Öffentlichkeit und Medien

Die deutsche Medienlandschaft ist außerordentlich vielfältig und dezentral organisiert. Der föderalistischen Struktur der Bundesrepublik entsprechend ist die politische Hauptstadt Berlin nicht gleichzeitig Medienhauptstadt Deutschlands. Die einflussreichsten Zeitungen und Wochenmagazine erscheinen in München (Süddeutsche Zeitung und Focus), Frankfurt am Main (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und Hamburg (Die Zeit und Der Spiegel). Die größten öffentlich-rechtlichen Sender haben ihre Standorte in Mainz (das Zweite Deutsche Fernsehen), Köln (der Westdeutsche Rundfunk) und Hamburg (der Norddeutsche Rundfunk). Auch die privaten Sender haben außerhalb der Hauptstadt ihren Stammsitz, wie RTL in Köln und Sat1 in Mainz und München. Einzige Ausnahme ist die Bild-Zeitung, Europas größte Boulevardzeitung, die erst kürzlich ihre Zentralredaktion von Hamburg nach Berlin verlegt hat.

Aufgabe und Leistung der Medien

Die zentrale Aufgabe und Leistung der Medien besteht darin, Strukturen für die Öffentlichkeit bereitzustellen, in denen eine Gesellschaft das Gespräch mit sich selbst führen kann. Nach den Erfahrungen der nationalsozialistischen „Gleichschaltung“ der Medien war den Vätern und Müttern des Grundgesetzes die Presse- und Meinungsfreiheit ein besonderes Anliegen und wird in Artikel 5 des Textes ausdrücklich garantiert.

Das deutsche Mediensystem kennzeichnet sich dementsprechend durch Pluralität; spätestens seit Ende des Kalten Kriegs lassen die Medien sich kaum noch pauschal nach einem Links-Rechts-Schema klassifizieren. Versuche direkter Einflussnahme von Politikern auf journalistische Inhalte kommen zwar auch hierzulande vor, sind bisher aber die Ausnahme. Im internationalen Vergleich kommt Deutschland jedoch regelmäßig auf Spitzenwerte, was die Pressefreiheit betrifft.

Zur Qualität der Medien trägt außerdem bei, dass die Eigentümer wichtiger deutscher Presseerzeugnisse in der Regel unabhängige Verlage sind (Springer, WAZ, Burda, Gruner & Jahr u.a.). Allerdings hat die Tatsache, dass die Verlage Springer und Bertelsmann neben dem Zeitungsgeschäft immer mehr Fernseh- und Rundfunksender sowie Internetseiten kontrollieren, auch in Deutschland zu einer Debatte über Monopole und Meinungsmacht geführt.

Mediensystem im Wandel

Das Mediensystem ist ein zentraler Bestandteil der politischen Kultur und wie diese einem permanenten Wandel unterworfen. Von den Medien wird einerseits erwartet, dass sie ihre öffentliche Aufgabe erfüllen und ihre Inhalte nach demokratietheoretischen Erwägungen treffen. Andererseits handelt es sich bei ihnen um überwiegend privatwirtschaftliche Unternehmen, deren Gewinne in der Regel umso größer sind, je mehr Publikum sie erreichen. Damit wird der Publikumsgeschmack zu einem natürlichen Entscheidungskriterium für die Inhalte. Eine Folge dieser Entwicklung ist zu beobachtende zunehmende ‚Boulevardisierung‘ der Zeitungen, das heißt zum Beispiel die Angleichung von inhaltlichen und formalen Merkmalen der so genannten ‚seriösen‘ Presse an die Straßenverkaufszeitungen. Ähnliches gilt auch für die öffentlich-rechtlichen Sender, die sich in manchen Programmen den Formaten der privaten Veranstalter annähern.

Zeitungslandschaft in die Krise

Unter dem wachsenden Konkurrenzdruck alternativer Medien wie Fernsehen und Internet ist die deutsche Zeitungslandschaft in die Krise geraten. Die Auflagen sind stark zurückgegangen und die Zahl der Abonnenten ist in den letzten zwei Jahrzehnten von zwanzig auf sechzehn Millionen gesunken. Höhepunkt der Reichweite von Tageszeitungen war das Jahr 1980 mit 76 Prozent. 2005 lag der Wert nur noch bei 51 Prozent, während die Reichweite des Internet im gleichen Zeitraum von 10 auf 28 Prozent anstieg. Die Entwicklung spiegelt sich auch in den Zahlen zur Mediennutzung wider: Von den rund 600 Minuten, die der Deutsche 2005 insgesamt pro Tag konsumierte, wurden 221 Minuten für den Hörfunk aufgewendet, an zweiter Stelle rangierte das Fernsehen mit 220 Minuten. Die Lektüre der Tageszeitung ist bundesweit im Zeitraum 1980-2005 von 38 auf 28 Minuten gesunken. Betroffen von der Krise sind auch die so genannten publizistischen Einheiten, die als Zentralredaktionen oft für die Inhalte mehrerer Kopfblätter verantwortlich sind. Ihre Zahl ist im gleichen Zeitraum von 141 auf 126 geschrumpft. Explodiert hingegen ist in der gleichen Zeit die Zahl der Publikumszeitschriften von 781 auf 1492. Die großen Zeitungskonzerne Springer (Marktanteil 22 Prozent) und Westdeutsche Allgemeine Zeitung (6 Prozent) konkurrieren auf diesem Markt mit den großen Verlagshäusern Bauer, Burda und Gruner+Jahr.

