Der 9. November. Gedenken, Schicksal und Verantwortung

von Jürgen Nielsen-Sikora
Ist der 9. November wirklich ein Schicksalstag der Deutschen? Ein kurzer Essay

„So ein Tag, so wunderschön wie heute“ singen am späten Abend des 9. November 1989 Menschen aus dem Osten wie dem Westen Deutschlands gemeinsam am Brandenburger Tor. Nach über 28 Jahren der in Beton gegossenen Teilung ist das einer der glücklichsten Momente der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert.

Aber ist der 9. November wirklich auch ein Schicksalstag der Deutschen, wie so oft behauptet wird? Immerhin steht der 9.November gleich für mehrere historische Daten, die im kollektiven Gedächtnis verankert sind: Am 9. November 1918 verkündet Reichskanzler Max von Baden die Abdankung des Kaisers. Kurz darauf rufen sowohl Philipp Scheidemann als auch Karl Liebknecht die Republik aus. Exakt fünf Jahre später wird in München der Hitler-Ludendorff-Putsch vor der Feldherrnhalle von der bayerischen Polizei blutig niedergeschlagen, nachdem Ministerpräsident Gustav von Kahr seine Unterstützung für Hitler widerruft und in der Nacht im Rundfunk die Nachricht von der Auflösung der NSDAP verbreitet.

Für die Nationalsozialisten hatte der 9. November seither eine besondere Bedeutung. Nicht zufällig ordnet am 9. November 1925 Hitler die Gründung der SS an, nicht zufällig entfernen am 9. November 1936 die Nationalsozialisten das Denkmal von Mendelssohn Bartholdy in Leipzig, woraufhin Carl Friedrich Goerdeler, Oberbürgermeister der Stadt, demonstrativ seinen Rücktritt erklärt. Und nicht zufällig kommt es am 9. November 1938 im Deutschen Reich zu organisierten Übergriffen gegen Juden und jüdische Einrichtungen. Synagogen werden in Brand gesteckt, tausende jüdische Geschäfte und Wohnungen werden zerstört. Mehrere hundert Menschen sterben bei den Novemberpogromen.

Neben diesen zentralen Momenten deutscher Geschichte gibt es ein paar weitere nicht ganz unbedeutende Geschehnisse, die ebenfalls auf einen 9. November fallen: 1848 wird der linksliberale Abgeordnete der Frankfurter Nationalversammlung, Robert Blum, nach der Niederschlagung des Oktoberaufstands von Wien unter Missachtung seiner Immunität hingerichtet. Am 9. November 1949 beschließen die Außenminister der USA, Großbritanniens und Frankreichs die Aufnahme von Verhandlungen mit der Bundesrepublik Deutschland, die schließlich zum Petersberger Abkommen führen. Das deutsche Verfassungsgericht urteilt an einem 9. November (1955), dass in Deutschland lebende Österreicher, die mit dem Anschluss 1938 die deutsche Staatsbürgerschaft bekamen, diese mit der Souveränität Österreichs wieder verloren haben. Bei der feierlichen Amtseinführung des neuen Rektors der Hamburger Universität am 9. November 1967 entfalten Studenten ein Transparent mit dem Spruch „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“, das zum Symbol der 68er-Bewegung werden soll. Zwei Jahre später, am 9. November 1969, platziert die linksradikale Organisation Tupamaros West-Berlin eine Bombe im jüdischen Gemeindehaus in Berlin. Die Bombe explodiert jedoch nicht. Am 9. November 1977 entführen Mitglieder der Bewegung 2. Juni in Wien den Industriellen Walter Palmers, Leiter der Palmers Textil AG, um Geld für die Stadtguerilla zu beschaffen. Der 9.November ist insofern ein janusköpfiges Datum deutscher Geschichte.

„Mein Schicksal ruft“ lässt Shakespeare seinen Hamlet ausrufen. Und zunächst scheint es so, als werde dieser Ruf in Deutschland immer wieder an einem 9. November laut. Doch den frühneuzeitlichen Glauben an das Schicksal haben wir längst überwunden und gehen heute wesentlich rationaler an ein solches historisches Datum heran. Denn all diese Ereignisse sind nur möglich gewesen sind, weil Menschen auf bestimmte Art und Weise gehandelt haben: Geschichte wird gemacht. Sie ist politisch beeinflussbar. Es gibt kein (historisches) Ereignis ohne verantwortlich handelnde Personen. Das Schicksal hingegen ist unausweichlich. Es ist von göttlichen Mächten und Zufällen geleitet und der Entscheidungsfreiheit des Menschen entzogen.

Blickt man auf das kurze 20. Jahrhundert zurück, zeigt sich, dass der Zeitraum zwischen dem 9. November 1918 und dem 9. November 1989 einen Spannungsbogen deutscher Geschichte bildet. Dennoch ist es alles andere als Schicksal, dass am 9.November so viele bahnbrechende Dinge passiert sind, die den weiteren Weg der Deutschen maßgeblich mitgeprägt haben. Die Protagonisten all dieser Ereignisse waren weder ohnmächtig noch schuldlos. Sie waren ihrer Freiheit und Verantwortung keineswegs beraubt. Zudem legen uns diese Ereignisse nicht in unseren Entscheidungen fest.

Der 9. November zeigt, dass Geschichte in jeder Gegenwart lebendig ist. Dieser ganz besondere deutsche Tag stellt nicht zuletzt Fragen nach der (historischen) Verantwortung des Menschen. Er fordert uns auf, Antworten auf die Geschichte zu geben, Rechenschaft über die Gegenwart abzulegen und in den Dialog über die Zukunft der Gesellschaft einzutreten. Der 9. November ist kein Schicksalstag, sondern ein Tag, der uns alle immer wieder mit der Verantwortung jedes Einzelnen in der Gesellschaft konfrontiert.

Jürgen Nielsen-Sikora