Länderporträt Tansania

Politischer Extremismus in Tansania

Durch externe Einflüsse und hausgemachte Probleme kommt die friedliche Auslegung des Islam in Tansania immer stärker unter Druck

Die Ausbreitung des Islam in Tansania geht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Seitdem leben Moslems, Christen und andere Religionen in dieser Region eng zusammen. Durch externe und interne Faktoren, aber auch durch Einflussnahme des Staates auf die Religion ist in den letzten Jahren das weitgehend friedliche Miteinander immer stärker unter Druck geraten. Erste Anzeichen einer Radikalisierung sind insbesondere durch die angespannte Lage auf Sansibar zu erkennen. Die frühesten muslimischen Siedler in Tansania stammten hauptsächlich aus dem heutigen Oman, dem Jemen und dem Iran. Viele Gemeinden in den Küstengebieten wurden im 13. Jahrhundert gegründet. Folglich verbreitete sich der Islam – neben Sansibar – hauptsächlich entlang der Küste und an den traditionellen Handelswegen bis hinunter in das heutige Mozambique. Heute zählen sich in Tansania rund 35 Prozent der Menschen dem Islam zugehörig, wobei auf Sansibar rund 95 Prozent der Menschen Moslems sind. Das hängt auch damit zusammen, dass Sansibar über eine sehr lange Zeit hinweg erst ein Teil des Sultanats Oman und dann ein eigenständiges Sultanat war. Die Religion hat traditionell eine relativ gemäßigte Ausprägung angenommen, was auch dem Umstand geschuldet ist, dass es eine einheitliche moslemische Ideologie in Ostafrika nie gegeben hat. Am ehesten lässt sich die lokale Ausprägung des Islams unter dem Begriff Swahili-Islam subsummieren:

Der Swahili-Islam ist eine Ausdrucksform des Islams, in welcher sich der orthodoxe sunnitische Islam mit traditionellen Aspekten ostafrikanischer Kultur und Religion gemischt hat. Der Begriff Swahili bezeichnet hierbei keine homogene Bevölkerungsgruppe, sondern umfasst die verschiedenen ethnischen Gruppen an der Küste Ostafrikas. Der Prozess der Integration von Elementen des Islams in die lokale Kultur – und andersherum - begann bereits mit der Ankunft erster arabischer Händlern in die Region im 9. Jahrhundert. Es entwickelte sich eine moderate Ausprägung des Islams, die – auch aufgrund der Integration vieler Elemente aus diesen – historisch sehr tolerant gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften war. Der Swahili-Islam breitete sich vor allem auf den der Küste vorgelagerten Inseln, insbesondere auf Sansibar aus. Erst viel später fand eine konsequente Ausbreitung auf dem Festland statt. Der sunnitische Islam dieser Ausprägung macht den mit Abstand größten Anteil der Gläubigen aus, es gibt aber auch schiitische Gemeinschaften und Mitglieder der Ahmediya. Trotz dieser Vielfalt und Unterschiede haben die Gesellschaften in dieser Region historisch gesehen fast immer friedlich miteinander zusammengelebt, was auch für das Verhältnis zu anderen Religionen zutrifft.

Die in den letzten Jahrzehnten immer deutlich erkennbare Expansion des Islam wahabitischer Prägung aus Saudi-Arabien und den anderen Golfstaaten verändert das Miteinander der Religionen in Tansania allerdings immer spürbarer. Die Destabilisierung Somalias und die im Grenzland zu Kenia präsenten Al-Shabaab Milizen, haben auch Einfluss auf den Islam insgesamt in Tansania, was insbesondere für Sansibar zutrifft. Das trägt dazu bei, dass sich auch hier eine wachsende Anzahl von Moslems konservativen Auslegungen ihres Glaubens verschrieben hat. In der Folge ist eine Veränderung in ihrem Verhältnis zu anderen Moslems, anderen Religionen und dem Staat zu bemerken. Zwar hat es nach den Doppelanschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam von 1998 in Tansania seitdem keine größeren Anschläge mehr gegeben hat, dennoch gibt es eine wachsende Anzahl junger Männer, die nachgewiesenermaßen Kontakte zu international operierenden islamistischen Terrorgruppen haben. Sowohl auf den Inseln wie auch auf dem Festland ist es in den vergangenen Jahren auch zu vereinzelten Anschlägen auf christliche Einrichtungen, Priester, Nonnen und auch auf als zu moderat geltende moslemische Würdenträger gekommen.

