Else Missong (geb. Peerenboom)

Sprachlehrerin, Volkswirtin, MdR (Zentrum), Mitgl. der Verfassunggebenden Versammlung Rheinland-Pfalz Dr. rer. pol. 13. Oktober 1893 Brauna (Sachsen) 31. August 1958
von Ulrike Hospes
Ein Leben für das Soziale: Für eine Frau ihrer Zeit ist es ein außergewöhnlicher Lebensweg, den Else Peerenboom beschreitet. Bildung und Berufstätigkeit, soziale Fürsorge und Eigenverantwortlichkeit, ein couragiertes und geistig unabhängiges Auftreten, gepaart mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und Freiheit kennzeichnen das Leben der gläubigen Katholikin und überzeugten Demokratin.

Ihr Werdegang führt Else Peerenboom nach Linz am Rhein, Münster i.W., Bonn, München, Freiburg i.Br., Mönchengladbach, Düsseldorf, Brasilien, Uruguay, Königsberg, Venezuela, Koblenz und Bremen, am Ende ihres Lebens kehrt sie zurück nach Linz.

Familiäre Herkunft

Am 17. Juli 1891 heiraten Johann Alexander Peerenboom und Maria Dillmann in Linz am Rhein. Aus beruflichen Gründen verschlägt es den Forstmeister und seine Frau nach Kamenz in Sachsen, wo am 13. Oktober 1893 die gemeinsame Tochter Else geboren wird. Im Alter von knapp 35 Jahren stirbt der Vater am 28. August 1898 an einer eitrigen Mandelentzündung. Marie Peerenboom zieht daraufhin mit ihrer Tochter zu ihrem unverheirateten Bruder zurück nach Linz ins elterliche Haus. Anton Dillmann führt ein gutgehendes Eisen- und Haushaltswarengeschäft und kümmert sich fürsorglich um seine Nichte, finanziert ihre Schulbildung und das Studium, ermutigt sie geradezu, diesen Weg einzuschlagen. Seine soziale Haltung und sein weitreichendes politisches Interesse prägen die junge Else.

Weitere familiäre Beziehungen eröffnen Else Peerenboom den Zugang zur katholisch-religiösen und katholisch-politischen Führungsschicht der Weimarer Republik. Ihre Cousine Maria Peerenboom ist verheiratet mit Josef Marx, dem Sohn von Reichskanzler Wilhelm Marx. Für deren Tochter Elisabeth übernimmt Else Peerenboom das Patenamt. Eine weitere Cousine, Emilie Peerenboom, ist verheiratet mit Peter Frings, dem Bruder von Kardinal Josef Frings, dem Erzbischof von Köln. Die Familien treffen sich regelmäßig zur Feier der Kar- und der Osterliturgie im Kloster Maria Laach, auch während des „Dritten Reiches“.

Ausbildung und Studium

Ab 1899/1900 besucht Else Peerenboom die Höhere Mädchenschule der Franziskanerinnen in Linz und wechselt 1908/09 nach der 9. Klasse für zweieinhalb Jahre ins Klostergymnasium nach Blumenthal/Vaals in Holland, um ihre schulische Ausbildung zu vertiefen. In dem von den Schwestern vom Sacre Coeur getragenen Pensionat für Töchter von Adeligen und aus gehobenen Bürgerschichten begegnet sie Rose Elizabeth Fitzgerald. Mit der späteren Mutter von John F. Kennedy steht sie zeitlebens in Briefkontakt.

Vor dem Ersten Weltkrieg ist eine Berufsausbildung oder gar eine Berufsausübung für „Höhere Töchter“ nicht vorgesehen. Eine Heirat soll ohnehin in naher Zukunft die Sorge um den eigenen Lebensunterhalt beenden. Doch Else gibt sich mit dem für ihre Mädchengeneration traditionellen Weg nicht zufrieden. Sie absolviert einen Kursus zur Vorbereitung auf das Examen als Sprachlehrerin. Dieses besteht sie im Juli 1912 am Koblenzer Provinzschulkollegium und wird aufgrund der damit erlangten Unterrichtsbefugnis Aushilfslehrerin in Linz, an ihrer alten Schule.

