Wirtschaftsstruktur

Wirtschaftlich betrachtet war Italien in der zweiten Nachkriegszeit aufgrund des Wandels von einem im Wesentlichen landwirtschaftlichen Land zu einer großen industriellen Wirtschaft eines der dynamischsten Länder des europäischen Kontinents. Gegenwärtig ist Italien nach nominellem BIP die sechste Wirtschaftsmacht des Planeten, nach den Vereinigten Staaten, Japan, Deutschland, China, Großbritannien und Frankreich, steht im Jahr 2007 an fünfter Stelle in Bezug auf den Exportwert und an siebter in Bezug auf den Importwert (World Bank, 2007).

Makroökonomische Schieflagen

Trotzdem weist die italienische Wirtschaft in ihrer makroökonomischen Struktur einige Schieflagen auf, insbesondere eine hohe Staatsschuldenlast und eine hohe Arbeitslosenzahl. Italien ist eines der europäischen Länder mit dem höchsten Schulden/BIP-Verhältnis und weist diesbezüglich auch für 2007 das schlechteste Ergebnis in der Eurozone auf, auch wenn sich die entsprechende Zahl erheblich verringert hat (von 106,5% im Jahre 2006 auf 104% im letzten Jahr). Eine weitere besorgniserregende Kennzahl bezieht sich auf die Beschäftigung, die 2007 auf den niedrigsten Stand seit 1992 gesunken ist. Der durchschnittliche Beschäftigtenanteil im Prozentverhältnis zur Gesamtbevölkerung im Erwerbsalter beträgt in Italien 58,7% im Vergleich zu ca. 65% in Deutschland, 63% in Frankreich und 72% in Großbritannien.

Die Bedeutung der einzelnen Sektoren

Italiens Wirtschaftsstruktur, wie sie die Angaben des Nationalen Statistikinstituts ausweist, ist der des Großteils der anderen fortgeschritteneren Länder Europas ähnlich. Der Dienstleistungssektor entspricht zwei Dritteln (ca. 69%) des BIP, seine Stärken sind Handel und Fremdenverkehr. Letzterer stellt eine der ertragreichsten Sparten der italienischen Wirtschaft dar (12% des gesamten BIP), und zwar hauptsächlich wegen des unermesslichen Reichtums des Natur-, Kultur- und Umweltbestands, der zweifelsohne einen für die Nationalwirtschaft wesentlichen Konkurrenzvorteil ausmacht. Laut Unesco-Angaben (2009) ist Italien gegenwärtig die Nation, die vor Spanien und China über die größte Anzahl an Orten verfügt, die im Verzeichnis des Welterbes der Menschheit erscheinen.

Der Industriesektor entspricht hingegen einem Anteil von ungefähr 29% des Nationaleinkommens, wobei den Branchen des Maschinenbaus, der Textil- und Kleidungsindustrie, des Industriedesigns und der Landwirtschafts- und Nahrungsmittelindustrie nicht nur hinsichtlich des Umsatzes, der Beschäftigung und der Unternehmensanzahl eine besondere Bedeutung zukommt, sondern auch weil sie im Laufe der Zeit dazu beigetragen haben, den italienischen Erzeugnissen weltweit Geltung verschafft haben. Durch den hohen Anteil am Export haben sie zugleich auch einen erheblichen Beitrag zur Hebung der Handelsbilanz geliefert.

Eine Besonderheit des italienischen Industriesystems ist das Modell der jeweils in einem genau umrissenen Gebietssystem verwurzelten „Industriebezirke“, die aus einem dichten Netz von kleineren bis mittleren Betrieben bestehen, die jeweils auf eine bestimmte Phase des Produktionsstrangs spezialisiert sind. Zugleich kennzeichnet sich der Industriesektor jedoch auch durch das Bestehen größerer Konzerne, die die Geschichte der italienischen Industrie geschrieben und zur Entwicklung des Landes beigetragen haben.

Die verbleibenden 2% des BIP entfallen auf die Landwirtschaft. Diese liefert zwar einen unerheblichen Beitrag zur Nationalwirtschaft, stellt jedoch ein wichtiges Element für den sozioökonomischen Zusammenhalt und in verschiedenen Landesteilen für die ausgeglichene Entwicklung zahlreicher kleinerer Gebietssysteme dar, die eine ausgesprochen landwirtschaftliche und ländliche Bestimmung aufweisen. Ferner muss darauf hingewiesen werden, dass der Landwirtschaftssektor in der italienischen Situation eine besonders wichtige Rolle spielt: Wegen der Mehrzwecknatur des nationalen und allgemein des europäischen Landwirtschaftsmodells entspringen diesem Sektor zahlreiche Vorteile, die zur Besserung des sozialen und wirtschaftlichen Wohlstands der Gemeinschaft insgesamt beitragen.

Herausforderungen angesichts von Konjunkturkrise und Globalisierung

Die gegenwärtige Konjunkturkrise, die allgemein die globale Wirtschaft in Mitleidenschaft zieht, verpflichtet die einzelnen Landessysteme zu einer erheblichen Anstrengung im Sinne einer Neubestimmung konkurrenzfähiger Strategien zur Stärkung der Konkurrenzvorteile eines jeden Systems. Angesichts der hier kurz beschriebenen nationalen Wirtschaftsstruktur sollte das Entwicklungsmodell neu überdacht werden, wobei besonders die bestehenden systemischen Konkurrenzvorteile im Auge zu behalten sind, wie beispielsweise den erheblichen Bestand an Umweltressourcen und die starke territoriale Identität, die den Handel und den Fremdenverkehr zu unterstützen vermögen.

Es ist erforderlich, Investitionen zu intensivieren, die auf die Besserung der bestehenden großen Infrastrukturen abzielen, die zur Aufrechterhaltung von Industrie und Handel unerlässlich sind. Ein weiteres strategisches Element für die Aufbesserung der Konkurrenzfähigkeit des Landes besteht in der Erzeugung alternativer Energie insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass in Ermangelung bedeutender Vorkommen 75% des gesamten Energieaufwands importiert werden.

Ferner sollte der gegenwärtige Zustand in Bildung und Wissensstand unbedingt verbessert werden, und zwar durch die Zuwendung größerer Ressourcen für Forschung, Ausbildung und Innovation. In Italien sind die Ausgaben für Forschung und Entwicklung gegenwärtig die niedrigsten in ganz Europa (Eurostat, 2005).

Gian Paolo Cesaretti

Weiterführende Literatur

  • Arrighetti, Alessandro/Ninni, Augusto: Dimensioni e crescita nell'industria manifatturiera italiana. Il ruolo delle medie imprese, Franco Angeli 2009.
  • Saltari, Enrico/Travaglino, Giuseppe: L’economia italiana del nuovo millennio, Carocci Editore 2009.
  • Galossi, Emanuele/Palmieri, Stefano: Atlante dei distretti. Come cambia la struttura industriale dell’Italia, Ediesse Editore 2008.
  • INEA: L’Agricoltura Italiana conta, 2008.
  • Mariotti, Sergio: Internazionalizzazione, innovazione e crescita dell'industria italiana, Franco Angeli 2006.