Extremismus

"Ich finde das ganz toll. Das Stadion ist eine stärkere Droge als die politische Gewalttätigkeit. Die Gewalt im Stadion hat kein Ziel sie geschieht um ihrer selbst willen während du in der Politik eines hattest und wenn du die Assolombarda überfielst war ein Zweck da. Das war ein politisches Ziel. Du fühltest den Geruch des Tränengases und wusstest wo du warst und was du tatst und warum du es tatst. Während hier die Gewalt im Stadion keine Ziele hat es ist reine Gewalt. In dem Moment hast du keinen Zweck es gibt zwei gegnerische Parteien, die sich im Namen von überhaupt nichts schlagen. Es ist wie ein Spiel und bleibt stets ein Spiel auch wenn es riskant ist."

(Nanni Balestrini, I Furiosi, 1994)

Seit 1968 wurden in Italien über 14.000 terroristische Anschläge verübt. Der sog. rote Terrorismus und die schwarze Revolution zwischen den 1970er Jahren und Anfang der 1980er Jahre forderten Hunderte Opfer. Die Ziele der Bombenanschläge waren von hoher politischer Sprengkraft, einfache Militante oder beliebige Opfer. Von 1974 bis 1988 verübte die Roten Brigade 86 Morde an Richtern, Hochschullehrern, Wirtschaftlern, Journalisten, Geschäftsleitern, Gewerkschaftlern, Politikern, Beamten und Polizisten. Allein im Jahr 1980 kamen 120 Personen in von Links- und Rechtsextremisten verübten Anschlägen ums Leben. 85 Opfer gab es am 2. August 1980 bei einem Anschlag auf dem Bahnhof von Bologna, dem blutigsten Terroranschlag bis heute in Italien. Welchen Stellenwert nimmt heute das Phänomen des Terrors der extremen und radikalen Gruppen der italienischen Politik ein? Welche neuen Akteure gibt es, welche sind nicht mehr aktiv? Inwiefern hat sich die ideologische Landschaft des Extremismus in Italien geändert, wenn sie sich überhaupt geändert hat?

Historische Entwicklung

Der Extremismus in Italien, besonders in seinen gewalttätigen Prägungen, die in Massenmorde und terroristische Anschläge ausgeartet sind, hat sich parabelförmig entwickelt. Nach dem Beginn der ‚Spannungsstrategie’ mit dem Blutbad auf der Piazza Fontana im Jahre 1969 und den ersten Personenentführungen durch die Roten Brigaden 1972 kam es zu einer Zunahme der Extremistenanschläge bis zum Angriff auf den Staat in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre durch die radikale Linke und den spontanen bewaffneten Attentaten der extremen Rechten. Von Jahr zu Jahr wuchs die Zahl der Opfer des Terrorismus. 1980 war das Jahr der meisten Opfer durch die Roten Brigaden und zugleich Beginn der Zergliederung der Bewegung.

Die Roten Brigaden spalteten sich in drei Gruppen auf, und nach der Verhaftung von Patrizio Peci und die Verabschiedung von Sondergesetzen über die Zusammenarbeit der Abtrünnigen mit der Polizei stellte die Bewegung allmählich ihre Tätigkeit ein. Nicht von ungefähr erfolgte der letzte Schlag gerade anlässlich des Beginns des Zerfalls der Roten Brigaden. Für ein solches Minderheitsphänomen war das Echo durch die Medienwelt notwendig wie Sauerstoff für ein Feuer. Wenn der rote Extremismus mehr Blutbäder in den Jahren anrichtete, als die Spannung zwischen dem marxistisch-leninistischen Flügel, der militanten Gewerkschaftsbewegung und dem katholischen Kommunismus mit einer regelrechten Auflösung der Bewegung ausklang, dann ist das wohl kein Zufall. Während der 1980er Jahre trugen das Wachstum des gesellschaftlichen Wohlstands – oder zumindest dessen Erwartung – und das allmähliche Ausklingen der ideologischen Begeisterung, die im früheren Jahrzehnt den Radikalismus angeheizt hatte, zur weiteren Abnahme des gewalttätigen politischen Extremismus in Italien bei, der den abfallenden Teil der Parabel einschlug. Es kam zu einer Überwindung der Idee, dass die sozialen Konflikte durch blutige Opfer gelöst werden können oder müssen.

