Gründungsversammlung der Nouvelles Équipes Internationales (NEI) in Chaudfontaine bei Lüttich

„[O]hne die NEI [wäre] die Europäische Gemeinschaft gar nicht oder erst viel später … entstanden“. So urteilte im Rückblick Josef Müller, einer der regelmäßigen Teilnehmer der Treffen der Nouvelles Equipes Internationales, der Vorläuferinstitution der Europäischen Union Christlicher Demokraten (EUCD) und somit der heutigen Europäischen Volkspartei (EVP).

Wurzeln

Bereits in den 1920er Jahren gab es Bestrebungen, die christlich-demokratischen Parteien international zusammenzuschließen, wie das bei anderen politischen Strömungen, vor allem in der Sozialistischen Internationalen, bereits im 19. Jahrhundert erfolgt war. Eine Initiative von Luigi Sturzo führte 1926 zur Gründung des Secrétariat International des Partis Démocratiques d’Inspiration Chrétienne (SIPDIC), das allerdings mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs seine Arbeit einstellte.

Genau dieser Weltkrieg stärkte aber die Überzeugung christlich-demokratischer Politiker in Europa, erneut den Versuch eines Zusammenschlusses zu starten. Nach ersten Kontaktaufnahmen 1945 fanden im Dezember 1946 in Montreux und im Februar/März 1947 in Luzern informelle Zusammenkünfte statt, an denen Politiker aus Belgien, Großbritannien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Österreich, Luxemburg und der Schweiz teilnahmen. Den eingeladenen ungarischen und tschechoslowakischen Vertretern war es nicht möglich zu kommen. Eine Einladung an Deutsche erfolgte noch nicht, allerdings kam es am Rande des Treffens in Luzern zu einem Gespräch von Teilnehmern mit dem ehemaligen deutschen Reichskanzler Josef Wirth.

Anfänge

Das erste Treffen fand schließlich vom 31. Mai bis 2. Juni 1947 in Chaudfontaine bei Lüttich statt. 80 Delegierte aus 12 Ländern, auch aus mittel-osteuropäischen, kamen zusammen, um offiziell über die soziale Situation der Arbeiter in Europa zu sprechen. Inoffiziell ging es aber vor allem um die Gründung der angestrebten Vereinigung. Umstritten war dabei nicht mehr die grundsätzliche Entscheidung für einen Zusammenschluss, dafür umso mehr Name und Organisation.

Die Delegierten einigten sich schließlich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: keine Nennung des christlichen Hintergrunds im Namen und keine reine Parteienorganisation, sondern die Möglichkeit der Teilnahme auch für Einzelpersonen. Im anschließenden Aide-mémoire hieß es, die neue Vereinigung mit dem Namen Nouvelles Equipes Internationales (NEI) sei mit dem Ziel gegründet worden, regelmäßige Kontakte zwischen Persönlichkeiten mit demokratisch-bürgerlicher Überzeugung zu etablieren.

Gleichzeitig wurde die allgemeine Zielsetzung und Struktur der neu gegründeten Organisation dargelegt sowie ihre aktuellen Mitglieder und die Leitung festgelegt. Erster Präsident wurde der Generalsekretär des Mouvement Républicain Populaire (MRP), Robert Bichet aus Frankreich. Das vorerst in Brüssel etablierte Büro der Vereinigung leitete der Belgier Jules Soyeur als Generalsekretär.

Schließlich gaben die NEI einen Ausblick auf die zukünftige Arbeit. Für die folgenden drei Jahre waren jeweils ein Kongress in den Niederlanden, in Luxemburg und der Tschechoslowakei zu verschiedenen inhaltlichen Themen geplant. Bei der nächsten Zusammenkunft 1947 wollten die Teilnehmer sich dem „problème allemande“ widmen.

Die deutsche Frage

Bereits bei der Organisation der Konferenz, die schließlich vom 30. Januar bis 1. Februar 1948 in Luxemburg stattfand, stellte sich die deutsche Frage. Sollten bei der Zusammenkunft auch Teilnehmer aus den drei westlichen deutschen Besatzungszonen hinzugezogen werden oder nicht? Die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und das Leid, das die Deutschen über Europa gebracht hatten, waren kaum vorüber und sicher noch nicht vergessen. Doch die Mitglieder der NEI waren überzeugt, dass die Lösung der deutschen Frage und der europäische Wiederaufbau untrennbar miteinander verknüpft seien – was auch in den offiziellen Beschlüssen am Ende der Konferenz festgehalten wurde.

