Politische Bildung

Die Bildung des einheitlichen Staates, die Erfahrung des Faschismus und die Konsolidierung der Demokratie in der schwierigen Zeit der bipolaren Gegenüberstellung sind einige der Faktoren, die viele Intellektuellen dazu verleitet haben, ein allzu strenges Urteil über die in der Nachkriegszeit begonnene Erfahrung der italienischen Demokratie abzugeben. Angeblich sei sie durch eine Reihe von „Krankheitserregern” befallen, die unvermeidlicherweise ihre Entwicklung beeinträchtigt hätten. Einige Intellektuellen, darunter beispielsweise Massimo Salvadori (2007), haben von einem gequälten Nationalbewusstsein gesprochen, das sich durch beachtliche Unterschiede kennzeichnet, die sich im Laufe der Geschichte der Nation konstitutiv herausgebildet hätten. Einerseits muss eingeräumt werden, dass die italienische Demokratie und der Einheitsstaat jünger sind als ihre amerikanischen, englischen oder französischen Ebenbilder, die häufig als Paradigmen herangezogen werden, und deshalb auch zerbrechlicher sind; doch andererseits soll man politisches und ziviles Bewusstsein auseinander halten, um Verwirrungen und die Deckung zweier verschiedener Begriffe nebst entsprechenden Beurteilungen zu vermeiden.

Zivilbewußtsein

Das Zivilbewusstsein, als Sinn der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft verstanden, dem Rechte und Pflichten entspringen, ist in Italien traditionellerweise aus verschiedenen historischen Gründen mangelhaft, darunter die späte Bildung eines Einheitsstaates, das Weiterbestehen der Orts- bzw. Kommunalgesinnung sowie das, was 1958 der amerikanische Anthropologe Banfield treffend als „amoralischen Familismus” bezeichnete, das heißt ein Mangel an Bürgersinn und ein Misstrauen der Gesellschaft gegenüber im Namen einer einzig auf die Familie beschränkte Ethik. Dieses Urteil wird durch eine Studie von Robert Putnam aus dem Jahr 1993 bestätigt, in der ferner auf die erheblichen Unterschiede zwischen Ober- beziehungsweise Mittelitalien und Unteritalien hingewiesen wird, wobei im ersteren Kommunalgesellschaften schon im Mittelalter bestanden und das Vereinswesen heute blüht, während in Süditalien beide abwesend sind.

Das politische Bewusstsein

Auch wenn es eng mit dem Zivilbewusstsein verbunden ist, ist das politische Bewusstsein, als Sinn der Zugehörigkeit zu einer politisch organisierten Gemeinschaft aufgefasst, in Italien sehr schwach. Eine erste Tatsache, die für diese Annahme zeugt, besteht in der hohen prozentuellen Teilnahme am Wahlgang, die höher ist als der Durchschnitt der anderen Länder der Europäischen Union. Bei den letzten Parlamentwahlen im April 2008 haben 80,50 Prozent der Wahlberechtigten für das Abgeordnetenhaus gewählt und 80,46 Prozent für den Senat, während bei den letzten Europawahlen im Juni 2009 ganze 65,05 Prozent zur Wahl gingen im Vergleich zum europäischen Durchschnitt von 43,1 Prozent. Beachtlich ist ferner die Verbreitung politischer Tageszeitungen und Meinungsblätter sowie die Beliebtheit der Fernsehsendungen, die den politischen Ereignissen gewidmet sind, darunter hauptsächlich „Porta a Porta“ mit einer Durchschnittseinschaltquote von 22 Prozent und Spitzen bis zu 30%. Auch bei den Fernsehnachrichten hat die interne politische Debatte ein erhebliches Gewicht.

