Kriminalität

In Italien weist die Kriminalität wegen der Anwesenheit von in Unteritalien stark verwurzelten, mafiosen Organisationen einen besonderen Charakter auf. Komplex ist die Makrokriminalität in diesem Lande insbesondere deswegen, weil sie aus einer Vielfalt von eng mit dem jeweiligen Gebiet verbundenen Gruppen und aus Großorganisationen besteht, die den Kontakt zwischen diesen Gruppen aufrechterhalten (Savona 1998).

Nicht alle auf dem Landesgebiet aktiven, kriminellen Organisationen werden jedoch als Mafias bezeichnet . Wenn von organisierter Kriminalität die Rede ist, dann meint man einige Großorganisationen, darunter insbesondere die sizilianische Mafia, die kampanische Kamorra, die apulische Sacra Corona Unita und die kalabrische ‘Ndrangheta. Mafia und Kamorra sind weitaus älter und bilden die in Italien bekanntesten kriminellen Organisationen.

Aus dem letzten Bericht des Antimafia-Untersuchungsamts geht hervor, dass sich während der letzten Jahre die Anwesenheit von mafiosen kriminellen Gruppen in den vier unteritalienischen Gebieten verstärkt hat, und diese engere Verbindungen untereinander und mit ausländischen kriminellen Organisationen eingegangen sind (DIA 2. Halbjahr 2008). Derselbe Bericht befasst sich zum Großteil mit zwei kritischen Fragen, die sich hauptsächlich auf die sizilianische Mafia und die kampanische Kamorra beziehen. Im ersten Fall gilt die Hauptsorge dem gerade unternommenen Umstrukturierungsversuch der Mafia-Organisation nach den Verhaftungen ihrer Führerpersönlichkeiten während der letzten Jahre. Im Fall der Kamorra hingegen ergibt sich ein wichtiger Grund zur Besorgnis aus der neuen Welle von Gewalttätigkeiten in Neapel und Caserta. Beide Kommunen weisen eine „permanente Konfliktsituation” auf, deretwegen im Zeitraum zwischen 2004 und 2009 die Anzahl der auf die Kamorra zurückgehenden Totschläge stark angestiegen ist und sich durchschnittlich auf ca. 90 Mordtaten jährlich beläuft (DIA 2. Halbjahr 2008).

Mafias: eine Begriffsbestimmung

In einem Aufsatz aus dem Jahre 1918 hatte Santi Romano die unteritalienischen Mafias mit Rechtsordnungen verglichen, die aus eigenen, parallel zur Entwicklung der staatlichen Einrichtungen herausgebildeten Regeln und Verhaltenskodes bestehen. Nach der Meinung dieses Rechtsgelehrten hat die Unrechtmäßigkeit solcher Organisationen „keine andere Geltung außer der gegenüber der staatlichen Ordnung und kann auch keine andere haben Doch solange sie bestehen, dann besagt das, dass sie in Bezug auf Gründung, interne Organisation und Regelung nur auf rechtlicher Grundlage aufgefasst werden kann” (Romano 1951: 122).

Zahlreiche spätere Untersuchungen kritisierten den Vergleich zwischen den Mafias und der Rechtsordnung. Insbesondere haben viele Forscher hervorgehoben, dass es in Unteritalien keine einheitliche zentralisierte Organisation gibt, sondern eine ganze Reihe davon mit jeweils verschiedenen Merkmalen und Strukturen (Santino 2006). Die Organisation der kampanische Kamorra hat beispielsweise einen äußerst zersplitterten Aufbau und besteht aus kleinen Gruppen, die hauptsächlich in den Gebieten von Neapel und Caserta konzentriert sind. Nur gelegentlich und auf kurze Zeit haben sich größere und weit gegliederte Organisationen gebildet, so zum Beispiel im Falle der Nuova Kamorra Organizzata unter dem Anführer Cutolo. Auch die sizilianische Mafia, die eigentlich durch eine zentralisierte und mehrstufige Struktur gekennzeichnet ist, weist Verzweigungen in den verschiedenen Teilgebieten Siziliens auf. Dabei handelt es sich um unabhängige Gruppen, die lediglich durch eine gemeinsame Organisationsform und einen gemeinsamen Verbrechenszweck verbunden sind. Wie schon Santino hervorgehoben hat, wäre es eigentlich richtiger die Mafia mit einem Zusammenschluss von Unternehmen zu vergleichen, „die denselben Firmennamen tragen und zeitweise durch ein Kartell verbunden sind”, dessen Regeln häufig nicht befolgt werden und uneinheitlich gestaltet sind, weil sie nicht auf einen rechtmäßigen Gesetzesursprung zurückgehen (Santino 2006: 28).

Die italienischen mafiosen Organisationen weisen einige gemeinsame Merkmale auf. Dabei handelt es sich um mehr oder weniger komplexe, mehrstufige oder flexible Organisationsstrukturen, die aus Anhängern bestehen, die an gesetzeswidrigen Aktivitäten teilnehmen und zur Erreichung der Organisationsziele nicht vor Gewalttaten zurückscheuen (Savona 1998).