Situation der moslemischen Organisationen und Position der Regierung

Die größte moslemische Organisation auf dem Festland Tansanias ist BAKWATA (Baraza Kuu Waislamu Watanzania oder oberster Rat der Moslems in Tansania). Diese wird vom Mufti des Festlandes angeführt und vertritt nach außen alle Moslems. Allerdings wird der Organisation seit längerer Zeit eine nicht zu leugnende Nähe zum Staat und eine daraus resultierende mangelnde Unabhängigkeit vorgeworfen. Damit geht ein Verlust der Legitimation einher. Ein Beispiel dieser Nähe zum Staat ist eine Entscheidung aus dem Jahr 2017, wonach die tansanische Regierung die Kosten für den Bau eines neuen Hauptquartiers von BAKWATA übernommen hat. Ein weiteres Beispiel ist, dass die Regierung die aus Mangel an finanziellen Mitteln über Jahre verschobene Delegiertenversammlung von BAKWATA im Februar 2018 in den Liegenschaften des Parlaments ausgerichtet hat. Die größte moslemische Organisation neben BAKWATA ist Bara za Kuu. Diese propagiert eine größere Unabhängigkeit vom Staat und erkennt die Legitimation von BAKWATA nicht an. Bara za Kuu verfügt – ebenso wie BAKWATA – über ein landesweites Netz an Moscheen und Koranschulen und vertritt mittlerweile rund 40 Prozent der sunnitischen Moslems. Beide Organisationen verfügen über eine Reihe von Grundstücken, aus denen sie Einnahmen generieren dürfen. Zusätzlich können sie durch den Verkauf von religiösen Schriften Finanzmittel generieren. Während BAKWATA aber direkt von der Regierung mitfinanziert wird, finanziert sich Bara za kuu zu großen Teilen aus Spendengeldern.

Auf Sansibar gibt es ebenfalls einen Mufti, aber keine Organisation, der er vorsteht. Er ist dort der alleinige Repräsentant der Moslems. Zusätzlich ist er laut Verfassung des teilautonomen Archipels auch das Oberhaupt aller Religionsgemeinschaften. Jedwede Glaubensrichtung muss sich bei ihm registrieren und er ist der alleinige Vertreter sämtlicher religiöser Angelegenheiten. Er und alle seine Mitarbeiter sind Angestellte des Staates und werden von der sansibarischen Regierung bezahlt. Zudem gibt es auf Sansibar – anders als auf dem heterogener zusammengesetzten Festland – auch islamische Gerichte, die neben der zivilen Rechtsprechung existieren. Da die Bevölkerung zu weit über 90 Prozent aus Moslems besteht, verfügt der Mufti von Sansibar über sehr viel mehr Einflussmöglichkeiten als das der Mufti auf dem Festland hat, obwohl dieser nominell mehr Gläubige vertritt. Gleichzeitig sind die Verbindungen zu der Regierung aber auch sehr viel enger und damit auch deren Einflussnahme auf die Religion. Dieser Umstand wird von mehreren politischen und zivilgesellschaftlichen Gruppen seit längerer Zeit immer wieder kritisiert. Gerade der politische Einfluss auf die Vertreter des Islam spielt auf Sansibar eine sehr viel größerer Rolle als auf dem Festland, wo die Regierung zumindest offiziell eine klare Trennung von Staat und Religion verfolgt. Die Einflussnahme des Staates hat dazu geführt, dass viele Jugendliche, an der Autorität des Mufti und seiner offiziellen Imame und deren von der Regierung beeinflussten Predigten in den Moscheen zweifelt. Die durch die hohe Arbeitslosigkeit unter ihnen, kritisieren die sich in einer schwierigen Situation befindlichen Jugendlichen, dass sie keinerlei Kritik an ihrer Situation in den Moscheen äußern können und sich somit von ihren Imamen allein gelassen fühlen. Einige von ihnen versuchen dann, sich Antworten auf ihre Fragen über andere Wege, z.B. die sozialen Medien, zu verschaffen. Die Situation hat auch schon dazu geführt, dass sich einige dieser Jugendlichen kleinen und noch sehr unorganisierten sozialen Bewegungen angeschlossen haben, die sich für einen islamischen Staat auf Sansibar einsetzen und sich vom Festland lossagen wollen. Diese, meist von Studenten getragenen Gruppen, die von ihren Auslandsstudien in den Golfstaaten zurückgekehrt sind, fordern mehr oder weniger offen die Legitimität des Muftis auf Sansibar heraus. In der Folge wurden sie von der dortigen Regierung stark bekämpft. Die meisten Anführer dieser Gruppen sitzen entweder im Gefängnis oder mussten auf das tansanische Festland flüchten.