Der 60. Deutsche Katholikentag im August 1913 in Metz gibt Elses Leben einen ganz neuen Impuls. Gemeinsam mit ihrem Onkel Anton Dillmann nimmt sie an dem Treffen teil. Der Vortrag „Katholische Akademiker und Kirche“ von ihrem Verwandten Wilhelm Marx offenbart ihr den Mangel an katholischen Akademikern nach dem Kulturkampf. Sie entscheidet sich für ein Studium! In Preußen ist es Frauen erst seit 1908 erlaubt, ein Studium zu absolvieren – und nun wagt ein Mädchen aus der kleinbürgerlichen Provinz, zumal am Ende des Ersten Weltkriegs, den Sprung in die Wissenschaftswelt.

Wiederum mit Unterstützung des Onkels bereitet sich Else auf das Abitur vor, das sie 1917 mit 23 Jahren als Externe an einem Knabengymnasium in Münster besteht.

Ihr zunächst begonnenes Sprachstudium ändert sie bald in die Fächer Volkswirtschaft und Staatswissenschaften. Über Bonn (1917/18 und 1918/19) und München (1918) landet sie in Freiburg (1919-1921), wo sie 1921 mit einer Dissertation über den französischen Sozialismus zum Dr. rer. pol. promoviert wird. Die mit magna cum laude bewertete Arbeit befasst sich mit „Jean Jaurès als Philosoph, Sozialist und Politiker“.

Sozialpädagogische Frauen- und Mädchenarbeit

Am 1. November 1921 tritt Else Peerenboom eine Stelle in der Zentrale des Deutschen Caritasverbandes in Freiburg an. Sie übernimmt das Referat Statistik und erarbeitet zwei umfangreiche Werke, die einen Überblick über die Anzahl und den Errichtungszeitraum von allen katholischen Einrichtungen enthalten (Statistik der katholischen karitativen Einrichtungen Deutschlands, Bd. 1: Die katholischen Einrichtungen der geschlossenen Fürsorge Deutschlands, 1924, Bd. 2: Die katholischen Einrichtungen der halboffenen Fürsorge und der offenen Gesundheitsfürsorge in Deutschland, 1926). Ab 1925 erteilt sie zusätzlich Unterricht, u.a. im Fach Wohlfahrtspflege, an der Sozialen Frauenschule des Caritasverbandes in Freiburg. Kurze Zeit später wird sie mit der kommissarischen Leitung betraut. Eigenverantwortliches Handeln und Selbstbewusstsein, aber auch Verzicht und Opferbereitschaft charakterisieren für sie den Beruf der Sozialarbeiterin. Die traditionellen Prinzipien Aufsicht und Kontrolle stehen dahinter zurück. Ein der Frauenschule angeschlossenes Wohnheim übergibt sie ihren Schülerinnen zur Selbstverwaltung. Die Einübung in die Freiheit der eigenen Lebens- und Studiengestaltung ist für sie Voraussetzung für den Beruf der Sozialarbeiterin. Mündigkeit und persönliche Verantwortlichkeit – gar von Schülerinnen? Peerenbooms progressive Ausrichtung führt zum Streit mit der männlichen Direktion und sie verlässt den deutschen Caritasverband.

Eine neue Aufgabe findet Peerenboom beim Volksverein für das katholische Deutschland in Mönchengladbach. Doch bereits im Sommer 1928 wechselt sie in den preußischen Staatsdienst und übernimmt als Regierungsrätin kommissarisch die Leitung des Wohlfahrtsdezernates im Regierungsbezirk Münster. Regierungspräsident ist das Zentrumsmitglied Rudolf Amelunxen. Beide kennen sich aus seiner Zeit im Wohlfahrtsministerium, als Peerenboom die Statistik über die katholischen Einrichtungen erstellt hat.

Als die Vertretungszeit endet, wird sie am 1. Januar 1930 Referentin für Politische Bildung beim Zentralverband katholischer Frauen- und Müttervereine Deutschlands in Düsseldorf. Sie startet mit einer kleinen Denkschrift, die sie ironisch „Gedanken zu einer Palastrevolution“ betitelt. Darin erhebt sie den Vorwurf, der Zentralverband formuliere nur den Anspruch, die Mitglieder zu selbständigen, verantwortungsbewussten Frauenpersönlichkeiten zu formen, bestehe in seiner Organisation selbst aber nur aus Männern. Immerhin beruft der General-Präses daraufhin zwei Frauen als Beisitzerinnen in den Vorstand. Politische Bildung und staatsbürgerliche Schulung für Frauen sind für Peerenboom eine Notwendigkeit, um der sich zu Beginn der 1930er Jahre mehr und mehr politisierenden Straße zu begegnen.

