Christine Lieberknecht, Portrait. (Quelle: Harald Odehnal/KAS-ACDP) Christine Lieberknecht, Portrait. (Quelle: Harald Odehnal/KAS-ACDP) © (Quelle: Harald Odehnal/KAS-ACDP)

Christine Lieberknecht (geb. Determann)

Theologin, Ministerin, Landtagspräsidentin, Ministerpräsidentin 7. Mai 1958 Leutenthal/Weimar
von Konrad Kühne
Als Mitverfasserin des systemkritischen „Briefes aus Weimar“ gehört Christine Lieberknecht in der Auf- und Umbruchphase der DDR zu den Reformkräften der CDU in der DDR. 2009 ist sie die erste CDU-Ministerpräsidentin an der Spitze eines deutschen Landes. Im Mittelpunkt ihres Engagements steht der Wille, mit Leidenschaft die 1989 errungene Freiheit als verantwortete Freiheit umzusetzen.

Familie und Beruf

Christine Lieberknecht wird am 7. Mai 1958 in Leutenthal bei Weimar als ältestes von vier Kindern des evangelischen Pfarrers Lukas Determann geboren. Rückblickend erinnert sie sich gerne an eine glückliche und behütete Kindheit, die geprägt ist, von den geistigen und künstlerischen Traditionen des evangelischen Pfarrhauses.

Pastorenkinder gelten in der DDR als Außenseiter und auch Christine Lieberknecht und ihre Geschwister sind nicht Mitglied bei den Jungen Pionieren, der politischen Massenorganisation für Kinder in der DDR. Auch an der staatssozialistischen Jugendweihe nimmt sie nicht teil.

Die junge Christine Lieberknecht aber will teilhaben, mitbestimmen, sie sieht sich "als Gruppenmensch, der mit Gleichaltrigen etwas unternehmen will". So entscheidet sie sich, neben ihrer Mitarbeit in der evangelischen Pfarrjugend, der Freien Deutsche Jugend (FDJ) beizutreten.

1976 gestattet der SED-Staat ihr, in Bad Berka das Abitur abzulegen. Sie ist mathematik- und sprachbegabt, entschließt sich aber doch zu einem Theologiestudium an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Während des Studiums lernt sie ihren Ehemann, den Pfarrer Martin Lieberknecht, kennen, der wie sie aus einer Pastorenfamilie stammt. Aus der Ehe gehen zwei Kinder hervor.

Nach dem Vikariat tritt sie 1984 ihre erste Pfarrstelle im Kirchenkreis Weimar an. Ihre Gemeinde betreut sie gemeinsam mit ihrem Mann. Für beide ist ihr kirchliches Engagement bestimmend für den Umgang mit dem herrschenden SED-Regime. Als Pastorin widmet sich Lieberknecht insbesondere der kirchlichen Jugendarbeit. 1986 wird sie Mitglied der Kommission für Kirchliche Jugendarbeit beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR.

Politisches Engagement in der CDU

Während ihrer Zeit als Pfarrerin engagiert sich Lieberknecht auch politisch. Seit 1981 gehört sie der CDU an. Rückblickend bemerkt sie, dass die CDU in der DDR die einzige Partei war, in die man als politisch interessierter Christ habe eintreten können. Dort habe es noch einen "Spielraum an der Basis" gegeben und auch einen gewissen Freiraum, ähnlich wie in der Kirche. Die mit dem Parteieintritt durchaus verbundene Hoffnung, grundsätzlich etwas bewegen zu können, erweist sich jedoch bald auch für sie als Illusion. Jeder Versuch, mit eigenen Ideen mitzutun und zu verändern, wird durch die Parteiführung um Gerald Götting bereits im Keim erstickt.

Denn die CDU ist eine Blockpartei im von der SED geschaffenen Parteiensystem der DDR. Sie soll die Meinungsbildung der Mitglieder und der parteilosen christlichen Bevölkerung zu Fragen der Politik der SED und Problemen beeinflussen und erfassen. Als politisch interessierte Christin steht Lieberknecht für die CDU-Mitglieder, die unter den Bedingungen der Diktatur des SED-Staates versucht haben, im lokalen Bereich menschlich zu handeln und Dinge zu beeinflussen. Außerhalb der herrschenden Strukturen ist dies in der DDR nicht möglich.

