de Reynold den ersten Band seiner später acht Bände umfassenden Monumentalschrift Formation de l‘Europe vorlegte, in der er sich in einem von Curcio als „europäistisch“ titulierten Geist vornehmlich mit dem „Inhalt“ Europas auseinandersetzt.

In den 1950er und 1960er Jahren setzte dann eine regelrechte Publikationsflut ein, die bis heute nicht abzureißen scheint, wie unter anderen die von dem französischen Historiker und Nestor der europäischen Geschichtsschreibung Jacques Le Goff initiierte, betreute und auch von ihm herausgegebene Reihe „Europa bauen“ verdeutlicht. Die bislang in dieser Reihe veröffentlichten Monographien sind nicht nur ein sichtbares Zeichen der von Hagen Schulze, Ludger Kühnhardt und Michael Stürmer konstatierten „Wiederentdeckung der europäischen Geschichte“. Sie sind auch Ausdruck jener „Erinnerungskultur“, von der Jan Assmann sagt, sie sei - im Gegensatz zur Gedächtniskunst (ars memoriae), die eine auf den Einzelnen bezogene, individuelle Kapazität darstelle - eine auf die Gruppe bezogene soziale Pflicht. Erinnerungskultur ist demnach ein „universales Phänomen“ und „hat es mit ‚Gedächtnis, das Gemeinschaft stiftet‘, zu tun“ (2000: 29f.). Mit anderen Worten: Erinnerungskultur ist getragen von dem Willen, ein „Kollektivbewusstsein“ (Emil Durkheim) bzw. eine mémoire collective (Maurice Halbwachs) zu schaffen und aufrecht zu erhalten. „Ideen“, so Assmann, „müssen versinnlicht werden, bevor sie als Gegenstände ins Gedächtnis Einlass finden können“ (Assmann 2000: 37).

Romain Kirt

Weiterführende Literatur

  • Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, 3. Aufl., München 2000.
  • Braudel, Fernand (Hg.): Europa: Bausteine seiner Geschichte, Frankfurt a.M. 1989.
  • Chabod, Federico: Der Europagedanke. Von Alexander dem Großen bis Zar Alexander I., Stuttgart 1963.
  • Dészy, Hanne: Gentleman Europas. Erinnerungen an Richard Coudenhove-Kalergi, Wien 2001.
  • Duroselle, Jean-Baptiste: L‘idée d‘Europe dans l‘Histoire, Paris 1965.
  • Fischer Fabian, Siegfried: Karl der Grosse. Der erste Europäer, Bergisch Gladbach 1999.
  • Kühnhardt, Ludger/Rutz, Michael (Hg.): Die Wiederentdeckung Europas. Ein Gang durch Geschichte und Gegenwart, Stuttgart/München 1999.
  • Schmid, Karl: Europa zwischen Ideologie und Verwirklichung. Psychologische Aspekte der Integration, Zürich/Stuttgart 1966.
  • Schulze, Hagen: Die Wiederkehr Europas, Berlin 1990.
  • Sternberger, Dolf: „Komponenten der geistigen Gestalt Europas“, in: Merkur, 34 (1980), 228-238.
  • Stürmer, Michael: Die Kunst des Gleichgewichts. Europa in einer Welt ohne Mitte, Stuttgart/München 2001.
  • Weidenfeld, Werner (Hg.): Die Identität Europas, Bonn 1985.
  • Weidenfeld, Werner: 30 Jahre EG. Bilanz der Europäischen Integration, Bonn 1987.