George Orwells „Nineteen Eighty-Four“ erscheint

von Martin Falbisoner
Das wohl bekannteste Werk des britischen Schriftstellers gilt auch Jahrzehnte nach seiner Erstveröffentlichung noch als geradezu beklemmend aktuell. Seine Begriffe und Metaphern wurden etablierter Teil der internationalen Gegenwartskultur und fanden mithin auch Eingang in das Vokabular der politischen Sprache. Erscheint dies gerechtfertigt?

„Big Brother is watching you“ – dieses Zitat steht als warnender Aphorismus quasi stellvertretend für den dystopischen Roman, der Ende 1948 von George Orwell abgeschlossen und am 8. Juni 1949 in London veröffentlicht wurde. Das eponyme Jahr im Titel verweist dabei auf eine noch nicht unmittelbar bevorstehende Zukunft, setzt diese als bewussten Zahlendreher gleichwohl auch in direkten Bezug zur Entstehungsepoche des Werkes, die hier als die auf den Zweiten Weltkrieg folgenden, harten Nachkriegs- und Umbruchsjahre in Großbritannien verstanden werden kann. Schnell avancierte der Roman zu einem der erfolgreichsten und auch kulturell einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts. Seine Schlagworte und Metaphern wie, hier in der deutschsprachigen Ausgabe, „Doppeldenk“, „Neusprech“, „Zimmer 101“ oder „Gedankenverbrechen“ verfestigten sich zum internationalen Gemeingut. Als sprachliche Bausteine finden sie auf der politischen Agenda regelmäßig dann Verwendung, wenn es gilt, tatsächliche oder vermeintliche Anzeichen und Merkmale autoritärer, totalitärer, ja somit gewissermaßen orwellianischer Herrschaft durch eine allmächtige, allwissende, omnipräsente Obrigkeit zu identifizieren und damit natürlich auch zu brandmarken. Sehr anschaulich beobachten ließ sich dies erst jüngst im Zuge der sogenannten Snowden-Enthüllungen und dem weltweiten, ganz besonders auch in Deutschland zu vernehmenden, öffentlichen Aufschrei um die Überwachungsprogramme der amerikanischen NSA und des britischen GCHQ. Auch der Bürger der vorgeblich freien westlichen Welt, so der weit verbreitete Konsens, sei längst nur noch Untertan eines engmaschigen Überwachungssystems, gestrickt und kontrolliert von einer unnahbaren politischen wie wirtschaftlichen Elite.