Eine Chance für einen letzten Versuch der Erneuerung der CDU, bereits in der heranbrechenden Zeit der politischen Aufbrüche und der Montagsdemonstrationen, sieht Lieberknecht in dem „Brief aus Weimar“ vom 10. September 1989, den sie zusammen mit Martina Huhn, Martin Kirchner und Gottfried Müller unterzeichnet und an die Berliner Parteileitung sowie an alle Kreisverbände und Mitglieder der CDU richtet. Alle Unterzeichner kommen aus einem kirchlichen Umfeld. Von dem „Brief aus Weimar“ gehen der Ruf nach gesellschaftlichen Reformen und wichtige Impulse zur Erneuerung der CDU in der DDR aus. Der Brief fordert die Aufkündigung des Bündnisses mit der SED, die Aufhebung der Reisebeschränkungen und eine schonungslose Offenlegung der tatsächlichen Verhältnisse in der DDR. Im Prozess der demokratischen Erneuerung der CDU 1989/90 spielt der „Brief aus Weimar” eine zentrale Rolle.

Am 9. November 1989 gehört Lieberknecht in Berlin zu den Mitbegründern der Christlich-Demokratischen Jugend (CDJ), die im Jahr darauf der Jungen Union Deutschlands beitritt. Mitte Dezember wird sie auf dem Sonderparteitag der CDU der DDR Mitglied im Vorstand unter dem neuen Parteivorsitzenden Lothar de Maizière. Anfang 1990 folgt ihre Wahl zur stellvertretenden Landesvorsitzenden der CDU Thüringen. Seit 1991 ist sie stellvertretende Vorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises von CDU/CSU, 1992 rückt sie in den CDU-Bundesvorstand auf.

Die Ministerin

Bei der ersten freien Landtagswahl nach der Wiedervereinigung, die am 14. Oktober 1990 stattfindet, gewinnt die CDU 45,4 Prozent der Wählerstimmen und bildet eine Koalition mit der FDP. Zum Ministerpräsidenten wählt der Landtag am 8. November 1990 Josef Duchač, der Lieberknecht als einzige Frau in das Kabinett beruft. Mit 33 Jahren ist sie das jüngste Mitglied der Regierung. Als Kultusministerin setzt sie mit dem Aufbau der Kultusverwaltung und der Neugliederung des Thüringer Schulsystems, der Wiedereinführung des Religionsunterrichts und der Wiedergründung der Gymnasien Akzente. Richtungsweisend ist auch die Einführung des Abiturs nach zwölf Jahren, ein Schritt, der Modellcharakter für andere Bundesländer hat. Auseinandersetzungen bleiben dabei nicht aus. Die Dienstherrin von über 1000 Schulen zieht sich mit der Überprüfung der Stasi-Vergangenheit von über 29.000 Lehrern die Kritik vieler Eltern und Lehrer zu.

Aufgrund von Stasi-Vorwürfen gegen Ministerpräsident Duchač tritt Lieberknecht am 23. Januar 1992 zusammen mit den CDU-Ministern Jochen Lengemann und Klaus Zeh von ihrem Amt zurück und befördert damit auch dessen Rücktritt.

Nach der Wahl Bernhard Vogels zum Ministerpräsidenten des Freistaats am 5. Februar 1992 wird Lieberknecht erneut zur Ministerin ernannt, sie übernimmt nun innerhalb der Staatskanzlei das dort angesiedelte Ressort für Bundes- und Europaangelegenheiten. In ihrer neuen Funktion setzt sie sich besonders für die Lösung von Problemen beim Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland ein. Im Sinne des langjährigen Präsidenten der Europäischen Kommission, Jaques Delors, spricht sie sich dafür aus „Europa eine Seele zu geben“. Das heißt für sie „an den Bestand gemeinsamer europäischer Überzeugungen auch politisch anzuknüpfen“. Nur erlebbare Gemeinsamkeit stärke Identität substantiell.

