Elmar Brok

Journalist, Mitglied des Europäischen Parlaments 14. Mai 1946 Verl
von Kordula Kühlem
„Geboren, verheiratet, Europäisches Parlament“, so soll Helmut Kohl den Lebenslauf Elmar Broks zusammengefasst haben. Tatsächlich ist der so Beschriebene bereits seit 1980 nicht nur dem Legislativorgan der EU verpflichtet, sondern auch der europäischen Politik – ohne dabei die Verbundenheit mit seiner Heimat Deutschland und Westfalen zu vernachlässigen

Auf dem Weg nach Europa

Elmar Brok wird am 14. Mai 1946 in Verl in Ostwestfalen geboren. Nach seinem Abitur am Gymnasium Theodorianum im nur 30 Kilometer entfernten Paderborn zieht es ihn in die Ferne. Einen Teil seines Studiums der Rechtswissenschaften und der Politischen Wissenschaften verbringt er am „Centre of European Governmental Studies“ der Universität Edinburgh.

Auch sein politischer Weg soll ihn bald in internationale Gefilde bringen. Nachdem er schon 1964 in die Junge Union (JU) und schließlich 1966 in die CDU eingetreten ist, wird er 1973 stellvertretender Bundesvorsitzenden der JU. In dieser Funktion engagiert er sich in der Democratic Youth Community of Europe (DEMYC), die ihn 1977 zum Zweiten und 1979 zum Ersten Vorsitzenden wählt. Als Gründungsvorsitzender leitet er außerdem 1981 die International Young Democrat Union (IYDU).

In seinen verschiedenen Funktionen ist Brok viel unterwegs: im Februar 1978 auf dem Jahreskongress der britischen Jungkonservativen, im Februar 1979 bei der Jugendorganisation der irischen Fine Gael-Partei und nur einen Monat später auf der Jahresversammlung der dänischen Jungkonservativen. Im Herbst 1975 berichtet er im „Rheinischen Merkur“ über eine Reise nach Spanien, im Dezember 1977 über einen Kongress der JU mit der Jungen ÖVP in Vorarlberg. Im "Deutschland-Union-Dienst“ (DUD) und in einem Interview berichtet Brok im Januar 1978 über die Teilnahme an der 1. Europäischen Jugend- und Studentenkonferenz für Abrüstung in Budapest.

Dass sich Brok häufig in Artikeln und Interviews zu Wort meldet, ist dabei kein Zufall, denn neben seiner politischen Laufbahn arbeitet er als (Rundfunk-)Journalist. 2004 wird er schließlich auch zum Senior Vice-President Media-Development der Bertelsmann AG berufen: Ein Amt, das er bis zum 31. Mai 2011 inne hat und das er immer gegen den Vorwurf des Interessenkonflikts verteidigt. Die Bedeutung der Medien weiß Brok auf jeden Fall zu schätzen. Bereits im Oktober 1978 fordert er im DUD im Hinblick auf die erste Direktwahl des Europäischen Parlaments im Juni des darauffolgenden Jahres eine umfangreichere Berichterstattung darüber im Fernsehen.

Bei dieser ersten Direktwahl 1979 bewirbt Elmar Brok sich um ein Mandat für das Abgeordnetenhaus Europas. Die Mitgliedschaft erwirbt er ein Jahr später, am 17. Juni 1980, als er für den verstorbenen Albert Pürsten nachrückt. Seit diesem Tag arbeitet Brok vor allem in Straßburg und Brüssel, auch wenn sein Zuhause mit seiner Frau und den drei Kindern in Bielefeld verbleibt und bis heute ist.

Politik in und für Deutschland

Der Politik in Deutschland bleibt Brok weiterhin verbunden. Im Vorstand der Bielefelder CDU ist er jahrzehntelang aktiv, von 1996 bis 2012 amtiert er als Vorsitzender des CDU-Bezirksverbandes Ostwestfalen-Lippe, seit 1994 ist er Mitglied im Landesvorstand der CDU Nordrhein-Westfalen und seit 2004 im Bundesvorstand seiner Partei.

Eine enge Verbindung und Zusammenarbeit verbindet ihn mit der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), besonders als er 1984–1987 Vorsitzender des sozialpolitischen Arbeitskreises und 1987–1994 Sozialpolitischer Sprecher der EVP-Fraktion ist. Seit 1993 ist er Vize-, seit 2002 Präsident der Europäischen Union Christlich-Demokratischer Arbeitnehmer (EUCDA).