Interne und externe Kräfte verändern den Status Quo

Die Gefahren, die von islamistischen Extremisten in Tansania ausgehen, werden oft auf Somalia und die sich zu Al-Qaida bekennenden Terroristen von Al-Shabaab reduziert. Allerdings sind Voraussetzungen und Entwicklungen, die zu Extremismus führen, in der gesamten Region zu finden. Ein erstes Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass die Spannungen innerhalb moslemischer Gemeinschaften und gegenüber Christen in Tansania in den letzten Jahren zugenommen haben. Diese Spannungen sind nicht plötzlich oder unvorhersehbar aufgetreten. Sie sind vielmehr Ausdruck von über einen sehr langen Zeitraum aufgebaute Ressentiments, die von internen und externen Ereignissen angefeuert werden und gegen die zu wenig unternommen wird.

Ein wichtiges externes Element ist dabei der zunehmende Einfluss einer sehr konservativen Auslegung des Islam aus den Golfstaaten. Dieser zeigt sich an dem wachsenden sozialen Engagement dieser Länder in Tansania. Immer mehr Koranschulen und Moscheen, die mit Geldern aus den Golfstaaten finanziert werden und deren konservative Auslegung des Glaubens nach Tansania tragen, haben in den letzten Jahren ihren Betrieb aufgenommen. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit mit der kuwaitischen „Africa Muslims Agency“, die im Jahr 1998 eine Universität auf Sansibar eröffneten, die bisher rund 1.200 islamische Gelehrte hervorgebracht hat. Diese Entwicklung trifft in Tansania auf eine traditionell eher gemäßigte und tolerante Auslegung des Islam und setzt dieser durch die viel bessere finanzielle Ausstattung immer stärker zu. Dazu kommt die stetig wachsende Zahl von Studenten aus Ostafrika in den Golfstaaten. Die Möglichkeiten für Hochschulbildung im Ausland haben sich seit den Anschlägen vom 11. September verändert. Obwohl der Abschluss an einer „westlichen“ Universität noch immer ein sehr hohes Ansehen genießt, ging die Anzahl der Studenten deutlich zurück. Dies liegt vor allem an Einreisebestimmungen, die auch für Menschen aus Tansania nach den Terroranschlägen deutlich verschärft wurden. Gleichzeitig sind die Möglichkeiten für Stipendien an Universitäten in den Golfstaaten sehr stark gewachsen. Das hat dazu geführt, dass in den letzten 15 Jahren die Anzahl der Studenten aus Ostafrika an Universitäten in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar sprunghaft angestiegen ist. Während ihrer Studienzeit kommen die Studenten dann mit einer sehr viel konservativeren Auslegung des Islam in Kontakt, als sie es aus ihren Heimatländern kennen. Nach ihrem Abschluss kehren diese dann mit diesem konservativerem Denken zurück in ihr Heimatland. Ein anderer Träger einer eher konservativen Auslegung des Islam in Ostafrika sind die sich in der Region immer stärker verbreiteten Satellitensender aus der Golfregion. Insbesondere die Vorstellungen nach der Rolle der Frau, einer angemessenen Kleidung und dem Zusammenleben mit anderen Religionen haben diese Sender in den letzten 15 Jahren beeinflusst.

Auch die wirtschaftliche Anziehungskraft der Länder der arabischen Halbinsel spielt eine Rolle bei den externen Faktoren. Bereits in den 1970er und 1980er Jahren wanderte eine nennenswerte Anzahl an Moslems aus Ostafrika auf der Suche nach Arbeit nach Saudi-Arabien und andere Länder der Region ab. Ähnlich wie die Studenten, waren auch die Arbeitsmigranten währen ihrer Zeit der sehr viel konservativeren Auslegung des Islam in den Golfstaaten ausgesetzt, welche diese bei ihrer Rückkehr mitbrachten. Dies provozierte einen Konflikt zwischen den unterschiedlichen Interpretationen des Islams in Tansania, wie den ursprünglichen „moderateren“ Swahili-Interpretationen, die Elemente von indigenen afrikanischen Religionen intergiert haben, und den konservativen Praktiken, aus dem Nahen Osten.

