1950-1966: Richtungsentscheidungen - Konrad Adenauer

Die Übernahme der Regierungsverantwortung 1949, nach dem Wahlsieg in der ersten Bundestagswahl, entschied über den Aufstieg der Christlichen Demokratie zur dominierenden politischen Kraft der neugegründeten Bundesrepublik Deutschland. Die Regierungsübernahme in einer Koalition von CDU, CSU und DP sowie FDP bedeutete für die neue Parteiformation „Union“ nicht nur eine weitere Stabilisierung, sondern auch einen erheblichen Zuwachs an Attraktivität. Evident war das besonders bei der CDU, die sich im Gefolge ihres Bundeswahlsieges überhaupt erst als Bundespartei gründete (1950). Im ersten Deutschen Bundestag bildeten CDU und bayerische CSU in Fortsetzung ihrer im Frankfurter Wirtschaftsrat der Bizone und im Parlamentarischen Rat erprobten Zusammenarbeit eine gemeinsame Fraktion, die CDU/CSU. Die Deutsche Zentrumspartei versuchte eigene Wege zu gehen, blieb damit auf Bundesebene jedoch ziemlich bedeutungslos. Sie nahm letztmals 1957 im Bund mit der Bayernpartei als Föderalistische Union an einer Bundestagswahl teil, und nur auf Länderebene schaffte sie es zu Regierungsbeteiligungen wie in Nordrhein-Westfalen bis 1958 und in Niedersachsen bis 1953. So wurde die CSU der wichtigste Koalitionspartner der CDU. Damit war auch die gegensätzliche Ausrichtung in der Weimarer Konstellation mit Zentrum und Bayerische Volkspartei (BVP), die politisch sehr verschiedene Wege gingen, überwunden.

CDU und CSU

Das Verhältnis von CDU und CSU war das von „Schwesterparteien“ auf gemeinsamem weltanschaulichem Boden und mit gemeinsamen Zielen in der Politik (Konrad Adenauer). In den Bundestagswahlkämpfen traten sie als enge Zweck- und Arbeitsgemeinschaft für die „Gesamt-Unionsinteressen“ auf (Hans Ehard), aber beide Parteien standen bei aller inneren Verbundenheit eben doch nicht selten in Sach-, Strategie- oder Personalfragen der Bundespolitik in Konkurrenz zueinander, so dass es wiederholt zu Verstimmungen und Zusammenstößen zwischen ihnen kam. Zumeist entstanden die Schwierigkeiten daraus, dass die CSU in ihrer politischen Autonomie und Originalität anerkannt werden wollte, wobei sie die Bonner Regierungsszene vielfach als Plattform zur Profilierung und Stärkung ihrer Position in Bayern nutzte, während die CDU meistens dazu neigte, den kleineren Partner auf bundespolitischen Gebiet ganz im eigenen Kielwasser zu sehen und Kursabweichungen nur in engen Grenzen zuzulassen. Das Gewicht der CSU innerhalb der „Union“ maß sich dabei nicht nur an der Zahl der bayerischen Stimmen in den Bundestagswahlen, die sich seit 1957 immer auf der Höhe der absoluten Mehrheit bewegte, sondern war auch abhängig von dem Prestige und der Durchsetzungskraft des jeweiligen „Leader“, wie das geradezu exemplarisch Franz-Josef Strauß in seiner Vorsitzendenzeit von 1961 bis 1988 im Bundestag, Bundesrat oder am Bonner Kabinettstisch demonstrierte. Auch die selbständige Organisation und Aktivität der CSU-Landesgruppe innerhalb der Bundestagsfraktion macht seit 1949 die politische Unabhängigkeit und das Autonomiebewusstsein der „bayerischen“ Christlichen Demokratie augenfällig. Bis heute hat sich diese Zweiparteienstruktur der deutschen Christlichen Demokratie erhalten und politisch durchaus bewährt; denn damit ist innerhalb der „Union“ ein stimulierender Wettbewerb im Personellen und Konzeptionellen möglich, während auf Bundesebene aber auch eine „Rollenverteilung“ in der Auseinandersetzung mit den politischen Gegnern praktiziert werden kann.

