Europagedanke

Der Europagedanken ist in Italien tief in der Geschichte vor der Schaffung des Nationalstaates verwurzelt. Die Anfänge sind der Eigenheit der italienischen Geschichte verhaftet und gehen auf das römische Kaiserreich (übernationales politische System) und das Mittelalter zurück. Was Dante Alighieri als die „beiden einzigen” bezeichnete, das heißt Kirche und Kaisertum, waren zwei übernationale, mit der mittelalterlichen Respublica Cristiana verbundene Wesenheiten, die noch religiös verbunden waren. In der Tat haben Begriffe wie Subsidiarität und Übernationalität ihre Grundlage im mittelalterlichen katholischen Denken. Das Italien der hundert Stadtgemeinden als Kulturland, dessen Einheit zumindest die höheren Klassen betraf und auf der Gemeinsamkeit von Sprache und Tradition beruhte - Dante sprach von dem Land, „in dem das Ja erklingt“ („dove il si’ suona”) – kennzeichnete sich durch das Bestehen von zweierlei Regierungsebenen, die lokale und die übernationale europäische.

Wie in Deutschland und zum Unterschied zu Frankreich, England und Spanien vollzog sich die nationale Vereinigung in Italien sehr spät, im 19. Jahrhundert. Beim italienischen handelte es sich zuerst um einen demokratischen Nationalismus, zu dessen Entstehung und Verbreitung Giuseppe Mazzini einen wesentlichen Beitrag leistete, indem er den Versuch unternahm, das junge Italien („Giovane Italia”) und das junge Europa („Giovane Europa”) zu einem Europa der Nationen zu vereinen. Gegen Ende des Jahrhunderts wurde dieser frühe demokratische durch einen aggressiven Nationalismus ersetzt, der schließlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in einen gewaltsamen mündete.

Dazu ist anzumerken, dass in Italien der Nationalismus auf Regierungsebene historisch aus zweierlei Gründen eher schwach war. Erstens war der laizistische und liberale Nationalstaat, der mit dem Risorgimento entstand, schwach. Er war aus einer elitären, liberalen und republikanischen Bewegung hervorgegangen, wurde von der Kirche verurteilt, war von der vorwiegend katholisch gesinnten Landbevölkerung weit entfernt und ging im Ersten Weltkrieg zugrunde. Mussolinis faschistischer Nationalismus stürzte das Land für 20 Jahre in eine Diktatur und das Land nach deren Niedergang in einen verheerenden Krieg, der viele menschliche Opfer und große Materialverluste forderte. Wie im deutschen Fall entsprang der moderne Europagedanken in Italien nach dem Krieg dem Bedürfnis nach einer wirklichen Katharsis von den extremistischen Weltanschauungen des Nationalismus.

Die Erste Republik

Das gegenwärtige Europadenken entsprang der Widerstandsbewegung gegen Faschismus und Nazismus, was deutlich aus dem bekannten Manifest von Ventotene hervorgeht, das im Jahr 1941 von Spinelli, Rossi und Colorni verfasst wurde. Eine neue Generation von laizistischen und katholischen Intellektuellen identifizierte Europa mit der Wiedergewinnung der Freiheit, der Demokratie und der Modernisierung Italiens. Das europäisch gesinnte Italien der zweiten Nachkriegszeit ist das augenscheinliche Ergebnis der Absage an die Geschichte der Zeit des Faschismus und auch des vorfaschistischen Nationalismus. Die grundlegenden europafreundlichen Entscheidungen, die vom katholischen Leader und Ministerpräsidenten (von der Nachkriegszeit bis 1954) Alcide De Gasperi (DC) sowie von seinem Gefährten Don Sturzo mit der Unterstützung von katholischen Intellektuellen und des Papstes Pacelli (Pius XII.) getroffen wurden, haben auf Italien bis heute einen großen Einfluss.

Anfangs wurde der Europagedanke durch zwei Strömungen bestimmt: von der laizistisch liberalen Tradition von L. Einaudi, A. Agnelli und Cabiati einerseits und von der laizistisch republikanischen Strömung mit ihren verschiedenen Abarten andererseits. Hier ist insbesondere der Partito d’Azione zu erwähnen, eine Intellektuellenpartei der unmittelbaren Nachkriegszeit, die im Allgemeinen föderalistische Ideen verfolgte und sich darin zuweilen auch auf Carlo Cattaneo berief, dessen Vision die Schaffung der „Vereinigten Staaten Europas” als einem föderalen Staatenbund war.