Antipolitik

Als Gegenpart zu dieser starken Politisierung des öffentlichen Lebens ist eine ständige Tendenz zu einer Art „Antipolitik“ zu erwähnen, d.h. ein Verhalten radikaler Kritik und Denunziation der politischen, insbesondere der parteilichen Dimension. In der Tat kennzeichnet sich die italienische Gesellschaft durch ein beinahe pendelförmiges Schwingen zwischen Phasen starker Politisierung und solchen der Ablehnung der Politik. In den letzten Jahren hat die Denunziation der Politik insbesondere im Bestseller „La casta” von Gian Antonio Stella und Sergio Rizzo ihren Höhepunkt erreicht, von dem seit 2007 über eine Million Exemplare verkauft wurden, wie auch in der Aktivität des Komikers Beppe Grillo, der seit jeher die Nationalpolitik aufs Korn nimmt und dessen Blogsendung eine der weltweit beliebtesten ist.

Die Ausbildung der Parteikader

Die Verantwortung der Politisierung des öffentlichen Lebens in Italien tragen die politischen Parteien, die an der Führung des Gemeinwesens in gewisser Hinsicht übermäßig beteiligt waren. Dieser Aktivismus der Parteien geht auf die unmittelbare Nachkriegszeit und das Comitato di liberazione nazionale (Cln) zurück, das eine Machtlücke ausfüllte, auch wenn es formell keine Regierungsfunktion innehatte, und die einzige sichtbare und anerkannte Autorität darstellte (Amato 1993). Nach der Gerichtsaktion „Mani Pulite“ und mit dem Beginn der so genannten Zweiten Republik ist die Bedeutung der Parteien in der italienischen Politik drastisch eingebrochen. Die Zahl der Parteimitglieder nahm stark ab, bleibt aber noch immer verhältnismäßig groß.

Auch die Ausbildung der politischen Klasse und die Auswahl der Führungskräfte änderte sich radikal. Während der so genannten Ersten Republik wurde die politische Laufbahn durch einen gewissen cursus honorum bestimmt, der auf Kommunalebene begann und auf Nationalebene endete. Wer sich dem politischen Leben widmete, gab seinen früheren Beruf auf. Die Ausbildung oblag den Parteien, die regelrechte Parteischulen organisierten. Der gegenwärtige Rahmen erscheint demgegenüber eher aufgelöst: einerseits stammen die Politiker aus der Zivilgesellschaft, mit der jetzt ein bedeutsamer Austausch stattfindet, und zuweilen kehren sie dahin zurück; andererseits erfolgt keine strukturierte politische Ausbildung, wie sie die Parteischulen früher erteilten. Jedenfalls sollen verschiedene Versuche nicht unerwähnt bleiben, politische Ausbildungsstätten wieder aufleben zu lassen: von den kurzen politischen Ausbildungskursen (im Ausbildungszentrum von Gubbio für Forza Italia, in jenem von Cortona für den Partito democratico) bis zu den schwierigen Versuchen, für eine solche Ausbildung eigene Hochschulen zu gründen (Università del pensiero liberale für den Popolo delle Libertà und Ulibo für den Partito democratico).

Gleichzeitig gründete man eine Vielzahl von Stiftungen für politische Bildung: Dieses Experiment scheint nicht nur den Bedürfnissen der politischen Ausbildung wirksamer entgegenzukommen, sondern auch einen effektiven Austausch zwischen der Welt der Politik und dem Milieu der Intellektuellen und Forscher zu gewährleisten. Unter den wichtigsten in Italien bestehenden Stiftungen für politische Bildung seien Magna Charta und Fare Futuro für die Formation des Popolo delle libertà, Liberal für UDC, Italianieuropei, Arel und Glocus für den Block des PD genannt.

Michele Comelli

Weiterführende Literatur

  • Amato, Giuliano: My experience as Prime Minister, Anrede am Istituto universitario europeo, ottobre 1993.
  • Banfield, Edward: Le basi morali di una società arretrata, Il Mulino, Bologna, 2008.
  • Putnam, Robert: La tradizione civica nelle regioni italiane, Mondatori, 1993.
  • Salvadori, Massimo: Italia divisa. La coscienza tormentata di una nazione, Donzelli, 2007.