Christliche Gewerkschaften

Die christlichen Gewerkschaften wurden Ende des 19. Jahrhunderts von katholischen und evangelischen Arbeitern als Gegengewicht zu den eng mit der SPD verflochtenen freien Gewerkschaften gegründet. Dem 1894 von August Brust ins Leben gerufenen Gewerkverein christlicher Bergleute in Essen folgten bald weitere Gewerkschaften, die sich 1899 auf ihrem 1. Kongress in Mainz ein gemeinsames Programm gaben. Seine Prinzipien der Interkonfessionalität und der parteipolitischen Neutralität blieben bis 1933 verbindlich. Die christlichen Gewerkschaften waren von den Kirchen unabhängig. Ausgehend von der katholischen Soziallehre lehnten die christlichen Gewerkschaften den Klassenkampf ab und erstrebten die „gleichberechtigte Eingliederung der Arbeiter“ in Staat und Wirtschaft. Ihrem Selbstverständnis als Brücke zwischen Kapitalismus und Sozialismus entsprach auf betrieblicher Ebene ihr Ideal vom Interessenausgleich zwischen Unternehmern und Arbeitern durch den Tarifvertrag und die Mitbestimmung. In ihrem Streikverhalten unterschieden sie sich kaum von den freien Gewerkschaften, mit denen sie punktuell zusammenarbeiteten. Sie betonten die Verantwortung der Arbeiter für die Besserung ihrer materiellen Lage und erwarteten die Korrektur der Auswüchse des Kapitalismus durch staatliche Sozialreformen.

Die Konsolidierung des 1901 gegründeten „Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften Deutschlands“ wurde ab 1903 vom Generalsekretär Adam Stegerwald energisch vorangetrieben. 1914 zählte der Gesamtverband mit Sitz in Köln (ab 1921 Berlin) 218.000 vorwiegend katholische Mitglieder mit Schwerpunkten im Rheinland, in Westfalen und Bayern. Die christlichen Gewerkschaften vertraten durchschnittlich 12% der organisierten Arbeiterschaft und waren nach den freien Gewerkschaften (85%) die zweitstärkste Arbeiterorganisation. Gemeinsam mit den konfessionellen Arbeitervereinen (christliche Arbeiterbewegung) und verschiedenen Angestellten- und Beamtenorganisationen bildeten sie die 1903 im „Deutschen Arbeiterkongress“ zusammengefasste „christlich-nationale Arbeiterbewegung“, die sich zum Christentum, zur Monarchie und zur Kolonialpolitik bekannte und den Pazifismus der freien Gewerkschaften ablehnte.

Ab 1905 waren christliche Gewerkschafter im Reichstag vertreten. Spannungen entstanden aufgrund ihrer Zersplitterung auf die verschiedenen Parteien und ihrer parteipolitischen Neutralität; sie führten wiederholt zu internen Auseinandersetzungen. Den höchsten Arbeiteranteil wies bis 1933 die Zentrumspartei auf, der die meisten christlichen Arbeiter zuzurechnen waren. Wesentliche Impulse zur Straffung der Organisation des Zentrums und dessen Öffnung gegenüber den Protestanten gingen von den christlichen Gewerkschaften aus.

Während des Gewerkschaftsstreits 1900–1912, bei dem Teile des Klerus die katholischen Gewerkschafter kirchlichen Weisungen unterstellen wollten, verteidigten die christlichen Gewerkschaften ihren interkonfessionellen Charakter. Gleichwohl wurde immer wieder ihre Unabhängigkeit von kirchlicher Einflussnahme in Zweifel gezogen, was ihr Vordringen in protestantische Gebiete erschwerte. Nach 1914 ordneten sich die christlichen Gewerkschaften vorbehaltlos in den nationalen Burgfrieden ein. Sie erwarteten den Ausbau der Weltmachtstellung des Reiches, lehnten aber die Kriegsziele der Alldeutschen ab. Sie forderten den Ausbau der Sozialpolitik und die rechtliche Gleichstellung der Arbeiter, womit sie teilweise erfolgreich waren (Arbeiterausschüsse in Großbetrieben nach dem „Gesetz über den Vaterländischen Hilfsdienst“, 1916). Die Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts in Preußen (1918) erreichten sie nicht. Der Aufstieg von Funktionären wie Stegerwald und Johann Giesberts in staatliche Ämter unterstrich die Bedeutung der christlichen Gewerkschaften, die 1918 rund 539.000 Mitglieder zählten.