Im Bereich der Philosophie vertrat Benedetto Croce eine originelle Verquickung des Nationsbegriffs mit dem liberalen Europagedanken, während der Historiker F. Chabod hinsichtlich des Europagedankens einen realistischen, auf dem Einvernehmen der Nationalstaaten fußenden Ansatz befürwortete. N. Bobbio und A. Spinelli waren die einflussreichsten intellektuellen Persönlichkeiten der für ein vereintes Europa eintretenden liberalen Linken.

In der Zusammenarbeit zwischen Laizisten und Katholiken zeichnete sich von Anfang an der eigentümliche Charakter des italienischen Europaföderalismus ab, beispielsweise bei der Abfassung (durch De Gasperis Berater Spinelli) des berühmten Artikels 38 des Vertrags der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, in dem erstmals auf die Notwendigkeit einer „politischen Gemeinschaft“ hingewiesen wurde, um ein europäisches Heerwesen zu unterstützen. A. Spinelli war auch der intellektuelle Urheber eines bedeutsamen transnationalen, europaweiten Prozesses nämlich dem der allmählichen Öffnung und Hinwendung der Linken zwischen den 1950er- und den 1970er Jahren zum Europagedanken. A. Spinellis Vertragsentwurf von 1981, der 1984 vom Europäischen Parlament gebilligt wurde, kann als Symbol eines demokratischen Föderalismusmodells unter dem Einfluss von Hamilton und allgemein des amerikanischen Konvents von 1787 angesehen werden. Spinelli vermochte nicht nur die katholischen Intellektuellen einzubeziehen, sondern auch die Laizisten und die Linke und sogar die italienische kommunistische Partei, die sich von den „Quaderni del carcere” von A. Gramsci (zwischen 1929 und 1937 erschienene Schriften) an bis zu Giorgio Napolitano (später zum Staatspräsidenten gewählt) durch eine weitgehende intellektuelle Unabhängigkeit von Moskau und durch eine beachtliche Einflussnahme auf die Intellektuellen kennzeichnete.

Alle ernstzunehmenden intellektuellen Strömungen der italienischen Republik hatten eine europäische Gesinnung und Ausrichtung. Außer dem Meister des Liberalismus N. Bobbio, sollen an dieser Stelle U. Ecos Werke über die gemeinsame Sprache, die von M. Cacciari über die europäische Philosophie, die von B. De Giovanni über die postföderalistische Perspektive der europäischen Macht, die von G. Amato über das europäische Verfassungsrecht, die von C. Magris über den Beitrag Mitteleuropas (an dem Triest teilhatte) zur kulturellen Identität Europas erwähnt werden.

Die Zweite Republik

Die Zweite Republik begann zwischen 1992 und 1994 und wies eine vorwiegend euroskeptische Tendenz auf. Von A. Martinos Büchern, die der europäischen Währungsunion ausgesprochen kritisch gegenüberstanden, über G. Miglio, der für eine Abtrennung Oberitaliens in antinationalem und antieuropäischen Sinn eintrat, bis zu E. Galli de Loggias neuer Reihe über die italienische Identität werden Akzente gesetzt, die viel stärker auf der lokalen, nationalen und atlantischen Identität bestehen als auf der traditionellen Hinwendung zur Europaidee. Dennoch vermochten es die von der Generation von De Gasperi und Spinelli getroffenen Entscheidungen, den italienischen öffentlichen Bereich zu durchdringen und allmählich auch die intellektuelle Auseinandersetzung in der Zweiten Republik im Sinn eines entschiedenen Eintretens für Europa zu stärken. Der Grund dafür ist sehr einfach: Es gibt keine intellektuelle Alternative, die Tradition und Modernität, nationales Interesse und internationale Öffnung in Einklang zu bringen vermag. Die weitere Entwicklung ist jedoch bereits im Gange: Eine Entscheidung für Europa, die einerseits weniger idealistisch und eher „normal” erscheint und andererseits als Gegenstand einer offenen Debatte auf kultureller und politischer Ebene.

Mario Telò

Weiterführende Literatur

  • Telò, Mario (Hg.): Among them: European Union and New Regionalism, Ashgate 2007.
  • Telò, Mario: Europe: A Civilian Power?, Palgrave 2005.
  • Telò, Mario: International Relations: a European Perspective, Brussels Univ. 2008/Ashgate 2009.