Inzwischen hatten sich in den neu gegründeten (west)deutschen Bundesländern auch christdemokratische Parteien etabliert, die als Ansprechpartner dienen konnten. Somit ergingen Anfragen an CDU und CSU. Eine Einladung bekam auch Carl Spieker vom wieder gegründeten Zentrum, die jedoch wieder zurückgezogen wurde.

Als deutsche Repräsentanten, allerdings nur mit Beobachterstatus, reisten schließlich nach Luxemburg: der gerade aus seinem Amt entlassene frühere Vorsitzenden der CDU in der Sowjetischen Besatzungszone, Jakob Kaiser, der CSU-Vorsitzende in Bayern, Josef Müller, und der Vorsitzende der CDU in der britischen Besatzungszone Konrad Adenauer. Adenauer betonte in seiner die Konferenz abschließenden Rede: „Ich spreche im Namen sehr vieler Deutscher, wenn ich als dauerhafte Basis eines geeinten Europas die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland herbeisehne.“

Insgesamt kamen zu der Tagung in Luxemburg Teilnehmer aus rund 18 Staaten, darunter sogar Delegationen aus Übersee (Kanada, USA und Lateinamerika).

Genfer Konferenzen

Das Entstehen der NEI wurde begleitet von den sogenannten Genfer Sitzungen oder Konferenzen. Die Idee entwickelten der französische Journalist Victor Koutzine, und der deutsche Schriftsteller Jakob Joseph Kindt-Kiefer. Das erste Gespräch, das beide angeregt hatten, fand vom 15.–17. November 1947 in St. Niklausen am Vierwaldstätter See statt. Wegen Einreiseproblemen konnte von deutscher Seite nur der Generalsekretär der CDU/CSU-Arbeitsgemeinschaft, Bruno Dörpinghaus, teilnehmen, der mit einigen Vertretern der französischen Christdemokraten zusammentraf. Doch bereits die nächste Sitzung, die am 21./22. März 1948 in Genf selbst stattfand, war mit Konrad Adenauer von deutscher und Georges Bidault von französischer Seite sehr hochrangig besetzt. Bis 1949 nahm Adenauer regelmäßig selbst an diesen Treffen teil, dann übernahmen diese Aufgabe u. a. Heinrich von Brentano und Fritz Schäffer. Diese informellen Zusammenkünfte konnten genutzt werden, um die offizielle Politik – etwa die ersten Schritten auf dem Weg der europäischen Integration – vorzubereiten, oder heikle Themen, wie die westdeutsche Wiederbewaffnung, in einem geschützten Raum anzusprechen. Bis 1953 tagte der Kreis ausschließlich in Genf, dann wechselten die Tagungsorte quer durch Europa. Gleichzeitig sank seine Bedeutung, die Teilnehmerzahl wurde immer geringer und 1955 fand schließlich die letzte Zusammenkunft statt.

Etablierung und Verfestigung der NEI

Im gleichen Zeitraum festigte sich die Institution der NEI. Im Mai 1948 organisierten die Equipes federführend die Haager Konferenz mit und beteiligten sich an der daraus folgenden Gründung des European Movement, aus dem 1949 der Europarat hervorging. In diesem schlossen sich die der NEI angehörenden Parteien als erste zu einer Fraktion zusammen, wie auch später in den Parlamentarischen Versammlungen der EGKS, der EWG und der Westeuropäischen Union.

Die inhaltliche Arbeit der NEI erfolgte im Prinzip in thematisch organisierten Kommissionen, deren Vertreter sich auch öfter als bei der jährlich stattfindenden Generalversammlung trafen. Diese Jahreskongresse stellten aber nicht nur den Höhepunkt dar, sondern fanden auch das größte Medienecho. Besonders stark war dieses bei der Versammlung der NEI 1950 in Sorrent, an die Luigi Sturzo, der Vorreiter einer christlich demokratischen Internationalen, eine vielbeachtete Botschaft richtete. In dieser betonte er "die Notwendigkeit, jeden Nationalismus zu überwinden und ehrenhafte Einschränkungen der Souveränität hinzunehmen im Hinblick auf eine wirksame europäische Föderation, die die moralischen und politischen Bande stärkt, um zu einer allmählichen und wirksamen wirtschaftlichen Union zu führen“.