Bereits als Vertreter und Vorsitzender der Außenpolitischen Kommission der JU knüpft Brok Kontakte zum Bundesfachausschuss Außenpolitik der CDU. Bald wird er dessen Mitglied, übernimmt 1987 die stellvertretende Leitung, 1989 dann die Leitung des Ausschusses. Dieser ist manchen Veränderungen unterworfen. Mal ist ihm auch die Deutschland- mal die Sicherheitspolitik, dann wieder die Europapolitik zugeteilt. Als Letztere immer größeres Gewicht für die Bundesrepublik gewinnt, wird ein eigener Bundesfachausschuss Europapolitik der CDU geschaffen. 1999 wechselt Brok als Vorsitzender in diesen Ausschuss, den er bis heute führt.

Kurz vor dem Deutschlandtag der JU im November 1975 bringt Brok als stellvertretender Vorsitzender in einem Interview mit dem „Rheinischen Merkur“ seine deutschlandpolitische Haltung auf einen klaren Nenner: „Ein politisch geeintes Westeuropa als Modell demokratischer, sozialer und freier Ordnung ist das einzige Mittel, … das gleichzeitig für die Menschen in Osteuropa ein attraktives Angebot darstellen würde. In einem solchen Angebot liegt langfristig auch die vielleicht einzige Chance zur Lösung der Deutschen Frage.“ Dieser Zusammenhang zwischen europäischer und deutscher Einheit bleibt für ihn unauflöslich. In einer Stellungnahme für „Europa im Blickfeld“ erklärt er am 31. März 1989: „Europäische und deutsche Einheit sind demnach kein Gegensatz, sie bedingen einander.“

Gut sieben Monate später rückt die deutsche Einheit durch den Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 in greifbare Nähe. Im Vorfeld der ersten freien Wahlen in der DDR übernimmt Brok im Auftrag von CDU-Generalsekretär Volker Rühe die politische Wahlkampfberatung des Wahlbündnisses "Allianz für Deutschland" in der Mark Brandenburg. In einem Beitrag für den „Rheinischen Merkur“ äußert er sich abschließend, zwei Tage vor der Volkskammerwahl am 18. März 1990, sehr zufrieden über seine Mitwirkung an diesem „Kampf um die Zukunft“ in den „vier anstrengendsten, aber auch schönsten Wochen meines politischen Lebens“.

Kurz darauf wird Brok Mitglied und Obmann der EVP/CD-Fraktion im Sonderausschuss „Deutsche Einigung“ des Europäischen Parlaments. Dieses Gremium spricht sich bereits in seiner ersten Entschließung im April 1990 positiv zur möglichen deutschen Wiedervereinigung aus. Nach einem Treffen des Ausschusses in Bonn, an der unter anderem auch Bundeskanzler Helmut Kohl teilnimmt, erklärt er Anfang Juni 1990: „Es ist erfreulich, dass die große Mehrheit des Europäischen Parlaments die deutsche Einheit unterstützt und sie als Katalysator für weitere Fortschritte bei der europäischen Integration betrachtet.“

Europäische Politik

Schon früh hat Brok sehr klare Vorstellungen über die Ausgestaltung Europas. Im März 1974 äußert er sich nach einer Teilnahme am Treffen des Rats der Europäischen Union junger christlicher Demokraten, der Jugendorganisation der Europäischen Union Christlicher Demokraten (EUCD). Er fordert die Wiedererweckung der europäischen Aufbruchsstimmung der 1950er Jahre, die Direktwahl des Europäischen Parlaments und eine einheitliche Partei der europäischen christdemokratischen und konservativen Parteien. Sechs Jahre später sitzt er als Abgeordneter der 1976 gegründeten Europäischen Volkspartei in dem ersten direkt gewählten europäischen Abgeordnetenhaus.

Sein Engagement in den nächsten Jahrzehnten ist vielfältig. Einen Schwerpunkt nimmt er dabei aus seinen frühen Jahren mit: die internationale Politik, nunmehr der EG bzw. EU. Er wirkt im Auswärtigen Ausschuss des EP mit, dessen Vorsitz er 1999 übernimmt. Zwar muss er diesen aufgrund von Proporzfragen innerhalb der EVP 2007 vorübergehend wieder niederlegen, 2012 kann er ihn aber erneut übernehmen und hat ihn bis heute inne.

