Interkonfessionalität

Die Ursprünge einer Besinnung auf die gemeinsamen Kräfte der christlichen Konfessionen als Grundlagen einer geistigen und politischen Bewegung liegen im vormärzlichen, von der Romantik beeinflussten Universalismus. Adam Müller, Novalis, Friedrich Schlegel und Joseph Görres wollten die Machtsteigerung des Staates, wie sie sich im Absolutismus, in der Revolution, in Napoleons Kriegen ausgeprägt hatte, durch die christlich vermittelten Werte des Rechts, der Eintracht, des Friedens, der Sitte überwunden wissen. Schon aus realpolitischen Gründen, wegen der Minderheitsposition der Katholiken im Bismarckreich, war die überkonfessionelle Tendenz bei Gründung der Zentrumspartei unübersehbar. Der 1872 entstandene, von Franz Graf Ballestrem geleitete Christlich-konservative Wahlverein für Schlesien setzte sich z.B. den Zusammenschluss aller positiv gläubigen, auch der evangelischen Elemente, zum Ziel.

Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler leitete den politischen Charakter der Zentrumsfraktion im Reichstag, der er beitrat, u.a. von deren Prinzip ab, dass sie Religion, Sittlichkeit und Gerechtigkeit als die wahren Grundlagen von Staat und Gesellschaft ansehe. Den dem Zentrum nahestehenden christlichen Gewerkschaften gelang seit den Jahren 1895–1899 die Zusammenführung katholischer und evangelischer Arbeiter (christliche Arbeiterbewegung) zu einer eigenständigen Gruppierung, die, von einem christlichen Kulturfundus ausgehend, sich gegen die materialistische Ideologie und Kampfesweise der sozialistischen Gewerkschaften wandte. Wegen der weltanschaulichen und konfessionellen Zerklüftung des deutschen Parteiwesens blieb die Propagierung einer großen interkonfessionellen christlichen Volkspartei durch Adam Stegerwalds Essener Programm von 1920 ergebnislos.

Die Verführbarkeit der Massen durch den Nationalismus und die materiellen Versprechungen diktatorischer Staatsgewalt führten den französischen Philosophen Jacques Maritain und den italienischen Parteiführer Don Luigi Sturzo zur Konzipierung einer die Werte des Christentums bewusst aufnehmenden sozialen und parlamentarisch ausgerichteten Demokratie als Modell für die nach dem 2. Weltkrieg sehnlich erwartete Friedenszeit. Die aufkeimende Solidarität von Christen beider großer Konfessionen und die gemeinsame Verteidigung christlicher Wahrheiten entsprangen der Reaktion auf die Versuche des Nationalsozialismus, die Kirchen dem Staat zu unterwerfen und sie letztlich durch eine völkische Religion zu ersetzen. Der als epochal zu bezeichnenden Wende der deutschen Parteiengeschichte, Vertreter beider Konfessionen zur Verteidigung christlicher Grundwerte in eine gemeinsame Bewegung (Union) zusammenzuführen, entsprach in den ersten Nachkriegsjahren eine als existentiell angesehenen Bereitschaft breiter Bevölkerungskreise, das politische und gesellschaftliche Leben aus einer christlichen Mitte zu begreifen und sich wieder den von den totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts verfolgten Kirchen zuzuwenden. Für Konrad Adenauer lag 1951 angesichts der konkret erfahrenen parteipolitischen Zersplitterung Deutschlands die Überbrückung der Kluft zwischen den Konfessionen und die dadurch ermöglichte Schaffung einer demokratisch breit fundierten Volkspartei geradezu im „Lebensinteresse des deutschen Volkes“.

Der Gründergeneration galt der „Geist des Christentums“, der „Ewigkeitswert“ des „christlichen Gedankens“, die „christliche Humanitas“ noch als Unterpfand einer gelingenden „Synthese“ zwischen Standes- und Berufsinteressen, der „Erneuerung“ und „Anpassung“ an wechselnde Entwicklungen (Konrad Adenauer 1956, 1957, 1962, 1964). Doch schon früh hatte die CDU ihr „C“ gegen den Vorwurf der Klerikalisierung der Politik zu verteidigen. Definitiv zu Ende der 1970er Jahre musste die Volkspartei eine zunehmende Kirchenferne der Gesellschaft und sogar eine „innerparteiliche Säkularisierung“ konstatieren (Eugen Gerstenmaier 1959, 1977). Folglich war die „christliche Grundlage“ der Partei, die als Gründervermächtnis unverzichtbar erschien, neu zu definieren. Unterschieden wurde zwischen den nicht für alle verbindlichen weltanschaulichen Motiven und den politischen Zielen der Union; für die Wählerschaft galt kein Unterschied, ob „Jude, Heide, Christ, Katholik oder Protestant“ (Eugen Gerstenmaier 1964).

Der im 2. Vatikanischen Konzil (Vatikanum II) gestärkten Verantwortung der Laien für „die Fragen der Welt“ (Karl Theodor von Guttenberg 1966) lief die Stärkung der individuellen Komponente einer „Politik aus christlicher Verantwortung“ parallel. Josef Hermann Dufhues plädierte 1964 für einen prozesshaften Dialog „des christlichen Gewissens mit der Wirklichkeit“: Der um die Begrenztheit der Welt wissende christliche Realismus sollte Garant werden für eine unideologische, vorurteilsfreie Politik, die sich jedenfalls der Vergottung von Staat, Klasse, Rasse, Nation oder Menschheit, generell politischen Absolutheitsansprüchen, widersetzte. Dennoch blieben christliche Werte in wesentlichen Umrissen sichtbar: Freiheit, Eigentum, Familie, soziale Sicherheit, Toleranz, Rechtsstaatlichkeit, Chancengleichheit, die „jüdisch-christliche Glaubensüberlieferung“ als Ausgangslage ethischer Besinnung gegen überzogene Machbarkeitsansprüche. Während der 1990er Jahre nahmen Irritationen im Verhältnis zur katholischen Kirche wegen zu schwacher Vertretung christlicher Grundpositionen (§ 218) zu. Andererseits wurde von Unionsseite zutreffend festgestellt, dass die kirchliche Frauen- und Jugendarbeit und der organisierte Laienkatholizismus ihre Mitglieder nicht mehr zu parteipolitischem Engagement ermutigten.

Literatur

J. H. Dufhues: Christen in der Demokratie, in: Die politische Meinung 26 (1964); K. T. von und zu Guttenberg: Christlicher Auftrag im Bereich der Politik, in: Bayernkurier vom 10.9.1966; E. Gerstenmaier: Das hohe C – Ballast oder Auftrag?, in: Die Welt vom 24.9.1977; H. Hürten (Hg.): Kulturkampf. Berichte aus dem Dritten Reich (1988); F. Bösch, „Zu katholisch“. Die Durchsetzung der CDU und das schwierige Zusammengehen der Konfessionen in der Bundesrepublik Deutschland, in: T. Dürr/F. Walter (Hg.), Solidargemeinschaft und fragmentierte Gesellschaft (1999).

Winfried Becker