Länderporträt Kenia

Politischer Extremismus in Kenia

In Kenia wird der politische Extremismus hauptsächlich mit dem Islamismus, dem sogenannten politischen Islam in Verbindung gebracht. Links- und Rechtsextremismus spielen im Land keine Rolle. Daher bezieht sich politischer Extremismus im kenianischen Kontext auf den politischen Islam und die politische Instrumentalisierung des Islams im Land. Die Ausbreitung des Islam in Ostafrika geht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Seitdem leben Moslems, Christen und anderen Religionen in dieser Region eng zusammen. Durch externe und interne Faktoren, aber auch durch Einflussnahme der Staaten auf die Religion ist in den letzten Jahren das weitgehend friedliche Miteinander immer stärker unter Druck geraten. Erste Ergebnisse einer Radikalisierung sind sichtbar und sowohl Anschläge in Kenia wie auch die angespannte Lage in den Nachbarländern zeigen, dass der Islam in Teilen Ostafrikas zusehends von radikalen Kräften instrumentalisiert wird.

Die frühesten muslimischen Siedler in Ostafrika stammten hauptsächlich aus dem heutigen Oman, dem Jemen und dem Iran. Viele Gemeinden in den Küstengebieten wurden im 13. Jahrhundert gegründet. Folglich verbreitete sich der Islam hauptsächlich entlang der Küste und an den traditionellen Handelswegen bis hinunter in das heutige Mozambique. Heute zählen sich in Kenia etwa 10 Prozent der Menschen dem Islam zugehörig. Die Religion hat in Kenia eine relativ gemäßigte Ausprägung angenommen, was auch dem Umstand geschuldet ist, dass es eine einheitliche muslimische Ideologie in Ostafrika nie gegeben hat. Am ehesten lässt sich die lokale Ausprägung des Islams unter dem Begriff Swahili-Islam subsummieren.

Der Swahili-Islam ist eine Ausdrucksform des Islams, in welcher sich der orthodoxe sunnitische Islam mit traditionellen Aspekten ostafrikanischer Kultur und Religion gemischt hat. Der Begriff Swahili bezeichnet hierbei keine homogene Bevölkerungsgruppe, sondern umfasst die verschiedenen ethnischen Gruppen an der Küste Ostafrikas, vor allem in Kenia und im benachbarten Tansania. Der Prozess der Integration von Elementen des Islams in die lokale Kultur – und andersherum - begann bereits mit der Ankunft erster arabischer Händlern in die Region im 9. Jahrhundert. Es entwickelte sich eine moderate Ausprägung des Islams, die – auch aufgrund der Integration vieler Elemente aus diesen – historisch sehr tolerant gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften war. Der Swahili-Islam breitete sich vor allem auf den der Küste vorgelagerten Inseln aus. Erst im 19. Jahrhundert fand eine konsequente Ausbreitung auf dem Festland statt.

Der sunnitische Islam dieser Ausprägung macht den mit Abstand größten Anteil der Gläubigen aus, es gibt aber auch schiitische Gemeinschaften und Mitglieder der Ahmediya sowie des Sufismus, der insbesondere in Kenia weite Verbreitung gefunden hat. Trotz dieser Vielfalt und Unterschiede haben die Gesellschaften in dieser Region historisch gesehen fast immer friedlich miteinander zusammengelebt, was auch für das Verhältnis zu anderen Religionen zutrifft.

Die in den letzten Jahrzehnten immer deutlich erkennbare Expansion des Islam wahabitischer Prägung aus Saudi-Arabien und den anderen Golfstaaten verändert das Miteinander der Religionen in Ostafrika allerdings immer spürbarer. Durch den zunehmenden Einfluss des sehr konservativen Gedankenguts und der Situation in Somalia hat eine kleine, aber wachsende Anzahl von radikalislamischen Extremisten eine Reihe von Anschlägen in Kenia verübt. Durch die Destabilisierung Somalias und der im Grenzland stark präsente Al-Shabaab Milizen, kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Übergriffen auf kenianisches Territorium.

Ideologie, Struktur, Strategie des muslimischen Extremismus

Die Herausforderungen des militanten Islam in Kenia sind nicht neu. Weniger bekannt hingegen ist das Entstehen von lokalen islamistischen Gruppen in Kenia, die nicht einfach nur durch externe Einflüsse entstanden sind und dem Ruf des globalen Jihad folgen. Diese Gruppen sind eher aus dem spezifisch lokalen Zusammenhang entstanden. Ihre Gründung geht auf die historische Benachteiligung eines konservativen Islam durch den Staat, die anhaltende politische Spannungen, eine im nationalen Vergleich höhere Arbeitslosigkeit und das grundsätzliche Gefühl der sozioökonomischen Benachteiligung zurück. Die Regierung in Kenia hat verschiedene Schritte gegen ihrer Meinung nach radikale muslimische Geistliche unternommen, um diese zu isolieren und unter Kontrolle zu bringen. Es wurde im Oktober 2012 ein neues Sicherheitsgesetz verabschiedet sowie eine Anti-Terror Einheit der Polizei gegründet und mit ausländischer Hilfe ausgebildet. Das FBI arbeitete eng mit den kenianischen Behörden zusammen, um die Anti-Terror-Spezialeinheiten, im Rahmen des PREACT-Programms 2012, das kenianische Sicherheitskräfte mit 10 Millionen US-Dollar unterstützt hat, zu trainieren. PREACT steht für die Partnerschaft Regional East Africa Counterterrorism.

Die meisten dieser Versuche sind allerdings gescheitert und haben eher zum Gegenteil beigetragen. Denn sie haben den Eindruck entstehen lassen, dass die Regierungen grundsätzlich etwas gegen Moslems hätten bzw. eine ganze Glaubensgemeinschaft für die Handlungen einzelner bestrafen wollen würde. Für Kenia kann als ein Beispiel das soeben angeführte Anti-Terror-Gesetz genannt werden, was eines der schärfsten weltweit ist und Kenia in den letzten Jahren in Richtung eines Polizei- bzw. Überwachungsstaats gerückt hat. Es schreibt z.B. strenge Strafen für Personen vor, die sich „mit Terroristen verbünden“. Das Gesetz hat moslemische Gemeinden, die seit langem über die politische Marginalisierung im Land klagen, weiter von dem Staat entfremdet.