Grundlagen für die Bundesrepublik Deutschland

Mindestens ebenso prägend wie die Regierungsübernahme im neuen Staat wirkte sich die Wahl Konrad Adenauers zum ersten Bundeskanzler auf die steile Karriere der Christlichen Demokratie aus. Unter seiner staats- und parteipolitischen Führung und dank der überaus erfolgreichen Außen- und Innenpolitik seiner Regierungen in den 1950er Jahren konnten sich CDU und CSU organisatorisch und soziologisch zu jenen Volksparteien entwickeln, wie es den Gründern und Gründergruppen in der „Stunde Null“ 1945 konzeptionell vor Augen gestanden hatte. Unzweifelhaft war die Neustrukturierung der deutschen Parteienlandschaft durch eine parteipolitische Sammlungsbewegung, die nahezu das gesamte nichtsozialistische Lager ansprach und die konfessionellen Grenzen überbrückte, „eine der wichtigsten und dauerhaftesten Leistungen“ der Ära Adenauer (Hans-Peter Schwarz). Begünstigt wurde diese Leistung einerseits gesellschaftlich durch eine kriegsfolge- und wiederaufbaubedingte hohe Mobilität, die zur Lockerung traditioneller Gruppenbindungen und zu soziokultureller Durchmischung in der deutschen Bevölkerung führte, andererseits weltpolitisch durch den Ost-West-Konflikt, der angesichts der totalitären Bedrohung durch den Kommunismus die Identifizierung mit „abendländischen Werten“, mit der „Westbindung“ in der Sicherheitsgemeinschaft der westlichen Demokratien und im System der freien Weltwirtschaft sowohl förderte wie auch „mehrheitsfähig“ machte.

Für fast zwei Jahrzehnte sah sich die Christlichen Demokratie als Staatsgründungs- und Hauptregierungsformation regelmäßig durch eindeutige, teils sogar überwältigende Wahlsiege bestätigt. Diese Vormachtstellung im Parteiensystem der Bundesrepublik blieb freilich nicht ohne verändernde Folgen für Struktur und Selbstverständnis der Unionsparteien. In der Regierungsverantwortung mit einer rasch wachsenden Anhängerschaft unter den Wählern nahm die ursprüngliche, in den Gründungsjahren stark ausgeprägte weltanschauliche Fundierung ab und machte einer mehr und mehr pragmatischen, auf die Regierungsarbeit bezogenen politischen Orientierung Platz. Die Entwicklung zu Volksparteien ging einher mit einer zusehends pluralistischen, programmatischen und gesellschaftlichen Öffnung. Als Programmtyp begegnen so bei der Bundespartei CDU während des Vorsitzes Adenauerss bezeichnenderweise zunächst nur Wahlprogramme, die durch Manifeste, Entschließungen und Grundsatzreden auf den Bundesparteitagen je nach aktuellen Erfordernissen ergänzt wurden und im wesentlichen von dem Ziel bestimmt waren, möglichst große Teile der Bevölkerung zu erreichen. Die Formulierung des ersten Grundsatzprogramms der CDU stand im Zusammenhang mit der Parteireform in den 1960er Jahren (1968). Ähnlich verhielt es sich bei der CSU, die ihre Parteimodernisierung allerdings ein Jahrzehnt früher mit einem Grundsatzprogramm (1957) einleitete.