Wichtig ist Brok auch Bild und Wirken der Europäischen Gemeinschaft. Bei der sich abzeichnenden Regierungsübernahme der Union in Bonn im Herbst 1982 ergreift er die Gelegenheit, europapolitische Themen einzubringen. An Helmut Kohl schickt er am 28. September 1982, also drei Tage vor dessen Wahl zum Bundeskanzler, einen „Entwurf für eine Europaerklärung“, die diesem vielleicht „bei der Erstellung der Regierungserklärung von Nutzen sein“ könnte Auch wenn nicht nachvollziehbar ist, inwieweit sich Kohl in den auf Europa bezogenen Teilen seiner ersten Regierungserklärung vom 13. Oktober 1982 beeinflussen lässt, deutlich wird eine klare inhaltliche Übereinstimmung.

In der Öffentlichkeit wirbt Brok für die Vorteile, die mit der Politik der Europäischen Integration verbunden sind. So wendet er sich beispielsweise in den 1980er Jahren gegen das weit verbreitete Bild Deutschlands als „Zahlmeister Europas“. „Wie eine tibetanische Gebetsmühle“, so Broks eigener Kommentar im BAG-Handelsmagazin im März 1997, wiederholt er diese Tatsache bis heute immer wieder. In vorderster Linie ist er auch 1992 an der Aktion seiner Partei „Wir machen uns stark für Europa“ beteiligt. In der Auftakt-Pressekonferenz am 4. Mai 1992 wirbt er zusammen mit CDU-Generalsekretär Peter Hintze und der stellvertretenden Parteivorsitzenden Angela Merkel um die „Zustimmung“ und die „Unterstützung“ der Deutschen für die durch den Vertrag von Maastricht wenige Monate vorher beschlossene Weiterführung der europäischen Integration.

Brok ist überzeugt von dem Erfolg Europas. In einem Ausblick auf das Jahr 2020 stellt er 2007 fest, dass aber leider die Leistung, dem Kontinent Frieden und Wohlstand zu bringen, inzwischen als zu selbstverständlich angesehen wird: „Es klingt paradox, ist darum aber nicht weniger wahr: Der Erfolg der Europäischen Union ist mittlerweile so beachtlich, dass er nicht mehr mit der Europäischen Union selbst in Zusammenhang gebracht wird.“

Bis heute ist Broks Engagement von einer kaum darstellbaren Vielfalt: Berichterstatter bzw. Repräsentant bei den Verhandlungen über Fiskalvertrag und Europäischen Stabilitätsmechanismus (2011/12), Hauptberichterstatter für die EU-Erweiterung (1999–2007), Vorsitzender der EVP-Gruppe im Konvent für die Verfassung der Europäischen Union (2001/2002), um nur einige zu nennen. Im Auftrag des Europäischen Parlaments ist er dabei auf der ganzen Welt unterwegs. Nicht umsonst notiert die FAZ zu seinem 60. Geburtstag, Brok würde den Titel „Arbeitstier“ durchaus als Lob auffassen (13.05.2006).

Seine – auch internationale –, Medienpräsenz sucht ihresgleichen. Durch diese Präsenz macht er nicht zur sein Gesicht zu einem der in Deutschland bekanntesten der amtierenden Europaparlamentarier. Er gibt auch dem Europäischen Parlament ein Gesicht, das in den letzten 36 Jahren, in denen Brok dort Abgeordneter ist, immer bekannter geworden ist.