Ihrer Meinung nach vertieft das Gesetz die soziale Spaltung im Land und führt zum Gegenteil der gewünschten Wirkung. Neben einzelnen Fällen hat der Mangel an Transparenz, die als planlos empfundenen Verhaftungen, die willkürlichen Festsetzungen der Höhe von Kautionen und die angestrengten Verfahren dazu beigetragen, dass ein wachsender Teil der Moslems sich von der Politik nicht richtig verstanden und repräsentiert fühlt. Zusammen mit dem Gefühl der sozioökonomischen Benachteiligung hat das dazu geführt, dass viele ihren Glauben in die ohnehin schwachen Rechtsstaaten verloren haben. Das Ergebnis dieses Prozesses ist, dass extremistisches Gedankengut auf einen fruchtbaren Boden fällt.

Aus den oben genannten Gründen, ist die ursprünglich aus Somalia stammende Al Shabaab Miliz, auf dem Vormarsch in Kenia. Die extremistische Auslegung des Islams und der Scharia sind ein bedeutender Bestandteil der Ideologie der Al Shabaab Miliz. Da die staatliche Exekutive in Somalia kaum bzw. nicht vorhanden war, bildete Al Shabaab im Jahr 2000 dutzende Gerichte eigene Milizen in Somalia als Alternative zur Polizei, die der Durchsetzung der Rechtsprechung der Gerichte dienten. Dasselbe soll nun in Kenia erfolgen. Neben dem Ziel der Schaffung von Sicherheit und Ordnung strebte die Gruppierung einen islamischen Staat in Somalia sowie die „Überwindung der Klan Differenzen durch eine Nationalisierung unter dem Banner des Islams“ in Somalia und auch in den Nachbarländern wie Äthiopien und Kenia an. Die somalische islamistische Terrororganisation Al-Shabaab sah sich ursprünglich als islamische Miliz im Kampf gegen die äthiopischen Truppen in Somalia und die vom Westen unterstützte Übergangsregierung. Kenia hatte bereits im Rahmen der Friedensmission der Afrikanischen Union Truppen in Somalia stationiert. Ziel der Miliz war und ist es, die "christliche" kenianische Armee zu bekämpfen, um das "muslimische" Land Somalia zu retten. Erklärtes Ziel der Miliz ist es also, Somalia zu einem islamistischen Staat zu machen und den Wirkungskreis auf die Region auszuweiten. Al Quaida in Kenia unterstützt weitgehend den Ideologie Anspruch der Al Shabaab Miliz und sieht sich als Bruder Miliz derselben an.

Bislang konnte Al-Shabaab weder in Somalia noch in Kenia besiegt werden. Das liegt nicht nur an ihren ständig wechselnden Strategien und Mitteln, sondern auch daran, dass sich manche lokale Gemeinschaften von der Miliz nicht bedroht, sondern beschützt fühlen. Dass es in Kenia somalische Minderheiten, die sich bedroht fühlen, gibt, trägt zu diesem Problem bei. Die bewaffneten Interventionen gegen Islamisten haben heftige fundamentalistische Gegenreaktionen ausgelöst.

Al Shabaab besteht einerseits aus moderaten Mitgliedern wie Geschäftsleute, die mit Hilfe der Gerichte nur ihre geschäftlichen Aktivitäten sichern wollen, andererseits aber auch aus Islamisten, die von der Idee der Scharia überzeugt sind. Dadurch unterschieden sich die einzelnen Strömungen innerhalb der Gruppe durch verschiedene Stufen der Radikalität. Auch in Teilen der muslimischen Bevölkerung Kenias kann die Gruppierung auf einen starken Rückhalt zurückgreifen. Das ist jedoch nicht auf ihre Ideologie zurückzuführen, sondern vielmehr darauf, dass die muslimische Bevölkerung in Kenia sich benachteiligt sieht.

Al-Shabaab rekrutierte in Kenia lange Zeit vorrangig Mitglieder für ihren Kampf in Somalia. Dies änderte sich spätestens am 7. August 1998 mit den Bombenanschlägen auf die US-amerikanischen Botschaften in Nairobi und Dar-es-Salaam durch al-Dschihad und al-Qaida. Ebenfalls mit al-Qaida in Verbindung stehende kenianische Terroristen griffen 2002 das von Israelis besuchte Paradise Hotel im kenianischen Mombasa an und versuchten eine israelische Zivilmaschine abzuschießen.

Aktionen und Ziele extremistischer Gruppen

In den folgenden Jahren weckten weitere Anschläge die Aufmerksamkeit der internationalen Medien - fast alle gehen auf das Konto der somalischen islamistischen Terrororganisation Al-Shabaab.

Seitdem kenianische Soldaten 2011 gemeinsam mit amerikanischen, französischen und äthiopischen Truppen in Südsomalia einmarschierten, um die Übergangsregierung in Mogadischu zu unterstützen, kam es in den urbanen Zentren von Nairobi und Mombasa und den Grenzstädten Garissa und Dadaab zu rund 70 Anschlägen auf Kirchen, Busstationen, Bars, Einkaufszentren und militärische Ziele. Der Anschlag auf die Westgate Mall im September 2013 erschütterte nicht nur Kenia, sondern die gesamte westliche Welt. Das Einkaufszentrum war besonders bei wohlhabenden Kenianern und bei in Nairobi lebenden Ausländern beliebt. Der Anschlag war sowohl gegen Kenias militärische Präsenz in Somalia gerichtet, als auch durch den internationalen Dschihad motiviert.

Mehr als 600 Menschen sind bei Terroranschlägen im Land gestorben. Viele der Täter waren Kenianer, von denen einige erst kürzlich zum Islam konvertiert waren. Experten schätzen, dass etwa ein Viertel der Al-Shabaab Kämpfer kenianischer Herkunft sind. Al-Shabaab hat sie weiterhin finanzielle Unterstützung. Sie rekrutiert auch weiterhin neue Kämpfer. Um religiöse Differenzen in Kenia zu schüren und zu betonen, greift Al-Shabaab bisweilen auch gezielt Christen an. Islamisten er Al Shabaab Miliz sind von der Idee der Scharia überzeugt. Der Rückhalt in Teilen der Bevölkerung ist jedoch nicht auf ihre Ideologie zurückzuführen, sondern vielmehr darauf, dass die muslimische Bevölkerung in Kenia sich benachteiligt sieht.

