Politische Bildung

Mit der Etablierung eines selbstständigen, dezidiert der politischen Bildung gewidmeten Schulfaches, das von speziell hierfür wissenschaftlich ausgebildeten Lehrkräften unterrichtet wird, nimmt Deutschland im internationalen Vergleich eine herausragende Stellung ein.

Geschichtliche Entwicklung der politischen Bildung

Die moderne politische Bildung in Deutschland setzt ein mit dem Untergang der nationalsozialistischen Diktatur 1945. Die alliierten Siegermächte waren sich darüber einig, dass aus dem deutschen Bildungswesen rassistisches und militaristisches Gedankengut zu entfernen und dafür demokratisches Bildungsgut einzuführen sei. Alle Schulen sollten größtes Gewicht auf die Erziehung zu staatsbürgerlicher Verantwortung und demokratischer Lebensweise legen. Vor allem die Amerikaner waren um eine Re-education des deutschen Volkes bemüht. Die Deutschen standen der Re-education mit einer gewissen Zurückhaltung gegenüber: Sie wurde als Missionierung eines Kulturvolkes empfunden. Gleichwohl ist die Einführung von politischer Bildung als schulisches Unterrichtsfach den Bemühungen der Amerikaner zu verdanken. Das Fach Geschichte verlor auf diese Weise sein bis dahin bestehendes Monopol in der Vermittlung politischer Gegenstände.

Die politische Bildung in der Bundesrepublik Deutschland beginnt mit einem Beschluss der Ständigen Konferenz der Kultusminister (KMK) über die Grundsätze zur politischen Bildung vom 15. Juni 1950. In den entscheidenden Passagen dieser Entschließung heißt es:

1. Die politische Bildung erstrebt auf der Grundlage sachlichen Wissens die Weckung des Willens zum politischen Denken und Handeln. In der Jugend soll das Bewusstsein erwachsen, dass das politische Verhalten ein Teil der geistigen und sittlichen Gesamthaltung des Menschen darstellt.

2. In diesem Sinne ist politische Bildung ein Unterrichtsprinzip für alle Fächer und für alle Schularten. Jedes Fach und jede Schulart haben darum nach ihrer Eigenart und Möglichkeit zur politischen Bildung beizutragen. Eine besondere Verantwortung trägt der Geschichtsunterricht, der geschichtliches Denken und Werten mit Verständnis für die Gegenwart verbinden muss.

3. Politische Bildung erfordert Kenntnis der wichtigsten Tatsachen, Formen und Zusammenhänge des gesellschaftlichen, staatlichen und überstaatlichen Lebens. Es wird empfohlen, zur Vermittlung dieses Stoffwissens und zur Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen, soweit dies nicht in anderen Unterrichtsfächern möglich ist, vom 7. Schuljahr ab Unterricht in besonderen Fachstunden zu erteilen. Die Benennung dieses Faches wird freigestellt (Gemeinschaftskunde, Bürgerkunde, Gegenwartskunde, Politik).

Schulische und außerschulische politische Bildung

In Deutschland gibt es politische Bildung als Pflichtaufgabe in allen Schulformen. Daneben existiert eine außerschulische politische Bildung, die zum großen Teil auf freiwilliger Teilnahme beruht.

Das ausdrücklich mit politischer Bildung beauftragte Schulfach führt keinen einheitlichen Namen. Die über die Schulhoheit verfügenden Länder haben sich für ganz unterschiedliche Benennungen entschieden. So gibt es die Bezeichnungen Gemeinschaftskunde, Sozialkunde, Politik, politische Weltkunde, politische Bildung und Sozialwissenschaften. Nicht selten wird das Fach mit anderen Fächern kombiniert, vorzugsweise mit Geschichte, Erdkunde und Wirtschaft.

Politische Bildung findet auch in anderen Unterrichtsfächern statt. Sofern in diesen Fächern in irgendeiner Weise politische Aspekte thematisiert werden, spricht man von politischer Bildung als Unterrichtsprinzip. In Betracht kommen neben Geschichte und Geographie die Fächer Deutsch, Religion und Musik sowie die Fremdsprachen.

Die außerschulische politische Bildung wird von einer kaum überschaubaren Vielfalt von staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen und Organisationen getragen, die in dieser Form in kaum einem anderen Staat existiert.

So gibt es die politische Jugendbildung als Teil der kommunalen Jugendhilfe. Die dafür zuständigen Jugendämter fördern und koordinieren die Arbeit der freien Träger politischer Jugendbildung. Zu diesen Trägern zählen diverse Jugendverbände, vor allem aber die politischen Jugendorganisationen der Parteien. Diese Jugendorganisationen sind im Ring politischer Jugend zusammengeschlossen.