Das äußere Szenario von „1984“

Gleichwohl lässt sich die von Orwell entworfene Welt des fiktiven Jahres 1984 nur schwerlich in unmittelbare Analogie zu der unseren setzen. In den Nachwehen eines nuklear geführten dritten Weltkriegs bildeten sich, so das Szenario des Romans, drei Supermächte heraus, die den Globus unter sich aufteilten – abgesehen von wenigen verbleibenden Restterritorien, um die fortwährend, zwar in wechselnden Koalitionen, aber generell auch nicht mehr mit allerletzter, atomarer Konsequenz kriegerisch gerungen wird. Dieser ewige Krieg dient somit vornehmlich dem Erhalt der inneren Stabilität und folglich der Unveränderlichkeit des gesellschaftlichen Status Quo im jeweiligen Machtgefüge der drei Blöcke „Ostasien“, „Eurasien“ und „Ozeanien“. Indem sämtliche Ressourcen schon von vornherein der Inanspruchnahme durch eine unausgesetzte Kriegswirtschaft unterliegen, verbleibt keinerlei Potential für gesellschaftliche Veränderungen jedweder Natur. Die Entwicklung der tripolar gespaltenen Menschheit erscheint daher quasi auf ewig eingefroren. Ganz explizit gilt dies für den Superstaat Ozeanien. Dessen Machtbereich erstreckt sich auf den amerikanischen Kontinent, Australien, das südliche Afrika und auch auf das nur noch als „Landefeld Eins“ bezeichnete ehemalige Großbritannien, dem eigentlichen Schauplatz der Handlung. Beherrscht wird Ozeanien von der „Inneren Partei“, an deren Spitze ein wahrscheinlich ohnehin nur fiktiver „Großer Bruder“ steht. Die Mitglieder der „Inneren Partei“ – etwa zwei Prozent der Bevölkerung Ozeaniens – leben in privilegierter Abgegrenztheit in materiellem Reichtum an den unmittelbaren Hebeln der Macht. Mit einem Anteil von 85% stellt auf der anderen Seite der Gesellschaftsordnung die pauperisierte Unterschicht der „Proles“ die breite Masse der Bevölkerung – diese dienen als Arbeitssklaven in den Fabriken und als Kanonenfutter an den Fronten. Gleichwohl verfügen sie über weitgehende persönliche Freiheiten, die den Parteimitgliedern wiederum unzugänglich bleiben. Durch stetige Überflutung mit billiger Unterhaltung, Pornografie und Glücksspiel unmündig gehalten, und hierdurch erfolgreich zu vollständiger politischer Passivität erzogen, geht von den Proles keinerlei Gestaltungskraft mehr aus – in den Augen der Elite von der Inneren Partei bedürfen sie nicht einmal einer konsequenten Überwachung. Auch offensichtliche Verstöße gegen die formal rigiden Gesetze werden den Proles in der Regel nachgesehen. Dies unterscheidet sie maßgeblich von der technokratischen Mittelschicht, den Angehörigen der „Äußeren Partei“, die mit einem Bevölkerungsanteil von 13% zwar formal deutlich oberhalb der Unterschicht firmiert, tatsächlich aber in materiell ähnlich prekären Lebensumständen gehalten, gleichzeitig zudem unausgesetzt und auf allen denkbaren Wegen überwacht, gelenkt und konditioniert wird. Die Mitglieder der Äußeren Partei sind simultan wichtigste Lebensader und primäre Opfer des in erster Linie auch von ihnen selbst verwalteten und aufrechterhaltenen Zwangssystems. Dieses verfügt über vollendete Mittel zur gesellschaftlichen Kontrolle. Omnipräsente Teleschirme verbreiten nicht nur unentwegt Propaganda, sondern dienen als Rückkanal gleichzeitig der Videoüberwachung. Privatheit existiert, zumindest für die Angehörigen der Äußeren Partei, nicht mehr. Aus ihren Reihen rekrutiert sich schon aus diesem Bewusstsein heraus ein Heer an freiwilligen Spitzeln der „Gedankenpolizei“, die jede noch so kleine ideologische Abweichung selbst in Mimik oder Gestik als „Gedankenverbrechen“ verfolgt. Die Doktrin Ozeaniens ist dabei einem steten Fluss unterworfen, was anzuerkennen jedoch selbst bereits wieder ein Gedankenverbrechen wäre. Wechselt etwa Ozeanien den Bündnispartner oder wird ein prominenter Parteifunktionär zur „Unperson“ erklärt und in der Folge „vaporisiert“, so muss die schriftlich fixierte Vergangenheit nachträglich auch in den Quellen vollständig angepasst und schließlich aufs Neue publiziert werden. Die jeweils aktuelle Linie ist die einzig gültige und zutreffende, eine andere hat niemals existiert. Dies zu gewährleisten, ist eine Kernaufgabe des „Ministeriums für Wahrheit“, das auch das offizielle Wörterbuch des „Neusprechs“, der Amtssprache Ozeaniens redigiert. Durch konsequente Verödung sprachlicher Möglichkeiten, erzwungen durch radikale Simplifizierung des Vokabulars und den breiten Einsatz neologistischer Euphemismen, sollen in langfristiger Perspektive Gedankenverbrechen schon kategorial unmöglich, da im Wortsinne undenkbar gemacht werden. Für die Übergangszeit wird den exekutiven Parteimitgliedern das Prinzip des „Doppeldenks“ abverlangt, welches verordnet, zwischen sich formal ausschließenden und daher konkurrierenden Wahrheiten nach Erfordernis auch mit absoluter innerer Überzeugung beliebig hin- und herwechseln zu können: So ist denn auch die Rechnung „2+2=4“, obgleich mathematisch notwendigerweise korrekt, immer dann falsch, wenn die Partei die Lösung ideologisch mit „2+2=5“ definiert.