Es ist besorgniserregend, dass verschiedene militante und aufständische Gruppen in Ostafrika, einschließlich Al-Shabaab und mutmaßliche militante Gruppen, gemeinsame Ziele haben. In diesem Zusammenhang kann noch das „Mombasa Revolutionary Council“ (MRC) erwähnt werden, das eine relativ junge Separatistenbewegung aus der gleichnamigen Hafenstadt ist, die die Abspaltung der Küstenregion fordert. Der MRC wurde 1999 gegründet, und forderte einen unabhängigen Staat, um die Küste von „der Misshandlung und Ausgrenzung durch aufeinanderfolgende kenianische Regierungen“ zu befreien. Die Gruppe verfolgt ihre Sezessionsansprüche auf die Abkommen von 1895 und 1963, mit denen der zehn Meilen lange Landstreifen entlang der Küste an die Regierung Kenias übertragen wurde. Einige Kritiker charakterisieren diese britischen Abkommen als eine Form der Bestechung, die die Kolonisierung des Landes erleichtern sollte. Die Gruppe betrachtet diese Vereinbarungen als ungültig, weil sie ohne die Zustimmung der Küsten Akteure in Kraft gesetzt wurden. Daher beansprucht sie Gebiete um Mombasa und die Küstenregion. Der Anführer der Gruppe ist Omar Mwamnuadzi. Er wurde 2014 zusammen mit 11 weiteren Mitgliedern angeklagt. Die Gruppe bestreitet jedoch Behauptungen von Regierungsbeamten, dass sie Verbindungen zu Somalias militanter islamistischer Gruppe al-Shabaab hergestellt haben. Ihr werden außerdem von den politischen Lagern Angriffe auf Wahlbüros und auf Polizeistationen vorgeworfen. Die Organisationen finanzieren sich durch Spenden lokaler zivilgesellschaftlicher Gruppen und Zuwendungen internationaler Organisationen wie dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), der dänischen Organisation für Entwicklungszusammenarbeit (DANIDA) oder auch dem britischen Department für internationale Entwicklung (DFID). Viele Gruppen an der Küste unterstützen zwar nicht den MRC-Separatismus, aber sie spüren eine ähnliche Unzufriedenheit. Die von MRC-Akteuren artikulierten Gefühle der Diskriminierung und Marginalisierung prägen in gewissem Maß auch kriminelle Netzwerke entlang der Küste.

Allgemeine Demokratiefestigkeit

Kenia ist ein multiethnischer Staat mit über 40 verschiedenen Volksgruppen. Die Kikuyu sind mit ca. 25% die größte Volksgruppe Kenias. Rund 80% der kenianischen Bevölkerung sind Christen, 10% Muslime und knapp 2% gehören traditionellen Naturreligionen an. Diese Multiethnizität und Multireligiosität wird oft in politischen Konflikten mobilisiert, nicht zuletzt vor elf Jahren nach den Wahlen von 2007.

Die Präsidentschaftswahlen 2013 und 2017 verliefen gegen internationale Erwartungen weitgehend friedlich. Die Unruhen von 2007/8 werfen jedoch immer noch einen langen Schatten auf die Politik Kenias. Kenyatta war nach den Unruhen von 2007/08 neben seinem Vize William Ruto und dem Vorsitzenden des nationalen Sicherheitsrates Francis Mutaura, sowie dem Journalist Joshua Arap Sang in Den Haag beim Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit anklagt. Der ehemalige Finanzminister und Vizepremierminister Kenyatta stammt aus dem Lager der Kibakis und soll die Kikuyu-Miliz „Mungiki” unterstützen. Mungiki ist eine fundamentalistische und extremistische Sekte, welche die Rückkehr zu altafrikanischen Bräuchen fordert. Sie macht seit Ende der 1990er Jahre mit Geheimritualen, Brandstiftungen, Zwangsbeschneidungen von Frauen, Schutzgelderpressung und Morden an ausgetretenen Mitgliedern von sich reden. Die Bewegung konnte vor allem verarmte Jugendliche rekrutieren. Im Kampf gegen das Christliche als Sinnbild der westlichen Kolonialisierung suchte Mungiki in der Vergangenheit Unterstützung bei Kenias Muslimen. Im September 2000 konvertierten dreizehn Mungiki-Anführ er zum Islam. Der oberste Imam des Landes forderte die Regierung daraufhin auf, die Religionsfreiheit der Mungiki-Anhänger zu respektieren. Andere muslimische Führer prangerten die Verbrechen der Sekte hingegen an, die sie in den Unruhen 2007 organisiert haben sollen. Die Anklage gegen Kenyatta wurde am 05.12.2014 wegen mangelnder Beweislage zurückgezogen.

Fragile Staatlichkeit, schwache Institutionen, autokratische Herrschaftspraktiken und endemische Korruption führen zu einem Klima der Rechts- und Straflosigkeit. Die al-Shabaab macht sich diese Ineffektivität und Kriminalisierung staatlicher Sicherheitsorgane zu nutzen. Zudem florieren soziale Ungleichheit, Armut und Jugendarbeitslosigkeit entlang ethnischer und religiöser Grenzen – ein idealer Nährboden für gewalttätigen Extremismus. Nach staatlichen Angaben drängen jedes Jahr 500.000 junge Leute auf den Arbeitsmarkt. Von den 19,8 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter in dem 41 Millionen Einwohner zählenden Land sind mindestens 70 Prozent zwischen 18 und 34 Jahre alt. Mehr als 65 Prozent dieser jungen Leute sind arbeitslos

Für viele Mitglieder bedeutet die Angehörigkeit zu Terrororganisationen wie der al-Shabaab nicht zuletzt ein regelmäßiges Einkommen. Die politische Repression der muslimischen Minderheit – vor allem von Kenianern mit somalischen ethnischen Wurzeln – verschärft die Situation.

Koalitionen basierend auf ethnischer Zugehörigkeit und die markierten Gegensätze zwischen den urbanen Zentren und der Landbevölkerung polarisieren die kenianische Politik. Vor allem die Menschen im Nordosten und die Bewohner der swahilisch dominierten Küstenregion gehören zu den ärmsten Bevölkerungsschichten und fühlen sich marginalisiert und nicht von der politischen Elite in Nairobi repräsentiert. Dabei sind die Menschen in der Küstenregion in erster Linie muslimischen Glaubens, wohingegen Nairobi als christlich gilt. Hinzu kommt, dass die Küstenregion vom heutigen südlichen Somalia bis Mozambique bis ins späte 19. Jahrhundert als das zusammenhängende Sultanat „Zanguebar“ und nicht von Großbritannien regiert wurde.

