Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB)

Die KAB ist hervorgegangen aus den katholischen Arbeitervereinen, die, im 19. Jahrhundert gegründet, von den Nationalsozialisten weitgehend zerschlagen und deren führende Persönlichkeiten als Widerstandskämpfer ermordet worden waren. Zu den Beratern nach 1945 gehörten die Sozialethiker Eberhard Welty, Oswald von Nell-Breuning und Gustav Gundlach. Bis 1950 entstanden mehrere Landesverbände, die sich zum Kartellverband der katholischen Arbeiterbewegung Deutschlands (KAB) zusammenschlossen.

Das erste Nachkriegsprogramm stellte auf der Grundlage im Besonderen der katholischen Soziallehre und der eigenen Verbandstradition die Sozialpolitik und die Bildungsarbeit in den Vordergrund. Führende Persönlichkeiten der KAB wirkten als Abgeordnete der CDU und CSU im Deutschen Bundestag und in den Landtagen (u. a. Martin Heix, Bernhard Winkelheide, Johannes Even, Josef Gockeln) beim Aufbau des Sozialstaates mit: Die Rentenreform von 1957, der Familienlastenausgleich, die Einführung des Kindergeldes, die Sparförderung, die Vermögensbildung für Arbeitnehmer und die Mitbestimmung tragen auch die Handschrift der KAB.

Spannungen mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), dessen Gründung als Einheitsgewerkschaft die KAB in Aufnahme eines Zieles aus den 1920er Jahren zwar unterstützt, dessen einseitige Annäherung an die SPD sie aber als Verletzung der gebotenen weltanschaulichen und parteipolitischen Neutralität gewertet hat, veranlassten die Führung der Kölner KAB-Zentrale und Vertreter der evangelischen Arbeiterbewegung (Gesamtverband evangelischer Arbeitervereine Deutschlands), in den Jahren 1955–1959 den Christlichen Gewerkschaftsbund Deutschlands (CGB) zu gründen. Interne Auseinandersetzungen hatten zur Folge, dass die KAB sich später als gleichermaßen „offen“ für den CGB wie für den DGB erklärte.

Um 1970 änderten die drei Regionalverbände der KAB ihre Namen in „Arbeitnehmerbewegung“; 1971 erfolgte die Gründung eines Bundesverbandes der katholischen Arbeitnehmerbewegung Deutschlands mit einem gemeinsamen Organ (heute: „Impuls“). Der Zusammenschluss musste sich freilich auf die Funktion eines Dachverbandes beschränken. Zu ihm gehörte die Associazione Cristiana Lavoratori Italiani (ACLI) und die Christliche Arbeiterjugend (CAJ). Letztere war angesichts ihrer programmatischen und politischen Entwicklung bald massiver Kritik aus den Reihen der KAB ausgesetzt; 1980 wurde mit der „Jungen KAB“ eine Parallelorganisation gegründet.

Die KAB wandte sich seit Mitte der 1970er Jahre verstärkt der Arbeitslosenproblematik und den Fragen ausländischer Arbeitnehmer sowie den Migrationsbewegungen und Fragen der Entwicklungspolitik zu. Die Familienpolitik steht nach wie vor neben der Überwindung der Arbeitslosigkeit, der Altersvorsorge, der Forderung nach einer neuen Unternehmensverfassung und – von der KAB seit Jahrzehnten gefordert – einer angemessenen Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivvermögen im Vordergrund. Zur programmatischen tritt eine intensive Bildungsarbeit in eigenen Bildungsstätten.

Kirchliche, gesellschaftliche und politische Entwicklungen führten dazu, dass die KAB sich nicht mehr grundsätzlich in der Nähe der CDU und CSU sieht, sondern offen ist für andere parteipolitische Präferenzen. Das Ende der Unterdrückung kirchlicher Verbandstätigkeit durch das SED-Regime hat den Aufbau neuer Strukturen in Ostdeutschland ermöglicht; u.a. konnte in Thüringen eine KAB-Bildungsstätte errichtet werden. Nachdrücklich tritt die KAB für die Herstellung gleicher Lebenschancen und gleichwertiger Lebensverhältnisse in ganz Deutschland ein. Die heutige „KAB Deutschlands“ sieht sich als Teil der Kirche und ebenso als eine „selbständige Vereinigung“ von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die ihre Wurzeln in der Arbeiterbewegung hat. Sie möchte gleichermaßen politische wie Selbsthilfe- und Bildungsbewegung mit internationaler Orientierung sein. Ihr gehören 200.000 Frauen und Männer an, organisiert in 27 Diözesanverbänden und 2.700 KAB-Vereinen/Ortsgruppen (Stand 2010).

Literatur

J. Aretz, Katholische Arbeitnehmer-Bewegung und christliche Gewerkschaften, in: A. Rauscher (Hg.), Der soziale und politische Katholizismus (1982).

Jürgen Aretz

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