Christlicher Realismus

Christlicher Realismus war in der Frühphase der CDU ein vor allem von evangelischen Gründerkreisen in Wuppertal entwickeltes sozialwirtschaftliches Neuordnungsprogramm, das – gegen die „Ausschließlichkeit“ ideologischer Doktrinen wie „Liberalismus, Sozialismus oder Kollektivismus“ gerichtet – von der evangelischen Sozialethik und dem Verantwortungsgedanken her theoretisch und praktisch der Sozialen Marktwirtschaft vorarbeitete.

Das Programm des christlichen Realismus bezeichnet in einem weitgehend entgegengesetzten Sinne eine kurzlebige Übergangsphase innerhalb der Ost-CDU unter der Führung von Gerald Götting auf dem Weg zur vollständigen Anpassung an die ideologischen Vorgaben der SED. Nachdem der V. Parteitag der Ost-CDU sich im September 1950 um die von der SED geforderte Klärung der politischen Positionen der Ost-CDU bemüht hatte, versuchte man anschließend, auch „die ideologischen Positionen zu festigen“. Dazu diente eine Konferenz der Partei in Meißen im Oktober 1951. Die dort formulierten und vom VI. Parteitag der Ost-CDU angenommenen 22 „Thesen des christlichen Realismus“ lösten den bis dahin propagierten „christlichen Sozialismus“ und den „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“ ab. Auf Anweisung von Götting wurden die „Thesen“ durch den Hauptvorstand der Ost-CDU im Dezember 1951 zur Grundlage der gesamten Schulungsarbeit erklärt. Diese bieten eine Mischung philosophischer,•theologischer, politischer, kirchen- und profangeschichtlicher Feststellungen von oft zweifelhafter Qualität, deren teilweise Abhängigkeit vom „religiösen Sozialismus“ nicht zu übersehen ist:

1. „Ohne Anhänger des dialektischen Materialismus zu sein, muss der Christ die Grundzüge der vom Marxismus-Leninismus gegebenen ökonomischen Analyse als richtig erkennen“ (These 18).

2. „Aus christlicher Verantwortung bekennt sich die CDU zur sozialistischen Gesellschaftsordnung. Der Sozialismus gibt den Christen heute die beste Möglichkeit zur Verwirklichung der Forderungen Christi und zur Ausübung praktischen Christentums“ (These 19).

3. „Die christlichen Demokraten erkennen, dass die Arbeiterklasse auf dem Wege der Errichtung des Sozialismus die Führung hat, und sind fest entschlossen, gemeinsam mit der Partei der Arbeiterklasse für die Erreichung dieses Zieles zu kämpfen“ (These 19).

4. „Der planmäßige Aufbau des Sozialismus führt in der weiteren Entwicklung in eine volksdemokratische Ordnung. Die CDU erkennt diese Entwicklung als geschichtlich notwendig und folgerichtig an und wirkt deshalb bei ihrer Errichtung und Festigung mit“ (These 20).

5. Die Ost-CDU bekennt sich zur „Zusammengehörigkeit des großen Friedenslagers, das unter Führung der Sowjetunion steht“ (These 21).

6. „Die DDR ist seit ihrer Gründung der Kern des Kampfes um ein einheitliches, unabhängiges, demokratisches und friedliebendes Deutschland. Der Kampf für die nationalen Interessen des eigenen Volkes ist für Christen die Erfüllung des Auftrages, den uns der Schöpfer durch die Tatsache gegeben hat, dass er uns gerade in diesem Volk und in dieser Zeit hat zur Welt kommen lassen. Die Sicherung der Existenz des deutschen Volkes durch Einheit und Frieden ist deshalb eine Aufgabe, die vorbehaltlose Einsatzbereitschaft erfordert“ (Thesen 20 und 21).

Die „Thesen des christlichen Realismus“, die zunächst als „eine große Hilfe für die fortschrittlichen Kräfte“ gefeiert worden waren, wurden jedoch bald zurückgezogen, weil sie „eine gewisse Verengung derart darstellten, dass sie allzu sehr dogmatischen Diskussionen Spielraum ließen und durch diese Diskussionen einigen christlichen Menschen den Zugang zur Politik unserer Partei erschwerten“, wie parteiamtlich festgestellt wurde. Der VII. Parteitag der Ost-CDU im September 1954 korrigierte, vor allem in der neuen „Präambel zur Satzung der CDU“, diese „Verengung“ stillschweigend und begnügte sich mit dem Bekenntnis „zum Aufbau der neuen Gesellschaftsordnung, weil diese die beste Möglichkeit zur Verwirklichung des christlichen Anliegens bietet“.

Literatur

Dokumente der CDU. Zusammengestellt durch ein Kollektiv von Mitarbeitern der Parteileitung der CDU der DDR (1956); O. Schmitt: Christlicher Realismus – ein Versuch zu sozialwirtschaftlicher Neuordnung (1946), Ndr. in: Die Neue Ordnung, Sondernummer (September 1985); R. Uertz: Vordenker. Die programmatischen Ideen der rheinischen CDU, in: ebd.; M. Rißmann: Kaderschulung in der Ost-CDU 1949-1971 (1995).

Peter Maser