Es ist wichtig, klar zwischen der al-Shabaab und muslimischen Sektionsbewegungen in der Küstenregion wie dem MRC zu unterscheiden. Deren Argumente reihen sich in die Beschwerden der Küstenbevölkerung ein, seit der Unabhängigkeit zu wenig staatliche Unterstützung erhalten zu haben, und konzentrieren sich in erster Linie auf die Forderung nach territorialer Autonomie. Durch staatliche Diskriminierung und Terrorisierung von Muslimen erstarken allerdings zunehmend auch die muslimischen und islamistischen Identitäten von MRC-Mitgliedern. Obgleich der MRC bisher für keine terroristischen Anschläge verantwortlich war, steht er der al-Shabaab nahe. In der kenianischen Regierung und den politisch einflussreichen Ethnien wie den Kikuyu finden beide Organisationen ein gemeinsames Feindbild.

Kenianische Somalier im Nordosten des Landes pflegen ebenfalls eine konfliktreiche Beziehung zum Staat. Seit den separatistisch motivierten Shifta Kriegen der sechziger Jahre hat die Kombination aus gewalttätiger Lokalpolitik, staatlicher Unterdrückung und extremer Armut die Radikalisierung der Bevölkerung in der Grenzregion zu Somalia extrem begünstigt. Die poröse Grenze mit dem de facto unkontrollierten Verkehr von Waffen und islamistischen Missionaren verschärft das Konfliktpotential in der Region.

Staatliche Unterdrückung birgt im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Unzufriedenheit der muslimischen Bevölkerung ideale Bedingungen für die weitere Rekrutierung islamistischer Rebellen und ist erschreckend kontraproduktiv. Laut einer Studie des Institute for Security Studies (ISS), nannte die Mehrheit der knapp 50 befragten Mitglieder von al-Shabaab und MRC die Ungerechtigkeit der kollektiven Bestrafung von Muslimen durch kenianische Sicherheitskräfte als ausschlaggebenden Grund, der jeweiligen Organisation beizutreten. Die Befragten nannten in diesem Zusammenhang „außergerichtliche Tötungen“ und die „Ermordung muslimischer Kleriker“ und erklärten: „Die Regierung und die Sicherheitskräfte hassen den Islam“ und „alle Muslime würden wie Terroristen behandelt.“

Terrorismusbekämpfung und Menschenrechtsverletzungen durch das neue Anti-Terror Gesetz

Die kenianische Regierung leugnete lange Zeit die Existenz einer islamistischen Bedrohung. Nach dem Botschaftsanschlag von 1998 erklärten Politiker, dass Kenia bloß als Kriegsschauplatz im islamistischen Kampf gegen die USA und seine Interessen missbraucht worden sei. Nur wenige gestanden sich ein, dass auch im nationalen Kontext die Gefahr extremistischer Gewalt wuchs. Schon 1998 waren unter den Tätern nicht nur ausländische Terroristen, sondern auch kenianische Staatsbürger, und der gewalttätige Extremismus hat sich seither zunehmend in Kenia ausgeweitet. Der international zu recht scharf kritisierte Umgang mit dem Westgate Anschlag entlarvte einmal mehr die internen Machtkämpfe, mangelnde Professionalität und Korruption der kenianischen politischen Elite. Die Sicherheitsorgane reagierten zu spät und unkoordiniert. Im Einkaufszentrum kam es zu Plünderungen in Millionenhöhe - vermutlich auch durch staatliche Sicherheitskräfte.

Einigen Berichten zu Folge lagen dem Geheimdienst sogar Informationen vor, auf deren Grundlage der Anschlag hätte verhindert werden können. Ein Jahr nach Westgate hatte die Regierung keinerlei Untersuchungsergebnisse vorzuweisen, geschweige denn die Verantwortlichen von Missmanagement und Plünderungen zur Rechenschaft gezogen. In den Wochen nach dem Anschlag betonte Präsident Uhuru Kenyatta zunächst die Bedeutung von Toleranz und nationalem Zusammenhalt, während sich die oppositionelle Orange Democratic Movement (ODM) auf die unrealistische Forderung versteifte, alle kenianischen Truppen aus Somalia abzuziehen. Schnell wurden jedoch auch politische Stimmen laut, die offen Razzien gegen die muslimische Bevölkerung und somalische Flüchtlinge propagierten. Studien und Berichte von Human Rights Watch (HRW), der Open Society Foundation und dem BBC verweisen auf schwere Menschenrechtsverletzungen gegen diese Bevölkerungsgruppen von Seiten der staatlichen Sicherheitskräfte durch die General Service Unit (GSU) der Polizei und die Anti-Terror Police Unit (APTU).

Übergriffe und Missbrauch von Seiten der Polizei haben seit der Anschläge in Kenia stark zugenommen. Ein Bericht von Human Rights Watch spricht für den Zeitraum von November 2013 bis Juni 2014 von mindestens zehn außergerichtlichen Tötungen und zehn Verschleppungen, sowie zahlreichen Fällen von Folterung und Schikane. Verdächtige wurden auf offener Straße erschossen, aus Fahrzeugen und Gerichtssälen verschleppt, in Haft verprügelt und ohne Kontakt zu ihren Familien oder Anwälten in Isolationshaft gesteckt. Unter den Todesopfern sind in erster Linie muslimische Kleriker der Küstenregion, die als Helfer der al-Shabaab galten.

So wurden wenige Tage nach dem Westgate Anschlag, in Mombasa der al-Shabaab nahestehende Prediger Ibrahim Omar und drei seiner Anhänger erschossen. In den folgenden Ausschreitungen wurden sieben Menschen verletzt. Eine Kirche ging in Flammen auf. Schon im August 2012 war es in Mombasa zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen, nachdem der radikale Prediger Aboud Rogo Mohammed, zu dem Ibrahim Omar engen Kontakt gepflegt hatte, und der laut der UN al-Schabaab finanziell, materiell und logistisch unterstützt hatte, erschossen wurde. Auch hier kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und muslimischen Demonstranten, und mehrere Kirchen wurden in Brand gesteckt.

