Katholische Arbeitervereine

Erste katholische Arbeitervereine und Knappenvereine entstanden in Deutschland um die Mitte des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf das soziale Elend. 1837 forderte Franz Joseph von Buß im badischen Landtag eine Arbeiterschutzgesetzgebung. Seit den 1860er Jahren hatten die Arbeiter in dem Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler einen Streiter für ihre Interessen, der neben staatlicher Sozialpolitik auch Arbeitervereine forderte. Der Kulturkampf und das Sozialistengesetz warfen die Arbeitervereine weit zurück. Die Sozialenzyklika „Rerum novarum“ Papst Leos XIII. (1891) und der Volksverein für das katholische Deutschland, der als Bildungs- und Schulungsorganisation große Wirkung erzielte, ermöglichten einen Neuanfang. Am Vorabend des 1. Weltkriegs gehörte jeder vierte katholische Industriearbeiter den Arbeitervereinen an. Ihr Verbandsorgan war die „Westdeutscher Arbeiter-Zeitung“ (Nikolaus Groß), die eine Auflage von 200.000 Exemplaren erreichte. Versuche, auch Vereine für katholische Arbeiterinnen aufzubauen, waren nur in Teilen Süddeutschlands erfolgreich.

Die katholischen Arbeitervereine waren durch geistliche Präsides in die kirchlichen Strukturen eingebunden. Die praktische Arbeit wurde von Laien (u.a. hauptamtliche Arbeitersekretären) getätigt. Ziel war die soziale und politische Emanzipation der Arbeiter sowie die Abwehr des klassenkämpferischen und atheistischen Sozialismus. Die Interessenvertretung (z.B. Lohnfragen) sollte durch die interkonfessionellen christlichen Gewerkschaften erfolgen, die von katholischen Arbeitervereinen unterstützt wurden. Ihre politische Vertretung sahen die katholischen Arbeiter in der Zentrumspartei. Nach 1918 traten die katholischen Arbeitervereine für die Weimarer Republik ein; zahlreiche Repräsentanten übernahmen Verantwortung auf Regierungsebene. Abgeordnete der katholischen Arbeitervereine waren an der Weiterentwicklung des gesetzlichen Schlichtungswesens, an der Regelung der Arbeitsvermittlung sowie der Einführung von Arbeitsgerichten und der Arbeitslosenversicherung beteiligt.

Die Verteidigung des „Volksstaats von Weimar“ und seiner demokratischen und sozialen Rechte forderte den Kampf gegen den politischen Extremismus von KPD und NSDAP. Die Verbandsführung insbesondere der westdeutschen Arbeitervereine (Otto Müller, Bernhard Letterhaus, Nikolaus Groß) bereitete die mehr als 300.000 Mitglieder durch Schulung auf die Auseinandersetzung vor, die offensiv geführt wurde. Nach der Machtergreifung wurden die katholischen Arbeitervereine für „staatsfeindlich“ erklärt, konnten aber unter Verzicht auf offene politische Betätigung unter kirchlichem Schutz noch einige Zeit wirken. Die Führung der katholischen Arbeitervereine hatte seit 1933 Kontakte zu Gegnern des NS-Regimes gesucht. Führende Persönlichkeiten der Kölner Zentrale, die Kontakte zu Widerstandskreisen unterhielten, wurden nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet oder in KZ- oder Gestapo-Haft genommen. Überlebende wie Leo Schwering, Theodor Scharmitzel, Laurentius Siemer, Eberhard Welty betrieben unmittelbar nach Kriegsende die Gründung der CDU in Köln, die den katholischen Arbeitervereinen nahe stehenden Jakob Kaiser und Rudolf Pechel gehörten zu den Berliner CDU-Gründern. Mitglieder der nach 1945/46 wieder gegründeten Arbeitervereine haben in der CDU während der Aufbauphase der Bundesrepublik vor allem auf die Sozial-, Familien- und Arbeitspolitik Einfluss genommen.

Literatur

J. Aretz: Katholische Arbeiterbewegung und Nationalsozialismus. Der Verband katholischer Arbeiter- und Knappenvereine Westdeutschlands 1923–1945 (2. Auflage, 1982); Ders., Katholische Arbeiterbewegung und christliche Gewerkschaften, in: A. Rauscher (Hg.), Der soziale und politische Katholizismus, 2 (1982).

Jürgen Aretz