Wähler, Mitglieder, Anhänger

Soziologisch gesehen hatten CDU und CSU bis in die 1970er Jahre in den kirchlich gebundenen, insbesondere katholischen Bevölkerungsteilen ihre unbestrittene „Hausmacht“. Ihre Stammwählerschaft war vorwiegend in ländlichen Räumen zuhause, mit hohen Anteilen der Frauen. Eine überdurchschnittlich starke Unterstützung fanden die Unionsparteien zudem unter den mittleren und leitenden Angestellten sowie unter den Selbständigen. Dazu kamen in der „klassischen Ära der Union“ (H. Rudolph) in mehreren Schüben all jene Gruppen, die sich von ihr besser vertreten (z.B. Flüchtlinge und Vertriebene) oder von den Aufbauentscheidungen der unionsgeführten Regierungen begünstigt fühlten (z.B. Beamte). In regionaler Hinsicht gab es ein deutliches Nord/Süd-Gefälle mit einer schwachen Position im evangelischen Norden, die nur in Schleswig-Holstein durch die Vertriebenen- und Flüchtlingsklientel teilweise ausgeglichen wurde, und mit ausgesprochenen Hochburgen in den „Rheinstaaten“ sowie im württembergischen, fränkischen und bayerischen Süddeutschland. Für die soziale Zusammensetzung der Mitgliedschaft galten ähnliche Verhältnisse wie für die Wählerschaft der Union, wenigstens solange die CDU noch im Wesentlichen eine Honoratioren- und Wählerpartei blieb. Erst mit der Entwicklung zur Mitgliederpartei nach 1969 ergaben sich hier signifikante soziale Veränderungen. Dann erst verbesserte sich auch die konfessionelle Schieflage, die in der „Union“, ihrer Gründungsidee zum Trotz, in den 1950er Jahren noch bestand. Das zahlenmäßige Übergewicht der katholischen Wähler und Mitglieder war beträchtlich (evangelisch waren nur ca. ein Fünftel der Mitglieder), auch die geistige Führung lag bei der katholischen Mehrheit. Die Voraussetzungen eines Ausgleichs ergaben sich erst mit der Annäherung der national-konservativen Teile des evangelischen Lagers an die Adenauersche Außenpolitik und mit der Institutionalisierung politischer Repräsentanz und Einflussnahme des evangelischen Elements durch den Evangelischen Arbeitskreis (EAK) der CDU/CSU (1952). Die volksparteiliche Integrationskraft der „Union“, die noch gesteigert wurde durch die Popularität des ersten Kanzlers und die Erfolge der Wachstumspolitik des „Wirtschaftswunders“, zehrte schließlich die Mitglieder- und Wählersubstanz kleinerer konkurrierender Parteien wie Deutsche Zentrumspartei, Bayernpartei, DP oder GB/BHE auf, so dass diese größtenteils bis zum Ende der Adenauerära in der „Union“ aufgingen.

„Kanzlerpartei“

Die Volksparteikonzeption, die sich nur schrittweise nach Maßgabe der politischen Integrationsmöglichkeiten und mit einem unterschiedlichen Tempo in CDU und CSU verwirklichen ließ, und die „Kanzlerdemokratie“ Adenauers als eine auf den Bundeskanzler und seine Persönlichkeit zentrierte Regierungspraxis wirkten im Gründungsjahrzehnt der Bundesrepublik zur Mehrheitsbeschaffung immer wieder auf fast ideale Weise zusammen. Dass dabei der Erfolg gravierende Versäumnisse und Strukturschwächen der Parteibildung überdeckt haue, zeigte sich im gesellschaftlich-politischen Wandel der Bundesrepublik unter verschärften Bedingungen, als sich die SPD nach ihrer Reformwende 1959 (Godesberger Programm) zur Volkspartei wandelte und die patriarchalische Autorität des Gründungskanzlers wegfiel (1963).