Die Landtagspräsidentin

Nach der Landtagswahl 1999 scheidet Christine Lieberknecht aus dem Kabinett Vogel aus und wird zur neuen Präsidentin des Thüringer Landtags gewählt. Das repräsentative Amt gestaltet sie aktiv, sie übernimmt zahlreiche Patenschaften und Schirmherrschaften. Im Landtag ist sie durch ihre präsidiale, ausgleichende und vermittelnde Art auch bei der Opposition respektiert und anerkannt. 2001 übernimmt Lieberknecht den Vorsitz der Landtagspräsidentenkonferenz und fordert auf dem von ihr initiierten Konvent aller Parlaments- und Fraktionschefs in Lübeck eine Neuordnung der Beziehungen zwischen Bund und Ländern.

Die Fraktionsvorsitzende

Eine weitere Veränderung bringt die Landtagswahl vom 13. Juni 2004, bei der die CDU ihre Mehrheit knapp verteidigt: Christine Lieberknecht wird zur neuen Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion gewählt und rückt damit, wie Das Parlament kommentiert, "in den innersten Machtzirkel der thüringischen Union" auf. Lieberknecht kennt das parlamentarische Geschäft, verfügt aus ihrer Zeit als Landtagspräsidentin über gute Kontakte in alle Fraktionen und kann qua Amt an den Sitzungen des Kabinetts und des Präsidiums der CDU teilnehmen und Politik gestalten. Angesichts der dramatischen Finanzlage des Landes fordert sie von der Regierung einen rigorosen Sparkurs und den Abbau von Schulden.

Rückkehr ins Ministeramt

Mit der Umbildung des Kabinetts Dieter Althaus im April 2008 wird Lieberknecht erneut zur Ministerin berufen, diesmal für Soziales, Familie und Gesundheit und kehrt damit in die Landesregierung zurück. Als „soziales Gewissen“ der Thüringer CDU macht sie das Recht auf einen Kindergartenplatz, die Wahlfreiheit zwischen Erziehungsgeld und Kindergarten, die Bekämpfung der Kinderarmut und die vor allem für bedürftige Kinder wichtigen Früherkennungsuntersuchungen zum Thema. Damit setzt sie die familienpolitischen Positionen der CDU in praktische Politik um, die zuvor unter der Leitung von Annegret Kramp-Karrenbauer von der Arbeitsgruppe Demografie der CDU-Grundsatzkommission erarbeitet wurden.

Die erste CDU-Ministerpräsidentin

Bei der Landtagswahl am 30. August 2009 verliert die CDU die absolute Mehrheit. Als Konsequenz aus der Niederlage tritt Althaus, der zuvor aufgrund eines von ihm mit versursachten Skiunfalls in die Kritik geraten war, von seinen Ämtern als CDU-Landesvorsitzender und Ministerpräsident zurück. In der Partei wird um die Nachfolge gerungen. Der Fraktionsvorsitzende der CDU im Thüringer Landtag, Mike Mohring, schlägt Lieberknecht für den Parteivorsitz vor. Bei einem Sonderparteitag am 25. Oktober 2009 wird sie zur neuen Vorsitzenden der CDU in Thüringen gewählt. Noch am gleichen Tag stimmen sowohl CDU als auch SPD dem zwischen beiden Parteien ausgehandelten Koalitionsvertrag mit großen Mehrheiten zu. Birgit Diezel wird Landtagspräsidentin und Mohring behält das Amt des Fraktionsvorsitzenden. Am 30. Oktober 2009 wählt der Landtag Lieberknecht im dritten Wahlgang zur Ministerpräsidentin des Landes Thüringen. Erstmals steht nun eine CDU-Regierungschefin an der Spitze einer Landesregierung. „Lutherland ist jetzt in Frauenhand“, titelt „Die Zeit“.

Zu ihren Leistungen gehört die Aufstellung des Landeshaushalts ohne Neuverschuldung und die Förderung von Beschäftigungsmöglichkeiten für ältere Arbeitnehmer. Sie setzt sich ein für den Erhalt des Automobilstandortes Eisenach und für die Angleichung der Renten in Ost- und Westdeutschland sowie – auf Bundesebene – für die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns. Unter der Leitung von Lieberknecht fasst die Ministerpräsidentenkonferenz am 26. Oktober 2012 in Weimar einen Beschluss zur Energiewende, der insbesondere den gemeinsamen Ausbau der erneuerbaren Energien umfasst: „Wir haben erreicht, dass es in den 16 Ländern sozusagen keine 16 Energiewenden gibt, dass praktisch jeder in seinem Verantwortungsbereich arbeitet.“ (Lieberknecht bei einer Pressekonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel am 2. November 2012 in Berlin). Überschattet wird ihre Amtszeit von einer Affäre über Beamtenpensionen und innerparteiliche Querelen.