Abgeordnete in schwieriger Zeit

Bei allen vier Reichstagswahlen zwischen 1930 und 1933 wird Peerenboom für das Zentrum in das Parlament gewählt, erstmals über einen Listenplatz am 14. September 1930, in der Folge (31. Juli 1932, 6. November 1932, 5. März 1933) für den Wahlkreis Koblenz-Trier.

Es ist eine krisenhafte Zeit; die bürgerlichen Parteien müssen sich gegen die extremen Parteien, gegen Kommunismus und Nationalsozialismus behaupten. Die Macht der Abgeordneten ist sehr eingeschränkt. Mit dem Zusammenbruch der letzten großen Koalition im Sommer 1930 beginnt die Zeit der Präsidialkabinette, in denen der jeweilige Reichskanzler über keine eigene parlamentarische Mehrheit verfügt und auf die Unterstützung des Reichspräsidenten angewiesen ist. Dieser erlässt auf der Grundlage des Art. 48 WRV Notverordnungen und verlagert die ursprünglich legislativen Entscheidungskompetenzen in die Exekutive.

Bei den Wahlen 1932 geht die NSDAP als Sieger hervor und verfügt zusammen mit der KPD über eine Sperrmajorität im Reichstag. Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler schließlich zum Reichskanzler ernannt. Während der Diskussion um das „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“, das sogenannte Ermächtigungsgesetz, erlebt die Zentrumsfraktion ihre schwersten internen Kämpfe. Eine 12- bis 14-köpfige Gruppe um den ehemaligen Reichskanzler Heinrich Brüning erklärt ihre Ablehnung und will die Zustimmung zum Gesetz verweigern. Ob Peerenboom selbst in einer Probeabstimmung der Fraktion am 23. März gegen das Ermächtigungsgesetz stimmt, wie von Monika Storm und Manfred Berger behauptet wird, lässt sich nicht nachweisen (vgl. Morsey: Das „Ermächtigungsgesetz“ vom 24. März 1933, S: 63; ders.: Die Deutsche Zentrumspartei, S. 364f.; Becker: Zentrum und Ermächtigungsgesetz 1933, Dokument Nr. 2, S. 195f., 208-210.). In der entsprechenden Reichstagssitzung am 23. März 1933 gibt das Zentrum unter seinem Fraktionsvorsitzenden Prälat Ludwig Kaas jedenfalls geschlossen seine Zusage (Abdruck im Vor- und Nachsatzblatt bei Morsey: Das „Ermächtigungsgesetz“ vom 24. März 1933). Die Hoffnung, die Nationalsozialisten parlamentarischer Kontrolle unterwerfen zu können, erweist sich als fataler Irrtum. Der Regierung werden alle legislativen Kompetenzen übertragen, der Weg für die nationalsozialistische Diktatur ist frei. Die Parteien werden aufgelöst; auch das Zentrum ereilt dieses Schicksal am 5. Juli 1933.

Als am 20. Juli 1933 auch noch das Reichskonkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich unterzeichnet wird, reist Peerenboom Ende 1933 in den Vatikan und erhält einen Termin bei Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli (ab 1939 Papst Pius XII.). Doch ihr Bericht über die politische Entwicklung in Deutschland und die Haltung der katholischen Kirche zum nationalsozialistischen Staat bleibt eine Einzelstimme – nicht zuletzt wahrscheinlich aufgrund des in Rom anwesenden Prälaten Ludwig Kaas, der das Konkordat wesentlich mitverhandelt hat.

