Öffentlichkeit und Medien

Fernsehwelten

Sie sind erst 19. Doch sie haben erreicht, wovon Zehntausende italienischer Mädchen träumen: Federica Nargi und Costanza Caracciolo dürfen in der Fernsehsendung "Striscia la notizia" leicht geschürzt auf den Schreibtischen der zwei Moderatoren tanzen. Um die zwei Traumjobs bewerben sich jährlich mehr als 5000 junge Italienerinnen, das Casting wurde zum TV-Wanderzirkus, bei dem Anwärterinnen unter einem Wasserstrahl singen oder Milch trinken müssen, die ihnen aus einer Babyflasche in den Mund gespritzt wird. Nargi und Caracciolo sind die augenfälligste Verkörperung der Veline, jener allgegenwärtigen Showgirls, die längst zum festen Bestandteil der italienischen TV-Szene gehören.

Noch vor wenigen Jahrzehnten wären Auftritte dieser Art im italienischen Fernsehen unvorstellbar gewesen. Der Staatssender war in der Hand der allmächtigen Democrazia Cristiana, die für züchtige Programme sorgte. Als vor gut 30 Jahren das Verfassungsgericht überraschend das TV-Monopol der RAI abschaffte, kam urplötzlich Bewegung in die Szene. In Ermangelung einer gesetzlichen Regelung begann auf der Halbinsel ein unkontrollierter Wildwuchs privater Hörfunk- und Fernsehprogramm. Jeder kaperte sich eine geeignete Frequenz, oft störten sich die Sender gegenseitig.

Einer, der dabei ganz vorne mitmischte, war der damalige Bauunternehmer Silvio Berlusconi. Schon bald wurden die drei Mediaset-Sender zu Vorreitern einer neuen Fernsehkultur. "Sie brachten viele US-Programme nach Italien: Dallas, Dynasty, Quizsendungen, bei denen nicht Allgemeinwissen, sondern Schlauheit zählten. Die Italiener gewöhnten sich allmählich an den neuen Stil und Jargon. Plötzlich wurden Politiker beim Kochen gefilmt statt im Parlament", schildert der Kommunikationswissenschafter Federico Boni von der Universität Mailand die TV-Revolution. Seit drei Jahrzehnten füttern die drei Mediaset-Kanäle die Italiener mit seichten Soaps, Realitys und Fictions und tauchen die Zuschauer in eine voyeuristische Scheinwelt, in der Intelligenz wenig und lange Beine viel zählen.

Durch die neue Konkurrenz sah sich das Staatsfernsehen genötigt, seine Programme zu entstauben. Doch statt sich um ein Kontrastprogramm zu bemühen, öffnete auch die RAI den Showgirls ihre Sendestudios und schaltete immer mehr auf seichte Unterhaltung vor. Kulturprogramme wie arte oder 3sat existieren in Italien nicht. Die einzige Alternative bietet Rupert Murdochs Sender Sky – allerdings gegen Bezahlung. Dank der Fußballrechte verdient der Sender von Berlusconis Erzfeind Murdoch indessen mehr als Mediaset.

Der Zeitungsmarkt

Zeitungen spielen in Italien eine untergeordnete Rolle. Die Zahl der Zeitungsleser liegt weit unter dem europäischen Durchschnitt. Kommen in Norwegen 560 Leser auf 1000 Einwohner, so sind es in Italien kaum 100. Während in Deutschland 64 Prozent der Zeitungsleser Abonnenten sind, so ist diese Quote in Italien mit neun Prozent verschwindend klein. Ein Viertel der italienischen Tageszeitungen müsste ohne staatliche Zuschüsse in wenigen Wochen schließen. Der Anteil der Zeitungen am Werbekuchen sinkt jährlich.