Obwohl sich die CDU bei der Landtagswahl im September 2014 verbessert, gelingt keine Fortsetzung der Großen Koalition. Mit den Stimmen von SPD und Grünen wird Bodo Ramelow von den Linken zum neuen Ministerpräsidenten gewählt. Nach der Wahlniederlage zieht sich Christine Lieberknecht vom Amt der CDU-Landesvorsitzenden zurück. Neuer Partei- und Fraktionschef wird Mike Mohring. Dem Thüringer Landtag gehört Lieberknecht seither weiterhin als Abgeordnete an.

Ihre persönlichen Aufzeichnungen, Briefe, Reden, Artikel und Fotomaterialien hat Christine Lieberknecht dem Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung übergeben. Mehr als 35 Regalmeter Akten dokumentieren über 30 Jahre Politik aus christlicher Verantwortung in Thüringen.


Lebenslauf

  • 1976 Abitur
  • 1976–1982 Studium der evangelischen Theologie in Jena
  • 1981 Eintritt in die CDU (Ost)
  • 1982 1. theologisches Examen
  • 1982–1984 Vikariat
  • 1984 2. theologisches Examen
  • 1984–1990 Pastorin im Kirchenkreis Weimar
  • 1989 Mitglied des Parteivorstandes der CDU (Ost)
  • 1990–1992 stellvertretende CDU-Landesvorsitzende in Thüringen
  • 1990–1992 Thüringer Ministerin für Kultus
  • seit 1991 MdL Thüringen
  • seit 1991 stellvertretende Vorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU
  • 1992–1994 Thüringer Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten
  • 1992–2000 und seit 2009 Mitglied des Vorstands der CDU
  • 1994–1999 Thüringer Ministerin für Bundesangelegenheiten in der Staatskanzlei
  • 1994–2004 Mitglied im Präsidium der Europäischen Bewegung Deutschland
  • 1997-2009 Mitglied der Synode der EKD, seither stellvertretendes Mitglied
  • 1999–2004 Präsidentin des Thüringer Landtags
  • 2004–2008 Vorsitzende der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag
  • 2008–2009 Thüringer Ministerin für Soziales, Familie und Gesundheit
  • seit 2009 Vorsitzende der CDU Thüringen
  • 2009-2014 Ministerpräsidentin des Freistaats Thüringen
  • seit 2016 Mitglied im Vorstand der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Veröffentlichungen

  • Orientierung im Umbruch. Analysen zur Lage Deutschlands seit 1990 (1999).
  • Lieberknecht, Christine: Miteinander leben. Frei - gerecht – solidarisch. Regierungserklärung, Plenarsitzung des Thüringer Landtags am 12. September 2008

Literatur

  • Debes, Martin: Christine Lieberknecht. Von der Mitläuferin zur Ministerpräsidentin. Eine politische Biografie, Essen 2014.
  • Hölzle, Peter: Thüringer Lektionen. Gespräch mit Kultusministerin Christine Lieberknecht. In: Evangelische Kommentare 24 (1991) 11, S. 646-649.
  • Jirschim, Susanne: Schwarze Dame und roter Bube, Rudolstadt 2010.
  • Milde, Georg: "Der Sinn von Politik ist Freiheit.“ Bei der Landtagswahl am 14. September stellen sich Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht und die seit 24 Jahren regierende Thüringer CDU zur Wiederwahl. In: Entscheidung 62 (2014) 9/10, S. 30-31.
  • Nientiedt, Klaus: „Der Grundsatz muß neu werden – das ganze Denken“. Ein Gespräch über das Bildungswesen in den neuen Bundesländern mit der thüringischen Kultusministerin Christine Lieberknecht. In: Herder Korrespondenz 45 (1991) 10, S. 460-466.

Kontakt

Konrad Kühne

Konrad Kühne bild

Wissenschaftlicher Mitarbeiter/Archivar

Konrad.Kuehne@kas.de +49 2241 246-2580 +49 2241 246-2669