Auf dem Kongress in Sorrent waren wie schon vorher auch Vertreter von insgesamt acht mittel- und osteuropäischen Exilgruppen vertreten. Im selben Jahr, 1950, schlossen diese Gruppen sich in New York zu einer eigenständigen Organisation, der Union Chrétienne Démocrate d´Europe Centrale (UCDEC), zusammen, die den Kontakt zur NEI jedoch weiter hielt.

Ein Jahr später gründete die seit 1948 existierende Section des Jeunes der NEI eine selbständige Organisation. Nachdem sie vom 10. bis 16. Juli 1949 bereits einen eigenen Kongress im österreichischen Hofgastein abgehalten hatten, machten sich die jungen Christdemokraten 1951 in der Union International des Jeunes Démocrates Chrétiens (UIJDC, bzw. Internationale Union Junger Christlichen Demokraten/International Union of Young Christian Democrats, IUYCD) selbständig.

1951 fand unter dem Titel „Europa und der Friede“ in Bad Ems zum ersten Mal eine Tagung der NEI in Deutschland statt, womit „der Welt ein Zeichen der friedlichen Zusammenarbeit der auf christlichem Boden stehenden Parteien“ gegeben werden sollte, wie Bundeskanzler Adenauer in seiner Eröffnungsrede betonte.

Reform

Bei den nächsten Kongressen auf deutschem Boden, 1959 in Freiburg und 1962 in Berlin, war der Bundeskanzler allerdings schon nicht mehr anwesend. Das machte den Bedeutungsverlust deutlich, den die NEI in der Zwischenzeit erlitt. Auch mit der Findung politisch relevanter Themen für ihre jährliche Großveranstaltung tat die Organisation sich immer schwerer. Die Versammlung in Paris 1960 war die einzige, die mit „La Démocratie Chrétienne et le Tiers Monde“ eine außereuropäische Frage behandelte.

Schwierig gestaltete sich außerdem das Verhältnis der Parteien und Gruppen, deren Staaten in den europäischen Integrationsprozess eingebunden waren, zu denen, die außen vor blieben. Das heißt auf der einen Seite die Repräsentanten der EGKS- und später EWG-Mitglieder Frankreich, Italien, Deutschland und Benelux, auf der anderen die Vertreter Österreichs und der Schweiz, die ab 1960 mit der EFTA sogar einem konkurrierenden Bündnis angehörten.

Diese Entwicklungen führten dazu, dass ab 1959 die Diskussion über eine Reform der Vereinigung begann. Eine erste sichtbare Änderung war 1960 die Berufung von Arnaldo Ferragni zum Secrétaire Générale Adjoint. In diesem Zuge wurde auch das Generalsekretariat nach Rom verlegt. 1962 fand in Wien der letzte, der insgesamt 17 Jahreskongresse statt, anschließend gab es nur noch Sitzungen der Generalsekretäre der Mitgliedsparteien, die schon vorher faktisch die Leitung der Equipes übernommen hatten.

1965 kam es schließlich zur Umorganisation, deren Bedeutung durch eine Umbenennung hervorgehoben wurde. Nunmehr hieß die Vereinigung Europäische Union Christlicher Demokraten (EUCD). Das christlich demokratische Bekenntnis erschien nicht nur sichtbar im Namen, es sollte auch eine engere Parteienkooperation erfolgen. Die EUCD wiederum ging 1996 schließlich in der 1976 gegründeten Europäischen Volkspartei (EVP) auf.

Doch die Bedeutung der Nouvelles Equipes Internationales beschränkte sich nicht nur darauf, Vorläuferinstitution der heute stärksten Fraktion im Europäischen Parlament zu sein. Ihr Wert bestand vor allem darin, nach der verheerenden Katastrophe des Zweiten Weltkriegs mit daran gewirkt zu haben, die Sprachlosigkeit in Europa zu überwinden, indem sie christlich-demokratischen Politikern, auch aus Deutschland, eine Möglichkeit des Kennenlernens und Austausches bot.