Aufbegehren und Scheitern der Hauptfigur Winston Smith

Als Mitglied der Äußeren Partei und kleiner Beamter im Ministerium für Wahrheit ist auch der Protagonist des Buches, Winston Smith, ein 39jähriger Jedermann, damit beschäftigt, Akten und historische Fotografien gemäß gerade geltender Doktrin zu bereinigen. Sein Alltag ist freudlos und desillusionierend, und immer mehr Zweifel an der offiziellen Ideologie beginnen in ihm zu nagen. Er ist gerade alt genug, um noch über vage Erinnerungen an die Zeit vor der „Revolution“ zu verfügen. Anders als etlichen seiner Kollegen fehlt ihm zudem die tatsächliche Gabe zum konsequenten Doppeldenk. Sein erster Kardinalfehler besteht nun darin, seine aus Parteisicht heterodoxen Gedanken strukturiert in einem Tagebuch festzuhalten. Seinen zweiten Fehler begeht er, indem er eine Affäre mit Julia beginnt, einer oberflächlich fanatischen, jungen Aktivistin der „Junioren-Anti-Sex-Liga“, die tatsächlich, wenn auch aus völlig unideologischen und vielmehr rein hedonistischen Motiven heraus, ein gleichermaßen streng verbotenes wie ausschweifendes Liebesleben führt. Sein dritter und fatalster Fehler schließlich liegt im unberechtigten Vertrauen, das er O'Brien gegenüber zeigt, den Smith für einen Angehörigen der „Bruderschaft“ hält, einer angeblich existierenden Verschwörergruppierung um den Dissidenten und Parteifeind Emmanuel Goldstein. Tatsächlich arbeitet O'Brien als Angehöriger der Inneren Partei beim „Ministerium für Liebe“, das die Aufgabe hat, Gedankenverbrecher aufzuspüren. Smith wird verhaftet und unter Folter dazu gebracht, sämtliche ihm angelasteten Taten zu gestehen – darunter auch etliche, die er gar nicht begangen hatte. Damit ist das Ziel O'Briens aber noch nicht erreicht, denn diesem geht es darum, den Willen seines Opfers vollständig zu brechen, ihn also mittels Gehirnwäsche dazu zu bringen, den Großen Bruder tatsächlich im Innersten zu lieben. Dies dient in erster Linie der Befriedigung des Allmachtsanspruchs des Systems, denn, so wird zumindest angedeutet, auch „geheilte“ Gedankenverbrecher werden früher oder später ohnehin liquidiert. Im Falle von Winston Smith ist die Gehirnwäsche erst dann erfolgreich, als er seine Liebe zu Julia preisgibt: Die ihm im berüchtigten Zimmer 101 angedrohten Maßnahmen bringen ihn schließlich dazu, sie auch innerlich zu verraten. Die Liebe zu ihr wird durch die Liebe zum Großen Bruder sublimiert.

Persönlicher und schriftstellerischer Werdegang George Orwells

„1984“ ist das zweite Hauptwerk, auf das sich der Weltruhm George Orwells stützt. Sein Durchbruch als Autor gelang ihm erst kurz vor dessen Publikation mit der antiutopischen Parabel „Animal Farm“, die 1945 veröffentlicht wurde und die wie „1984“ vor den grausamen Exzessen totalitärer Systeme warnt. Die schriftstellerische Motivation Orwells ist in beiden Fällen in seinem biographischen Werdegang wie auch seiner politischen Überzeugung zu suchen. 1903 mit bürgerlichem Namen als Eric Arthur Blair im nordostindischen Motihari als Sohn eines dort stationierten Kolonialbeamten in eine angesehene, nicht aber wohlhabende Familie geboren, konnte Orwell mithilfe von Begabtenstipendien zunächst den Bildungsgang der englischen Oberschicht einschlagen und besuchte die Colleges in Wellington und Eton. Dort widmete er sich früh seinen literarischen Neigungen und knüpfte ihm später noch wichtige Kontakte, vernachlässigte aber seine schulischen Studien. Ohne Aussicht auf ein universitäres Stipendium trat er 1922 der Imperial Police bei und wurde in Birma eingesetzt, dem heutigen Myanmar. Dort blieb er Außenseiter und entfremdete sich zunehmend dem kolonialen Selbstverständnis des britischen Weltreichs. Mit dem Ziel Schriftsteller zu werden, quittierte er den Dienst, ging 1927 zurück nach Europa, zunächst nach England, kurz darauf für die Dauer von zwei Jahren auch nach Paris. Sein besonderes Interesse galt dem Los der urbanen Unterschichten. Schriftstellerisch zunächst erfolglos, sah er sich rasch gezwungen, seinen Lebensunterhalt mit einfachsten Handlangerdiensten zu bestreiten. Auch nach erstem Erfolg als Essayist und Journalist blieb seine materielle Situation zumeist prekär und Blair somit stets auf die Einkünfte diverser Nebentätigkeiten angewiesen. Vor diesem Hintergrund veröffentlichte er, gewissermaßen als äußeren Schutz seiner literarischen Ambitionen, ab 1932 unter dem Pseudonym George Orwell. Auch weiterhin widmete er sich thematisch in erster Linie der Not der britischen Arbeiterschaft und wandte sich in diesem Zuge immer mehr dem Sozialismus zu. Wie einige linke Intellektuelle seiner Zeit, so etwa auch Ernest Hemingway, entschloss er sich 1936, im einsetzenden spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Republikaner zu kämpfen. Die komplexe politische Situation vor Ort sollte zur entscheidenden persönlichen Prägephase des späteren Weltschriftstellers werden. Der Krieg gegen die nationalistischen Truppen Francisco Francos bildete hierbei nicht das entscheidende Moment – vielmehr sah sich Orwell den bitteren Fraktionskämpfen innerhalb der Linken ausgesetzt. Von moskautreuen Stalinisten wurden er und seine Kameraden alsbald des Trotzkismus bezichtigt und im Rahmen einer Pressekampagne denunziert. Da Orwell infolge einer Verwundung Spanien im Sommer 1937 verließ, konnte er sich allerdings einer weiteren politischen Verfolgung vor Ort entziehen. Seine dortigen Erlebnisse, seine Sympathien mit gemäßigt sozialistischen Idealen und seine tiefe Abneigung des Stalinismus verarbeitete er in der 1938 erschienenen „Hommage to Catalonia“. Dies wiederum marginalisierte ihn freilich innerhalb der britischen Linken, die Kritik an Stalin mehrheitlich noch als Verrat an der Revolution begriff. Gesundheitlich stark angeschlagen, betätigte er sich in der Folge hauptsächlich als Literaturkritiker. Als kriegsuntauglich ausgemustert, erhielt er 1941 eine Stelle bei der BBC, für deren Eastern Service er zwei Jahre lang Kulturbeiträge produzierte. Obwohl Orwell zum ersten Mal finanziell abgesichert war, kündigte er – auch, da er unter der Konformität des Büroalltags sowie den rigiden Vorgaben der Zensur litt. In den letzten Kriegsjahren arbeitete er als Kritiker, Kolumnist und Reporter für linksliberale Zeitungen und Zeitschriften. Mit dem Erscheinen von „Animal Farm“ wurde Orwell plötzlich zu einer gefragten Persönlichkeit. Die Parabel wurde vor dem Hintergrund des aufziehenden Kalten Krieges als literarische Waffe gegen den Kommunismus publizistisch erfolgreich positioniert. Es begann Orwells produktivste Phase als Autor, die allerdings von zahlreichen familiären und persönlichen Rückschlägen gekennzeichnet war. Ab 1946 zog er sich zunehmend auf ein kleines, einfaches Anwesen auf der schottischen Insel Jura zurück, wo er mit der Arbeit an „1984“ begann. An Tuberkulose erkrankt, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand rasant. Die Veröffentlichung seines zweiten großen Romanerfolgs sollte Orwell nur um wenige Monate überleben. Er starb am 21. Januar 1950 im Alter von 46 Jahren in London.