Bis zuletzt hielten sie an einem „sozialen Volkskaisertum“ fest. Gleichwohl stellten sie sich in der Revolution von 1918/19 auf den Boden der neuen Verhältnisse. Zur Stabilisierung trugen sie durch ihren Einsatz für die Einberufung der Nationalversammlung ebenso bei wie durch ihren Beitritt zur Zentralarbeitsgemeinschaft von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die ihrem Ideal vom institutionalisierten Ausgleich zwischen den Tarifparteien entsprach. In den bürgerlichen Fraktionen der Nationalversammlung und der Landtage erhöhte sich sprunghaft die Zahl der christlichen Arbeiter, die erstmals auch höchste Regierungsposten übernahmen. Die sozialen Bestimmungen der Weimarer Verfassung trugen deutlich ihre Handschrift. Die christlichen Gewerkschaften bildeten den Kern des 1918/19 auf Betreiben Stegerwalds gegründeten Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), der die nicht-sozialistischen Arbeiter-, Angestellten- und Beamtenorganisationen umfasste. Um die christlichen Arbeiter auch politisch zu einigen, rief Stegerwald 1920 in Essen zur Gründung einer interkonfessionellen Volkspartei auf. Sie sollte nach dem programmatischen Selbstverständnis der christlichen Gewerkschaften den Prinzipien „deutsch, christlich, demokratisch, sozial“ gehorchen, doch wurde das Essener Programm nicht verwirklicht.

In den Krisenjahren der Republik bis 1923 stellten die christlichen Gewerkschaften einen Stabilitätsanker gegen die Radikalisierung von rechts und von links dar. Auch ihre Verbindungen über die Grenzen der bürgerlichen Parteien hinweg trugen hierzu bei. Gesellschaftliches Leitbild war die „Volksgemeinschaft“ der am Wiederaufstieg des Reiches interessierten Kräfte auf dem Boden der Verfassung. Das völkische Gedankengut lehnten die christlichen Gewerkschaften ab. 1920 erreichten sie mit 1,1 Mio. Mitgliedern ihr Maximum, fielen aber bereits 1924 auf 613.000 Mitglieder zurück.

Mit dem Ende der Zentralarbeitsgemeinschaft 1924 stürzten die christlichen Gewerkschaften in eine Identitätskrise, die sich in einem Konflikt zwischen Stegerwald und dem Bergarbeiterführer Heinrich Imbusch über ihr Verhältnis zu den Arbeitgebern und zu den der DNVP nahestehenden Angestelltenverbänden im DGB entlud. Widerspruch erfuhren auch Stegerwalds Versuche, die Gewerkschaften politisch zu instrumentalisieren. Nur durch die Rückbesinnung auf die gewerkschaftlichen Aufgaben konnte ein Auseinanderbrechen des Gesamtverbandes verhindert werden. Dass die christlichen Gewerkschaften ihre Position in den wirtschafts- und sozialpolitischen Gesetzeswerken 1925–1928 nur teilweise zur Geltung bringen konnten, verdeutlichte ihre Zurückdrängung in den bürgerlichen Parteien. Als Symptom dafür galt das Scheitern der Kandidatur Stegerwalds um den Vorsitz des Zentrums 1928. Die Wiederannäherung an die freien Gewerkschaften war eine Voraussetzung für die große Koalition unter Hermann Müller (SPD).

1930-1932 unterstützten die christlichen Gewerkschaften – wenngleich mit wachsendem Unmut – die Sparpolitik des Reichskanzlers und ehemaligen DGB-Generalsekretärs Heinrich Brüning. Der zum Arbeitsminister berufene Stegerwald galt als Garant für den Erhalt des Sozialstaates. Während sie dem „Kabinett der Barone“ unter Franz von•Papen scharfe Opposition entgegensetzten, erwarteten die christlichen Gewerkschaften vom Kabinett Schleicher ein Ende der innenpolitischen Eskalation, für die sie KPD und NSDAP gleichermaßen verantwortlich machten.