Während der externe Einfluss eines radikaleren Islam über die Jahre zugenommen hat, haben sich auch die internen Faktoren verschoben und tragen ihren Beitrag zur aktuellen Entwicklung bei. Die traditionell vorhandene sozioökonomische Marginalisierung der moslemischen Gemeinschaften hat ihren Anteil daran, dass zusammen mit den externen Einflüssen eine wachsende Anzahl von Moslems der Überzeugung ist, dass eine systematisch gewollte Ungleichbehandlung vorliegt und dahinter eine Strategie der Ausgrenzung steckt. Der Unterschied der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen Moslems und Christen ist – neben vielen anderen Faktoren – auch der Tatsache geschuldet, dass es kaum Möglichkeiten für Moslems gibt, an dem Banken- und damit Geldkreislauf teilzunehmen. Das Bankensystem ist nicht auf die Restriktionen ausgelegt, denen Moslems unterliegen. Ein islamisches Bankensystem ist kaum vorhanden, weswegen für Investitionen dringend benötigte Darlehen oder Bürgschaften von Moslems nicht in dem Maße abgerufen werden können, wie das bei den Christen oder Hindus der Fall ist. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass die vorwiegend moslemisch geprägten Landesteile wirtschaftlich zunehmend ins Hintertreffen geraten. Ein weiteres Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass sich Behauptungen, den Moslems würde ganz bewusst der Zugang zum Wirtschaftskreislauf und zu besserer Bildung im Gegensatz zu Nicht-Moslems verwehrt, sich in den moslemischen Gemeinschaften mehr und mehr festgesetzt haben. Das gilt gleichermaßen für moderate wie für extremistische Gemeinschaften. Diese Behauptung hat bei vielen Moslems – insbesondere Jugendlichen – den Nährboden für extremistisches Gedankengut bereitet.

Ein spezieller Fall ist Sansibar: Anders als auf dem tansanischen Festland ist hier die religiöse Zusammensetzung der Gesellschaft weniger heterogen. Etwa 95 Prozent der rund 1,5 Millionen Menschen auf den Inseln sind Moslems. Ein schwerwiegendes Problem des Archipels ist die weiterhin sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit und das Versagen der Politik, darauf eine adäquate Antwort zu finden. Der Anteil der Jugendlichen ohne eine feste Anstellung ist auf Sansibar doppelt so hoch wie auf dem Festland. Ein zusätzliches Problem wird durch die politische Lage auf Sansibar erzeugt, die direkten Einfluss auf das Gefühl der Menschen hat, vom Festland beherrscht und benachteiligt zu werden. Die auf dem Festland dominierende Regierungspartei hat auch die Mehrheit auf Sansibar, wird von Kritikern aber immer als verlängerter Arm des Festlandes angesehen und die letzten Wahlen im Herbst 2015 sind weder frei noch fair abgelaufen. Zusätzlich hat die Regierung – wie bereits erwähnt – auf Sansibar einen viel direkteren Einfluss auf die Vertreter des Islam, da sie ihr unterstehen. Nachdem es im Nachgang der Wahlen im Jahr 2010 zu gewaltsamen Protesten gekommen war, da Anhänger der unterlegenen Opposition der Regierungspartei – nicht ganz unberechtigt – Wahl manipulationen vorwarfen, kam es im Nachgang zu einer gemeinsamen Regierung. Da die eigentlich für einen stärkeren Einfluss der Religion und eine größere Autonomie vom Festland eintretende Opposition nunmehr selbst in der Regierung war, fühlten sich viele Wähler von der Partei verraten und suchten nach einer neuen Anlaufstelle für ihre Forderungen. Ein Ergebnis dieser Entwicklung war dann das Entstehen und Erstarken von neuen, dem Staat entgegenstehenden islamischen Gruppen auf den Inseln. Die wichtigste und zugleich radikalste dieser Gruppen war die von Sheikh Farid Hadi Ahmed angeführte Bewegung UAMSHO, die sich im Jahr 2001 als karitative Gruppe gründete und viele Jahre eher unauffällig agierte. Erst nachdem die Oppositionspartei der Einheitsregierung zugestimmt hatte und eine große ideologische Lücke entstanden war, entwickelte sich UAMSHO nach und nach zu einer immer politischeren Bewegung, die auch immer radikalere Forderungen stellte und diese mit dem Islam legitimierte. Obwohl die eigentliche Mitgliederzahl der Gruppe nie mehr als ein Dutzend überstieg, wuchs die Zahl ihrer Sympatisanten immer weiter an. Spätestens ab dem Jahr 2011 trat UAMSHO für die völlige Unabhängigkeit Sansibars vom Festland ein, forderte einen islamischen Staat und organisierte Demonstrationen. Da der Staat auf diese mit äußerster Härte reagierte, endeten viele der Demonstrationen in offener Gewalt. In der Folge wurden so gut wie alle Anführer der Bewegung verhaftet und in Gefängnisse auf dem Festland gebracht, in denen sie weiter einsitzen.