Präsidenten der NEI:

Generalsekretäre:

  • 1947–1949 Julies Soyeur
  • 1949–1955 Robert Bichet
  • 1955–1960 Alfred Coste-Floret
  • 1960–1965 Jean Seitlinger
!Literatur:

  • Winfried Becker: Die Nouvelles Equipes Internationales und der Föeralismus, in: HPM 15 (2008), S. 81–102.
  • Kurt Beilken: Architekten und Baumeister des europäischen Hauses. Eine Dokumentation über das Wirken deutscher Christdemokraten für die Einheit Europas seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, Bonn 1993.
  • Robert Bichet: La Démocratie chrétienne en France. Le Mouvement Républicain Populaire, Besançon 1980.
  • La Democratie chretienne dans le monde. Résolutions et declarations des organisations internationals democrats chrétiennes de 1947 à 1973, Rom 1973.
  • Bruno Dörpinghaus: Die Genfer Sitzungen – Erste Zusammenkünfte führender christlich-demokratischer Politiker im Nachkriegseuropa, in: Konrad Adenauer und seine Zeit. Politik und Persönlichkeit des ersten Bundeskanzlers. Band I: Beiträge von Weg- und Zeitgenossen, Stuttgart 1976, S. 538–565.
  • Jean-Dominique Durand: L’Europe de la Démocratie Chrétienne, Paris 1994.
  • Rosario Forlenza: The Politics of the Abendland: Christian Democracy and the Idea of Europe after the Second World War, in: Contemporary European History 26,2 (May 2017), S. 261–286.
  • Michael Gehler: Begegnungsort des Kalten Krieges. Der „Genfer Kreis“ und die geheimen Absprachen westeuropäischer Christdemokraten 1947–1955, in: Ders./Wolfram Kaiser/Helmut Wohnout (Hg.): Christdemokratie in Europa im 20. Jahrhundert. Wien/Köln/Weimar 2001, S. 642–694.
  • Ders./Wolfram Kaiser (Hg.): Transnationale Parteienkooperation der europäischen Christdemokraten. Dokumente 1945–1965, München 2004.
  • Zur Geschichte der christlich-demokratischen Bewegung in Europa, hg. von der EVP-Fraktion des Europäischen Parlaments, Melle 1990.
  • Heribert Gisch: Die europäischen Christdemokraten (NEI), in: Wilfried Loth (Hg.): Die Anfänge der europäischen Integration 1945–1950, Bonn 1990, S. 227–236.
  • Jürgen Hollstein: Die Zusammenarbeit christlich-demokratischer Parteien in Europa im Rahmen der „Nouvelles Equipes Internationales“ unter besonderer Berücksichtigung Deutschlands und Frankreichs (1946–1955), Staatsexamensarbeit Köln 1987.
  • Wolfram Kaiser: Begegnungen christdemokratischer Politiker in der Nachkriegszeit, in: Martin Greschat/Wilfried Loth (Hg.): Die Christen und die Entstehung der Europäischen Gemeinschaft, Stuttgart/Berlin/Köln 1994, S. 139–157.
  • Ders.: Deutschland exkulpieren und Europa aufbauen. Parteienkooperation der europäischen Christdemokraten in den Nouvelles Equipes Internationales 1947–1965, in: Michael Gehler/Ders./Helmut Wohnout (Hg.): Christdemokratie in Europa im 20. Jahrhundert, Wien/Köln/Weimar 2001, S. 695–719.
  • Walter Lipgens/Wilfried Loth (Ed.): Documents on the History of European Integration. Volume 4: Transnational Organizations of Political Parties and Pressure Groups in the Struggle for European Union, 1945–1950, Berlin/New York 1991.
  • Saskia Mati: Die „Nouvelles Equipes Internationales“. Organisation, Ziele, Politik 1958–1963, Magisterarbeit Köln 2001.
  • Roberto Papini: The Christian Democrat International, Lanham u. a. 1997.
  • Petra Poppe: Die Europakonferenzen der christ-demokratischen Parteiführer zwischen 1945 und 1950, Magisterarbeit Stuttgart 1990.
  • Johanna Touzel: Les Nouvelles Équipes Internationales (Union des partis democrats-chrétiens) et les débuts de la construction européenne (1947–1965), Mémoire de Maîtriese D’Histoire Strasbourg 1998.

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