Auflösung der traditionellen ideologischen Spannungen

1988, also ungefähr zehn Jahre nach der Verhaftung und dem Tod der Terroristen der Baader-Meinhof Bande, malte Gerhard Richter die fünfzehn Tafeln der Serie 18. Oktober 1977. Das bittere und leidvolle Gedenken der Verhaftung und des Todes der deutschen Terroristen, das Richter am Vortag des Endes des Kalten Krieges bietet, erfasst bewusst die Tragik und zugleich den Sinn des Endes und der Niederlage des Werdegangs des politischen Extremismus nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien. Der Ausklang des roten Terrorismus in Italien währte länger als anderswo, doch das Erlöschen der ideologisch-politischen Kategorien erreichte nach dem Fall der Berliner Mauer seinen Höhepunkt und entsprach dem Schwund des politischen Einflusses des italienischen Extremismus auf die Gesellschaft.

Damit entschwanden auch die ideologischen Grundlagen oder sie unterlagen einem radikalen Wandel. Einerseits öffnete sich im Laufe der 1990er Jahre die ideologische Perspektive zu ausgesprochen transnationalen Themen (und Organisationen) mit dem radikalen und echt internationalen Ausblick des Black block und aller Aktivisten, die von Seattle bis Genua heftig gegen das Phänomen der Globalisierung und die entsprechenden Einrichtungen protestieren. Andererseits wirkt hingegen die ideologische Perspektive dermaßen verdünnt, dass sie sich geradezu verflüchtigt, wie es die Worte des Rowdys in dem eingangs aus Balestrini zitierten Passus zeigen. In gewissen Fällen überlagert sich der Rechtsextremismus der Skinheads und Neonazigruppen oder identifiziert sich mit dem Rowdywesen der Hooligans in den Stadien.

Der politische Extremismus heute

Seit 2000 hat der gewalttätige politische Extremismus in Italien nur zwei Mordtaten verübt, was eigentlich seine weitgehende Belanglosigkeit bezeugt; aber gerade deshalb sollte paradoxerweise seine Gefährlichkeit und Schlagkraft nicht unterschätzt werden. Gerade wegen seines geringen Ausmaßes ist für sein Überleben eine mediale Präsenz äußerst wichtig. Ein bei einer Hausdurchsuchung aufgefundenes Flugblatt weist mit genügender Klarheit darauf hin, dass der geringe Zulauf durch das Aufsehen der Aktionen wettgemacht werden soll, das durch eine hohe ‚Einsatzfähigkeit’ der Militanten gesichert sein soll: „Die Militanten werden in dieser Phase notwendigerweise in geringer Anzahl anwesend sein, weil sie aus einer lange währenden Auswahl hervorgehen; zugleich wird die Forderung auf einen hohen Bewusstseinsgrad und Einsatzfähigkeit erhoben”.

Der Unterschied zwischen dem neuen Linksextremismus und dem der alten Roten Brigaden ist auch in Hinblick auf die Strukturorganisation augenfällig. Die neuen Roten Brigaden verwenden ein Muster, das von bestimmten, in Italien aktiven, anarchistischen Gruppen herrührt. Der politisch-militärische Apparat, der für die Roten Brigaden der Terrorjahre kennzeichnend war (Abschottung, Zelleinteilung, deren Gruppierung in Kolonnen, die einer strategischen Leitung unterstanden), ist jetzt durch ein Modell ersetzt, das aus unabhängigen, untereinander nicht verbundenen Zellen zusammengesetzt ist, so dass die Vernichtung von einer nicht unmittelbar die Einsatztüchtigkeit der anderen beeinträchtigt.

Während der Terrorjahre war der Verfasser noch ein Kind. Tag für Tag und Jahr für Jahr wurde damals ein harter und erstickender Meldungssatz während der Abendnachrichtensendung durchgegeben: Der Totschlag des Journalisten des Corriere della Sera Walter Tobagi, die Entführung und Ermordung des Sekretärs der Christlich-demokratischen Partei Aldo Moro, das Blutbad von Bologna im August des Jahres 1980, die Entführung des amerikanischen Generals James L. Dozier wirkten wie Momente eines nie enden wollenden Kampfes. Die Geschichte hat einem Konflikt ein Ende gesetzt, in dem der Kampf mit den Waffen mehr als zehn Jahre währte, während der Staat seine eigenen Gesetze verletzte oder neu schrieb. um die Oberhand zu behalten. Heute flammt der gewalttätige politische Extremismus in Italien schwach auf und ist fast unsichtbar geworden – trotzdem gemahnt er mit Goya daran, dass der Schlaf der Vernunft Ungeheuer erzeugen kann.

Giacomo Sillari

Weiterführende Literatur

  • Galli, Georgio: Storia del partito armato 1968-1982, Rizzoli, Milano 1986.
  • Ginsborg, Paul: Storia d’Italia dal dopoguerra ad oggi, Einaudi, Torino 1988.
  • Napoleoni, Loretta/BEE Ronald J.: I numeri del terrore, Il Saggiatore 2008.