Anpassung an den Gesellschaftswandel

In diesem Zusammenhang ist die zeitliche Dauer der Zusammenarbeit der Mitglieder ausschlaggebend. Die mafiosen Organisationen sind zeitlich beständige „Unternehmen“ und unterliegen demselben Wandel wie die Gesellschaft, in der sie wirken (Santino 2006). Prinzipiell kann man behaupten, dass die kriminellen Phänomene Italiens dem strukturellen Wandel des sozioökonomischen Kontexts folgen, in dem sie sich herausbilden. Insbesondere im Falle der Mafia und der Kamorra konnte man im Laufe der letzten Jahre eine ständige Anpassung der kriminellen Strukturen an die soziokulturellen und wirtschaftlichen Änderungen der jeweiligen Regionen beobachten. Auf Sizilien und in Kampanien wiesen die kriminellen Gruppen eine betonte Anpassungsfähigkeit auf, indem sie während der letzten Jahrzehnte von einem ländlich geprägten, auf Brandschatzung und Kontrolle der landwirtschaftlichen Produktion ausgerichteten Kriminalitätsmodell auf ein städtisches Modell übergingen, nach dem ihre gesetzeswidrigen Tätigkeiten zunehmend die Wirtschafts- bzw. Untermehrwelt aufs Korn nahmen (Savona 1998; Lupo 2004; Grado 2006).

Schweigepflicht und Bandenkultur

Außer diesen allgemeinen Merkmalen besteht ein den vier bedeutendsten kriminellen Organisationen Italiens gemeinsames Element im Band der Schweigepflicht, das die Mitgliedschaft zusammenhält. Diese Tatsache wird in zahlreichen Untersuchungen hervorgehoben, die die Kriminalität in Italien von einem kulturwissenschaftlichen Blickpunkt aus zu ergründen suchen (Santoro 1998; Santino 2006). In diesem Forschungszweig wird das italienische Mafia-Phänomen als eine „kulturell spezifische und geschichtlich bedingte Form der Organisation des politischen Lebens” aufgefasst (Santoro 1998: 444). In dieser Optik bezieht sich der Kulturbegriff auf eine Reihe von spezifischen Werten, Vorstellungen und Symbolen Unteritaliens. Die Schweigepflicht entspräche demnach insbesondere einer grundlegenden Sozialnorm der mafiosen Zusammenschlüsse, die das Band unter den Anhängern und ihre Vorgehensweise kennzeichnet. Außer der Schweigepflicht fühlen sich die Anhänger durch mit Freundschaft und Ehre verbundene Wertvorstellungen sowie durch ein einprägsames – teilweise von der Vergangenheit und der Freimaurerei übernommenes - symbolisches und rituelles Regelwerk zur Befolgung bestimmter Verhaltensweisen und zur Annahme einer gemeinsamen Identität gezwungen.

In seinem Aufsatz über die kampanische Kamorra weist Grado auf das Bestehen einer „Kamorra-Kultur“ hin, die mit der Zeit zur Herausbildung einer regelrechten kulturellen Identität geführt hat. Diese Kultur ist durch die Geschichte der Kamorra selbst in Kampanien begründet und „entsteht und entwickelt sich als eine Art Gegenmacht plebejischen Ursprungs und entsprechender Repräsentanz” (Grado 2006: 10). Gemäß dieser Auffassung gehen Wertvorstellungen und Regeln der Kamorra auf die in der Bevölkerung Kampaniens vorherrschenden Werte zurück, wobei sich ihre Identität nicht in den von der – oft vom Ausland abhängigen - Staatsgewalt aufgezwungenen soziokulturellen Modellen erkannte.

Von Gesetzes wegen hat der Paragraph 416bis des Gesetzes Nr. 646/1982 erstmals in Italien die Straftat der „mafiosen Gesellschaft“ eingeführt. Der Paragraph des italienischen Strafgesetzbuchs bestimmt die mafiose Unternehmung dahingehend, dass die Zuhilfenahme einer Vereinigung zur Ausübung eines wirtschaftlichen oder politischen Drucks auf die Gesellschaft hervorgehoben wird:

"Eine Gesellschaft ist dann mafios, wenn ihre Mitglieder sich der Einschüchterungskraft des Gesellschaftsbandes, der Unterwerfung und der Schweigepflicht bedienen, um Verbrechen zu verüben, unmittelbar oder mittelbar die Verwaltung oder auf jeden Fall die Kontrolle von Wirtschaftstätigkeiten, Konzessionen, Zulassungen, Verdingungen und öffentlichen Dienstleistungen zu übernehmen oder für sich und andere Nutzen oder Vorteile zu gewinnen..."

Valentina Gentile

Weiterführende Literatur

  • Grado, Alfredo: Camorra. Dal crimine organizzato alla riorganizzazione dei crimini, Roma 2006.
  • Lupo, Salvatore: Storia della Mafia dalle origini ai giorni nostri, Roma 2004.
  • Santino, Umberto: Dalla Mafia alle Mafie, Roma 2006.
  • Santoro, Marco: Mafia, cultura e politica, in Rassegna Italiana di Sociologia XXXIX(4): 441-476, 1998.
  • Savona, Ernesto U.: Criminalità Organizzata, in Enciclopedia del Novecento. Treccani: 422-436, 1998.

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