Ferner führte die Polizei Massenverhaftungen nach rassistischer Profilerstellung durch. Im April wurden 4000 somalisch aussehende Menschen in der Operation Usalama Watch festgenommen. Vielen wurden Bargeld, Handys und andere Wertgegenstände abgenommen. 3000 dieser ethnischen Somalier wurden kurze Zeit später wieder entlassen, da sie sich als kenianische Staatsbürger ausweisen, und ihnen keine Straftaten vorgeworfen werden konnten. Die übrigen 1000 somalischen Staatsbürger wurden größtenteils ohne rechtmäßige Verfahren in Flüchtlingslager und nach Somalia zwangsdeportiert. Es wundert nicht, dass Muslime und ethnische Somalier sich zunehmend als Bürger zweiter Klasse und auch im Alltag von der Polizei, den Behörden und ihren Mitbürgern diskriminiert fühlen. Najin Balala, der ehemalige Bürgermeister von Mombasa erklärt: „Schikane und Einschüchterung (durch die Regierung) waren immer schon da. Aber jetzt sind wir als Bürger zweiter Klasse gebrandmarkt, weil wir Muslime und Araber sind.“

Bisher haben die verantwortlichen Behörden nichts unternommen, um die Menschenrechtsverletzungen im nationalen Kampf gegen den islamistischen Terrorismus aufzuklären.

Nährboden für Extremismus - Situation der muslimischen Organisationen und Position der Regierungen

Eine politische Benachteiligung der kenianischen Muslime begann bereits mit der Unabhängigkeit des Landes 1963, da die herrschende Kenianische Afrikanische National Union (KANU) stark der christlichen Bevölkerungsmehrheit zugewandt war und die Probleme der moslemischen Bevölkerung weitgehend ignorierte. Daraus entwickelte sich eine sehr problematische Beziehung zwischen Muslimen und dem kenianischen Staat. Aus dieser Unzufriedenheit erwuchs der Wunsch einiger Gruppen nach einer Abspaltung, der bereits unmittelbar nach der Unabhängigkeit entstand. Die „Mwambao United Front“ forderte die Autonomie des Küstenstreifens. Dies wurde von einigen Muslimen als die einzige Möglichkeit gesehen, politischen Einfluss auszuüben. Der Republikanische Rat von Mombasa folgte der MUF in der Rolle des Interessenvertreters der Moslems an der Küste Kenias nach und fordert weiterhin eine Abspaltung der Küstenregion. Er hat sich jedoch nicht viel Einfluss bewahrt. Die Regierung in Nairobi gründete 1973 eine offizielle moslemische Organisation - den Obersten Rat der Muslime von Kenia (SUPKEM). Diese war die einzige Organisation, die zur Vertretung aller kenianischen Muslime ermächtigt wurde. SUPKEM-Führer waren eng mit dem Staat verknüpft, was viele Muslime als eine Möglichkeit deuteten, sie zu kontrollieren. Es war schwierig, in dieser Organisation politische Ideen, Meinungen oder Bedürfnisse aus-zudrücken, die für die Regierung nicht akzeptabel waren. Heutzutage gibt es mehrere moslemische Organisationen auf nationaler Ebene unabhängig vom politischen Einfluss. Dazu gehören das National Moslem Leaders Forum, Majlis Ulamaa Kenia, der Kenia Council of Imams und Ulamaas sowie der Rat der Imame und Prediger von Kenia. Diese sind aber in erster Linie Interessengruppen, die keine direkte Macht auf politischer Ebene haben.

Interne und externe Kräfte verändern den Status Quo:

Die Gefahren, die von islamistischen Extremisten in Ostafrika ausgehen, werden oft auf Somalia und die sich zu Al-Qaida bekennenden Terroristen von Al-Shabaab reduziert. Allerdings sind Voraussetzungen und Entwicklungen, die zu Extremismus führen, in der gesamten Region zu finden. Ein erstes Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass die Spannungen innerhalb muslimischer Gemeinschaften und gegenüber Christen in Kenia in den letzten Jahren zugenommen haben. Diese Spannungen sind nicht plötzlich oder unvorhersehbar aufgetreten. Sie sind vielmehr Ausdruck von über einen sehr langen Zeitraum aufgebaute Ressentiments, die von internen und externen Ereignissen angefeuert werden.

Ein wichtiges externes Element ist dabei der zunehmende Einfluss einer sehr konservativen Auslegung des Islam aus den Golfstaaten. Dieser zeigt sich an dem wachsenden sozialen Engagement dieser Länder in Ostafrika. Immer mehr Koranschulen und Moscheen, die mit Geldern aus den Golfstaaten finanziert werden und deren konservative Auslegung des Glaubens nach Kenia und Tansania tragen, haben in den letzten Jahren ihren Betrieb aufgenommen. Diese Entwicklung trifft in Kenia auf eine traditionell eher gemäßigte und tolerante Auslegung des Islam und setzt dieser durch die viel bessere finanzielle Ausstattung immer stärker zu. Dazu kommt die stetig wachsende Zahl von Studenten aus Ostafrika in den Golfstaaten. Die Möglichkeiten für Hochschulbildung im Ausland haben sich seit den Anschlägen vom 11. September verändert. Obwohl der Abschluss an einer „westlichen“ Universität noch immer ein sehr hohes Ansehen genießt, ging die Anzahl der Studenten deutlich zurück. Dies liegt vor allem an Einreisebestimmungen, die auch für Menschen aus Ostafrika nach den Terroranschlägen deutlich verschärft wurden. Gleichzeitig sind die Möglichkeiten für Stipendien an Universitäten in den Golfstaaten sehr stark gewachsen. Das hat dazu geführt, dass in den letzten 15 Jahren die Anzahl der Studenten aus Ostafrika an Universitäten in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar sprunghaft angestiegen ist. So waren zum Beispiel im Jahr 2013 ca. 8.000 kenianische Studenten in Saudi Arabien registriert. Während ihrer Studienzeit kommen die Studenten dann mit einer sehr viel konservativeren Auslegung des Islam in Kontakt, als sie es aus ihren Heimatländern kennen.

Ein anderer Träger einer eher konservativen Auslegung des Islam in Ostafrika sind die sich in der Region immer stärker verbreiteten Satellitensender aus der Golfregion. Insbesondere die Vorstellungen nach der Rolle der Frau, einer angemessenen Kleidung und dem Zusammenleben mit anderen Religionen haben diese Sender in den letzten 15 Jahren beeinflusst.

