Patriotismus

Nationalgefühl und Patriotismus sind in Italien eng mit der Geschichte und einer langen Tradition verbunden: vom römischen Kaiserreich bis zur christlichen Kirche in Rom, vom Heiligen römischen Reich bis zum europäischen Gleichgewicht war die italienische Halbinsel von zentraler Bedeutung für Europa (für Richelieu war sie das “Herz Europas”). Obgleich es keinen einheitlichen italienischen Staat gab, waren die Italiener von einem tief verwurzelten, wenngleich zuweilen verschwommenen Sinn der Zugehörigkeit zu einer abstrakt vorgestellten Gemeinschaft beseelt, die verschiedene Völkerschaften mit ihren ganz eigenen Lokalsprachen umfasste, vereinigt durch die von drei herausragende Persönlichkeiten (Dante, Petrarca und Boccaccio) geschmiedeten italienischen Literaturhochsprache. Das allmähliche Vorherrschen des Italienischen wurde zum Ausdruck einer italienischen Gemeinsprache.

Das Risorgimento

Unter dem Einfluss der napoleonischen Ära wurde das italienische Nationalgefühl zu Beginn des 19. Jahrhunderts wiedererweckt. Intellektuelle und bürgerliche Minderheiten verkündeten Unabhängigkeits- und Einheitsbestrebungen gegenüber der ausländischen (österreichischen) Besetzung. Im Namen der Freiheit identifizierten sie eine italienische Nation mit einem italienischen Staat. Ihre Hoffnungen setzten sie auf das Königreich Piemont und seine Fähigkeit, die nationale Bewegung und den Kampf um die Unabhängigkeit anzuführen. Sie zielten auf die Verwirklichung einer Bürgerkultur des Gemeinwohls durch Verknüpfung von Modernität, Politik und staatlicher Dimension.

Nationalgefühl und Identität konsolidierten sich unter dem Druck dreier Unabhängigkeitskriege und der Eroberung Roms als Hauptstadt. Der italienische Patriotismus beruhte dabei auf dem Stolz ob der ruhmreichen Vergangenheit ohne zunächst Anzeichen eines aggressiven Nationalismus zu zeigen. Die Heranbildung von Bürgern eines italienischen Staats war keine leichte Aufgabe. Kulturelle und soziale Unterschiede bestanden lange fort. Zudem konnte sich eine unsichere Führungsklasse nicht zur Elite aufschwingen und dem ersehnten Los des Landes als Großmacht eine Rückhalt sichern.

Patriotismus zwischen den Weltkriegen

Im Schmelztiegel des blutigen Ersten Weltkriegs erreichte das patriotische Bewusstsein schließlich auch die unteren Bevölkerungsschichten, die sich für den Krieg aufgeopferten. Der enttäuschende Ausgang des Krieges machte Ernüchterung Platz. Die folgende, auch durch die internationalen Bestrebungen des Kommunismus angefachte Krise führte zum Faschismus, der mit lautstarker Demagogie einen neuen nationalen Stolz verbreitete. Ein überzeugter und echter Patriotismus trat hingegen in der Widerstandsbewegung gegen den Faschismus und die Besetzung durch das Dritte Reich zu Tage.

Nach dem Krieg verlieh die republikanische Verfassung dem nationalen Willen Ausdruck. Allmählich bildete sich ein italienisches Identitätsgefühl heraus, das auf ausdrückliche Äußerungen von Patriotismus und gemeinsame Symbole verzichtete. Gedämpft wurde es durch unterschiedliche Bestrebungen nach Internationalismus sowie Unsicherheiten um das eigene Handeln auf der internationalen Bühne aufgrund der ständigen Befürchtung, Italien könne seinen Rang einbüßen. Diese Ungewissheiten schwanden allmählich zugunsten einer aufrichtigen Zustimmung zu den europäischen Leitbildern.

