Katholische Fraktion

Schon in der Frankfurter Nationalversammlung konnten in einem katholischen Klub vereinte Abgeordnete in der Reichsverfassung von 1849 kirchliche Freiheitsrechte durchsetzen. 1852 bildeten 63 Abgeordnete des Preußischen Abgeordnetenhauses eine Katholische Fraktion. Ihr Ziel war es, für die verfassungsmäßig garantierten Rechte der katholischen Kirche, ihr Bildungs-, Erziehungs- und Fürsorgewesen sowie für die Erhaltung des kirchlichen Vermögensstandes in Preußen einzutreten. Ferner setzte man sich dafür ein, die Positionen der Katholiken in Staat und Heer in einem proportionalen Verhältnis (2:5) zur evangelischen Konfession zu besetzen. Fraktionsführer waren Peter Reichensperger (1852–1856, 1858–1867) und sein Bruder August Reichensperger (1852–1863). Die Satzung sah eine straffe Organisation vor; auf ein politisches Programm wurde wegen der politischen Inhomogenität der Mitglieder verzichtet. Die Wahrnehmung katholisch-kirchlicher Interessen erforderte aber eine verstärkte Parteinahme auch in politischen Fragen. Die Bezeichnung der Gruppe wurde deshalb 1859 in „Zentrum (Katholische Fraktion)“ geändert. Nachdem landsmannschaftliche Gegensätze in der Fraktion (Rheinländer, Westfalen, Schlesier), mehr noch das Problem des Bündnisses mit den Liberalen oder den evangelischen Konservativen, den Zusammenhalt der Katholischen Fraktion geschwächt hatten, löste diese sich infolge der Polarisierung des Preußischen Verfassungskonflikts 1867 auf. Ihre Politik wurde unter den veränderten Bedingungen des Kaiserreiches in der 1870 gegründeten Zentrumspartei fortgesetzt.

Literatur

E. Heinen, Politischer Katholizismus nach 1848 – „reaktionär“ oder „liberal“?, in: H. Horn/I. Röbbelen (Hg.), Im Dienst für Schule, Kirche und Staat. Gedenkschrift für Arthur Bach (1970); W. Becker, Der politische Katholizismus in Rheinland-Westfalen vor 1890, in: K. Düwell/W. Köllmann (Hg.), Rheinland-Westfalen im Industriezeitalter, 1 (1983).

Michael Hansmann/Denise Lindsay

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