Islamistische Tendenzen in Tansania

Die Herausforderungen des militanten Islam in Tansania sind nicht neu. Die Doppelanschläge auf die US-Botschaften in Nairobi und Dar es Salaam im Jahr 1998 sind bis heute die mit der höchsten Opferzahl (Nairobi 214, Dar es Salaam 11). Weniger bekannt hingegen ist das Entstehen von lokalen islamistischen Gruppen in Tansania, die nicht einfach nur durch externe Einflüsse entstanden sind und dem Ruf des globalen Jihad folgen. Diese Gruppen sind eher aus dem spezifisch lokalen Zusammenhang entstanden. Ihre Gründung kann auf die historische Benachteiligung eines konservativen Islam durch den Staat, die anhaltende politische Spannungen im Falle von Sansibar, eine im nationalen Vergleich höhere Arbeitslosigkeit und das grundsätzliche Gefühl der sozioökonomischen Benachteiligung erklärt werden. Obwohl zumindest für Tansania festgestellt werden muss, dass die Entwicklung dieser radikalen islamistischen Gruppen hier noch am Anfang steht und diese bisher nur eine sehr rudimentäre Organisationsstruktur haben, so besteht doch eine große Gefahr darin, dass sie sich mit den bekannten, regional operierenden Terrorgruppen zusammenschließen und so deren Einfluss in ein neues ostafrikanisches Land tragen.

Hauptforderungen der neu entstandenen Gruppen ist ein Ende der immer stärkeren Einflussnahme in religiöse Angelegenheiten durch den Staat und die quasi-staatliche Organisationen. Sie fordern die Unabhängigkeit der religiösen schulischen Bildung sowie das Ende der Kontrolle über die von ihnen geführten Moscheen und sozialen Einrichtungen. Eine Entfremdung mit den offiziellen moslemischen Organisationen und Vertretern hat somit bereits eingesetzt. Durch den wachsenden Einfluss der Golfstaaten auf diese Gruppen und die Verbreitung ihrer sehr konservativen Auslegung des Islam könnte ein Prozess in Gang gebracht worden sein, der zu einer zunehmenden Radikalisierung einzelner Moslems und auch von Gruppen führen könnte. Sollte diese Entwicklung weitergehen, dann könnte Tansania genau die Entwicklung nehmen, die es in Kenia bereits gegeben hat. Beide Länder würden dann zu einer nicht unerheblichen Quelle von neuen Kämpfern für Al-Shabaab und anderen radikalen Terrorgruppen werden. Einige dieser Kämpfer könnten nach ihrer Rückkehr oder ihrer gezielten Stationierung in Tansania ihr Werk fortsetzen. Erste Anzeichen für eine Verbindung gibt es bereits. Al-Shabaab hat damit begonnen, seinen Einfluss auf auch auf Tansania auszuweiten. Um die Rekrutierung neuer Kämpfer zu fördern, hat Al-Shabaab eine Medienkampagne gestartet, die insbesondere auf Jugendliche abzielt. Bestandteile dieser Kampagne sind Audiobotschaften, Internetseiten, die Nutzung der sozialen Medien und ein relativ professionelles Online-Magazine mit dem Namen „Gaidi Mtaani“, welches auf Englisch und Kiswahili erschienen ist.