Aufbau und Leitung katholischer Sozialfachschulen in Südamerika

Im nationalsozialistischen Deutschland ist kein Platz mehr für Else Peerenboom. Sie richtet ihren Blick und ihr Engagement nach Südamerika. Im Frühjahr 1934 begleitet sie junge katholische Frauen auf einer Reise nach Brasilien. Im dortigen Urwald wird der Aufbau einer landwirtschaftlichen Existenz erprobt, um eine Alternative zum Leben im Nationalsozialismus zu schaffen. Zurück in Deutschland setzt sie beim Zentralverband der Katholischen Jungfrauen-Vereinigungen durch, dass dieser Schulungskurse für aussiedlungswillige junge Menschen anbietet. 1936 bereitet sie bei einem weiteren Aufenthalt die Gründung sozialer Frauenschulen in Uruguay und Venezuela vor. Von 1937 bis 1939 leitet Peerenboom die Schule in Montevideo persönlich. Während ihrer Aufenthalte in Linz schreibt sie das Büchlein „Einführung in die Wohlfahrtspflege“ und übersetzt es ins Portugiesische.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs untersagt die deutsche Polizei weitere Auslandsaufenthalte und pädagogisches Engagement. Zur Untätigkeit verdammt, willigt Peerenboom 1941 mit 48 Jahren ein, ihren langjährigen Bekannten, den mittlerweile pensionierten Präsidenten des Landesarbeitsamtes Köln, Anton Missong (*30.01.1882, †19.01.1962), zu heiraten. Mit rheinischem Humor kommentiert sie, die Nazis seien schuld, dass sie geheiratet habe. Für drei Jahre verlegen sie ihren Lebensmittelpunkt nach Königsberg.

Als nach dem 20. Juli 1944 unter dem Namen „Aktion Gewitter“ eine Verhaftungswelle einsetzt, ist auch Else Missong betroffen. Schon zuvor steht sie unter Gestapoüberwachung. Die Gestapo Düsseldorf charakterisiert sie als „rührige Vertreterin des Zentrums, die sich vor der Machtübernahme in der Bekämpfung des Nationalsozialismus hervorragend mit betätigt hat“. In einem dem Personalbogen beiliegenden Lebenslauf wird bestätigt: „Hat sich in der Bekämpfung des Nationalsozialismus besonders hervorgetan. Trat als Rednerin in Versammlungen der Zentrumspartei auf.“ (Zitate abgedruckt in: M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus.) Missong wird im Linzer Gefängnis am Amtsgericht inhaftiert. Doch als ihr keine Mitwirkung am Attentat nachgewiesen werden kann, kommt sie wieder frei.

Gründung der CDP/CDU und Arbeit an der Landesverfassung

Als nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs politische Betätigung wieder möglich wird, nimmt Missong Kontakt zu ehemaligen Zentrumspolitikern auf. Deren Ziel ist jedoch nicht die Neugründung des Zentrums, sondern – nicht zuletzt aufgrund des gemeinsamen Leids christlicher Demokraten im Widerstand gegen den Nationalsozialismus – die Organisation einer überkonfessionellen Partei. Bereits im Juni 1945 nimmt Missong an der Gründungsversammlung der rheinischen CDU im Kölner Kolpinghaus teil und wird Mitglied im Zwischen-Zonen-Verbindungsausschuss der CDU.

In der französischen Besatzungszone sind Parteigründungen erst ab dem 21. Dezember 1945 zugelassen. Bei der Gründung der CDP Rheinland-Hessen-Nassau am 31. Januar 1946 ist Missong dabei. In Zusammenarbeit mit dem ersten Linzer Nachkriegsbürgermeister Franz-Josef Wuermeling treibt sie maßgeblich den Neuaufbau einer überkonfessionellen christlichen Partei im Rheinland voran. Beide kennen sich bereits seit 1921, als sie in Freiburg Nationalökonomie studierten und im katholischen studentischen Arbeitskreis „Sozialstudentische Zentrale“ als Vorsitzender und Stellvertreterin zusammenarbeiteten. Für den Aufbau in Linz schreibt Missong alle evangelischen Christen an, um sie für eine aktive Mitarbeit in der CDP zu gewinnen. Sie erledigt alle notwendigen schriftlichen Arbeiten für die Parteineugründung: Parteipost, Neuaufnahme von Mitgliedern, Vorbereitung von Reden, Übersetzung aller geplanten Rundschreiben und Veröffentlichungen ins Französische. Die Kenntnis der französischen Sprache ist hier eindeutig von Vorteil. Auch als Rednerin ist sie viel unterwegs. Die erste Mitgliederversammlung in Linz findet am 28. Mai 1946 statt, die offizielle Konstituierung folgt am 20. August 1946.

Auch beruflich bietet sich in dieser Zeit eine neue Perspektive: Im Sommer 1946 wird Missong von Wilhelm Boden zur Leiterin des Landesjugendamtes bei der Präsidialregierung Koblenz ernannt.

Bei den ersten demokratischen und freien Gemeinderatswahlen am 15. September 1946 im Landkreis Neuwied wird Missong in den Linzer Stadtrat gewählt. Am 13. Oktober folgt die Wahl in den Kreistag Neuwied, übrigens gemeinsam mit Franz-Josef Wuermeling und Adolf Süsterhenn.