Um die eigene Selbständigkeit zu retten, signalisierte die Führungsspitze des Gesamtverbandes nach der Machtergreifung Hitlers 1933 Bereitschaft zur Mitarbeit an einer berufsständischen Wirtschafts- und Sozialverfassung. Nach dem Scheitern des „Führerkreises der deutschen Gewerkschaften“, den Vertreter der drei Gewerkschaftsrichtungen im April 1933 mit dem Ziel einer politisch neutralen Arbeiterbewegung gegründet hatten, gliederten sich die christlichen Gewerkschaften am 3. Mai in das nationalsozialistische „Aktionskomitee zum Schutze der deutsche Arbeit“ ein. Ihre Zwangsauflösung im Juni 1933 konnten sie damit jedoch nicht verhindern. Zahlreiche Gewerkschafter wurden im Dritten Reich verfolgt, etliche fanden den Weg in den Widerstand. Während Jakob Kaiser im Untergrund überlebte, bezahlten Nikolaus Groß, Gottfried Könzgen, Bernhard Letterhaus u.a. ihre Opposition mit dem Leben.

Mit dem Zusammenbruch 1945 sahen die ehemaligen christlichen Gewerkschafter die Zeit reif für die Verwirklichung des interkonfessionellen, klassenübergreifenden Sammlungsgedankens nach dem Essener Programm in einer christlich-sozialen und demokratischen Volkspartei. Wenige Wochen vor seinem Tod im Dezember 1945 brachte Stegerwald von Würzburg aus die Gründung der CSU mit auf den Weg, während Johannes Albers in Köln, Karl Arnold in Düsseldorf und Jakob Kaiser in Berlin Vorreiter bei der Gründung der CDU waren. Zur Vertretung der christlichen Arbeitnehmerinteressen gründete Albers die CDA. Bei der Ausarbeitung des Ahlener Programms (1947) und der Düsseldorfer Leitsätze (1949, Sozialpolitischer Teil) der CDU waren Gewerkschafter führend beteiligt. Der 1945/46 von ihnen vertretene christliche Sozialismus wurde jedoch zunehmend abgeschwächt und schließlich zugunsten der Sozialen Marktwirtschaft aufgegeben.

Unter der Führung Kaisers schlossen sich die christlichen Gewerkschafter nach 1945 den Einheitsgewerkschaften an. Die Hoffnungen auf einen gleichberechtigten christlich-sozialen Flügel im DGB (Christlich-soziale Kollegenschaft) erfüllten sich jedoch nicht. Eine Minderheit der christlichen Arbeiter gründete daher 1955 die christliche Gewerkschaftsbewegung, der 1959 die Gründung des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften Deutschlands folgte. Dieser vermochte jedoch nicht mehr an die Bedeutung der früheren christlichen Gewerkschaften anzuknüpfen.

Literatur

  • R. Uertz: Christentum und Sozialismus in der frühen CDU. Grundlagen und Wirkungen der christlich-sozialen Ideen in der Union 1945-1949 (1981);
  • M. Schneider: Die christlichen Gewerkschaften 1894-1933 (1982);
  • E. D. Brose: Christian Labor and the Politics of Frustration in Imperial Germany (1985);
  • W. L. Patch: Christian Trade Unions in the Weimar Republic 1918–1933 (1985);
  • H. Thiesen: Christlich-soziale Arbeitnehmerschaft und Gewerkschaftsfrage 1945–1953 (1988);
  • B. Béthouart: Der Widerstand der christlichen Gewerkschafter in Frankreich. 1940-1944 (1996);
  • B. Koch: 100 Jahre Christliche Gewerkschaften (1999);
  • H. Küsters/R. Uertz (Hg.): Christlich-Soziale im DGB. Historische und aktuelle Fragen (2010).
Bernhard Forster