Die Regierung in Tansania und auf den teilautonomen Inseln von Sansibar haben verschiedene Schritte gegen ihrer Meinung nach radikale moslemische Geistliche unternommen, um diese zu isolieren und unter Kontrolle zu bringen. Die meisten dieser Versuche sind allerdings gescheitert und haben eher zum Gegenteil beigetragen. Sie haben den Eindruck entstehen lassen, dass die Regierungen grundsätzlich etwas gegen Moslems hätte bzw. eine ganze Glaubensgemeinschaft für die Handlungen einzelner bestrafen wollen würde. Das beste Beispiel dafür ist die Behandlung der Anführer der islamischen Gruppe UAMSHO. Diese sitzen seit vielen Jahren in Gefängnissen. Ihnen wird Terrorismus vorgeworfen, es hat allerdings nie eine Verhandlung oder ein gerichtliches Urteil gegeben. Auch wenn diese Personen islamistische Extremisten sein sollten, so wurde das nicht bewiesen. Die Folge daraus ist, dass der Zustand der Dauerverhaftung ohne Rechtsgrundlage dazu führt, dass sich Sympathisanten der Gruppe weiter radikalisieren können, da sie sich und ihre Anführer – nicht ganz unbegründet – ungerecht behandelt fühlen. Ein weiteres Beispiel ist eine seit dem Jahr 2016 anhaltende Serie von Gewalttaten in der Küstenregion Kibiti. Dort hat es bereits Dutzende Todesfälle auf Seiten der Zivilbevölkerung und der Polizei gegeben. Es ist bislang nicht geklärt, ob es sich um islamistisch motivierte Gewalttaten handelt oder ob eine Gruppe von Kriminellen diese Gewaltverbrechen ausübt. Das überaus brutale und rücksichtlose Vorgehen der Sicherheitskräfte gegenüber der überwiegend moslemischen Bevölkerung der Region und die sehr frühe Festlegung der Regierung, dass es sich um islamistische Terroristen handeln muss, haben zu einem gefährlichen Zustand geführt. Viele Moslems fühlen sich zu Unrecht beschuldigt und beklagen die Repressionen der Regierung gegen sie auf Grund ihrer Religion.

Diese beiden Beispiele zeigen, wie der Staat mit seiner Politik dazu beiträgt, eine Spaltung der Gesellschaft und zunehmende Radikalisierung einzelner zu fördern. Das Vorgehen gegen einzelne Geistliche der Bewegung UAMSHO hat zwar zu Verfahren geführt, es wurden aber keine relevanten Beweismittel vorgelegt, die vor einem Gericht bestand hatten. Dennoch haben die Behörden diese Fälle auch nach deren Scheitern weiter verfolgt und vor die nächste Instanz gebracht, bei der sie wieder gescheitert sind. Im Endeffekt waren die Geistlichen dann über Monate ohne Gerichtsverfahren oder die Möglichkeit, auf Kaution entlassen zu werden, in den Gefängnissen, mussten dann aber entlassen werden. Im Falle des Anführers von UAMSHO, Sheikh Farid Hadi Ahmed, führte die schlampige Arbeit der Strafverfolgungsbehörden dazu, dass dieser nach 17 Monaten im Gefängnis entlassen werden musste, nachdem auch die dritte und letzte Instanz die Beweislage gegen ihn für nicht ausreichend erklärt hatte. Nach seiner kurzzeitigen Freilassung wurde er dann auf Grundlage neuer Anti-Terror-Gesetze wieder festgesetzt und ist seit dem Jahr 2012 ohne Anklage, Prozess oder Verurteilung in Haft.

Neben einzelnen Fällen hat der Mangel an Transparenz, die als planlos empfundenen Verhaftungen, die willkürlichen Festsetzungen der Höhe von Kautionen und die meist erfolglos angestrengten Verfahren dazu beigetragen, dass ein wachsender Teil der Moslems sich von der Politik nicht richtig verstanden und repräsentiert fühlt. Zusammen mit dem Gefühl der sozioökonomischen Benachteiligung hat das dazu geführt, dass viele ihren Glauben in den ohnehin schwachen Rechtsstaat verloren haben. Das Ergebnis dieses Prozesses ist, dass extremistisches Gedankengut auf einen fruchtbaren Boden fällt.

Ausblick: Was muss gemacht werden?

In der Analyse wird deutlich, dass islamischer Extremismus in Tansania vorhanden ist und sowohl externe wie auch interne Ursprünge hat. Um dieser Bedrohung eine wirksame Strategie entgegensetzen zu können, bedarf es daher einer ebenso zweigleisigen Vorgehensweise.