Lebenslauf

  • 14. Mai 1946 geboren in Verl
  • 1964 Eintritt in die Junge Union
  • 1966 Eintritt in die CDU
  • 1966 Abitur am Gymnasium Theodorianum in Paderborn
  • Studium der Rechtswissenschaften und der politischen Wissenschaften, u.a. am „Centre of European Governmental Studies“ der Universität Edinburgh
  • Journalistische Arbeit für Rundfunk und Zeitungen
  • 1973–1981 stellvertretender Bundesvorsitzender der Jungen Union
  • 1977–1981 Stellvertretender Vorsitzender und seit 1979 Vorsitzender der Democratic Youth Community of Europe (DEMYC)
  • 1980-2019 Mitglied des Europäischen Parlaments
  • 1981 Gründungsvorsitzender der International Young Democrat Union (IYDU)
  • 1984–1987 Vorsitzender des sozialpolitischen Arbeitskreises der EVP-Fraktion
  • 1987–1994 Sozialpolitischer Sprecher der EVP-Fraktion
  • 1987–1999 stellvertretender und seit 1989 Vorsitzender des Bundesfachausschuss Außenpolitik der CDU
  • 1990 Obmann der EVP-Fraktion im Sonderausschuss „Deutsche Einigung“ des Europäischen Parlaments
  • 1991–2003 stellvertretender Vorsitzender der International Democrat Union (IDU)
  • seit 1993 Vizepräsident und seit 2002 Präsident der Europäischen Union Christlich-Demokratischer Arbeitnehmer (EUCDA)
  • seit 1994 Mitglied des Landesvorstand der CDU in Nordrhein-Westfalen
  • 1994–1999 stellvertretender Vorsitzender und Vorsitzender des außenpolitischen Arbeitskreises der EVP-Fraktion
  • 1996–2012 Vorsitzender des CDU-Bezirksverbandes Ostwestfalen-Lippe
  • 1999-2019 Vorsitzender des Bundesfachausschuss Europapolitik, bzw. Europa der CDU
  • 1999–2006 Präsident der Europa-Union Deutschland, seitdem Ehrenpräsident
  • 1999–2007 und seit 2012-2019 Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Europäischen Parlaments (AFET)
  • 1999–2007 Hauptberichterstatter für die Erweiterung der Europäischen Union
  • 2001–2002 Vorsitzender der EVP-Gruppe im Konvent für die Verfassung der Europäischen Union
  • 2004–2011 Senior Vice-President Media-Development der Bertelsmann AG
  • seit 2004 Mitglied im CDU-Bundesvorstand
  • 2011–2012 Berichterstatter bzw. Repräsentant bei den Verhandlungen über Fiskalvertrag und Europäischen Stabilitätsmechanismus
  • 2013 Präsident der Union der Europäischen Föderalisten (UEF)

Veröffentlichungen

  • Die Rolle des Auswärtigen Ausschusses des Europäischen Parlaments bei der Lösung von Konflikten, in: Heimat Vaterland Europa, Festschrift zum 70. Geburtstag von Hans-Gert Pöttering, hg. von Bernhard Vogel. Köln/Weimar/Wien 2015, S. 259–266.
  • Die europäische Krise meistern, in: Die Politische Meinung 506/507 (2012), S. 19–25.
  • Das Lissabon-Urteil und die europäische Integration. Ein Kommentar, in: Ralf Thomas Baus/Michael Borchard/Günter Krings (Hg.): Europäische Integration und deutsche Verfassungsidentität. St. Augustin 2010, S. 129–136.
  • Im Interesse der Bürger. Über die wachsende Bedeutung des Europäischen Parlaments, in: Die Politische Meinung 474 (2009), S. 15–18.
  • In welchem Europa leben wir 2020?, in: Heinz Fennekold/Sascha Mader (Hg.): Anders leben 2020. Was sich ändern wird – hier und in der Welt. Oberhausen 2007, S. 27–30.
  • Die Bedeutung des Verfassungsvertrages für die europäische Außenpolitik, in: Armin Laschet/Friedbert Pflüger (Hg.): Europa und seine Außenpolitik. Monschau 2007, S. 55–62.
  • Die Europäische Union und Lateinamerika: Kooperationsansätze und -hindernisse, in: Europa und Lateinamerika. Auf dem Weg zu strategischer Partnerschaft? Bad Homburg v. d. Höhe 2005, S. 33–37.
  • Der europäische Verfassungsentwurf, in: Bernhard Vogel (Hg.): Europa – Vereint oder entzweit? Die Rolle der Katholischen Kirche im Prozess der europäischen Integration. St. Augustin 2004, S. 43–52.
  • Unionsbürgerschaft und kommunales Wahlrecht der EU-Mitbürger, in: Europa für Kommunalpolitiker. Bonn 1994, S. 83–87.
  • Der Zahlmeister ist tot – es lebe der Nutznießer, in: Jochen Borchert/Elmar Brok/Melanie Piepenschneider: Europäische Integration als deutsches Interesse, hg. von der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. St. Augustin 1994, S. 15–29.
  • Die junge Generation und die Christliche Demokratie, in: Europäische Hefte 44 (1981), S. 49–57.

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