Die starke Ausrichtung von Bundes-CDU und CDU/CSU-Fraktion auf den „Wundergreis“ Adenauer (Sebastian Haffner) beruhte strukturell vor allem darauf, dass er die Ämter des Regierungs- und des Parteichefs auf sich vereinigte. Die „Union“ sah sich so anfangs weitgehend auf die „Rolle eines Resonanzkörpers für außenpolitische und innenpolitische Entscheidungen“ (K. Niclauß) der Regierung verwiesen. Insbesondere die CDU erschien noch bis in das dritte Jahrzehnt ihrer Geschichte als Partei der Regierung, als „Kanzlerwahlverein“, der nur in Wahlzeiten aktiviert wurde, um den Spitzenkandidaten der Union in die politische Führungsposition zu bringen. Aber auch die CSU bewährte sich als „loyale Gefolgschaftspartei“ (A. Mintzel) Adenauers, wobei sie ihr Bonner Aktionsbündnis mit der CDU allerdings geschickt für den Ausbau ihrer „Bastion Bayern“ nutzte. Auf die CDU/CSU-Fraktion übte Adenauer während seiner Kanzlerzeit gleichfalls einen beherrschenden, wenn auch nicht durchwegs akzeptierten Einfluss aus. Höchstens auf dem Gebiet der Innenpolitik, wo die im Bundestag vertretenen Gruppeninteressen häufiger über die Fraktionsgrenzen hinweg wirksam waren, konnten sich im parlamentarischen Prozess hier und da eigene Willensbildungsspielräume für die CDU/CSU ergeben. Allerdings tat die Fraktion sich, vielfältig in ihren Auffassungen und Gruppierungen wie die Unionswählerschaft selbst, stets schwer, zur politischen Geschlossenheit zu kommen.

Gegenüber dem „überragenden politischen Faktor“ Adenauer (A. Gurland) blieb die innere Parteientwicklung der Christlichen Demokratie – ihre Organisation, Mitgliedschaft und innerparteiliche Willensbildung – zurück. Die politischen Weichenstellungen der Adenauer-Regierungen, die Wahlerfolge sicherten, prägten die Programmatik von CDU und CSU und verliehen der „Uni on“ jenes unverwechselbare Profil, das sie lange Zeit für die Mehrheit der Wählerschaft attraktiv machte. Die Überlegenheit der Adenauerschen Politik bestand darin, dass sie über bestimmte politische Grundentscheidungen und Ziele hinaus Perspektiven vorgab, die Deutschland (nicht nur der Bundesrepublik!) nach der totalen staatlichen und moralischen Katastrophe eine neue „Staatsräson“ mit unbelasteten Sinnkonzepten vermittelten.

Außenpolitische Zielrichtungen

Die außenpolitischen Bemühungen galten vor allem der europäischen Einigung, die über die wirtschaftliche Integration zur politischen Union führen sollte. Die Zusammenlegung der materiellen und moralischen Kräfte des demokratisch, christlich-abendländisch geprägten Europas wurde angesichts der kommunistischen Gefahr und der Bedrohung von der Sowjetunion her zur Existenzfrage. Berlin-Blockade 1948/49, Prager Putsch 1948, Koreakrieg 1950/51, Ungarnaufstand 1956, sowjetisches Berlin-Ultimatum 1958 und Mauerbau 1961 auf der einen Seite, Europarat 1949, Montanunion 1951, der Vertrag zur Gründung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft 1954, EWG-Verträge 1957 und deutsch-französischer Freundschaftsvertrag 1963 auf der anderen Seite waren die politischen Wegmarken dieser Zeit. Die Europavorstellung der christlich-demokratischen Gründer der europäischen Union wies dabei zugleich weit in die Zukunft jenseits des Ost-West-Konflikts, indem sie auf ein integriertes, befriedetes Europa in der Rolle eines Subjekts der Weltpolitik unter den globalen Mächten hinzielte.

Christlichen Demokratie, das hieß auch die Integration Deutschlands in die westliche Völker- und Wertegemeinschaft. Diese Westbindung wurde ausdrücklich auch als Wertbindung verstanden, als Verpflichtung auf das westliche Wertesystem, das der freiheitlichen Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und der sozialen Gerechtigkeit zugrunde liegt. Mit dieser gesamtpolitisch-ideologischen Konzeption sollte zugleich ein sicherer Grund für die Wiedervereinigung Deutschlands in der liberalen marktwirtschaftlichen und parlamentarischen Ordnung des Westens gewonnen werden.