Als eine von sieben Frauen gehört Missong der 127 Abgeordnete umfassenden Verfassunggebenden Versammlung in Rheinland-Pfalz an, wiederum gemeinsam mit Franz-Josef Wuermeling und Adolf Süsterhenn. In der konstituierenden Sitzung am 22. November 1946 im Koblenzer Stadttheater kritisiert Missong während einer Aussprache über Sofortmaßnahmen wegen der Ernährungs- und Versorgungslage den schlechten Gesundheitszustand der Bevölkerung, die unzureichende Ernährung, die physische und moralische Verelendung. Sie fordert einen Ausschuss zur Behebung der Hungersnot und appelliert: „Unser Volk will arbeiten, es will wiedergutmachen, aber es will nicht zum Bettler werden, es will leben, es darf nicht verhungern. (…) Für Gräber brauchen wir keine Verfassung, darum muss zuerst das Leben unserer Menschen wieder gesichert sein, wenn unsere Arbeit von heute überhaupt Sinn und Zukunft haben soll.“ (sog. „Hungerrede“, abgedruckt in: Löhr: Dr. Else Missong-Peerenboom, S. 6, 128.) Es ist ihre erste und letzte Rede in diesem Gremium; der anwesende französische Militärgouverneur Hettier de Boislambert empfindet die Kritik als Angriff auf den französischen Staat. Auch auf Druck der eigenen Partei legt Missong mit Schreiben vom 28. Dezember 1946 ihr Mandat nieder und tritt von allen politischen Ämtern (Mandate im Linzer Stadtrat und im Neuwieder Kreistag) zurück und in der Folge auch aus der Partei aus. Ebenfalls gibt sie ihr Amt als Leiterin des Landesjugendamtes auf.

Am Ende wieder Südamerika

Nach ihrem Ausscheiden aus der rheinland-pfälzischen Landespolitik zieht es Missong wieder nach Südamerika. Ihre Ehemann Anton Missong bleibt in Linz, während sie für zwei Jahre die Katholische Soziale Frauenschule in Caracas (Venezuela) leitet. 1949 kehrt Missong das erste Mal aus gesundheitlichen Gründen – sie leidet an Diabetes – nach Deutschland zurück.

1951 wird sie Referentin für Südamerika und Australien in der Landesstelle für Auswanderungswesen in Bremen, geht jedoch im selben Jahr als Sozialreferentin an der Deutschen Botschaft nach Rio de Janeiro und kehrt 1954 endgültig aus gesundheitlichen Gründen nach Deutschland zurück. Ihrer Krankheit unbeachtet hält sie noch unzählige Vorträge zu sozialen, politischen und sozialpädagogischen Fragen.

Am 31. August 1958 stirbt Else Missong an den Folgen eines Herzinfarkts. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und vieler Persönlichkeiten aus Politik und Kirche wird sie auf dem alten Friedhof in Linz an der St. Martin-Kirche, dem heutigen Tilmann-Joel-Park, beigesetzt.

Heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind ihre Verdienste um die Professionalisierung der katholischen Sozialarbeit – sowohl in Deutschland als auch in Südamerika. Ihr Engagement galt der katholischen Frauenbewegung und vielen sozialen Einrichtungen und Vereinigungen. Sie hatte den Blick für soziale Notwendigkeiten und den Mut für unkonventionelle Wege, getragen von einer „unerschütterlichen, aber sehr reflektierten christlichen Glaubensüberzeugung“ (Zink-Ruwe, S. 55).

Ihr Bestand im ACDP (01-741) umfasst Unterlagen zur Gründung der CDU im südlichen Rheinland.

