Konservatismus

Der Konservatismus (lat.; auch Konservativismus) gehört zu den großen politischen Strömungen, die sich seit dem 18. Jahrhundert in Europa herausgebildet haben. In seinem Kern ist er eine politische Ordnungslehre, die in antik-mittelalterlichen Ideen wie auch in der christlichen Gedankenwelt ihre Wurzeln hat. Er geht davon aus, dass es eine der menschlichen Vernunft vorgegebene politische Ordnung gibt, deren Grundzüge sich vor allem in der Idee eines ewigen, göttlich verbürgten und unantastbaren Rechts ausdrückt (Naturrecht). Dem Prinzip der radikalen Neuerung und der Revolution wird der Gedanke einer auf friedliche Evolution hin angelegten politischen und geistigen Kontinuität und einer Orientierung an bewährter, historisch gewachsener Tradition gegenübergestellt.

Als politisch aktive Strömung entstand der neuere Konservatismus seit dem 17. Jahrhundert im Kampf der Stände gegen den Machtanspruch des frühmodernen absolutistischen Staates; er wurde zuerst getragen von den Kräften des Adels und der traditionellen regionalen Führungsschichten. Im 18. Jahrhundert bekämpften die Vertreter des Konservatismus die Ideen des Rationalismus und der Aufklärung, die im Glauben an die vernunftbestimmte Autonomie des Menschen und an dessen vermeintliche Fähigkeit zur rein vernunftgemäßen Neuordnung aller Bereiche des Politischen gipfelten. In der Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution von 1789 entstanden die ersten großen politischen Programmschriften des Konservatismus (insbesondere Edmund Burke, Joseph de Maistre, Friedrich Gentz, Ernst Brandes, Adam Müller, Carl Ludwig von Haller).

Der politische Begriff konservativ entstand erst um 1800 in England und Frankreich („conservateur“, „conservative“) und wurde (nach der 1832 erfolgten Umbenennung der britischen Tory-Party in „Conservative Party“) seit den frühen 1830er Jahren auch in Deutschland übernommen. Die Stoßrichtung des Konservatismus richtete sich jetzt gegen die verschiedenen Ausprägungen revolutionärer politischer Theorie und Praxis, als welche man nicht nur die Vertreter der radikalen Demokratie und des Sozialismus, sondern ebenfalls des Liberalismus und Konstitutionalismus ansah. Seit 1848 waren in den Parlamenten der deutschen Einzelstaaten (vor allem in Preußen), später auch im Deutschen Reichstag konservative Parteien vertreten; bis 1918 existierten dort zwei konservative Parteien: die ostelbisch-agrarisch orientierte Deutschkonservative Partei und die vom Hochadel und Industriekreisen getragenen Reichskonservativen.

Nach 1918 sammelte sich der deutsche Konservatismus in der DNVP und der geistig-intellektuellen Strömung der „Konservativen Revolution“. Die Machtübernahme Hitlers bedeutete auch das vorläufige Ende des Konservatismus als politischer Kraft in Deutschland; seine Stellung zum Nationalsozialismus war allerdings uneinheitlich: sie reichte von der Kollaboration über das Mitläufertum bis hin zum aktiven Widerstand (wie etwa bei den Widerstandskreisen vom 20. Juli 1944). Nach 1945 hat der Konservatismus, der sich nach der Erfahrung der totalitären Diktatur überwiegend zum Prinzip des demokratischen Rechtsstaats bekannte, als eigenständige politische Kraft keine große Rolle mehr in der deutschen Politik gespielt; so zählte die konservative Deutsche Partei 1949–1960 zu den Regierungsparteien der Ära Adenauer.

Die Traditionsstränge der christlichen Demokratie sind jedoch umfassender als die des Konservatismus; sie umfassen neben diesem in Deutschland auch den politischen Katholizismus, kleinere Strömungen des politischen Protestantismus sowie den klassischen Liberalismus. Dem konservativen Erbe entspricht zuerst das christliche Menschenbild, das – trotz der Achtung vor der personalen Würde jedes einzelnen Menschen – nicht das Individuum, dessen Autonomie als Vernunftwesen sowie dessen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt und verabsolutiert, sondern den Menschen zuerst als Bestandteil oder Grund einer Ordnung begreift, in die er hineingeboren wird: als Teil einer sittlich-moralischen Ordnung ebenso wie als Teil einer auf die Werte der Mitmenschlichkeit, der politisch-sozialen Verantwortung hin angelegten, auch durch religiöse Tradition mitbegründeten Gemeinschaft (sittlicher Organismus). Schließlich hat ebenfalls das sozialkonservative Ideengut, das sich seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Forderung nach staatlicher Sozialpolitik gegen die Auswüchse eines reinen Wirtschaftsliberalismus richtete, Eingang gefunden in die Grundideen der christlichen Sozialethik und der Sozialen Marktwirtschaft.

Literatur

K. Mannheim: Konservatismus. Ein Beitrag zur Soziologie des Wissens (1984); P. Kondylis: Konservatismus. Geschichtlicher Gehalt und Untergang (1986); A. Mohler: Die Konservative Revolution in Deutschland, 2. Bde. (1989); J. B. Müller: Die politischen Ideenkreise der Gegenwart (1992); H.-C. Kraus (Hg.): Konservative Politiker in Deutschland (1995); C. v. Schrenck-Notzing (Hg.): Lexikon des Konservatismus (1996); A. Schildt: Konservatismus in Deutschland. Von den Anfängen im 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart (1998).

Hans-Christof Kraus