Innen- und wirtschaftspolitische Akzente

Christlichen Demokratie, das hieß Wiedervereinigung Deutschlands, nicht als reines Ziel unter ungewissen Bedingungen, sondern als Einheit in Freiheit. Die Wiedervereinigung sollte verwirklicht werden mit Zustimmung der führenden Weltmächte und der europäischen Nachbarstaaten sowie ohne Wiedererweckung des Nationalstaatsdenkens und nationalistischen Machtstrebens.

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In den Düsseldorfer Leitsätzen von 1949 bekannte sich die CDU zur Sozialen Marktwirtschaft.
In der Innenpolitik hieß Christliche Demokratie vor allem Soziale Marktwirtschaft. Unter diesem Schlüsselbegriff standen die Düsseldorfer Leitsätze vom 15. Juli 1949, die eine programmatische Wahlplattform der CDU für die erste Bundestagswahl bildeten. Den positiven Wirkungen ihres ordnungspolitischen Konzepts verdankte die Union in hohem Maße ihre sicheren Erfolge in der Wirtschaftswunderzeit. Vom Konjunkturverlauf und Wirtschaftswachstum begünstigt, war für die unionsgeführte Regierung und die größte Regierungsfraktion eine marktwirtschaftlich geprägte Politik möglich, die zugleich der sozialen Sicherung und gesellschaftlichen Integration galt. „Unsere Sozialpolitik ist kein Anhängsel an die soziale Marktwirtschaft, sondern deren Ziel“, heißt es im Hamburger Programm von 1953. Die Überwindung der Kriegsfolgen durch die großen Sozialgesetze zum Sozialen Wohnungsbau, zur Kriegsopferversorgung und zum Lastenausgleich, dann die gesellschaftliche Strukturpolitik durch Betriebsverfassungsgesetz, Rentenreform, Vermögenspolitik und Sozialhilfegesetzgebung schufen ein soziales Netz mit weltweit beachtetem Modellcharakter. In diesem Ordnungsrahmen gelang auch die Eingliederung der mehr als 15 Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen zum „Wohle des Gesamtvolks“, als zentraler Teil der Integration der „amorphen, durcheinandergewürfelten, weitgehend orientierungslosen Nachkriegsgesellschaft“ (G. Schulz).

Wirtschaftliche Stabilität und sozialer Frieden waren notwendige Voraussetzungen für die Akzeptanz der Demokratie, wie sie im westdeutschen Teilstaat und seinen Ländern entstand. Die Christliche Demokratie in der Regierungsverantwortung vermittelte die praktische Erfahrung, dass freiheitlich-demokratische Ordnung, Parteiensystem und Parlamentarismus funktionierten. In der Ära Adenauer entwickelte sich so das politische Selbstverständnis, auf dem die zweite deutsche Demokratie beruht.

Gesellschaftliche Strukturen

Christliche Demokratie, das hieß nicht zuletzt Wiederaufwertung von staatlich-gesellschaftlichen Prinzipien und Institutionen, die dem Totalitarismus entgegenstanden und von ihm missachtet wurden. Der bürgerliche Rechtsstaat in seiner dienenden und schützenden Funktion gegenüber dem Bürger stand hier an erster Stelle. Die Familie und die freie Organisation wurden als soziale Eigenbereiche gestärkt und gefördert, die Erziehung und Bildung mit antisäkularistischer und antimaterialistischer Zielrichtung in christlich-humanistischem Geiste fundiert.

