Formierte Gesellschaft

Im Denken von Ludwig Erhard spielte der Begriff Formierte Gesellschaft eine beachtliche Rolle. Ursachen hierfür waren Erhards Realismus gegenüber dem Wirtschaftsgeschehen und seine Einschätzung sozialpsychologischer Zusammenhänge. Er war überzeugt, dass sich arbeitsteilige Wirtschaftsprozesse nur dann reibungslos vollzögen, wenn jede Entscheidung in der Wirtschaft vom Bewusstsein „der schicksalhaften Verbundenheit aller mit allen” getragen werde. Modernes Wirtschaften erfordere Arbeitsteilung und Spezialisierung, und das heiße: Jeder sei vom anderen abhängig; jeder sei darauf angewiesen, dass sämtliche Teilnehmer am Wirtschaftsgeschehen ihre Leistungen bereitwillig erbringen und anderen zur Verfügung stellen würden. Auf Vorschlag des Publizisten Rüdiger Altmann brachte Erhard die unausweichliche Verbundenheit aller einzelnen in der modernen Wirtschaftsgesellschaft auf den Begriff der Formierten Gesellschaft. Der mit diesem gefasste Sachverhalt ist von immenser politischer Bedeutung. In der modernen Wirtschaft entstehen marktgängige Produkte und Leistungen nur im Zusammenwirken vieler. Damit verfügt aber jeder Einzelne über Machtmittel, denn jeder kann durch Leistungsverweigerung den Wirtschaftsprozess lähmen und die Gesellschaft erpressen. Für Erhard war die Formierte Gesellschaft kein Konzept für eine neu zu schaffende oder „moralisch aufzurüstende“ Gesellschaft, sondern Mahnung, in einer Zeit zunehmender Verteilungskämpfe die Abhängigkeit aller von allen zu beachten. Etymologisch hat die Formel zwei Wurzeln: Sie erscheint erstmals 1790 bei Friedrich von Schiller; 1929 wurde sie von Friedrich Dessauer in einer Auseinandersetzung mit Erhards Doktorvater, Franz Oppenheimer, verwendet.

Literatur

H. Schott: Die Formierte Gesellschaft und das deutsche Gemeinschaftswerk (1982); R. Altmann/K. Biedenkopf (Mitarb.): Ludwig Erhard und seine Politik (1985).

Horst Friedrich Wünsche