Lebenslauf

  • 1899/1900 Höhere Mädchenschule in Linz am Rhein
  • 1908/09 Pensionat in Vaals, Holland
  • 1912 Sprachexamen in frz. und engl.
  • 1912-1915 Unterrichtstätigkeit an der Höheren Mädchenschule in Linz am Rhein
  • 1917 Abitur als Externe am Realgymnasium in Münster i.W., Studium der Volkswirtschaft und Staatswissenschaft an den Universitäten Bonn, München, Freiburg
  • 1921 Promotion zum Dr. rer. pol.
  • 1921-1925 Referentin für Statistik beim Deutschen Caritasverband (DCV) Freiburg i.Br. und Unterrichtung in Wohlfahrtspflege an der Freiburger Sozialen Frauenschule des DCV
  • 1926-1927 Leiterin der Sozialen Frauenschule des DCV Freiburg i.Br.
  • 1927-1928 Volksverein für das Katholische Deutschland in Mönchengladbach
  • 1928-1929 stv. Leitung des Wohlfahrtsdezernates im Regierungsbezirk Münster i.W. als Regierungsrätin
  • 1930-1933 Verbandssekretärin und Referentin für politische Bildung beim Zentralverband der katholischen Jungfrauenvereinigungen und beim Verband katholischer Frauen- und Müttervereine in Düsseldorf
  • 1930-1933 Abg. des Reichstags (Zentrum)
  • 1933-1939 mehrere Auslandsaufenthalte (Rom, Südamerika), Gründung einer Sozialen Frauenschule in Montevideo (Uruguay)
  • 1944 Verhaftung bei der Aktion „Gewitter“
  • 1945-1947 Mitbegründerin der CDU im Rheinland
  • 1946-1947 kommissarische Leiterin des Landesjugendamtes in Koblenz, Mitglied der Verfassunggebenden Versammlung in Rheinland-Pfalz
  • 1947-1949 Gründung und Leitung der Katholischen Sozialen Frauenschule in Caracas (Venezuela)
  • 1951 Referentin in der Landesstelle für Auswanderungswesen in Bremen
  • 1951-1954 Sozialreferentin an der deutschen Botschaft in Rio de Janeiro
  • 1954-1958 Rückkehr nach Deutschland und Vortragstätigkeiten.

Literatur

  • Josef Becker: Zentrum und Ermächtigungsgesetz 1933, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jg. 9 (1961), Heft 2, S. 195-210.
  • Manfred Berger: Else Missong-Peerenboom – Ein Leben im Dienst der Politik, der Caritas, Sozialarbeit und für die Frau, in: caritas '97. Jahrbuch des Deutschen Caritasverbandes, Freiburg 1997, S. 397-404.
  • Ders.: Peerenboom-Missong, Else, in Hugo Maier (Hrsg.): Who is who der Sozialen Arbeit, Freiburg i. Br. 1998, S. 462-463.
  • Hedwig Brüchert: Dr. Else Missong (1893-1958), in: Rheinland-Pfälzerinnen. Frauen in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur in den Anfangsjahren des Landes Rheinland-Pfalz, bearbeitet von Hedwig Brüchert, Mainz 2001, S. 298-301.
  • Hermann-Joseph Löhr: Dr. Else Missong-Peerenboom. Erste Linzerin mit Doktorhut. Facetten einer engagierten Katholikin des 20. Jahrhunderts, 2008.
  • Rudolf Morsey: Das „Ermächtigungsgesetz“ vom 24. März 1933. Quellen zur Geschichte und Interpretation des „Gesetzes zur Behebung der Not von Volk und Reich“, hg. von der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Düsseldorf 1992.
  • Ders.: Die Deutsche Zentrumspartei, in: Erich Matthias und Rudolf Morsey (Hg.): Das Ende der Parteien 1933, Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien in Bonn, Düsseldorf 1960, S. 281-453.
  • Josef Perau: Chronik einer niederrheinischen Familie. Wurzelgrund und Lebensraum. Die Nachkommen der Eheleute Gerhard Peerenboom und Hendrina Kellewald, S. 141-144, Goch 2004
  • Reichstagshandbuch V. Wahlperiode 1930, hg. vom Bureau des Reichstags, Berlin 1930, S. 435; s. auch Datenbank der deutschen Parlamentsabgeordneten.
  • Hortensia de Salterain: Gedenken südamerikanischer Freundinnen am Grabe von Dr. Else Missong-Peerenboom, in: Die christliche Frau 1958, S. 157f.
  • M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung 1933-1945. Eine biographische Dokumentation, hg. und eingeleitet v. Martin Schumacher, 3., erheblich erweiterte und überarbeitete Auflage, Düsseldorf 1994.
  • Storm, Monika: Frauen der ersten Stunde. Rheinland-pfälzische Landtagspolitikerinnen 1946-1955 (Blätter zum Land 3/2007), Mainz 2007.
  • Andreas Wollasch: Peerenboom-Missong, Else, in: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 20, Berlin 2001, S. 159.
  • Elisabeth Zinke-Ruwe: Frauen im Umbruch der Zeit: Dr. Else Peerenboom, in: Die Mitarbeiterin 26 (1975), S. 52-55.