Nach der Restaurationsthese, die von Kritikern der Adenauerära immer wieder aufgegriffen wird, hätte in der Bundesrepublik in den 1950er Jahren statt einer möglichen grundlegenden Erneuerung und Neukonstruktion eine Rückkehr zu sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Zuständen der Vor-Hitler-Zeit stattgefunden. Nicht der Bruch mit der Vergangenheit, sondern die Kontinuität wäre für den Nachkriegsaufbau maßgebend gewesen. So wie die CDU als „Partei der Bundesrepublik“ erscheint, findet sich in dieser Sicht die Bundesrepublik der 1950er und 1960er Jahre umgekehrt als „CDU-Staat“ apostrophiert, zumeist auch noch in abwertendem Sinn als autoritär, immobil und spießig verzeichnet. Eingehendere Untersuchungen seit den 1980er Jahren zeigen jedoch, dass die Wiederaufbauleistungen der Adenauerära alles andere als rückwärtsgewandt, sondern wie in keiner anderen Phase der jüngeren deutschen Geschichte innovatorisch und im wahrsten Sinn aufbauend gewesen sind. Alle folgenden Regierungen konnten daran anknüpfen und brauchten nichts davon rückgängig oder grundsätzlich anders zu machen. Die „muffigen Fünfziger“ werden inzwischen als eine Zeit des Aufbruchs, als Anschubepoche zur politisch-ökonomischen Verwestlichung Deutschlands und Abkehr vom angeblichen deutschen Sonderweg in der Geschichte begriffen.

Organisationsgefüge in der CDU

Zu den Modernisierungsprozessen dieses Zeitraums gehörte auch die Entwicklung der Unionsparteien selbst. Die sofortige Regierungsübernahme in der Bundesrepublik und das Ringen um die Richtungsentscheidungen für Außenpolitik, Wirtschaftsordnung und Staatsausbau hatten die Organisations- und Programmdefizite der Union zunächst überdeckt. Mit Ablauf der zweiten Legislaturperiode bereitete es den Unionsparteien jedoch erhebliche Schwierigkeiten, sich politisch und programmatisch auf die Bedürfnis- und Meinungsvielfalt der entstehenden pluralistischen Demokratie einzustellen. CDU und CSU mussten lernen, moderne Parteien zu werden – mit zentraler Organisation, intensiver Mitgliedererfassung, entwickelter Bürokratie und offener Willensbildungsstruktur. Die CDU begann ihren Reformkurs nach der Bundespräsidentschaftskrise 1959, in der die Kanzlerdemokratie Adenauers einen starken Verlust an Glaubwürdigkeit erlitt. Die CSU hatte sich bereits ab 1957 auf den Weg der Modernisierung begeben, nachdem ihr triumphaler Erfolg in der Bundestagswahl 1957 ihr die Starthilfe verschafft hatte, um sich in dem von später Vollindustrialisierung und politisch-kultureller Homogenisierung geprägten gesellschaftlichen Wandel zur bayerischen „Staats- und Ordnungspartei“ (A. Mintzel) zu entwickeln und Bayern zum Land der CSU zu machen. Die CDU brauchte immerhin fast eineinhalb Jahrzehnte, um sich strukturell als moderne Volkspartei zu organisieren und den Umbruch der Partei zu einem eigenständigen Willensbildungs- und Entscheidungsorgan zuwege zu bringen (W. Schönbohm). Für sie, die ihre Willensbildungs- und Führungsstruktur auf ihrem föderativen Fundament aus heterogenen Landesverbänden, Vereinigungen und Sonderorganisationen zu errichten hatte, waren die Schwierigkeiten der Parteiwerdung ungleich komplexer. Denn die Reformdiskussion setzte wieder die unterschiedlichen politischen, konfessionellen, landsmannschaftlichen und sozialen Elemente frei, die sich seit 1945 in der CDU amalgamiert hatten, und rührte damit an das Selbstverständnis der Partei. Die Wandlung zur Mitgliederpartei, die etwa 1962 einsetzte, führte im Zusammenwirken mit der sozialen Veränderung der Wählerschaft überhaupt der Christlichen Demokratie neue Wähler- und Mitgliedergruppen zu, die nun ihre Interessen politisch berücksichtigt haben wollten und einen erheblichen Anpassungsdruck auf die CDU ausübten. Die Schwierigkeiten mit der konfessionellen Partnerschaft im politischen Raum, mit dem Widerstreit von föderativen Ordnungsprinzipien und Zentralisierungstendenzen, mit dem Drängen jüngerer und neuer Mitgliedergruppen nach innerparteilicher Demokratie und mit der Unsicherheit über die Bedeutung des „C“ in der säkularisierten Industriegesellschaft stellten die Integrationskraft der Partei auf eine Überlebensprobe.