Die politische Erwachsenenbildung wird zum einen von staatlichen bzw. kommunalen Institutionen betrieben. Zu diesen gehören vornehmlich die Bundeszentrale sowie die Landeszentralen für politische Bildung und die Volkshochschulen. Nicht zu vergessen ist die für die Bundeswehr und den Ersatzdienst verpflichtend vorgeschriebene politische Bildungsarbeit. Zum anderen gibt es freie Bildungsträger. Zu diesen zählen die Kirchen und die Gewerkschaften, insbesondere aber die parteinahen Stiftungen. Das Parteiengesetz schreibt den Parteien nämlich ausdrücklich vor, dass sie die politische Bildung anregen und vertiefen sowie die aktive Teilnahme der Bürger am politischen Leben fördern sollen. Ergänzt wird die freie Trägerlandschaft durch Vereine und Bildungshäuser.

Aufgaben und Ziele der politischen Bildung

Das oberste Ziel der politischen Bildung ist die Förderung der politischen Mündigkeit der Bürger. Diesen Rang nimmt die Mündigkeit aus zwei im Wesen der Demokratie liegenden Gründen ein. Zum einen basiert die Demokratie auf einer offenen Gesellschaft. Das bedeutet, dass sie von einer Vielzahl der Meinungen, von der Konkurrenz unterschiedlicher politischer Konzeptionen und von der Pluralität der Weltanschauungen geprägt ist. Zum anderen erlaubt die Demokratie den Bürgern vielfältige Weisen der Teilnahme am politischen Prozess. Sie gestattet ebenso die Kontrolle der Herrschaft durch die Bürger, wie sie vor allem im Wahlakt zum Ausdruck kommt.

Die Demokratie verlangt von den Bürgern deshalb eine ganze Reihe wichtiger Fähigkeiten: Sie müssen in der Lage sein, sich in der Fülle der Positionen und Auffassungen zu orientieren, kritisch abzuwägen und sich begründet zu entscheiden. Und sie müssen imstande sein, sich gegebenenfalls mit anderen rational darüber auseinanderzusetzen. Die Demokratie fordert den Bürgern weiterhin die Fähigkeit und die Bereitschaft zum politischen Engagement ab.

Eine der politischen Mündigkeit verpflichtete politische Bildung lässt die selbstständige Auseinandersetzung der Lernenden mit der Politik zu. Sie versucht nicht, die Ergebnisse der Auseinandersetzung vorwegzunehmen oder in eine gewünschte Richtung zu lenken. Sie bemüht sich aber um eine Verbesserung der Urteilsfähigkeit der Lernenden. Dies schließt notwendigerweise die Vermittlung gehaltvollen Wissens ein.

Ein zentraler Bestandteil der politischen Mündigkeit ist die politische Urteilsfähigkeit. Damit ist die Fähigkeit bezeichnet, politische Sachlagen wie auch Handlungen politischer Akteure nach zugrunde gelegten Wertmaßstäben unter Berücksichtigung vermutlich eintretender Folgen zu bewerten. Ein weiterer zentraler Bestandteil der politischen Mündigkeit sind politische Handlungsfähigkeiten. Sie bestehen in zum Teil komplexen organisatorischen sowie rhetorischen Befähigungen. Politisch handlungsfähig ist, wer Ideen formulieren, Konzepte entwickeln, Vorhaben planen, Veranstaltungen organisieren, Versammlungen leiten, politische Diskussionen moderieren, Redebeiträge vor größerem Publikum liefern, öffentliche politische Reden halten sowie Gefolgschaften organisieren und mobilisieren kann.

Politische Mündigkeit verlangt eine solide Wissensbasis. Für dieses Basis sorgen die Curricula des Unterrichtsfaches. Sie strukturieren die Inhalte der politischen Bildung. Im Wesentlichen gehören dazu die folgenden sechs Gegenstandsbereiche: 1. Gesellschaftliche Strukturen und sozialer Wandel in Deutschland. 2. Das politische System der Bundesrepublik Deutschland (Verfassungsordnung und politischer Prozess). 3. Internationale Politik und globale Strukturen. 4. Wirtschaftsordnung, Wirtschaftspolitik und globalisierte Wirtschaft. 5. Recht und Rechtsordnung.

Joachim Detjen

Weiterführende Literatur

  • Detjen, Joachim: Politische Bildung. Geschichte und Gegenwart in Deutschland. München 2007.
  • Sander, Wolfgang (Hg.): Handbuch politische Bildung. 3. Aufl., Schwalbach/Ts. 2005.