Umfassende posthume Inanspruchnahme Orwells

Die Debatte um die Einordnung von Person und Werk George Orwells dauert bis heute an. Der „antikommunistische englische Herzenssozialist“, so unlängst charakterisiert durch den Publizisten Marko Martin, entzieht sich dabei selbst der vereinfachten Kategorisierung. In seinem Essay „Why I write“ von 1946 betont Orwell, dass sämtliche seiner Werke seit Beginn des spanischen Bürgerkrieges als eindringliche Warnung vor dem stalinistischen Totalitarismus verstanden werden müssen – und bekräftigt doch ebenso seine politische Überzeugung als vehementer Anhänger eines „demokratischen Sozialismus“. Totalitäre, entmenschlichende Strukturen machte er dabei nicht nur jenseits des Eisernen Vorhangs aus. So sei der in „1984“ geschilderte düstere und repressive Arbeitsalltag Winston Smiths inspiriert worden durch die Erfahrungen Orwells bei der BBC, die im Krieg dem Ministry of Information unterstand, welches wiederum als Modell für das ozeanische Ministerium für Wahrheit diente. Versuchen der Linken, Orwells Humanismus und Sozialismus für sich zu vereinnahmen, steht die Wertschätzung entgegen, die er bei Bürgerlichen und Konservativen für seinen Antistalinismus, aber auch als Gegner jeglicher Political Correctness und euphemischer Sprachexperimente genießt. Um es mit dem früheren Labourabgeordneten und gegenwärtigen Politikprofessor Tony Wright auszudrücken: „Everybody finds something in him“. Dies erleichtert ganz zweifelsohne erheblich die Inanspruchnahme von George Orwells Werk und Diktion bei der Kommentierung grundsätzlicher Verhältnisse wie auch lediglich tagespolitischer Ereignisse. Ob Werk und Autor damit in jedem Falle auch Gerechtigkeit widerfahren, bleibt natürlich dahingestellt.

Hinweise und Literatur

  • Gordon Bowker: Inside George Orwell, London 2003.
  • Jochen Buchsteiner: Farm der politischen Tiere. Großbritannien diskutiert über George Orwell, in: FAZ, 28.08.2012.
  • Marko Martin: Von Äpfeln und Birnen, in: Die Welt, 08.08.2013.
  • George Orwell - left or right?, in: Today, BBC Radio 4, 27.08.2012.
  • George Orwell: Nineteen Eighty-Four. A novel, London 1949.
  • George Orwell: Why I write, in: Gangrel, Nr. 4 (1946).

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