Die Nachfolgefrage, die sich im Hinblick auf Adenauers Abschied von der Führung 1963 akut stellte, erhöhte noch die Problemlage der CDU. Nachdem die grundlegenden Weichenstellungen in der Politik der Bundesrepublik durchgesetzt worden waren, erwies es sich für eine weitere Erfolgspolitik als zu wenig, allein auf die Gründungs- und Wiederaufbauformeln der Union und auf das Charisma des „Alten“ zu setzen. Am Ende der Ära Adenauer sah sich die Christliche Demokratie so von einer Orientierungskrise herausgefordert. Dabei kamen innerparteiliche Ursachen und äußere, auf gravierende politische Veränderungen zurückgehende Umstände zusammen.

Neue Herausforderungen am Ende der Ära Adenauer

In der Innenpolitik ging die Sturm- und Drang-Zeit der Sozialen Marktwirtschaft zu Ende. Ein geringeres Wachstum, eine stärkere Einflussnahme der organisierten Interessen und ein steigender Kostendruck des sozialen Versorgungssystems auf die öffentlichen Haushalte erschwerten die staatliche Ordnungspolitik. Die vierte und letzte Regierung Adenauer war in einer Phase überhitzter Konjunkturentwicklung zu einer antizyklischen Haushaltspolitik gezwungen („Maßhalte“-Appell Ludwig Erhards 1962). Es gelang nicht mehr, Reformen der Schule, Bildung und Wissenschaft in Angriff zu nehmen und die soziale Komponente der Sozialen Marktwirtschaft mit einer Neufassung der Krankenversicherungs-, Bundesversorgungs- und Kindergeldregelungen („Sozialpaket“) auszugestalten. Die Christliche Demokratie geriet beim Kanzlerwechsel von Adenauer zu Erhard politisch in die Defensive.

Das war noch deutlicher in der Außenpolitik zu spüren, die sich seit 1959 einer „deprimierenden“ (Adenauer) internationalen Großwetterlage gegenüber sah. Das Chruschtschow-Ultimatum von November 1958 bedrohte gefährlich den Vier-Mächte-Status Berlins. Die neue amerikanische Politik der Kennedy-Administration seit 1961 mit ihrer Doppelstrategie aus Verstärkung der Verteidigungskraft und Bemühung um friedliche Verständigung mit der Sowjetunion rückte ein Disengagement auf Kosten bislang behaupteter deutscher Positionen in den Bereich des politisch Möglichen. Der französische Widerstand gegen die amerikanische Präponderanz innerhalb der NATO setzte die Bonner Politik dem Spannungsfeld zwischen der atlantischen Bindung an die USA und dem europapolitisch bedeutsamen Verhältnis zu Frankreich aus. Außenpolitisch war auch die Unterbrechung des europäischen Einigungsprozesses durch die brüske Zurückweisung Großbritanniens seitens des französischen Staatspräsidenten zu verkraften. Der schwerste Schlag traf die Wiedervereinigungspolitik Adenauers, die mit dem Berliner Mauerbau 1961 praktisch am Ende schien.

Die Gesamtbilanz der Adenauerära fällt gleichwohl positiv aus. Seit Adenauer gelten stabile Demokratie und Soziale Marktwirtschaft als Markenzeichen der Bundesrepublik Deutschland, seit Adenauer sind das Festhalten an der Atlantischen Gemeinschaft, die Integration Europas und die Aussöhnung mit Frankreich nicht nur politisches Erbgut der Christlichen Demokratie, sondern auch Konstanten deutscher Außenpolitik geworden.