Wettbewerb in den Bereichen Fernsehen und Rundfunk

Seit der Zulassung privater Rundfunkveranstalter 1984 liefern sich die öffentlich-rechtlichen und die privaten Anbieter einen scharfen Wettbewerb. Den 75 öffentlich-rechtlichen Radiosendern, die durch Gebühren finanziert werden und eine informationelle Grundversorgung liefern sollen, stehen etwa 390 private Anstalten gegenüber. Im Fernsehbereich, wo das öffentlich-rechtliche ZDF und das private RTL zu Europas größten TV-Giganten zählen, kommt es immer wieder zu Streit um angebliche Wettbewerbsvorteile durch die Gebührenfinanzierung. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat 7,2 Milliarden Euro (2007) als Gebühren eingenommen. Hinzu kommen 284 Millionen Euro an Nettowerbeeinahmen. Die privaten Fernsehveranstalter haben rund 14 Milliarden Euro (2007) und Werbeeinnahmen zu verzeichnen gehabt, wobei der größte Teil auf die Senderfamilien RTL und Sat1-ProSieben entfällt.

Journalistische Ausbildung und Berufspraxis

Die Berufsbezeichnung „Journalist“ ist in Deutschland nicht rechtlich geschützt. Artikel 5 Grundgesetz erlaubt es jedermann, sich als Journalisten zu bezeichnen. Historische Gründe wie das NS-Schriftleitergesetz von 1933 und ähnliche Regelungen in der DDR sind Motive für den Mangel an Rechtsschutz für die Berufsbezeichnung Journalist. In Deutschland gibt es keine staatlich geregelte Journalistenausbildung. Die übliche Ausbildungswege führen über ein normalerweise dreijähriges Praktikum (Volontariat) in einer Redaktion oder eine studienbegleitende Journalistenschulung, die von den großen Stiftungen wie der Konrad Adenauer Stiftung, von Universitäten und Fachhochschulen, von Journalistenschulen der großen Medienhäuser (Springer, Bertelsmann) und von der katholischen und evangelischen Kirche angeboten wird. Dort spielt die Beschäftigung mit Fragen der Medienethik eine große Rolle.

Der investigative Journalismus nach angelsächsischem Vorbild spielt in Deutschland traditionell eine große Rolle; Zeitungsartikel sind in der Regel deutlich knapper gehalten als in Italien.

Journalisten betonen normalerweise ihre Unabhängigkeit. Da sie in der Regel aber abhängig beschäftigt sind, stellen die jeweiligen Zielvorgaben des Arbeitgebers einen wichtigen Einflussfaktor auf ihre Arbeit dar. Dabei lassen sich grob inhaltliche (redaktionelle Tendenzen) und kommerzielle Zielvorgaben unterscheiden. Zu direkten Einflussnahmen der Geschäftsleitung auf die redaktionellen Inhalte kommt es zwar relativ selten, doch dürften insbesondere bei Tageszeitungen mit einem stärker ausgeprägten politischen Profil bereits bei der Personalrekrutierung neben fachlichen auch politisch-ideologische Erwägungen eine Rolle spielen. Im Kontext von Journalistenausbildung und Berufpraxis finden damit Sozialisationsprozesse statt, die darauf hinweisen, dass es auch in Deutschland keine absolute Unabhängigkeit in der deutschen Presse- und Medienlandschaft gibt.

Wolfgang Bergsdorf

Weiterführende Literatur

  • BKM: Medienbericht der Bundesregierung, Berlin 2008.
  • Donsbach, Wolfgang (Hg.): Chancen und Gefahren der Mediendemokratie, Konstanz 2003.
  • Kepplinger, Hans Mathias/Maurer, Markus: Abschied vom rationalen Wähler, Freiburg 2005.
  • Kepplinger, Hans Mathias: Politikvermittlung, Wiesbaden 2009.
  • MediaPerspektiven: Basisdaten 2008, Frankfurt a. M. 2008.
  • Noelle-Neumann, Elisabeth (Hg.): Lexikon Publizistik und Massenkommunikation, Frankfurt a. M. 2002.

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