Christliche Volkspartei (CVP)

Gegen anfängliche Widerstände, deren Urheber eine katholische Partei im Sinn hatten, wurde die CVP des Saarlandes am 10. Januar 1946 als interkonfessionelle und regional ausgerichtete Sammlungsbewegung gegründet. Programmatisch bewegte sich die neue Partei dennoch in den Denktraditionen der Zentrumspartei. Bis zum Jahre 1955 konnte die CVP unter der Führung von Johannes Hoffmann auf kommunaler Ebene, im Landtag und in der Regierung eine Vormachtstellung behaupten. Dabei profitierte sie in hohem Maße vom Katholizismus (74% der saarländischen Bevölkerung waren damals katholisch, der größte Teil davon kirchennah), der für das politische Leben in diesem Raum bestimmend war.

Der Sonderweg der CVP nimmt seinen Ausgangspunkt beim Saarstatut, das Frankreich 1947 durchgesetzt hatte. Die Folge dieser Maßnahme war eine Wirtschafts- und Währungsunion mit Frankreich und die politische Trennung des Saarlandes von Deutschland. Die Frage der „Saarautonomie“ hat das christliche Lager bis 1955/56, als der Saarkonflikt entgegen ursprünglich gehegten Absichten schließlich doch national gelöst wurde, zunehmend in schwere Auseinandersetzungen geführt.

Der Weg in die Uneinigkeit vollzog sich in Etappen. Den Anfang machte 1947 eine parteiinterne Opposition gegen das Saarstatut an sich (Bartholomäus Koßmann, Heinrich Danzebrink); sodann mobilisierten Teile des katholischen Klerus den Protest, u. a. weil sie eine kirchliche Separation, d. h. ein Saarbistum befürchteten. Schließlich setzte eine Verweigerungshaltung des Gewerkschaftsflügels der CVP ein, weil dieser ungeachtet aller Fortschritte im Sozialstaatlichen die einseitige wirtschaftliche Ausrichtung auf Frankreich und die Kontrolle der saarländischen Wirtschaft durch ein fremdes Management ablehnte. 1951 drängten Gegner des Statuts aus dem christlich-demokratischen Lager zur Gründung eines CDU-Landesverbands, die 1952 erfolgte. Offiziell zugelassen wurde die autonomiefeindliche Konkurrenzpartei aber erst im Vorfeld des Referendums vom 23. Oktober 1955. Damals bildete die Saar-CDU mit anderen prodeutschen Parteien den sogenannten Heimatbund. Von da an waren die christlichen Demokraten an der Saar endgültig gespalten, nicht zuletzt, weil für die CVP und hier insbesondere für ihre Führung mit diesem Zusammenschluss schmerzliche Erinnerungen verbunden waren.

Der Streit um den „richtigen“ Weg des Saarlandes – europäisch oder deutsch – war heftig und unversöhnlich. Die wirklichen Anfänge dieser verwirrenden Verknotungen finden sich in der Saarabstimmung vom Januar 1935. Auch damals zeigte sich das christliche Lager gespalten. Führende Personen der einen Seite, 1955 im Heimatbund organisiert, agierten damals für Deutschland – trotz Hitler und seiner Diktatur; führende Vertreter der anderen Seite, die 1955 für das europäische Statut eintrat, hatten nach 1933 auf den so genannten Status quo gesetzt. Damit meinten sie allerdings nicht das seit 1920 für die Saar geltende Statut, sondern eine Art Selbstbestimmung. Dieses Lager kämpfte offen gegen die erkennbar gewordene Terrorherrschaft des Dritten Reiches und nahm danach zum Teil das Schicksal der Emigration auf sich. Die CVP blieb bis 1959 ein politischer Faktor. In diesem Jahr zerfiel der Heimatbund, so dass an der Saar der Weg für eine Aussöhnung im christlich-demokratischen Lager endlich frei wurde.

Literatur

R. H. Schmidt: Saarpolitik 1945–1957, 3 Bde. (1959, 1960, 1962); M. Gestier: Die christlichen Parteien an der Saar und ihr Verhältnis zum deutschen Nationalstaat in den Abstimmungskämpfen 1935 und 1955 (1991); W. Becker, Die Entwicklung der politischen Parteien im Saarland 1945–1955 nach französischen Quellen, in: R. Hudemann/R. Poidevin (Hg.), Die Saar 1945–1955 (1992).

Heinrich Küppers