Hans-Otto Kleinmann

Literatur

  • G. Schäfer / C. Nedelmann (Hg.), Der CDU-Staat. Analysen zur Verfassungswirklichkeit der Bundesrepublik (1969);
  • A. Mintzel, Die CSU. Anatomie einer konservativen Partei 1945-1972 (2. Auflage, 1978);
  • A. R. L. Gurland, Die CDU/CSU. Ursprünge und Entwicklung bis 1953 (1980);
  • D. Buchhaas, Die Volkspartei. Programmatische Entwicklung der CDU 1950-1973 (1981);
  • K. D. Bracher u. a. (Hg.), Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, 5 Bde. (1981-1987);
  • W. Schönbohm, Die CDU wird moderne Volkspartei. Selbstverständnis, Mitglieder, Organisation und Apparat 1950-1980 (1985);
  • D. Koerfer, Kampf ums Kanzleramt. Erhard und Adenauer (1987);
  • H. Korte, Die Gesellschaft im Aufbruch. Die Bundesrepublik Deutschland in den sechziger Jahren (1987);
  • K. Niclauß, Kanzlerdemokratie. Bonner Regierungspraxis von Konrad Adenauer bis Helmut Kohl (1988);
  • J. Schmid, Die CDU. Organisationsstrukturen, Politiken und Funktionsweisen einer Partei im Föderalismus (1990);
  • A. Doering-Manteuffel, Strukturmerkmale der Kanzlerdemokratie, in: Der Staat 30 (1991);
  • Ders. (Hg.), Adenauerzeit: Stand, Perspektiven und methodische Aufgaben der Zeitgeschichtsforschung 1945-1967 (1993);
  • H.-O. Kleinmann, Geschichte der CDU (1993);
  • G. Langguth (Hg.), „Macht bedeutet Verantwortung“. Adenauers Weichenstellungen für die heutige Politik (1994);
  • C. Pfister (Hg.), Das 1950er Syndrom. Der Weg in die Konsumgesellschaft (1995);
  • G. Langguth (Hg.), In Verantwortung für Deutschland. 50 Jahre CDU (1996);
  • G. Rinsche (Hg.), Frei und geeint. Europa in der Politik der Unionsparteien (1997);
  • A. Schildt / A. Sywottek (Hg.), Modernisierung im Wiederaufbau – die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre (1998);
  • H. Heidemeyer (Bearb.), Die CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag 1949-1966. Sitzungsprotokolle 1949-1953, Halbbd. 1 (1998);
  • R. Morsey, Die Bundesrepublik Deutschland: Entstehung und Entwicklung bis 1969 (42000);
  • H. A. Winkler, Der lange Weg nach Westen. Bd. 2: Deutsche Geschichte vom „Dritten Reich“ bis zur Wiedervereinigung (2000);
  • A. Schildt u. a. (Hg.), Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften (2000);
  • F. Bösch: Die Adenauer-CDU. Gründung, Aufstieg und Krise einer Erfolgspartei 1945-1969 (2001);
  • G. Buchstab (Hg.), Brücke in eine neue Zeit. 60 Jahre CDU (2005);
  • U. Zolleis, Die CDU – das politische Leitbild im Wandel der Zeit (2008);
  • H.-P. Schwarz (Hg.), Die Fraktion als Machtfaktor. CDU/CSU im Deutschen Bundestag 1949 bis heute (2009);
  • Die Protokolle des CDU-Bundesvorstandes (bearb. von G. Buchstab), Bd. 1: 1950-1953 (1986), Bd. 2: 1953-1957 (1990), Bd. 3: 1957-1961 (1994), Bd. 4: 1961-1965 (1998);
  • Die CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag. Sitzungsprotokolle 1949-1966, Bd. 1, Bd. 2 (1 u. 2), Bd. 3 (1 u. 2), Bd. 4 (1-4) (1998-2004).

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