Auch die wirtschaftliche Anziehungskraft der Länder der arabischen Halbinsel spielt eine Rolle bei den externen Faktoren. Bereits in den 1970er und 1980er Jahren wanderte eine beträchtliche Anzahl an Moslems aus Ostafrika auf der Suche nach Arbeit nach Saudi-Arabien und andere Länder der Region ab. Ähnlich wie die Studenten, waren auch die Arbeitsmigranten währen ihrer Zeit der sehr viel konservativeren Auslegung des Islam in den Golfstaaten ausgesetzt, welche diese bei ihrer Rückkehr in ihre Heimatländer mitbrachten. Dies provozierte einen Konflikt zwischen den unterschiedlichen Interpretationen des Islams in den Ländern, wie den ursprünglichen „moderateren“ Swahili-Interpretationen des Islam, die Elemente von indigenen afrikanischen Religionen intergiert haben, und den konservativen Praktiken, aus dem Nahen Osten.

Als ein weiterer Faktor muss – speziell für Kenia – auch die kontrovers geführte Diskussion zu Landfragen genannt werden sowie mögliche Verbindungen von lokalen Politikern zu radikalen Organisationen. Nach dem Anschlag vom 6. Juni 2014 auf den Küstenort Mpeketoni nahe Lamu machte der kenianische Präsident Uhuru Kenyatta umgehend lokale Politiker für den Vorfall verantwortlich nicht die militante islamische Bewegung al Shabaab, die sich jedoch kurze Zeit später zu dem Attentat bekannte. Der Gouverneur der Bezirksverwaltung von Lamu wurde kurzzeitig unter Terrorismusverdacht verhaftet, weil ihm vorgeworfen wurde, e ine Miliz zu kommandieren, die in Somalia ausgebildet worden sein soll. Der als moderat geltende Vorsitzende der kenianischen Vereinigung der Imame, Sheikh Mohammed Idris hatte im selben Monat das Werben für den Dschihad in Mombasa öffentlich verurteilt und gedroht, die Verbindungen von Imamen und örtlichen Politikern zu al Shabaab zu veröffentlichen. Kurz vor dem Attentat auf die Ortschaft Mpekotoni wurde der Imam auf offener Straße in Mombasa erschossen. Präsident Uhuru Kenyatta bezichtigte indirekt die Opposition unter dem ehemaligen Ministerpräsidenten und Oppositionsführer Raila Odinga, an der Küste die ethnische Karte zu spielen, um in Nairobi doch noch an die Macht zu kommen. Der Oppositionsführer rief daraufhin zu Großdemonstrationen gegen das „Regime“ auf. Aus den vermeintlichen Überfällen von al Shabaab wurde so eine explosive innenpolitische Auseinandersetzung, in der sich radikaler Islamismus mit lokalen Machtansprüchen paart. Vordergründig geht es dabei um die Forderung nach Unabhängigkeit für die Küstenregion, um eine Schwächung der Zentralregierung in Nairobi und um religiöse Motive. Hauptsächlich jedoch geht es um die Frage, wer Land an der Küste besitzen darf und wer nicht. Hauptsächlich jedoch geht es um die Frage, wer Land an der Küste besitzen darf und wer nicht.

Ein weiteres nennenswertes Element ist eines der ehrgeizigsten afrikanischen Bauvorhaben der vergangenen dreißig Jahre, der „Lamu Port Southern Sudan – Ethiopia Transport Corridor“, kurz Lapsset. Das Projekt umfasst den Bau eines neuen Hafens im Regierungsbezirk Lamu, über den in Zukunft Öl aus dem Südsudan nach Kenia exportiert werden soll. Geplant sind außerdem eine Autobahn nach Äthiopien, eine Eisenbahnlinie nach Sudan und eine Raffinerie. Insgesamt belaufen sich die Investitionen für das Großprojekt auf 18 Milliarden Euro. Der Angriff auf das kenianische Mpekotoni ereignete sich nur drei Tage nachdem die ersten Entschädigungen für Land in der unmittelbaren Umgebung des geplanten Hafengeländes gezahlt worden waren. Dort war der Preis für einen Hektar von 15.000 Kenianischen Schilling (125 Euro) auf 1,7 Millionen Schilling (14.170 Euro) gestiegen. Geschäftsleute mit Verbindungen zur Politik hatten schon vor Jahren für das damals noch staatliche Land geboten, weil sie wussten, was in Lamu geplant wurde. Der Frust der Menschen der Küstenregion war so stark, dass die Gouverneure der insgesamt sechs Regierungsbezirke an der überwiegend muslimisch geprägten Küste die Abspaltung von Kenia forderten. Radikale Prediger sahen ihre Chance, an der Küste ein Kalifat zu errichten. Ein wichtiges externes Element im kenianischen Kontext ist der historische Landanspruch der Muslime an der Küste. Die Küstenregion war nie Teil der britischen Kolonie Kenia, sondern ein britisches Protektorat, das völkerrechtlich zum Sultanat Sansibar gehörte. Als Kenia 1963 in die Unabhängigkeit entlassen wurde, war für die Küste zunächst eine Lösung wie zwischen Sansibar und Tansania vereinbart worden, nämlich Halbautonomie für das ehemalige Sultanat. Ein Jahr später hat sich der kenianische Gründerpräsident Jomo Kenyatta, der Ethnie der Kikuyu zugehörig, nicht mehr an das Abkommen gehalten. Er begann, Baumwollfarmer aus dem Rift Valley an der Küste anzusiedeln. Ein Ergebnis dieser Entwicklung war, dass die Spannungen innerhalb moslemischer Gemeinschaften und gegenüber Christen zugenommen haben. Als letzten externen Faktor muss – speziell für Kenia – auch die Militärpolitik des Landes genannt werden. Die kenianische Außenpolitik ist vielen Muslimen ein „Dorn im Auge“ und dient als ideologisches Instrument zur Radikalisierung. Ein Teil der Muslime beklagt, dass die Beziehungen der Regierung zu den Vereinigten Staaten und Israel zu eng seien und dass Kenias andauernde militärische Interventionen in Somalia Muslime auf Geheiß der Vereinigten Staaten ins Ziel nehmen würde. Während der externe Einfluss eines radikaleren Islam über die Jahre zugenommen hat, haben sich auch die internen Faktoren verschoben und tragen ihren Beitrag zur aktuellen Entwicklung bei. Die traditionell vorhandene sozioökonomische Marginalisierung der moslemischen Gemeinschaften hat ihren Anteil daran, dass zusammen mit den externen Einflüssen eine wachsende Anzahl von Moslems der Überzeugung ist, dass eine systematisch gewollte Ungleichbehandlung vorliegt und dahinter eine Strategie der Ausgrenzung steckte.