Den negativen externen Einflüssen muss etwas entgegengesetzt werden und die Tradition des friedlichen Miteinanders muss betont werden. Destabilisierende, abgrenzende Auslegungen des Islam haben bereits dazu geführt, dass trotz des über die Jahrhunderte bestehenden friedlichen Miteinanders der unterschiedlichen Religionen mehr und mehr Spannungen entstanden sind. Die Regierung, Zivilgesellschaft und religiöse Organisationen müssen gleichermaßen dem eine Botschaft entgegensetzen, die die lange Tradition des Miteinanders der Religionen betont und den friedlichen und auf Konsens ausgerichteten Charakter der Glaubensgemeinschaften stärkt. Dieser Prozess kann nur zu einem Erfolg führen, wenn alle darin beteiligten Akteure ihn langfristig ausrichten und der darin notwendige interreligiöse Dialog konkrete und für alle greifbare Ergebnisse liefert.

Die politische Inklusion moslemischer Gemeinschaften muss verbessert werden. Die tansanische Regierung muss akzeptieren, dass die Moslems das diffuse Gefühl der Benachteiligung gegenüber ihren christlichen Landsleuten haben. Allein ein Eingeständnis der sozioökonomischen Ungleichheiten zwischen den Religionsgruppen würde ein sehr bedeutsames Zeichen an die Moslems senden und zu einem höheren Vertrauen in die Politik führen. Es ist zudem auch eine Aufgabe der Politik, in den Dialog mit moslemischen Gemeinschaften einzutreten, anstatt sich, wie in der Vergangenheit für eine stärkere Abgrenzung des Islams zu den anderen Religionen einzusetzen.

Maßnahmen sollten daher den Bildungsbereich, die Einkommensmöglichkeiten und dem Zugang zum Kapitalmarkt adressieren. Dazu gehört dann auch ein Programm, welches die Jugendarbeitslosigkeit in moslemischen Gemeinschaften bekämpft. Ohnehin ist Bildung ein Schlüsselelement bei diesem Vorgehen. Die moslemisch dominierten Regionen haben ein schlechteres Bildungsniveau als der Landesdurchschnitt. Hier könnte der Staat mit einfach umzusetzenden Maßnahmen schnelle Verbesserungen herbeiführen.

Zuletzt muss die Regierung auch ihre Strafverfolgungsbehörden professionalisieren. Der Staat hat das Recht und die Verpflichtung, radikal-islamische Personen anzuklagen und verurteilen zu lassen. Wenn ein Teil der moslemischen Gemeinschaften aber den Eindruck hat, dass rechtsstaatliche Normen nicht eingehalten werden und eher Willkür statt Gerechtigkeit am Werk ist, dann werden auch in Zukunft Ermittlungen gegen solche Personen eher einen negativen Effekt haben und zu einer Radikalisierung Einzelner beitragen.

Zusammengefasst kann festgestellt werden, dass radikal-islamisches Gedankengut in Tansania Einzug gefunden hat, was zu einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaften und zunehmender Gewalt geführt hat. Allerdings muss auch ganz klar festgestellt werden, dass religiös motivierte Angriffe in Tansania bis heute als eher spontan und unorganisiert zu klassifizieren sind. Sie haben, abgesehen vom Angriff auf die US-Botschaft 1998, noch zu keinen hohen Opferzahlen geführt. Die lange Tradition des friedlichen Miteinanders der Religionen in Tansania steht auf dem Spiel. Das Aufkommen von sektiererischen Spannungen, die extrem angespannte Lage auf Sansibar und die sozioökonomische Benachteiligung der Moslems könnten – zusammen mit dem zunehmenden Einfluss der Golfstaaten – dazu führen, dass sich ein sicherer Rückzugsort für militante Terroristen entwickelt. Die Erfahrungen aus anderen Regionen zeigen, dass radikal-islamische Ideologien nur sehr schwer bekämpft werden können, wenn sie sich einmal in einer Gesellschaft festgesetzt haben. Eine weitere Eskalation ist aber nicht unaufhaltsam.

Gezielte Maßnahmen z.B. in Bildung, Justizwesen, zur Abmilderung sozioökonomischer Ungleichheit durch die Regierung sowie der Forderung eines echten interreligiösen Dialogs innerhalb der Zivilgesellschaft könnten einer zunehmenden Radikalisierung erfolgreich entgegenwirken.

Daniel El-Noshokaty