Patriotismus heute

Die Unruhen des Jahres 1968 und die gleichzeitig aufkommenden Angriffe terroristischer Splittergruppen, die schwere menschliche Opfer forderten, verursachten einen Wandel und setzen neue Potentiale frei. Das neue Identitätsgefühl stützte sich auf einen mutigen, gemeinsamen Einsatz zur Unterstützung der demokratischen Ordnung, deren Schutz trotz der gerechtfertigten Unzufriedenheit mit der mangelnden Leistungsfähigkeit der öffentlichen Einrichtungen einem tief verwurzelten innerlichen Gefühl entsprach. Die kommunistische Illusion des Internationalismus verflüchtigte sich und die demokratische Überzeugung erstarkte mit Blick auf gemeinsame Fernzielen, deren Durchsetzung ein verbreiteter Wohlstand und ein verstärktes Bewusstsein um die Erfordernisse einer weltweiten Governance der Globalisierung ermöglichten.

Im Laufe dieser Entwicklung kommen wieder die Symbole der Nation auf: die Flagge, die Nationalhymne, die feierliche Erinnerung an geschichtliche Ereignisse, das Prestige der Streitkräfte., Katholische wie den der Linken zuzuordnende Milieus haben ein einheitliches Nationalgefühl verinnerlicht, dass sich aus dem Bewusstsein speist, dass Italien eine Friedensmission in der Welt zu erfüllen habe. Daraus entspringt auch bei den jüngeren Generationen ein neuer dem Patriotismus ähnlicher Stolz ohne Misstrauen anderen Völkern gegenüber. Das Gemeinsamkeitsgefühl versteht sich eher als italienische Identität denn als Identifizierung mit dem italienischen Staat, der nach wie vor aufgrund einer weit zurückreichenden Tradition als bürokratisch entfernt betrachtet wird, weshalb man sich eine Lösung der internen Probleme eher von der Europäischen Gemeinschaft erwartet.

Ohne sich in Nationalhelden oder im historischen Gedächtnis wiederzuerkennen, ist der Durchschnittsitaliener unbewusst damit zufrieden, Italiener zu sein. Dennoch ist das Gefühl verbreitet, dass Italien im Vergleich zu anderen, als Muster hingestellten, europäischen Ländern in Bezug auf Modernität rückständig ist, was sich in der sogenannten italienischen Ausländerfreundlichkeit und einer Überempfindlichkeit für Kritik von außen äußert (möglicherweise aus einem noch nicht überwundenen Minderwertigkeitsgefühl heraus).

Eine Selbstbehauptung wird dann in den gängigen Mythen gesucht: die Schönheit der Landschaft und Städte, die Mode, die Küche, das Design, die Olympiasieger, die Familie, die Religion und besonders der originelle italienische Lebensstil. Italien wird somit als eine konkurrenzfähige soziale Organisation aufgefasst (der Eintritt in die G7-Gruppe als Symbol dafür). Sein Patriotismus ist nicht heroischer Art (auch wenn das Verhalten der Streitkräfte in ihren Auslandsmissionen belobigt wird), sondern äußert sich eher in einer aus Erlebnissen bestehenden Identität, die im Weiterbestehen der tausend verschiedenen Italien verankert ist, die ein gemeinsames Erbe als Band der Italianità zusammenhält.

Luigi Vittorio Ferraris

Weiterführende Literatur

  • Bollatio, Giulio: L’italiano. Einaudi: Torino 1983.
  • Chabod, Federico: L’idea di nazione. Barila: Laterza 1968+.
  • Diodato, Emidio: L’identità degli italiani oggi, in: Cerutti, Furio/D’Andrea, Dimitri (a cura di): Identità e conflitti, Franco Angeli: Milano 2000.
  • Galli Della Loggia, Ernesto: L’identità italiana. in: Il Mulino, Bologna 1998.
  • Galli Della Loggia, Ernesto: La morte della patria. in: Spadolini, Giovanni (a cura di): Nazione e nazionalità in Italia. Laterza: Roma-Bari 1994.
  • Graziano, Manlio: Italia senza nazione?, Donzelli: Roma 2007.
  • Lanaro, Silvio: L’Italia nuova. Identità e sviluppo. Einaudi: Torino 1988.
  • Rusconi, Gian Enrico: Se cessiamo di essere una nazione. in: Il Mulino, Bologna 1993.
  • Schiavone, Aldo: Italiani senza Italia. Einaudi: Torino 1998A.
  • Ventrone, Angelo: La cittadinanza repubblicana. in: Il Mulino, Bologna 1996.
  • Viroli, Maurizio: Per amore di patria. Laterza: Bari 1995.

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