Der Unterschied der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen Moslems und Christen ist – neben vielen anderen Faktoren – auch der Tatsache geschuldet, dass es kaum Möglichkeiten für Moslems gibt, an dem Banken- und damit Geldkreislauf teilzunehmen. Das Bankensystem ist nicht auf die Restriktionen ausgelegt, denen Moslems unterliegen. Ein islamisches Bankensystem ist kaum vorhanden, weswegen für Investitionen dringend benötigte Darlehen oder Bürgschaften von Moslems nicht in dem Maße abgerufen werden können, wie das bei den Christen oder Hindus der Fall ist. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass die vorwiegend moslemisch geprägten Landesteile wirtschaftlich zunehmend ins Hintertreffen geraten. Ein weiteres Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass sich Behauptungen, den Moslems würde ganz bewusst der Zugang zum Wirtschaftskreislauf und zu besserer Bildung im Gegensatz zu Nicht-Moslems verwehrt, sich in den moslemischen Gemeinschaften mehr und mehr festgesetzt haben. Das gilt gleichermaßen für moderate wie für extremistische Gemeinschaften. Diese Behauptung hat bei vielen Moslems – insbesondere Jugendlichen – den Nährboden für extremistisches Gedankengut bereitet.

Zielgruppe politischen Extremismus

In Kenia sind junge Männer in den 20ern die Hauptzielgruppe politischen Extremismus. Die Rekrutierungserfolge haben mit Armut, struktureller Ungleichheit und Jugendarbeitslosigkeit zu tun. Niedrigrangige Al-Shabaab-Anführer bekommen angeblich umgerechnet 60 bis 200 Dollar im Monat. Nicht zufällig findet Al-Shabaab im Nordosten und an der Küste die meisten neuen Mitglieder. Dort gibt es das kollektive Gefühl der Ausgrenzung. Berichten zufolge strebt Al-Shabaab jedoch eine multiethnische Zusammensetzung an

Es schließen sich allerdings auch gebildete junge Männer mit wohlhabendem Hintergrund der Gruppe an. Der kenianische Beamtensohn Abdirahim Mohammed etwa hat einen Juraabschluss. Er nahm an dem Anschlag auf die Garissa Universität teil, bei dem 147 Studierende ermordet wurden. Es ist unwahrscheinlich, dass jemanden wie ihn soziale Not motivierte. Plausibler ist, dass ihn die religiöse Vision des Kampfes zwischen Muslimen und Ungläubigen inspirierte.

Die Garissa-Täter redeten später vom Kampf, der „alle muslimischen Gegenden unter kenianischer Besatzung“ befreien soll.

Dass extremistischer Islamismus in Kenia zunehmend auftritt, liegt mit daran, dass die Beziehungen der Hauptstadt Nairobi zur Peripherie seit einiger Zeit gestört sind. Das gilt vor allem für die Küste und den Nordosten, wo überwiegend Muslime leben. Sie erleben Ausgrenzung und bisweilen sogar Unterdrückung.

Al-Shabaab macht sich in seinen Taten die historischen Auseinandersetzungen zwischen kenianischen Christen und Muslimen zunutze. Während der Kolonialherrschaft hatten die britischen Verwalter Kenias muslimischen Gemeinden erhebliche rechtliche Autonomie gewährt, weil diese lange Zeit unter der Herrschaft des omanischen Sultanats Zanzibar gestanden hatten. Im Zuge der Unabhängigkeit Kenias im Jahre 1963 forderten kenianische Muslime daraufhin ein paralleles islamisches Rechtssystem. Kenias christliche Führung widersprach den Forderungen, da ein solches System den Status des Landes als säkularer Staat untergraben hätte. Die folgenden Jahrzehnte verliefen zwischen Muslimen und Christen weitgehend friedlich. Konflikte innerhalb Kenias spielten sich vor allem entlang ethnischer Grenzen ab - forciert durch eine politische Klasse, die Ethnizität politisch instrumentalisierte. Zu den ethnischen Trennlinien gesellten sich zunehmend religiöse Konflikte. Kenias Muslime, die vor allem an der Küste wohnen, beschwerten sich insbesondere, dass die "christliche" Regierung ihre Region de jure und de facto marginalisiere. Die sich in den letzten 15 Jahren verschärfenden Spannungen boten der Terrormiliz Al-Shabaab einen Nährboden, um Jugendliche für radikale Zwecke zu instrumentalisieren. Aggressive Polizeieinsätze, massenhafte Verhaftungen von Muslimen, die vermeintlich mit Al-Shabaab in Kontakt stehen, sowie das gezielte Töten von radikalen Predigern seitens der Staatsmacht haben die Situation zugespitzt.

Ausblick: Was muss gemacht werden?

Islamischer Extremismus in Kenia ist vorhanden, aber regional unterschiedlich stark ausgeprägt. Die Analyse ergibt, dass er sowohl externe wie auch interne Ursprünge hat. Um dieser Bedrohung eine wirksame Strategie entgegensetzen zu können, bedarf es daher einer ebenso zweigleisigen Vorgehensweise.

Den negativen externen Einflüssen muss etwas entgegengesetzt werden und die Tradition des friedlichen Miteinanders muss betont werden.

Destabilisierende, abgrenzende Auslegungen des Islam haben bereits dazu geführt, dass trotz des über die Jahrhunderte bestehenden friedlichen Miteinanders der unterschiedlichen Religionen mehr und mehr Spannungen entstanden sind. Die Regierungen, Zivilgesellschaften und religiöse Organisationen müssen gleichermaßen dem eine Botschaft entgegensetzen, die die lange Tradition des Miteinanders der Religionen betont und den friedlichen und auf Konsens ausgerichteten Charakter der Glaubensgemeinschaften stärkt. Dieser Prozess kann nur zu einem Erfolg führen, wenn alle darin beteiligten Akteure ihn langfristig ausrichten und der darin notwendige interreligiöse Dialog konkrete und für alle greifbare Ergebnisse liefert.