Die Verquickung von verlegerischen, wirtschaftlichen und politischen Interessen war in Italien schon immer stark ausgeprägt. Der Corriere della Sera etwa gehört einer Gruppe von Banken und Großunternehmen. Der politischen Auseinandersetzungen zwischen den Aktionären lassen sich am häufigen Wechsel der Chefredakteure ablesen: Paolo Mieli wurde 1997 entlassen, 2004 kehrte er zurück. Ferruccio De Bortoli verließ die Zeitung 2003 und übernahm vor drei Monaten erneut den Posten des Chefredakteurs. Die Turiner Tageszeitung La Stampa befindet sich im Besitz des Autokonzerns Fiat. Zahlreiche Regionalzeitungen gehören Verlegern, deren Nahverhältnis zur Politik auf den Inhalt abfärbt. Ein besonders krasses Beispiel ist der mehrfach vorbestrafte und wegen betrügerischen Bankrotts verurteilte Verleger Giuseppe Ciarrapico, der sich offen als Faschist bezeichnet. Der Unternehmer, dem mehrere Zeitungen in Latium gehören, wurde 2008 für das Volk der Freiheit in den Senat gewählt. Die Gefahr medialer Hörigkeit ist vor allem im Süden des Landes groß, wo Regionalblätter häufig versuchen, einen offenen Kollisionskurs zur Mafia zu vermeiden.

Die Gefährdung der Pressefreiheit

Die Bedrohung der Pressefreiheit ist in Italien ein Dauerthema. Nicht nur, weil der größte Medienunternehmer des Landes als Premier auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen kontrolliert. Auch deshalb, weil die RAI als traditioneller Hort skrupelloser Parteibuchwirtschaft gilt. Nota politica heißt eine bis zu fünf Minuten lange Rubrik in der meistgesehenen Tagesschau des Landes auf RAI 1. Sie hat keinen Informationswert, sondern dient einzig den Parteien als Bühne für politisches Hickhack. Die angesehene US-Organisation Freedom House hat die Situation der Presse in Italien von frei auf teilweise frei heruntergestuft. In der jährlichen Rangliste liegt das Land hinter Benin auf Rang 73.

Dafür ist vor allem die problematische Lage im Süden verantwortlich. Elf Journalisten leben in Italien unter Polizeischutz, über 200 wurden in den vergangenen Jahren wegen ihrer Berichterstattung über Mafia, Terror oder Extremismus bedroht oder eingeschüchtert. Besonders krass ist die Lage in Sizilien, wo in den vergangenen Jahrzehnten acht Journalisten ermordet wurden. "Viele üben Selbstzensur, weil sie Angst haben", schildert Nino Amadori die Lage. Der Korrespondent der Wirtschaftszeitung Il Sole-24ore warnt vor dem Zugriff der Mafia auf die Medien und der Willfährigkeit vieler Journalisten. Mit unverhohlener Wut und Morddrohungen reagiert die Kamorra auf die Artikel des Journalisten und Autors Roberto Saviano, der für seine Anti-Mafia-Haltung einen hohen Preis bezahlt: der Neapolitaner wird rund um die Uhr von vier Leibwächtern geschützt und muss in stets wechselnden Polizeikasernen übernachten.

Kritischer Journalismus wird in Italien nicht immer honoriert. Das zeigt das Beispiel des 45-jährigen Journalisten Marco Travaglio, der dem linken und rechten Establishment gleichermaßen verhasst ist. Travaglio wurde letzthin in Berlin vom deutschen Journalistenverband mit dem "Preis der Pressefreiheit 2009" ausgezeichnet - "für die Beharrlichkeit, Kritik auch noch dann zu üben, wenn andere es längst aufgegeben haben". Die Auszeichnung war den meisten italienischen Medien keine Zeile wert.

Gerhard Mumelter

Weiterführende Literatur

  • Boni, Federico: Il superleader. Fenomenologia mediatica di Silvio Berlusconi, 2008.
  • Rizzuto, Francesca: Giornalismo e democrazia: l'informazione politica in Italia, 2003.
  • Rusconi, Gian Enrico: Die Mediendemokratie und ihre Grenzen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 35-36 (2004), S. 32-38.
  • Mancini, Paolo: Mediensystem und politische Kultur in Italien. Vistas, Berlin 2005