Die politische Inklusion muslimischer Gemeinschaften muss verbessert werden. Die Regierung in Kenia muss akzeptieren, dass die Moslems in ihren Ländern das diffuse Gefühl der Benachteiligung gegenüber ihren christlichen Landsleuten haben. Allein ein Eingeständnis der sozioökonomischen Ungleichheiten zwischen den Religionsgruppen würde ein sehr bedeutsames Zeichen an die Moslems senden und zu einem höheren Vertrauen in die Politik führen. Es ist zudem auch eine Aufgabe der Politik, in den Dialog mit moslemischen Gemeinschaften einzutreten, anstatt sich, wie in der Vergangenheit für eine stärkere Abgrenzung des Islams zu den anderen Religionen einzusetzen. Maßnahmen sollten daher den Bildungsbereich, die Einkommensmöglichkeiten und dem Zugang zum Kapitalmarkt adressieren. Dazu gehört dann auch ein Programm, welches die Jugendarbeitslosigkeit in moslemischen Gemeinschaften bekämpft. Ohnehin ist Bildung ein Schlüsselelement bei diesem Vorgehen. Die moslemisch dominierten Regionen haben ein schlechteres Bildungsniveau als der Durchschnitt der Länder. Hier könnte der Staat mit einfach umzusetzenden Maßnahmen schnelle Verbesserungen herbeiführen.

Zuletzt muss die Regierung Kenias auch ihre Strafverfolgungsbehörden professionalisieren. Der Staat hat das Recht und die Verpflichtung, radikal-islamische Personen anzuklagen und verurteilen zu lassen. Wenn ein Teil der moslemischen Gemeinschaften aber den Eindruck hat, dass rechtsstaatliche Normen nicht eingehalten werden und eher Willkür statt Gerechtigkeit am Werk ist, dann werden auch in Zukunft Ermittlungen gegen solche Personen eher einen negativen Effekt haben.

Zusammengefasst muss festgestellt werden, dass radikal-islamisches Gedankengut in Ostafrika in unterschiedlichem Ausmaß Einzug gefunden hat, was zu einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaften und zunehmender Gewalt geführt hat. Religiös motivierte Angriffe in Kenia sind bis heute als eher geplant und organisiert zu klassifizieren und sie haben, bereits zu hohen Opferzahlen geführt. Wie die Entwicklungen gezeigt haben, können die ehemals als amateurhaft klassifizierbaren Anschläge durch die Etablierung terroristischer Strukturen sehr schnell in etwas Gefährlicheres ausarten.

Die lange Tradition des friedlichen Miteinanders der Religionen in Kenia steht auf dem Spiel. Das Aufkommen von sektiererischen Spannungen, die extrem angespannte Lage auf Sansibar im benachbarten Tansania und die sozioökonomische Benachteiligung der Moslems am Küstenstreifen Kenias könnten – zusammen mit dem zunehmenden Einfluss der Golfstaaten – dazu führen, dass sich Kenia in einen sicheren Rückzugsort für militante Terroristen entwickelt. Die Erfahrungen aus anderen Regionen zeigen, dass radikal-islamische Ideologien nur sehr schwer bekämpft werden können, wenn sie sich einmal in einer Gesellschaft festgesetzt haben. Eine weitere Eskalation ist aber nicht unaufhaltsam.

Gezielte Maßnahmen z.B. in Bildung, Justizwesen, zur Abmilderung sozioökonomischer Ungleichheit sowie der Forderung eines echten interreligiösen Dialogs könnten einer zu befürchtenden Eskalation entgegenwirken.

Der extremistische Islamismus in Ostafrika hängt jedoch auch untrennbar mit historischem Leid und lokalen Dynamiken zusammen. Laut Chris Harman, einem britischen Sozialisten, wurden postkoloniale Gesellschaften erst vom Imperialismus traumatisiert um dann von heimischen Eliten ausgebeutet.

Die Probleme in Kenia und in der gesamten Region lassen sich nicht militärisch lösen. Externe Truppen haben Al-Shabaab zwar zugesetzt, aber die Miliz bleibt dank ihrer Verbindung zu lokalen Gruppen, die sie für legitim halten, stark. Für eine dauerhafte Lösung im Umgang mit Al-Shabaab und ähnlichen Verbänden muss die Zivilbevölkerung gewonnen werden. Anders ist sie nicht zu besiegen.

Kenias Partner in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit sollten auf Rechtsstaatlichkeits- und Menschenrechtsprogramme setzen. Die stockende Polizeireform, die nicht zuletzt wegen der polizeilichen Übergriffe im Rahmen der Unruhen 2007/08 eingeleitet wurde, sollte weiter vorangetrieben werden. Auch gilt es zivilgesellschaftliche Organisationen in ihrer berechtigten Kritik am Prevention of Terrorism Act (2012) zu unterstützen. Eine erfolgreiche Antiterrorismusstrategie sollte ferner Armutsbekämpfung vorsehen und den sozialen Kontext der wachsenden Radikalisierung der muslimischen Bevölkerung in Betracht ziehen, um auch bei intragesellschaftlichem Dialog und sozialer Integration ansetzten zu können. Der kenianische Staat erhält in seiner Terrorismusbekämpfung entscheidende finanzielle Unterstützung von den USA und dem Vereinigten Königreich. Nicht zuletzt sollten diese Geberländer sowie die internationale Gemeinschaft ihre Hilfe an die kenianische Regierung an die Aufklärung und Verurteilung der Verbrechen von Seiten der Sicherheitsorgane koppeln, um nicht eine Kultur der Straflosigkeit zu fördern.

Zusätzliche Quellen (zu den Quellen des KAS Laenderberichts ‚Politischer Islam in Kenia und Tansania‘):

  • Hoene, M. V.: Counter-terrorism in Somalia: How external interference helped to produce militant Islamism.
  • Botha, Anneli: "Politic al Socialization and Terrorist Radicalization among Individuals Who Joined al-Shabaab in Kenya". In: Studies in Conflict & Terrorism, 2014, Vol. 37, No. 11, pp. 895-919.
  • Brubaker, Rogers: "Religious Dimensions of Political Conflict and Violence". In: Sociological Theory, 2015, Vol. 33, No. 1, pp. 1-19.
  • Juergensmeyer, Mark: Terror in the Mind of God: The Global Rise of Religious Violence. University of California Press 2003.
Autorin: Antonie Maria Hutter